Interview mit Peter Huss von Shining

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Interviews werden in der Regel in der Promophase zu einem Album oder einer Tour geführt – und dann über diese Themen. Doch Alben und Shows gäbe es nicht, wären die Gesprächspartner nicht so begeisterte Instrumentalisten. In unserer Serie „Saitengespräche“ wollen wir dem Rechnung tragen – mit Interviews, die sich ganz um Instrumente, Verstärker, Effekte und andere Technik drehen. Von Gear-Nerds für Gear-Nerds – und solche, die es werden wollen.

In Teil 9 der Serie unterhalten wir uns mit Peter Huss, Lead-Gitarrist bei SHINING.

Wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?
1990 – ich war zehn, als ich angefangen habe.

Was hat dich damals dazu gebracht, Gitarre lernen zu wollen?
Ich bin schon seit sehr jungen Jahren ein riesiger Fan von Gitarristen. Wir haben früher Luftgitarre gespielt und Shows abgezogen, bei denen wir zu unseren Lieblingsplatten mitgespielt haben. Aber der entscheidende Moment war, als ich eine wirklich 80er-Jahre-mäßige, pinke Gitarre im Schaufenster eines Musikladens gesehen habe – vermutlich ein Modell der Ibanez S Series. Die fand ich so cool, da wusste ich einfach, dass ich sie spielen muss.

Hast du schon einmal ein anderes Instrument erlernt (oder erlernen müssen)?
Ich habe ein paar andere Instrumente ausprobiert, aber keines davon hat mich wirklich interessiert.

Erinnerst du dich, welches Modell deine erste Gitarre war?
Ja. Die Gitarre aus dem Schaufenster damals hatte ich übrigens nie. Aber meine erste Gitarre war eine schwarze Aria pro 2 SL. Die habe ich heute noch!

Wie viele Gitarren besitzt du?
Ungefähr 25, also nicht so viele. Um das zu kompensieren, habe ich eine dreistellige Zahl an Effektpedalen. (lacht)

Haben die Instrumente für dich unterschiedliche Einsatzbereiche, also hast du etwa verschiedene für unterschiedliche Anlässe, etwa Studio und Liveauftritte?
Mittlerweile benutze ich für fast alles meine Signature-Gitarren von Brock, Peter Huss Model (PHM). Aber ich spiele auch noch viele meiner anderen Gitarren. Allerdings meistens zu Hause oder für bestimmte Dinge im Studio.

Worauf legst du aus technischer Sicht besonderen Wert, welche Kriterien muss ein Instrument für dich erfüllen, damit du damit zufrieden bist?
Solange ich mich mit der Gitarre verbunden fühle, bin ich glücklich. Mein Signature-Modell ist natürlich mit einigen wirklich spezifischen Details ausgestattet, die Halsform, Hardware, Tonabnehmer und so weiter. Die Liste der technischen Details war wirklich lang. Brock Guitars sitzt in Australien und er baut die Gitarren noch ganz traditionell von Hand. Fantastische Handwerkskunst! Aber meine anderen Gitarren liebe ich für das, was sie sind. Verschiedene Gitarren bringen einen dazu, verschieden zu spielen. Und das ist wirklich cool!

Kannst du uns die technischen Details deines Custom-Modells erklären?
Wie ich schon sagte, ist es in jeder Hinsicht eine maßgefertigte Gitarre. Viele Details beruhen auf sehr spezifischen Abmessungen –  etwa die Halsform, wo die Schalter und Regler platziert sind und so weiter. Die von mir verwendeten Tonabnehmer sind jedenfalls von Lundgren. Das Modell The One in der Stegposition und Strat 90 am Hals.

Man hört ja oft von Musikern, die eine spezielle Verbindung zu ihrem Instrument zu haben scheinen. Empfindest du das auch so? Hast du ein Lieblingsinstrument?
Als wir meine Signature-Gitarre entworfen haben, habe ich einige Maße und Details von einigen meiner Lieblingsstücke übernommen. Hauptsächlich von meiner 1989er Ibanez RG560 und einer meiner 1988er Fender YJM Stratocaster. Diese haben wir dann in ein modernes Single-Cut-Design integriert. Diese Gitarren sind einfach überwältigend. In vielerlei Hinsicht sind meine Signature-Gitarren also meine Favoriten. Aber die meisten meiner Gitarren sind „Favoriten“, um ehrlich zu sein. Ich liebe sie einfach alle!

Gibt es ein Modell, etwa das Instrument eines großen Vorbilds, das du gerne einmal spielen würdest?
Eigentlich nicht, um ehrlich zu sein. Ich suche nach einer wirklich schönen Gibson Les Paul, einfach weil ich eine haben möchte. Aber ich habe es nicht eilig.

Welche Plektren spielst du und warum genau diese?
Ich benutze seit Ewigkeiten die schwarzen Dunlop Jazz III. Natürlich habe ich auch eine Menge andere ausprobiert, aber ich komme immer wieder zu den Jazz III zurück.

Für Touren werden Verstärker ja oft geleast – ist das für dich in Ordnung oder hast du deinen eigenen Amp dabei? Welches Modell spielst du?
Auf Reisen benutze ich immer Leihgeräte, genau wie du gesagt hast. Einfach weil es praktisch ist. Da bitte ich immer um einen Marshall JCM2000. Aber ich nutze nur den Clean-Kanal, also tut es eigentlich jeder gute Marshall … ich mag den Marshall-Sound einfach am liebsten. Der JCM2000 ist ein solides Arbeitspferd, aber ich ziehe die ältere Version dem neueren DSL2000 vor. Zu Hause spiele ich hauptsächlich Marshall- und Blackstar-Verstärker.

Neben dem Instrument und dem Verstärker haben Soundeffekte einen wichtigen Anteil am Klang. Setzt du auf einzelne Tretminen, ein Multieffektboard oder eine Kombination?
Mein Pedalboard ist genauso wichtig oder sogar noch wichtiger als der Verstärker selbst geworden. Warum das so ist, will ich gerne erklären. Früher habe ich mich sowohl für den cleanen als auch für den verzerrten Sound ausschließlich auf den Verstärker verlassen. Aber hin und wieder bekommt man Backline-Verstärker, die in schlechtem Zustand sind. Und dann ist der Sound wirklich schlecht. Also habe ich stattdessen Verzerrerpedale ausprobiert. Denn der Clean-Sound ist bei den meisten Verstärkern in der Regel gut, auch wenn der Verstärker alte Röhren hat. Als ich dann das Raptor-Pedal von Folkesson gefunden habe, wusste ich, dass ich meinen Sound habe.

Tommy Folkesson ist der bekannteste Amp-Modifier in Schweden, und die von ihm umgebauten Amps sind fantastisch. Ich habe ein paar davon zu Hause. Vor einigen Jahren hat er dieses Raptor-Pedal entworfen, das tatsächlich seinen Sound in dieser kleinen Box einfängt. Seit ich dieses Pedal gefunden habe, bin ich also auf der Suche nach einem besser klingenden Verzerrerpedal – bis heute erfolglos. Und wie ich bereits erwähnt habe, ist meine Pedalsammlung ziemlich groß, also überleg mal, was du daraus ableiten kannst. (lacht) Das Raptor-Pedal ist also der Kern meines heutigen Live-Sounds. Es klingt wirklich wie einer seiner modifizierten Marshalls. Straff, mit fein abgestimmtem Mitteltonbereich, organisch und mit viel Saitenklang auch bei hohen Gain-Einstellungen.

Lass uns ins Detail gehen: Erkläre uns doch bitte die Elemente deiner Effektschleife. Welche Geräte nutzt du, in welcher Reihenfolge geschaltet und warum?
Gut. Wie ich bereits erwähnt habe, spiele ich nur über den Clean-Kanal meines Verstärkers, live jedenfalls. Einige Pedale auf meinem Board ändern sich, wenn ich neue Sachen ausprobiere oder einen bestimmten Sound brauche. Aber die Grundidee bleibt die gleiche. Also werde ich jetzt beschreiben, was auf meinem Board ist:

Das erste Pedal ist ein TC PolyTune 3. Danach kommt mein BJFE Pale Green Compressor. Dies ist ein weiteres Pedal, das nie vom Board verschwindet und immer eingeschaltet ist. Es verleiht meinem Clean-Sound große Klarheit und schiebt den Raptor, wenn dieser eingeschaltet ist. Dann kommt eine Art Univibe-Pedal. Ich habe einen Haufen verschiedener Pedale, aber im Moment ist es die beeindruckende Vibe Machine von Drybell.

Danach wird es etwas ungewöhnlicher. Hier habe ich ein White Loop Minimal von One Control eingebaut. Dieses Pedal hat zwei Schleifen, in der Skizze die grüne und die rote. In der grünen Schleife, die als mein Clean-Kanal fungiert, habe ich eine Way Huge Echo-Puss, ein fantastisches analoges Delay mit Modulation. In der roten Schleife, die als mein Distortion-Kanal fungiert, habe ich meinen Raptor. Mit einem Knopfdruck wähle ich also entweder die grüne oder die rote Schleife aus, was mir entweder einen schönen, sauberen Klang mit etwas moduliertem Delay und Verstärkung durch den BJFE-Kompressor oder einen fantastischen, durch den Kompressor gepushten Drive-Sound gibt.

Nach diesem Loop-Pedal kommt ein weiteres Single-Loop-Pedal mit einem TC Electronic Flashback Mini und einem TC Spark Mini. Das ist  der blaue Signalweg, mein Lead-Boost. Wenn ich also ein Solo spiele, setze ich dieses Loop-Pedal ein, und es bewirkt ein kleines Delay und eine leichte Anhebung der Lautstärke.

Danach kommt ein TC Dreamscape und zuletzt ein TC Trinity. An diesen letzten beiden Stellen wechsle ich ziemlich viel. Aber ich ende immer mit einem Reverb, der immer eingeschaltet ist. Das liegt daran, dass ich einen völlig trockenen Sound hasse. Aber es ist nicht viel Hall zu hören, nur ein wenig, um mir einen „natürlicheren“ Klang zu geben, wenn man das so sagen will. Von dort gehe ich direkt in den Verstärker. Zu guter Letzt ist die Stromversorgung der Effekte relevant. Da verwende ich den Truetone 1 Spot Pro CS7.

Gedankenspiel: Du darfst nur einen Einzel(!)effekt mit auf die Bühne nehmen – für welchen entscheidest du dich? Welches Effektpedal macht deinen Sound aus?
In diesem Fall der Folkesson Raptor.

Hast du einen Effekt, den du ganz anders nutzt als eigentlich vorgesehen oder den du vielleicht sogar selbst (um)gebaut hast?
Nein, eigentlich nicht. Das Einzige, was vielleicht nicht so üblich ist, ist, dass ich meinen Kompressor benutze, um die Verzerrung zu kicken. Ich stelle ihn mit einer sehr milden Kompression ein, aber mit erhöhter Lautstärke. Es ist also fast wie ein sauberer Boost, der den Raptor vornerum pusht.

Benutzt du ein Noise-Gate – warum (nicht)?
Nein. Ich habe ein paar, die ich ausprobiert habe. Aber ich brauche keins. Mein Board ist sehr, sehr leise. Ich denke, das hat sehr viel mit Qualität zu tun: mit guten Kabeln, guten Effektpedalen und einer wirklich guten Stromversorgung.

Ist dein Effektboard „fertig“ oder in stetem Wandel?
Einige Pedale, wie der Raptor und der BJFE-Kompressor, sind eine Konstante. Wie gesagt, die Hauptidee meines Boards bleibt weitgehend die gleiche. Aber einzelne Pedale ändern sich von Zeit zu Zeit. Eine andere Sache bei meinem Board ist, dass es in ein Handgepäckstück passt – ganz knapp, das sollte ich noch hinzufügen. Wenn ich also verschiedene Pedale austausche, muss ich manchmal die Minipedale auswählen, nur um Platz zu sparen. Aber das ist eine ziemlich gute Sache. Es zwingt mich, nur das mitzunehmen, was ich wirklich brauche, und nicht zu viele „Nice-to-have“-Effekte.

Hast du zum Abschluss noch einen Tipp für angehende Musiker?
Versucht zu lernen, wirklich zu hören, was ihr tut und wie es klingt. Wenn es gut klingt, ist es gut. Aber wenn nicht, versucht herauszufinden, was falsch ist und wie man es ändern kann.
Und schaut euch nicht zu viele „How-to-play“-Videos an. Sicher, man kann damit einige Licks, Soli oder was auch immer recht schnell lernen. Aber es ist auf lange Sicht viel lohnender, Musik zu hören und zu versuchen, das nach Gehör herauszufinden. Es dauert zwar seine Zeit, aber am Ende werdet ihr so viel besser sein. Das wären meine beiden wichtigsten Tipps.


Im nächsten Teil der Serie kommt Marc Görtz von Caliban zu Wort!


Die bisherigen Teile der Serie findest du hier:

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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Fotos von: Afra Gethöffer-Grütz

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