CD-Review: Kino - Picture

  • Veröffentlichung: 2005
  • Label: InsideOut
  • Spielart: Rock
Besetzung

John Mitchell - Gitarren, Gesang
Pete Trewavas - Bass, Hintergrundgesang
Chris Maitland - Schlagzeug, Hintergrundgesang
John Beck - Keyboards, Hintergrundgesang

Tracklist

01. Loser's Day Parade
02. Letting Go
03. Leave A Light On
04. Swimming In Woman
05. People
06. All You See
07. Perfect Tense
08. Room For Two
09. Holding On
10. Picture


Nach dem Ableben der letzten Prog-Supergroup „Transatlantic“ musste natürlich schnellstens Ersatz her, so könnte man die Entstehung der Gruppe „Kino“ wohl rechtfertigen. Neben Arena-Gitarrist John Mitchell, dem musikalischen Initiator des Projekts, ist wieder mal Marillion-Bassist Pete Trewavas dabei, der ja auch schon bei Transatlantic mitwirkte. Chris Maitland, ehemals Schlagzeuger von Porcupine Tree, und John Beck von It Bites an den Tasteninstrumenten vervollständigen das Lineup. Was sich nun anhört wie der dringende Versuch, eine entstandene Marktlücke im Retroprog-Segment zu schließen, entpuppt sich nach genauerem Hinhören als anspruchsvolle, melodische Rockmusik mit teils wunderschönen symphonischen und „angeproggten“ Passagen. Demzufolge verzichtet man hier auch auf ausschweifende, halbstündige Longtracks und bewegt sich vornehmlich im 5-Minuten-Bereich.

Dabei weisen die zehn Tracks auf „Picture“ durchaus einige Ohrwurmmelodien auf, die gepaart mit der modernen Instrumentierung ein paar unterhaltsame Stunden, auch zusammen mit der Progrock-hassenden Freundin, garantieren. Textlich befasst man sich nämlich vorwiegend mit der Gesellschaft, insbesondere mit den zwischenmenschlichen Beziehungen (von Mann und Frau). Größtenteils setzt man dabei auf knackige, aber warm produzierte Sounds, wobei Mitchell an der Gitarre mal beherzt reinhauen darf, oder aber dezent und eindringlich soliert. Außerdem beweist er hier, dass er ein durchaus guter Sänger ist, der vielleicht keine unverwechselbare oder besonders auffällige Stimme hat, aber dennoch sicher agiert und sehr nett anzuhören ist.

Der Opener „Loser’s Day Parade“ gehört dann für mich zunächst zu den eher unstimmigen Tracks. Er startet mit recht dissonanten Gitarrenklängen, ehe ein einfallsloser und unpassender Gesangspart hinzukommt. Leider erscheint mir diese Stelle auch als zu dumpf und „matschig“ produziert; eine Tatsache, die ich im sonstigen Verlauf des Albums nicht wieder entdecken konnte. Im Anschluss fährt man die Instrumentierung komplett runter und schließt einen Acapellapart an, der schon ungleich attraktiver klingt und irgendwie Jahrmarktatmosphäre aufkommen lässt, fällt dann in die Dissonanz zurück, konstruiert Aggresivität und wiederholt den Anfangsteil; erst in der zweiten Hälfte gewinnt der Song eine epische Breite und Intensität, der man sich nicht mehr entziehen kann, ehe man mit einem schwelgerischen Gesangs- und Orgelmotiv endet. Gemischte Gefühle also. Aber gottseidank gibt es auch richtige Highlights, die jeden Neoprogger sofort in Verzückung versetzen dürften, und geschickt auch Popelemente mit einbauen: „Leave A Light On“ oder „People“ seien hier genannt. Zum absolut Besten, was im Bereich der symphonischen Rockmusik dieses Jahr bereits erschienen ist, gehören aber vorallem „All You See“ und das gigantische „Holding On“. Gefühlvoll, eindringlich, äußerst stimmungsvoll, so lässt sich erstgenanntes Liedchen wohl umschreiben. Und wenn nach drei Minuten das Gitarrensolo einsetzt, wird einem ganz warm ums Herz. Gänsehaut! Und für die Insider unter uns: So sollten „Jadis“ eigentlich heute klingen, wenn sie mal so richtig tolle Songs schreiben würden. Letzterer Song baut auf ähnliche Elemente auf, ist jedoch ungleich ausladender arrangiert und weißt gegen Ende ein wahrhaftig bombastisches, instrumentales Finale auf, dem nur noch der ruhige, vom Piano getragene Titeltrack folgen kann, der mich kurzzeitig stark an Porcupine Tree erinnert.

Insgesamt lebt die Musik von „Kino“ vor allem durch die ganz natürliche Melodiösität und den unabdingbaren Schönklang. Da passt es zumindest mir persönlich nicht in den Sinn, dissonante Passagen einzufügen, die die Atmosphäre zerstören, wie im Opener geschehen. Ansonsten sei diese Band Fans von Marillion und vor allem Jadis empfohlen. Und dann sollten natürlich all diejenigen, die vorhaben, sich Spock’s Beard im März live anzusehen, mal genauer hinhören: Kino werden nämlich als Special Guests auf der kurzen Europatournee dabei sein. Sicher ein Grund mehr, sich ein Konzert der Bärtigen anzusehen. Und nehmt eure Freundin mit!

Die Special Edition kommt übrigens inklusive DVD mit Livematerial eines Konzertes für, hört hört, den WDR Rockpalast!

Bewertung: 8 / 10

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