CD-Review: Shining - IV: The Eerie Cold

Besetzung

Kvarforth - Gitarre, Keyboard, Gesang
John Doe - Gitarre
Phil A. Cirone - Bass, Keyboard
Hellhammer - Schlagzeug

Tracklist

01. I Och Med Insikt Skall Du Förgå
02. Vemodets Arkitektur
03. Någonting Är Jävligt Fel
04. Eradication Of The Condition
05. The Eerie Cold (Samvetskvalens Ballad)
06. Claws of Perdition


Selbstmord, Selbstzerstörung und der Missbrauch menschlichen Fleischs und der Seele – mit diesen drei Themen befassen sich SHINING hauptsächlich. Seit 1996 verbreiten die Schweden schon Suizidgedanken im lyrischen Stile von Abyssic Hate, jedoch geht es hier musikalisch ganz anders zur Sache. Auf den ersten drei Alben („Within Deep Dark Chambers“, „Livets Ändhållplats“ und „Angst, Självdestruktivitetens Emissarie“) machen die Jungs um Kvarforth, Hauptkomponist der Songs, noch recht typischen Black Metal, auch wenn es schon viele markante Stellen gibt. Hält man sich doch eher an monotone Riffs die eine kalte und desolierende Stimmung erzeugen soll kann man im Vergleich zu „The Eerie Cold“ sagen, dass SHINING ein ganzes Stück gereift sind.

Es gibt nur wenige Bands die versuchen in die menschlichen Abgründe zu blicken und dabei Recht behalten. Neben Dolorian und Forgotten Tomb sind auf jeden Fall SHINING eine Band, oder viel mehr eine Institution, die es schaffen, den Zuhörer vollkommen zu fesseln. Und das obwohl nur die Wahrheit wiedergegeben wird. Keine phantasievollen Texte die von irgendwelchen Helden handeln, Helden gibt es nicht mehr. Keine politischen Statements, denn darauf hört eh niemand. Keine Gewaltszenarien in denen es darum geht, irgendwen abzuschlachten, denn das bietet das Fernsehen oft genug. Wir reden hier von Musik die den Menschen wie er ist erreichen soll und ihm zeigt, was das Leben für ihn bereithält.Black Metal ist eine recht grobe Umschreibung für eine Band mit solch einem Potential. Allein wie das Album beginnt, völlig anders. Kvarforth gibt erstmal zum Besten worum es ihm bei „The Eerie Cold“ geht, worum es ihm bei SHINING geht. Verraten will ich das nicht, denn diese kleine Offenbarung ist schon der erste Höhepunkt auf dieser Klangreise ins Ich. Nachdem er sich mit einem freundlichen „Fuck You“ verabschiedet läutet ein Schallplatten-ähnliches Rauschen den eigentlichen Song ein. Doch jetzt wird nicht losgeknüppelt, nein. Eine abgedämpfte Akustikgitarre führt uns in eine morbide Welt die vom herrlich rhytmischen Drumming eines Hellhammer’s begleitet wird. Und dann? Dann setzt doch tatsächlich eine Sologitarre im Art Rock Stil ein. Ein As wird nach dem anderen ausgeschüttelt und irgendwann explodiert das Album einfach nur und ein Alptraum ergießt sich über einen – Pech, Schwefel und Teer hüllen uns ein und wir kommen aus dieser dunklen und kalten Welt einfach nicht hinaus.
Zäh, wie ein Strom aus Blut, ergießen sich die Gitarrenriffs aus den Boxen und treffen mit den wirklich im Hintergrund gehaltenen Keyboardklängen aufeinander. Hellhammer scheint hierbei immer ein Gefühl für die Atmosphäre zu haben und zerstört dadurch nie mit irgendwelchen Loops oder Fills den Rhytmus. Ein tiefer, treibender Bass, kaum wahrnehmbar, ausser höhere Saiten werden dann mal angespielt, trägt zur nicht wirklich lebensbejaenden Stimmung dabei. Und auch Kvarforth’s unglaublich kranker Gesangsstil, den er auf „The Eerie Cold“ sehr facettenreich darstellt, sollte am Hörer nicht schadlos vorbeigehen. Immerwieder tauchen ein paar sehr trostlose Spielereien auf der cleanen Gitarre die das Gesamtkonstrukt perfekt ergänzen beziehungsweise auflockern. Und um nochmal auf den vielfältigen Gesangsstil, oder besser Erzählstil, von Kvarforth zurückzukommen, höre man sich einfach das Ende vom Titelsong an. Eine total weinerliche Stimme die keine Hoffnung mehr in sich trägt und schon bald, so scheint es, dem Schöpfer ins Auge sehen wird. Total krank. Noch nie habe ich einen Künstler erlebt, der so eine düstere, morbide Atmosphäre erschafft, die zugleich total ehrlich rüberkommt. Beängstigend.

Man kann „The Eerie Cold“ einfach nicht erklären. Man muss es hören, erleben. Man kann Gefühle auch nur schwer beschreiben und dieses Album erweckt die tiefsten und dunkelsten Gefühle in einem. Definitiv nicht für Suizidgefährdete geeignet. Das vierte Album der Schweden ist, in meinen Augen, ein voller Erfolg. Doch wird es sicher einige Kritiker geben, wie immer. Die einen sagen, dass SHINING nicht mehr true genug wären, da sie es doch tatsächlich gewagt haben, ihren Sound über die Jahre weg weiterzuentwickeln. Den anderen wird dieses Album einfach nur zu krank sein, zu unmenschlich. Wieder andere werden sagen, dass der Sound doch viel zu warm ist und das Album zu gut produziert um eine kalte Atmosphäre erzeugen zu können. Dies sind alles Meinungen von Leuten die keine Ahnung haben, mehr nicht. „The Eerie Cold“ ist ein Kunstwerk das innerhalb von 43 Minuten den Zuhörer gefangen nimmt – was danach ist bleibt jedem selbst überlassen.

Bewertung: 10 / 10

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