Review Persefone – Aathma

PERSEFONE dürften sich mittlerweile zur bekanntesten Metal-Formation aus Andorra hochgearbeitet haben. 2013 erschien ihr vielgelobtes Werk „Spiritual Migration“, das Progressive-Metal- und Melodic-Death-Metal-Fans gleichermaßen für sich gewinnen konnte. Mit „Aathma“ steht nun das fünfte, fast 64 Minuten lange Album in den Startlöchern, das den Status der Band noch weiter festigen soll.

Melodic Death Metal mit verschwurbeltem Progressive Metal zu kombinieren ist tatsächlich etwas, was man in dieser Form noch nicht oft gehört hat. „Prison Skin“, der erste richtige Song der Platte nach gleich zwei Intros, bietet in knapp sechseinhalb Minuten eine gute Zusammenfassung des Repertoirs der Truppe: Zwischen klassischem, geradlinigem und schnellem Dual-Guitar-Riffing feuern die durch die Bank absoluten Spitzeninstrumentalisten fast im Sekundentakt dermaßen vertrackte Rhythmikstunts durch die Boxen, dass selbst Prog-Bands wie Dream Theater und Haken sicherlich ins Staunen geraten. Vom ersten Durchlauf an ist das zutiefst beeindruckend, gleichzeitig aber eine so enorme Reizüberflutung, dass die meisten der Tracks mehr als eine Hand voll Male gehört werden müssen, um das alles erfassen zu können.

Das ist einerseits zwar große eine Stärke des Albums, denn bei all der Verspieltheit verliert „Aathma“ auch bei zehn und mehr Wiederholungen immer noch kein bisschen von seinem Reiz. Andererseits droht PERSEFONE wiederholt der Flow verloren zu gehen, da sie sich oft in zu ausufernden Spielereien verlieren. Gerade deshalb sind es straightere Songs wie das großartige „Living Waves“, das eingängige „No Faced Mindless“ oder das abschließende, vierteilige Opus „Aathma“, die den besten Eindruck hinterlassen, wohingegen das fast zehnminütige „Stillness Is Timeless“ dann doch zu viel des Guten ist. Denn so sehr die einzelnen Teile auch grooven – und das tun sie teilweise auf derart brillante Art, dass PERSEFONE in diesem Punkt gut 90% aller Prog-Bands in die Tasche stecken – so durcheinander wirken manche der Songs, wenn etwa doppelt so viele Ideen Einzug in die Stücke fanden, als gut für sie gewesen wäre.

Wie auch schon auf dem nicht ganz so vertrackten Vorgänger „Spiritual Migration“ pflegen PERSEFONE auf „Aathma“ eine intellektuelle, philosophische Herangehensweise, die sich zwar vor allem in den Lyrics, aber auch in der Musik widerspiegelt. Mit viel Gespür für eine erhabene, spacige Atmosphäre bauen sie immer wieder auch meditative oder moderne, elektronische Parts ein, deren herausragende Wirkung vor allem dem Klargesang sowie der fantastischen Klavier-, Streicher- und Synthesizer-Arbeit von Keyboarder Miguel Espinosa zu verdanken ist. Sie setzen die wichtigen Ruhepole zwischen den brachialen oder hirnverknotenden Technikspielereien der Musiker, die nicht selten schon in den Technical-Death-Metal-Bereich abdriften. Mit ihrem unverkennbaren Stil erschaffen PERSEFONE ein individuelles Klangbild, dem man ohne Zweifel attestieren kann, dass es seinem Attribut „progressiv“ mehr als gerecht wird und dieser unverbrauchten Art Musik auf die nächste Ebene verhilft. Kein Wunder also, dass das Sextett für das Intro „An Infinitesimal Spark“ und für „Living Waves“ Paul Masvidal (Vokalist der damals ähnlich innovativen Cynic) verpflichten konnten, der den Stücken seinen charakteristischen Vocoder-Gesang schenkt.

Auch in Sachen Produktion hat sich einiges getan. Obgleich „Spiritual Migration“ bereits einen klaren, kraftvollen Sound für sich verbuchen konnte, ist der Unterschied zwischen „Aathma“ und PERSEFONEs früheren Werken kolossal. Altmeister Jens Bogren, der sich auf für Bands wie Symphony X, Katatonia, Opeth, Devin Townsend und Arch Enemy verantwortlich zeigt, verpasste der Scheibe einen sehr modernen, technisch perfekten, aber nicht zu sehr geglätteten Klang, der den Songs sehr zugutekommt. Besonders beeindruckend wirkt hierbei das grandiose Finale der namensgebenden Quadrilogie „Aathma“, das in seiner orchestralen Breite und mit den betörend schönen, weiblichen Clean-Vocals auch einen Disneyfilm hätte untermalen können.

„Aathma“ wird in der Prog-Szene mit Sicherheit großes Aufsehen erregen und gerade in diesen Kreisen am Ende des Jahres seinen Weg auf diverse Bestenlisten finden. Für nicht sehr Tech-Death-affine Hörer werden die in geradezu epileptischer Hektik hin- und herwechselnden Ideen sicherlich immer wieder zu Schwierigkeiten führen, dem roten Faden der Songs zu folgen. Wer allerdings auf Sammelsurien an meisterhaft umgesetzten Musikkunststücken steht und über etwas chaotische Strukturen hinwegsehen kann, für den wird es wohl 2017 kaum ein passenderes Werk geben.

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Wertung: 8.5 / 10

Publiziert am von Simon Bodesheim

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