Interview mit Jacob Hellner - Produzent von Rammstein

„Herzeleid“ ist nicht nur ein gutes Album – es ist der Ausgangspunkt der beispiellosen Karriere von RAMMSTEIN. Ein Mann, der die Band von Anbeginn an begleitet hat, ist Produzent Jacob Hellner. Im Interview erzählt der Schwede, wie die Zusammenarbeit fast schon während der Aufnahmen in die Brüche gegangen wäre, was er zum Mythos RAMMSTEIN beigetragen hat und was er vom Sound von „Rammstein“ hält – dem ersten RAMMSTEIN-Album, bei dem nicht er an den Reglern saß.

Springen wir in der Zeit zurück, ins Jahr 1994: Ursprünglich sollte Greg Hunter das RAMMSTEIN-Debüt produzieren, er lehnte den Job aber ab, weil ihm das Material nicht gefiel. Stimmt es, dass auch du die erste Anfrage von Motor abgelehnt hattest?
Nein, das stimmt nicht. Ich habe das Angebot, das RAMMSTEIN-Album zu produzieren, nicht abgelehnt. Gut, dass du fragst, das ist eine wichtige Richtigstellung! Ich hatte damals als Produzent von Clawfinger europaweit Erfolg, vor allem in Deutschland. Als das losging, kontaktierte mich Motor Music. Das Unternehmen hatte damals einen sehr erfolgreichen Künstler unter Vertrag genommen, der für sein nächstes Album einen moderneren Sound haben wollte. Also sagte ich: Klar, schickt mir das mal, ich hör‘ es mir an. Ich bekam also ein großes Paket mit seinen bisherigen Alben und allem, was ich wissen musste. Aber dieses Projekt lehnte ich ab, weil mir das Material nicht zusagte. Ich stand Bands, die ihren Sound „moderner“ machen wollten, immer sehr skeptisch gegenüber.

RAMMSTEIN um 1994 – © Fritz Brinckmann

Wie ging es dann weiter, wie kamen RAMMSTEIN ins Spiel?
Es vergingen ein paar Monate und dann rief mich das Label plötzlich wieder an und meinte: „Okay, du hast letztes Mal zwar abgelehnt, aber wir hätten noch eine andere Band, von der wir gerne hätten, dass du sie produzierst. Wir haben sie neu unter Vertrag, RAMMSTEIN heißen die.“ Damals war ich ziemlich selbstbewusst … eingebildet trifft es wohl eher. Ich sagte also: „Na gut, ich kann’s mir ja mal anhören.“ Also schickten sie mir wieder ein Päckchen, das war aber kleiner: Da waren nur die Demo-Tapes drin, mit denen die Band ihren Deal bekommen hatte, nachdem sie eine Rock-Band-Competition gewonnen hatten [Metrobeat Musikpoll, eine Fach- und Publikumsveranstaltung, bei der jährlich die 14 originellsten und beliebtesten Berliner Bands ermittelt wurden, A. d. Red. nach Wikipedia].

„Till war vielleicht der schwächste Teil daran:
Sein Gesang gefiel mir zuerst gar nicht.“

Hat dich das Material direkt überzeugt?
Ich wollte immer raus in die Welt und Alben produzieren. Hier kam nun etwas aus Deutschland, und Deutschland ist aus schwedischer Perspektive definitiv „die Welt“ – schon deshalb war das interessant. Die Tapes fand ich gut – und gleichzeitig nicht gut. Till war vielleicht der schwächste Teil daran: Sein Gesang gefiel mir zuerst gar nicht. Aber ich merkte, dass er eine sehr spezielle, eigene Stimme hatte – und die Gitarrenarbeit überzeugte mich. Schon auf diesen Demos konnte man hören, dass die Gitarristen Talent haben. Man konnte die Ambitionen dieser Band hören. Also willigte ich ein, nach Hamburg zu fliegen, um sie mir live anzuschauen. Als ich sie dann in Hamburg in diesem Club auf der Reeperbahn gesehen hatte, verstand ich, worum es hier geht.

RAMMSTEIN um 1994 – Urheber unbekannt

„Herzeleid“ wurde dann in deinem Home-Studio in Schweden aufgenommen – gibt es eine lustige Studio-Anekdote, die du mit uns teilen willst?
Die sind alle nicht witzig. Dieses erste Album zu machen war ein extrem schwieriger Prozess. Ich konnte kein Deutsch – und kann es immer noch nicht. RAMMSTEIN wiederum sprechen zwar heute gut Englisch, damals war ihr Englisch aber extrem schlecht. Till und Emanuel [Fialik, erster Manager von RAMMSTEIN, A. d. Red.] konnten gut Englisch, aber die anderen wirklich nur ganz rudimentär. Das war natürlich ein großes Problem. Außerdem kamen wir von unterschiedlichen Orten – das bedeutete, dass wir einen anderen Sinn für Humor hatten, eine andere Attitüde, wie wir Dinge machen wollten. Das machte es wirklich schwierig.

„Als ich sie auf der Bühne gesehen hatte,
begriff ich, wo sie hinwollten …“

Wie seid ihr die Produktion damals angegangen, wie hast du mit der Band gearbeitet?
Ich hatte damals schon einige Jahre lang Alben produziert und meinen Stil entwickelt – nämlich Maschinen mit Musikern zu kombinieren. Als ich sie auf der Bühne gesehen hatte, begriff ich, wo sie hinwollten … dass wir das gleiche Ziel hatten und diesen Mix aus Maschinenflair und Live-Band mochten. Ich zeigte ihnen den Weg auf, wie sie das erreichen. Hätten sie es so gemacht, wie sie es mir damals erklärt hatten, wäre es viel mehr in Richtung Industrial gegangen. Ich hingegen fand die Idee gut, dass sie spielen … dass wir mit Live-Takes arbeiten und die mit der „Maschinenwelt“ kombinieren.
Bei der Pre-Production in Berlin merkte ich, wie verlässlich Christoph als Schlagzeuger ist. Er ist das Rückgrat und Fundament von allem. Er hat schon damals sehr gut zu einem Click-Track gespielt. Sie konnten also im Proberaum mit dem Computer arbeiten – das war damals außergewöhnlich. Ich meine, ich hatte hier in Stockholm so schon mit Clawfinger gearbeitet, der Computer war immer da. Aber das machten damals nur ganz wenige, und RAMMSTEIN haben sich schon sehr früh an diese Methode gewöhnt. Wir konnten deswegen für unsere Arbeit schon auf einem sehr fortgeschrittenen Level einsteigen und ich fand einen Weg, sie da anzuleiten.

Jacob Hellner – © Magnus Åström

Habt ihr damals dann nur diese elf Songs aufgenommen, die auch auf „Herzeleid“ gelandet sind oder gab es noch – eventuell sogar bis heute unveröffentlichtes – Bonusmaterial?
Wir nahmen für jedes Album Bonusmaterial auf. Ich will immer mehr Songs, als auf das Album sollen. Für „Mutter“ gab es zwischen 25 und 30 Instrumental-Tracks. Nicht alle hatten Texte und wir nahmen dann nur 17 oder 18 auf, oder vielleicht auch 20 … da gibt es jedenfalls tonnenweise Material aus dieser Ära. Manches davon hat sich später zu anderen Songs weiterentwickelt. Bei „Herzeleid“ war es genauso: Wir nahmen alles auf, was sie damals hatten … ich erinnere mich nicht mehr genau, was die B-Seiten waren. Aber es gibt definitiv noch Songs. Es ist ja oft so, dass du Songs ins Studio bringst, aufnimmst und dann erst merkst, dass das Stück nirgends hinführt, also legst du es beiseite oder lässt es ganz weg. Ich müsste meine Festplatten durchschauen, aber da ist mindestens ein Song, der übrig geblieben war … (überlegt) „Feuerräder“! Von diesem Song gibt es irgendwo eine fast fertige Version. Dann war da ein anderer Song, der später auf dem zweiten Album [„Sehnsucht“, A. d. Red.] gelandet ist … „Sadist“ hieß der damals noch.
Und da war noch ein Song … Ich komme aus dieser Punk-Generation der 70er. Als das dann in den New-Wave überging, habe ich angefangen, mich mit der Musik aus der Zeit vor meiner Geburt auseinanderzusetzen – einer ganz anderen Kultur! Da entdeckte ich Hank Williams, der Gottvater von überhaupt allem, Édith Piaf, Jazz, Billie Holiday und auch die Musik des Berlin der 1920er-Jahre: Berthold Brecht, Kurt Weill. Als ich Till Lindemann hörte, zog ich die Verbindung zu den Texten von Kurt Weill. The Doors, eine weitere meiner Lieblingsbands, haben mal eine Version eines Kurt-Weill-Songs gemacht [„Alabama Song“, A. d. Red.] … und es war ein Song von RAMMSTEIN übrig – den Titel hab ich vergessen – der diesen 1920er-Jahre-Berlin-Vibe hatte. Ich argumentierte damals wahrscheinlich sogar dafür, ihn aufzunehmen … und dann schmissen sie ihn wohl doch raus.

„Es gibt noch tonnenweise Material,
das wohl nie das Licht der Welt erblicken wird.“

RAMMSTEIN um 1994 – © Fritz Brinckmann

Ich frage, weil der Re-Release von „Herzeleid“, der nun zum 25. Jubiläum des Albums veröffentlicht wird, gar kein Bonusmaterial hat. Das ist sehr schade, gerade wenn es noch Material gegeben hätte … findest du nicht?
Doch. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es da etwas gegeben. Aber RAMMSTEIN waren immer sehr zurückhaltend mit solchen Dingen. Sie haben dafür ihre Gründe, und es dürften gute Gründe sein. Aber als Fan mag ich es immer, wenn noch mal Material „auftaucht“. Es gibt noch tonnenweise Material, das wohl nie das Licht der Welt erblicken wird. Aber das ist ihre Philosophie … und ich habe schon lange aufgehört, dagegen zu argumentieren.

Wie viel Einfluss hattest du damals dann als Produzent auf die Band? Hast du ihnen auch Tipps fürs Songwriting gegeben, dich kreativ eingebracht?
Bei der Arbeit im Proberaum ging es mir immer um die Songs. Ich habe nicht gesagt, dass dies anders gemacht werden oder jenes so und so klingen sollte. Aber Songs wie „Heirate mich“ hatten zunächst keinen Refrain. Ihre Denkweise war: Im fetten Part, wenn die Gitarren spielen, braucht man keinen Gesang, weil die Gitarren das übernehmen – selbst wenn sie nur Riffs spielen. Wenn die Gitarren Pause machen, kommt dann der Gesang. Also die Strophen mit Gesang und kein Gesang im Refrain. Manchmal hat das funktioniert, aber bei einem Song wie „Heirate mich“ war offensichtlich, dass es nicht funktioniert. Also sagte ich ihnen: „Ihr braucht einen gesungenen Refrain!“ Dann kamen sie spontan mit dem „Heirate mich! Hey! Hey! Hey!“ daher. Solche Sachen haben wir gemacht.
Und wir arbeiteten an der Arbeitsmoral im Proberaum: Ich investierte immer viel Zeit in Proben, beispielsweise nur mit Schlagzeug und Bass, um sicherzustellen, dass jeder versteht, was hier eigentlich passiert. Das ist im Proberaum ja sonst nie der Fall, weil alles so laut ist. Wir zerlegten die Musik in ihre Bestandteile und nahmen jede Komponente unter die Lupe, um sicherzustellen, dass sie auch tut, was sie tun soll. Wenn du das machst, kommt von den Gitarristen immer irgendwann: „Oh, ich wusste gar nicht, dass du das da spielst!“ (lacht) Solche Sachen brachte ich ein. Das sagte RAMMSTEIN auch zu – dieses Sezieren der Musik in ihre Einzelbestandteile, um sie dann wieder zusammenzusetzen und dafür zu sorgen, dass auf dem Album alles zusammenpasst.

RAMMSTEIN um 1994 – Urheber unbekannt

„Paul meinte, wir wollen keinen Hellner-Gesang,
sondern RAMMSTEIN-Gesang!“

Wie kam es, dass die Band damals dann trotzdem nicht mit deinem „Herzeleid“-Mix zufrieden war und dein Assistent Carl-Michael Herlöffson durch Roland Prent ersetzt wurde?
Es war einfach schwierig. Es ist eine schwierige Gruppe gewesen. Sechs Leute, sehr demokratisch organisiert … und dann kamen da Carl und ich an, mit einem sehr großen Ego, und sprachen nur Englisch und kein Deutsch. Rückblickend betrachtet war das Frustrierende für sie wohl, wie ich das Album geplant hatte und wie ich arbeiten wollte. Sie haben gedacht, wir wären in einem riesengroßen, pompösen Studio und jeder wäre an allen Entscheidungsprozessen beteiligt. Aber so machst du keine Alben. Das größte Streitthema war damals, soweit ich mich erinnere, die Tatsache, dass ich Till aufnehmen und die restliche Band an diesem Prozess nicht beteiligt sein würde. Das waren unendliche Diskussionen. Paul meinte, wir wollen keinen Hellner-Gesang, sondern RAMMSTEIN-Gesang!

Außerdem hatten wir natürlich Zeitdruck ohne Ende. Als wir das Album mischten, nahmen wir gleichzeitig noch auf und jeder war wirklich müde. Schlussendlich haben sie den Mix wirklich gehasst. An diesem Punkt merkte ich: Es bringt nichts, so weiterzumachen, wenn ihr hasst, was wir machen. Wir hatten dann dieses legendäre Treffen in Stockholm, Peter [Tägtgren] und Tim [Renner, Gründer von Motor Music] kamen und haben zwischen beiden Seiten vermittelt. Da merkten wir, dass wir, um dieses Kind geschaukelt zu bekommen, einen Tontechniker brauchen, der Deutsch spricht. Deswegen wurde dann Roland ins Boot geholt. Das war eine gute Entscheidung … er hat mir den Arsch gerettet! Ihm gebührt alle Anerkennung!
Aber die Band entschied sich auch dafür, mich dabei zu behalten, was im Hinblick auf das Album auch eine gute Entscheidung war, glaube ich, weil ich derjenige war, der die Produktion kannte und wusste, wie alles entstanden war und wie wir es für den Mix vorbereitet hatten. Also behielten sie mich im Team und Roland und ich fanden dann einen Weg, das Projekt abzuschließen. Aber das waren intensive Zeiten … und ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass meine Karriere in Deutschland vorbei wäre, wenn die Arbeiten in Hamburg erst abgeschlossen wären und ich zurück in Stockholm wäre.

„Damals bei „Herzeleid“ dachte ich,
dass ich das Problem bin“

Aber deine Karriere fing damit ja erst an: RAMMSTEIN fragten dich für ihr zweites Album wieder an … und alle weiteren bis „Liebe ist für alle da“. Wie kam das?
Am Ende verstanden wir uns gegenseitig und entwickelten eine Arbeitsweise, die für sie funktioniert hat. Damals bei „Herzeleid“ dachte ich, dass ich das Problem bin – dass sie nicht mögen, was ich tue, dass ich nicht gut bin. Aber als wir Jahre später darüber redeten, merkte ich, dass es genauso um sie ging: Dass sie erst einmal herausfinden mussten, was sie und wer sie als Künstler sein wollen – mit allen Spannungen, die das mit sich bringt. Vielleicht brauchten sie aber auch jemanden wie mich … der eben kein Deutsch spricht.
Wenn sie über Musik reden, verstehe ich schon, wovon sie reden, aber wenn sie dann in nicht enden wollenden Diskussionen über Riffs und Bass-Drums ins Philosophieren kommen, kann ich das einfach ausblenden und mich auf die Arbeit konzentrieren. Das war immer meine Arbeitsweise.

Jacob Hellner – © Magnus Åström

Wie seid ihr die späteren Alben angegangen? Was habt ihr anders gemacht?
Wir fanden unseren Modus, wie wir die Arbeitsplätze aufteilen. Ich kann so arbeiten, wie ich will – und das bedeutet, dass mir nicht fünf Leute in den Nacken atmen, wenn ich den Gesang oder eine Gitarre oder was auch immer aufnehme. Wir mussten also ein Studio finden, in dem wir uns räumlich aufteilen konnten. Die Band hatte dann ihre Computer, Richard und Christoph jeweils einen eigenen. Dann fanden wir Florian [Ammon, Toningenieur – A. d. Red.], der die Aufgaben verteilte … so arbeiteten dann alle. Dann kamen sie in den Kontrollraum, wo ich arbeite, und wir brachten alles zusammen, ihre Industrial-Elemente und alle Aufnahmen, die ich mit ihnen gemacht hatte. Und dann konnte man darüber diskutieren. Wir fanden also einen Weg, wie es funktioniert und wir gut zusammenwirken. Ich arbeitete ja auch mit Till sehr gut zusammen. Das hat wirklich, wirklich Freude bereitet.

„Ich bin sehr gut darin, Gesang aufzunehmen –
da bin ich sehr selbstbewusst.“

War es das, was du dem RAMMSTEIN-Sound in all den Jahren geben konntest?
Ich bin sehr gut darin, Gesang aufzunehmen – da bin ich sehr selbstbewusst. Der Gesang auf meinen Produktionen klingt immer gut. Sie wissen das, sie merken, dass ich etwas beitragen kann. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber ich bringe meinen Anteil ein. Für einen Produzenten bedeutet ein Album zu machen, dass du jeden Tag einen Haufen kleiner Entscheidungen treffen musst. Und nach vier Wochen, in denen du eine kleine Entscheidung nach der anderen getroffen hast, die alle nur ein Pixel waren, hast du ein Bild.

Gibt es dann einen Grund, warum du für das neue RAMMSTEIN-Album „Rammstein“ nicht mehr engagiert wurdest – ebenso wie für „F & M“ von LINDEMANN, deren Debüt du ja auch produziert hattest? Weißt du, warum sie den Produzenten gewechselt haben?
Ja, natürlich! Nach „Liebe ist für alle da“ ließen sie sich auf gleich mehrere Live-Projekte ein … wir haben die Dokumentation und Live-DVD „RAMMSTEIN in Amerika“ gemacht und die „Live in Paris“-DVD. Diese beiden Projekte waren extrem umfangreich, vor allem „Live in Paris“. Da war ich ja der Chef der gesamten Audio-Abteilung! Etwa ab der Hälfte des „Paris“-Projekts hatte ich das Gefühl, dass ich das zwar noch so gut als möglich zu Ende bringen möchte, aber dass es für mich dann auch mal Zeit ist, mich zu verabschieden und mich neu zu orientieren. Ich glaube, sie empfanden das ähnlich, im Sinne von: Wenn wir wieder ein neues Album machen, ist es vielleicht an der Zeit, eine neue Situation auszuprobieren … mit einem anderen Produzenten.

„Herzeleid“-Promofoto – © Prahler

Neben Clawfinger und RAMMSTEIN hast du keine wirklich großen Produktionen gemacht – warum? Man sollte doch annehmen, dass der Produzent von RAMMSTEIN sich vor Aufträgen nicht retten kann?
Um ehrlich zu sein: Ich lehnte die meisten davon ab. Ich wollte nicht dieser typische Metal-Produzent werden, der eine Art „Fabrik“ betreibt und dessen Produktionen dann gleich klingen. Als ich anfing, als Produzent zu arbeiten, war ich an allen möglichen Musikstilen interessiert. Also habe ich Hip-Hop gemacht, Re-Mixing, Rock … und dann landete ich irgendwann in der Metal-Welt. Seit ich RAMMSTEIN verlassen habe, habe ich quasi komplett aufgehört, Musik zu produzieren. Die Musikwelt ist heute so anders als damals, als ich anfing … ich nahm im Musikbusiness verschiedenste Herausforderungen an, aber jetzt bin ich echt zufrieden damit, wie alles ist. Ich hatte nie diesen Drang … vielleicht wäre es anders gelaufen, wenn ich in Los Angeles gewesen wäre. Da wäre mir wohl mehr über den Weg gelaufen, was mich gereizt hätte. Aber ich wollte meine Familie nicht entwurzeln und aus Schweden weggehen … ich bin hier in Stockholm, habe mit der coolsten oder einer der coolsten Bands der Welt gearbeitet. Ich bin zu einhundert Prozent zufrieden!

„Nostalgie war noch nie mein Ding.
Ich schaue nicht zurück, sondern nach vorne.“

Wird es noch mal ein neues RAMMSTEIN-Album mit einer Jacob-Hellner-Produktion geben?
Meine Tür ist immer offen. Wer weiß das schon … Alles was ich sagen kann, ist: Es muss aus den richtigen Gründen passieren. Nostalgie war noch nie mein Ding. Ich schaue nicht zurück, sondern nach vorne. Wenn wir uns noch mal treffen, um etwas Neues und Unverbrauchtes zu machen, dann … wer weiß … aber nicht, um etwas Altes neu zu erschaffen.

Jetzt warst du trotzdem noch mal für RAMMSTEIN tätig – du hast „Herzeleid“ für die Jubiläumsausgabe überarbeitet. Die neue Version wird als „remastered HD-Sound“ beworben. Was bedeutet das genau? Was hast du mit dem Material gemacht?
Wir haben das Album neu gemastert. Man sollte nichts reparieren, was nicht kaputt ist. Es ist ein gutes, ein großartiges Album. Wir haben versucht, die Vergangenheit respektvoll zu behandeln, aber den Sound trotzdem etwas aufzublasen, damit es dazu passt, wie Alben heute klingen. Ich habe mit Svante Forsbäck von Chartmakers Mastering in Helsinki, der meine Produktionen und das RAMMSTEIN-Material seit zehn Jahren mastert, das Original angehört und das Vinyl-Remaster, das wir vor ein paar Jahren für diese Box gemacht haben [„XXI – The Vinyl Box Set“, 2015 – A. d. Red.]. Dann haben wir beide verglichen und gesagt: Da müssen wir hin – mit dem Vinyl-Master als Ausgangspunkt, aber etwas aufgepumpt, mit einem etwas fetteren Sound, der hoffentlich etwas mehr von dem Drama in der Musik herausarbeitet.

Aber es ist nichts total Ausgefallenes, das über ein „normales“ Remastering hinausgeht?
Nein. Das ist, was es ist. Ehrlich gesagt bin ich nicht sicher, ob sie es in einer Art HD-Format veröffentlichen, aber bei meiner Arbeit ging es darum, einen Sound zu finden, mit dem ich, Svante und Olsen [Involtini – A. d. Red.], der die Band jetzt produziert, zufrieden waren: Es ist ein guter Sound, aber er geht nicht in eine komplett andere Richtung.

War die Band an diesem Projekt wieder beteiligt?
Nein, ich stand mit der Band diesmal nicht in Kontakt, und wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch nicht, dass Olsen mit irgendwem von der Band gesprochen hat. Sie haben vermutlich entschieden, dass es kein Bonusmaterial geben wird und ansonsten darauf vertraut, dass Svante, Olsen und ich einen guten Job machen werden.

Jacob Hellner – © Magnus Åström

Wie stehst du als Produzent generell zum Thema Remastering? Sollte man rausholen, was geht oder besser alles lassen, wie es war?
Das hängt ganz davon ab, was du machst: Remixing ist tricky. Ich habe eine Spotify-Playlist mit allen unterschiedlichen Versionen von „Come Together“ von den Beatles – einfach um sie zu vergleichen. Das ist wirklich interessant … ein paar davon sind nur Remaster, aber sie haben den Song auch einige Male neu gemixt. Die Beatles haben das mit Respekt gemacht, selbst die Remix-Versionen sind wirklich gut. Aber ich habe mir vor ein paar Jahren die Jubiläumsedition von „Machine Head“ von Deep Purple gekauft, für die sie das Album auch neu gemixt haben. Da frage ich mich: Warum? Warum habt ihr das gemacht? Das gibt dem Album nichts, sondern nimmt eher etwas weg. Ich habe mich auch durch dieses Mammutprojekt gehört, Prince, „Sign O‘ The Times“, das kürzlich erst erschienen ist. Das sind sechs CDs mit geänderten Versionen, Demos und so weiter. Ich meine … wofür das alles? Das gibt mir absolut nichts. Andererseits: Ein neues Mastering für Prince finde ich sinnvoll. Er wurde damals für Vinyl gemastert, das klang auf Spotify nie gut. Jetzt klingt es gut. Wie gesagt: Beim Remix wird’s tricky – aber mit einem Remaster habe ich kein Problem.

Und last but not least – deine Meinung aus Produzentensicht zum Sound von „Rammstein“? Hättest du es ähnlich gemacht?
Ehm … Nein? Als sie in Stockholm waren, sprach ich mit Richard über den ganzen Produktionsprozess. Sie sind auf der Suche … so kann man es vielleicht ausdrücken. Till klingt gut, bei Till hat Olsen großartige Arbeit geleistet. Die ruhigen Sachen finde ich auch gut – „Diamant“ mag ich sehr gerne. Aber den harten Parts fehlt es für meinen Geschmack an Power. Aber die Fans lieben das Album, soweit ich das beurteilen kann … und die Band ist, soweit ich weiß, auch sehr zufrieden. Insofern passt doch alles!

Okay, das war’s von meiner Seite – vielen Dank für deine Zeit und Antworten!
Vielen Dank, ciao! Hat mir Spaß gemacht, schönen Tag noch!

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Lies hier unser Interview-Special zur Stadiontour:

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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1 Kommentar zu “Rammstein”

  1. Christian

    Hallo an Alle,
    und vielen Dank für das interessante Interview.
    Zu letzteren Punkt, dem Remastern, kann ich das so verstehen, dass die einzelnen Tonspuren einfach digitalisiert wurden und mit Kompressoren aufgearbeitet sind?
    Der Teaser von Rammstein für das Debut Album klingt sehr sauber, hätte mir aber gewünscht, dass sie es nochmal komplett neu einspielen. Ich denke, damit hätte man ein neues „altes “ Album erschaffen, zumal Tills Stimme sich sehr zum Positiven geändert hat.
    Mit freundlichen Grüßen
    Christian

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