CD-Review: Killing Joke - Pandemonium

Besetzung

Jaz Coleman - Gesang, Keyboards
Geordie Walker - Gitarre
Youth - Bass
Geoff Dugmore - Schlagzeug

Gastmusiker:
Ibrahim Kawala - Kaval
Hossam Ramzy - Percussion
Said El Artist - Percussion
Aboud Abdel Al - Violine

Tracklist

01. Pandemonium
02. Exorcism
03. Millennium
04. Communion
05. Black Moon
06. Labyrinth
07. Jana
08. Whiteout
09. Pleasures Of The Flesh
10. Mathematics Of Chaos


Field Recording ist en vogue: Für Musiker und Bands des 21. Jahrhunderts ist es augrund der zur Verfügung stehenden tontechnischen Möglichkeiten wenig herausfordernd, Songbestandteile an nahezu beliebigen Orten auf der Welt aufzunehmen. Anfang bis Mitte der 90er Jahre sah die Sache noch anders aus: Damals musste man ganze Wagenladungen an Equipment durch die Gegend karren und zum gewünschten Aufnahmeort bringen. Und umso exotischer jener gewählt war, desto komplizierter die Angelegenheit. KILLING JOKE hatten sich 1993 für ihr neuntes reguläres Studioalbum nicht gerade den einfachsten Weg ausgesucht – und Teile davon illegalerweise in einer Nacht- und Nebelaktion in der Königskammer der Cheops-Pyramide aufgenommen. Eine Verzweiflungstat, um die Zukunft der Band auf Teufel komm raus zu retten?

Vier Jahre waren seit „Extremities, Dirt And Various Repressed Emotions“ ins Land gezogen, die bis dato längste Pause in der Geschichte der 1979 gegründeten Band. Sänger und Bandleader Jaz Coleman hatte sich zwischenzeitlich anderen Projekten, von klassischer Musik (eine eigene Symphonie sowie orchestrale Neuinterpretationen von Pink-Floyd– und Led-Zeppelin-Songs) bis hin zu poplastigen World-Musik-Kooperationen (z. B. mit der britischen Komponistin und Oscar-Gewinnerin Anne Dudley), gewidmet. Dass Coleman 1979 am wichtigsten Musikkonservatorium Ägyptens, dem Cairo Conservatoire, arabische Harmonielehre studiert hat, ist auf „Pandemonium“ unüberhörbar: „Communion“ kombiniert arabische Percussion und Blasinstrumente bzw. deren für westliche Ohren oftmals schräg klingende Melodiegefüge gekonnt mit den KILLING-JOKE-typischen Vocals und Gitarrensounds auf bis dato nie gehörte Weise.

Aber auch der Opener und Titeltrack startet mit einem verwaschenen, orientalisch-orchestral anmutendem Intro, bevor ultrafette Drums, ein hart komprimierter Plektronbass sowie stakkatohafte Industrialgitarren einsetzen – untypisch für KILLING JOKE, lediglich der Gesang ist charakteristisch wie eh und je. Des Rätsels Lösung: Die Originalversionen der beiden Singleauskopplungen „Pandemonium“ und „Millenium“ sind nur auf den gleichnamigen Singles zu finden. Auf dem Album gibt es dafür zwei Cybersank-Remixes auf die Ohren, interpretiert vom Schweden Ulf Karl Sanken Sandqvist, der zuvor bereits für Clawfinger ähnliche Versionen produziert hatte. Dass diese durchaus clubtauglichen und gewissermaßen zeitlosen Varianten nicht mehr Aufmerksamkeit in den Rock- und Metal-Diskotheken der Welt gefunden haben, überrascht bis heute.

Der zweite Song „Exorcism“ beinhaltet dann die eingangs erwähnten Vocal-Aufnahmen aus der Cheops-Pyramide – und klingt, wie der Songname vermuten lässt: Coleman kotzt sich im übertragenen Sinne verbal, aber auch (bedingt durch den Konsum einer höheren Dosis LSD) tatsächlich, die Lunge aus dem Leib, während ein treibender Beat, eine monotone Basssynth-Line sowie ganz klassisch nach Geordie Walker klingende Gitarrenmantras gnadenlos vorwärts schieben. Den Ritualcharakter, der manchen KILLING-JOKE-Songs innewohnt („War Dance“, „Requiem“), berücksichtigt, ist das nicht grundsätzlich neu – verstärkt aber als Gesamtpaket erfolgreich die geheimnisvoll düstere und durch besagte arabische Einflüsse bisweilen ungewohnte Atmosphäre.

Erstmalig seit 1982 gehörte auch wieder Gründungsmitglied Martin Glover alias Youth zum Line-up und ersetzte den langjährigen Wegbegleiter Paul Raven, der bis zu seinem Tod 2007 bei u. a. Prong und Ministry für die tiefen Frequenzen verantwortlich sein sollte, am Bass. Dass Youth sich in den rund zehn Jahren seit Verlassen der Band zu einem ziemlich guten Musikproduzenten entwickelt hatte, kam der Truppe nur gelegen – und so sollte Youth einen ziemlich guten Job machen, besticht „Pandemonium“ auch im 21. Jahrhundert durch eine für KILLING JOKE durchaus typische, aber auch irgendwie zeitlos-moderne Produktion.

Songwriterisch gibt es auf „Pandemonium“ faktisch keine Ausfälle zu verzeichnen, jeder Track ist auf seine Art besonders. Highlights sind sicherlich neben bereits erwähnten Titeln das ruhigere und melodische „Jana“ (quasi die Ballade der Platte), aber auch die tanzbaren Ohrwürmer „Whiteout“ oder „Mathematics Of Chaos“. Dass Bassist und Produzent Youth als passionierter Remixer und elektronischer Musikkünstler allgemein eine Vorliebe für Psy-Trance hat(te), ist im letztgenannten Song, einigen anderen elektronischen Elementen auf „Pandemonium“, aber auch an der Auswahl der im Rahmen des Album-Zyklus veröffentlichten Remixes mehr als spürbar. Der Einsatz von arabischen Instrumenten wie Kaval (ein Blasinstrument), Percussion und arabischer Geige verstärken diesen Ethno-Charakter natürlich weiter.

Unterm Strich ist „Pandemonium“ in mehr als einer Hinsicht ein besonderes Album in der langjährigen Historie von KILLING JOKE. Ein gelungenes Comeback nach rund vier orientierungslosen Jahren und der Anbeginn einer neuen Ära in der Geschichte der Band, die sich bis zum heutigen Tag weiter fortsetzen soll. Musiktheoretisch und tontechnisch hochinteressant, irgendwie durchgeknallt, dabei aber trotzdem jederzeit glaubwürdig. KILLING JOKE mussten und müssen niemanden mehr etwas beweisen und vielleicht ist gerade diese Narrenfreiheit die Ursache dafür, dass ihre Diskografie seit „Pandemonium“ durch die Bank hervorragende Alben aufweist – von altersbedingtem Verschleiß keine Spur.

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Bewertung: 10 / 10

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2 Kommentare zu “Killing Joke – Pandemonium”

  1. Symons

    Sehr schöne Rezension, die Erinnerungen bei mir hochholt. So wurde die Veröffentlichung des Albums mehrfach verschoben und das, obwohl ein Großteil der Promotion bereits von einer anderen Plattenfirma übernommen worden war. Das Album selber ist für mich ein Meilenstein in den 90ern gewesen und für Killing Joke nach durchwachsenen Jahren endlich wieder eine Erfolsgsveröffentlichung, nachdem das ebenfalls sehr ansprechende und druckvolle Extremities Album kommerziell eher im Mittelmaß landete.
    Im Gegensatz zum Extremities Album sind viele Songs auf Pandemonium eher im getragenen Tempo angesiedelt, was aber auch die Qualität einer Band auszeichnet wie ich finde. Schnell Druck machen können viele…

    1. Stephan Gossen Beitragsautor

      Vielen Dank für Dein Feedback, freut mich, dass die Rezension gefallen hat. Es macht halt einfach immer wieder Spaß, sich mit den Klassikern der eigenen Jugend erneut zu beschäftigen – inklusive der ganzen Erinnerungen, die damit einhergehen.

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