CD-Review: Rammstein - Herzeleid

Besetzung

Till Lindemann – Gesang
Paul Landers - Gitarre
Richard Z. Kruspe - Gitarre
Oliver Riedel - Bass
Cristoph Schneider - Schlagzeug
Christian Lorenz - Keyboard

Tracklist

01. Wollt ihr das Bett in Flammen sehen
02. Der Meister
03. Weisses Fleisch
04. Asche zu Asche
05. Seemann
06. Du riechst so gut
07. Das alte Leid
08. Heirate mich
09. Herzeleid
10. Laichzeit
11. Rammstein


Wer hätte es 1995 schon ahnen können, dass das nicht sehr unschuldige Album „Herzeleid“ eine gesamte Musiksparte definieren würde. Die „neue deutsche Härte“ wurde mit dem Debütalbum der Berliner Band RAMMSTEIN begründet und auch heute, 16 Jahre später, hat es kein Output gegeben, welches diesem insgesamt ausgesprochen natürlich klingenden Werk das Wasser reichen kann. Natürlich fügten sich damals einige glückliche Faktoren zusammen, der Entwicklung der Band sicherlich nicht schadende Beitrag zu David Lnychs Kultfilm „Lost Highway“ sei hier exemplarisch genannt. Die Tür auf den wichtigen amerikanischen Markt war weit aufgestoßen.

Darüber hinaus sind es – zumindest aus heutiger Sicht – sehr simple Gründe für den Erfolg. Das Songwriting ist insgesamt so einfach gehalten, dass ein Gitarrenschüler im zweiten Monat die meisten Riffs locker nachspielen kann, die Effektivität kommt aber gerade daher. Und entspringt dem Umstand, dass Rammstein es als eine der ersten konsequent wie kaum jemand sonst die Symbiose aus Gitarre, Bass und Schlagzeug gesucht haben. Dadurch klingen die Songs auch heute noch extrem fett und tanzbar, was die Band selber dazu bewogen hat, sich den Stempel „Tanzmetall“ aufzudrücken. Dazu die tiefe Stimme von Till Lindemann und das übermäßig überzogen gerollte „rrrrr“ und fertig war das Trademark RAMMSTEIN. Natürlich kommt man nicht ohne ein gutes Maß an Provokation aus, auch wenn ich der Meinung bin, dass dies damals noch eher im Hintergrund stand. Im Vordergrund klar der Song als solcher, weitgehend ohne gefrickelten Firlefanz, stattdessen immer gut auf die Mütze. Der Opener „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen“ zählt sicher zu einem der bekanntesten Songs der Band, wurde vermutlich in jedem Club schon betanzt und liegt dem einen oder anderen, der sich selber wohl nicht mal als RAMMSTEIN-Freund sieht, hier und da auf den Lippen. Meiner Meinung nach sicher einer der besten Songs auf „Herzeleid“, aber noch kein absolutes Highlight. Ein solches findet man zum Beispiel im harschen „Weißes Fleisch“, welches mit einem zackigen Riffing eröffnet und die Energie über die gesamte Spielzeit aufrecht erhält. Die damals fast noch unbekannte Wucht des präzisen Drumcomputers treibt die Nummer ordentlich voran und so kann man auch gerne mal über den plakativen Text hinwegsehen.

Ein weiterer Bandklassiker sollte als nächstes nicht ungenannt bleiben. „Seemann“ ist für mich vielleicht der beste Song von RAMMSTEIN überhaupt, aus dem einfachen Grund, weil das Lied ganz anders ist als alles, was RAMMSTEIN danach noch zu Stande gebracht haben. Hier zeigen sie wie niemals wieder, dass sie nicht nur nach vorne können, sondern auch tatsächlich Emotionen wecken können, die jenseits von Sex und Gewalt liegen – auch wenn die Thematik entsprechend dem Video bei Prostitution liegt, also einem Bereich, in dem Sex und Gewalt gleichermaßen Gegenstand der Thematik sind. RAMMSTEIN zeigen es aber anders auf, die negativen Gefühle äußern sich in Traurigkeit nieder und nicht in Aggression. Weitere Anspieltipps wären „Asche zu Asche“ und „Du riechst so gut“. „Das alte Leid“ könnte ein besserer Song sein, leider verbauen es sich die Berliner so schlimm wie kein anderes Mal auf „Herzeleid“ mit übertriebener Lyrik. Normalerweise sollte das ja nicht das entscheidende Kriterium sein, aber wer die Texte so betont, muss eben damit leben. Gleichermaßen darf man nicht unterschlagen, dass das Album gerade hinten heraus seine Längen aufweist. Sicherlich könnten „Laichzeit“ oder „Heirate mich“ cooler sein, wenn sie weiter vorne gestanden hätten, dann hätte man halt die Songs langweilig gefunden, die an deren Stelle gestanden hätten. Will meinen: die Abwechslung geht RAMMSTEIN mit der Zeit dann doch aus, immer die gleiche Leier wird auf die Dauer schon etwas anstrengend und ist ein Grund für mich, warum ich die Band in den Folgejahren nur noch sporadisch verfolgte.

Aller Kritik zum Trotz haben wir es natürlich trotzdem mit einem wegweisenden Album zu tun. RAMMSTEIN polarisiert natürlich von der ersten Sekunde bis zum heutigen Tag. Ob man sich darauf einlassen will, muss man schon selber entscheiden. Argumente liefern Lindemann und Co in jedem Fall, aber ein paar Schwächen hat man sich wie angesprochen schon geleistet.

Bewertung: 8 / 10

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2 Kommentare zu “Rammstein – Herzeleid”

  1. Sebastian Heiter

    Ach Jan…
    „Die “neue deutsche Härte” wurde mit dem Debütalbum der Berliner Band RAMMSTEIN begründet“
    Zumindest OOMPH!’s „Sperm“ erschien früher…

    „und auch heute, 16 Jahre später, hat es kein Output gegeben, welches diesem insgesamt ausgesprochen natürlich klingenden Werk das Wasser reichen kann.“

    Ich jedenfalls finde (um im Genre zu bleiben) wiederum OOMPH!’s „Defekt“ und „Wunschkind“ wesentlich angenehmer. Vor allem klingen die genannten Scheiben viel weniger „schlagerlastig“.

    1. Jan Müller Post Author

      Nun, da kann man eventuell unterschiedlicher Meinung sein. Sicher ist das Oomph-Album ein Jahr älter, aber auch wenn es unstrittig eine Erfolgsscheibe darstellt, bleibt es zumindest kommerziell (also objektiv) hinter „Herzeleid“ zurück. Subjektiv muss es natürlich jeder für sich entscheiden, Du findest Oomph besser, für mich hat „Herzeleid“ halt die Nase vorn. Zudem wird man im Internet sicher nicht lange suchen müssen, um Meinungen zu finden, die sich meiner Einschätzung anschließen, genauso wird es Vertreter geben, die es eher mit Dir halten. Ich denke, da gibt es insgesamt doch andere, größere Meinungsverschiedenheiten ;)

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