Konzertbericht: Rammstein w/ Duo Jatekok

15.05.2022 Prag (CZ), Airport Letnany

Dem Sprichwort nach wohnt jedem Anfang ein Zauber inne und dieses Gefühl stellt sich am heutigen Nachmittag in Prag auch zeitig ein. Dann nach zwei Jahren der pandemiebedingten Verschiebung beginnen RAMMSTEIN heute den zweiten Teil ihrer großen Stadiontour. Verstärkt wird dieser Zauber durch den Umstand, dass die Band nicht – wie 2019 und 2017 – in der Eden Arena spielt, sondern in diesem Jahr das Letnanty-Flugfeld gemietet hat. Auf diesem werden im Sommer Tribünen aufgestellt, um Bands wie Metallica, Guns ‘N Roses oder nun eben auch RAMMSTEIN ebenso Platz zu bieten wie rund 80.000 Zuschauern.

Allein diese Zahl unterstreicht bereits die Größe der Band, ebenso wie die monströse Bühne, die Fans schon von 2019 her kennen. Dass man eine solche Bühne nach nur einem Jahr Tourgeschehen nicht ausmustern würde, war nicht nur klar, sondern auch zu hoffen – denn der riesige schwarze Turm mit seinen seitlichen Anbauten, den großen Runden Lichtträgern und all den weiteren Details ist für sich schon ein echter Hingucker: Schon bei der Anfahrt zum Gelände ist besagter Turm von weitem wahrnehmbar und verheißt den Ankommenden beste Unterhaltung, satte Gitarren, stampfenden Rhythmen und jede Menge Pyrotechnik.

Für die Ausmaße des Konzertes wie auch der generell hier stattfindenden Konzerte hat sich der Veranstalter (Live Nation) ab dieser Saison eine spannende Neuerung einfallen lassen. So bekommt man an sämtlichen Ständen (Essen, Getränke, Merchandise) seine Waren nicht mehr gegen Bargeld, sondern muss dieses vorab (oder an diversen Punkten vor Ort) auf einen Chip aufladen, den man sich wie ein Festivalbändchen um den Arm schnallt. Dies beschleunigt die Abläufe an den Ständen enorm und funktioniert reibungslos.

Doch zur Musik. Diese beginnt mit dem ebenfalls bereits von der letzten Tour bekannten DUO JATEKOK, also zwei Damen, die an ihren Flügeln Rammstein-Songs darbieten. Zur Einstimmung funktioniert das ganz gut, zumal es ein potenzielles Dilemma mit jeder anderen denkbaren Vorband löst: RAMMSTEIN würden wohl keine andere Band auf ihrer Bühne im Mordor-Industrial-Look performen lassen. Insofern bietet sich das Piano-Duo, das auf einer kleinen Extra-Bühne im Publikum performen kann, natürlich an. Richtig heiß auf RAMMSTEIN macht die eher ruhige Darbietung aber freilich nicht. Dass in der folgenden (kurzen) Pause dann weiter RAMMSTEIN aus den Boxen schallt, passt zwar zum Gesamtkonstrukt, wirkt aber zugleich etwas befremdlich. Aber gut, eingefleischte Fans hören wahrscheinlich ohnehin keine andere Musik.

Pünktlich um 20 Uhr betreten RAMMSTEIN dann ihre Bühne und beginnen den Abend mit „Armee der Tristen“ vom neuen Albums „Zeit“. Mit seinem stampfenden Beat und dem breiten Keyboardteppich eignet sich die Nummer super als Opener, auch wenn der Sound noch etwas zu wünschen übriglässt. So übersteuert das Keyboard immer wieder und auch die Abmischung der einzelnen Instrumente untereinander ist noch nicht ausgewogen. Das wird aber schon beim folgenden „Zick Zack“, dem zweiten von insgesamt vier neuen Songs, die es in die aktuelle Setlist geschafft haben, deutlich besser und ist spätestens beim Klassiker „Links 2-3-4“ behoben, sodass ekstatischem Fanverhalten nichts mehr im Wege steht. Selbiges zeigen die Anwesenden auch ausgiebig, wobei es spannend zu beobachten ist, welche Menschen hier die sprichwörtliche Sau rauslassen. Denn wo man bei Metalshows zumeist ein auch optisch zugehöriges Publikum vorfindet, eskaliert hier der Phänotyp „Steuerfachangestellte mit Bluse“ neben dem klassichen Goth. Einen solche cross-appeal können neben RAMMSTEIN wohl nur eine handvoll Bands für sich verbuchen.

In puncto Setlist und Show wird den Anwesenden auch diesmal viel geboten: 21 Songs, jede Menge Pyro und spektakuläre Knalleffekte, die hier nicht im Dateil gespoilert werden sollen. Ein paar Fragen stellen sich allerdings zumindest all jenen Besuchern, die die Band bereits auf der 2019er-Tour gesehen haben. So wurden für die vier Songs von „Zeit“ (die beiden genannten, der Titeltrack und das abschließende „Adieu“) ein paar Songs vom vorhergehenden Album („Diamant“, „Was ich liebe“, und „Tattoo“) sowie die Ballade „Ohne Dich“ gestrichen, sonst aber nichts verändert. Dass hier nicht zumindest etwas mehr variiert wurde ist schade, aber sicher auch verständlich, da die Fans Klassiker wie „Sonne“, „Ich will“ oder „Du hast“ nun einmal sehen wollen und es sich – wenngleich um zwei Jahre verzögert und hinter einen Albumrelease gerutscht – nunmal nach wie vor um die gleiche Tour handelt.

Die größere Enttäuschung – und auch in gewissem Maße unverständlich – ist, dass RAMMSTEIN für keinen der neuen Songs einen entsprechenden Showeffekt entwickelt haben, sodass auch die Pyroshow – unbestreitbar ein riesiger Teil der Show und Anziehungskraft der Band – mit der der letzten Konzerte identisch ist. Natürlich kann auf dieser Bühne nicht das ganze Konzept umgeworfen werden, aber zumindest einen neuen Effekt hätte man sich in den vergangenen zwei Jahren doch ausdenken und ohne unstemmbare Mehrkosten in die Show einbauen können. Dieser Umstand schmälert den Genuss der Show allerdings nur unwesentlich, da das gebotene Spektakel nach wie vor überragender Natur ist. Sicher, wenn die weißen Scheinwerfer gen Himmel zeigen kommen, wohl nicht wenigen Parallelen aus Nürnberg und Berlin in den Sinn – genau mit dieser Ästhetik spielen RAMMSTEIN aber schließlich ja seit Jahren. Und es funktioniert nach wie vor, denn wie die überall auflodernden Flammen ist auch dieser Anblick schlichtweg faszinierend.

01. Armee der Tristen
02. Zick Zack
03. Links 2-3-4
04. Sehnsucht
05. Zeig dich
06. Mein Herz brennt
07. Puppe
08. Heirate mich
09. Zeit
10. Deutschland
11. Radio
12. Mein Teil
13. Du hast
14. Sonne
15. Engel (Piano-Version)
16. Ausländer
17. Du riechst so gut
18. Pussy
19. Rammstein
20. Ich will
21. Adieu

So steht unterm Strich ein Abend, der ganz großes Musiktheater zu bieten hatte. RAMMSTEIN sind heute so groß, wie man als Band nur sein kann, und können sich getrost neben Legenden wie Metallica oder Guns ‘N Roses einreihen, was Show und Anziehungskraft angeht. Und auch wenn Besucher der letzten Tour keine Überraschungen erleben werden, werden sie doch eine Band erleben, die spielt, als gäbe es kein Morgen. Perfekt inszeniert, perfekt choreographiert, in einem Wort: RAMMSTEIN.

* Die Fotos in diesem Bericht stammen von der Show in Leipzig

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Fotos von: Christoph Emmrich

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