CD-Review: Slayer - Reign In Blood

Besetzung

Tom Araya - Gesang, Bass
Kerry King - Gitarre
Jeff Hanneman - Gitarre
Dave Lombardo - Schlagzeug

Tracklist

01. Angel Of Death
02. Piece By Piece
03. Necrophobic
04. Altar Of Sacrifice
05. Jesus Saves
06. Criminally Insane
07. Reborn
08. Epidemic
09. Postmortem
10. Raining Blood


„SLAYER. What can you say about SLAYER? I don’t trust anyone who doesn’t like SLAYER.“ So sagte es einst Mike Patton bei der Anmoderation eines Musikvideos im TV, und wenn sich jemand mit guter Musik auskennt, dann er. SLAYER sind als eine der größten Metal-Bands in die Geschichtsbücher eingegangen und „Reign In Blood“ ist zweifelsohne das Referenzwerk in einer Diskografie, die mit Höhepunkten nicht geizt. Es ist eine Blaupause des Thrash Metals, die im Vergleich zum Vorgänger „Hell Awaits“ (1985) nicht nur einen Quantensprung darstellte, sondern auch neue Standards für das Genre setzte.

Was bleibt heute zu schreiben über eine Platte, die mittlerweile deutlich über dreißig Jahre auf dem Buckel hat und über die eigentlich schon alles gesagt ist? Die einen Eckpfeiler der gesamten Szene darstellt und die wohl jeder Metal-Fan, für den nicht die Scorpions bereits die Spitze des Härtegrads sind, schon einmal gehört hat? Am Ende wahrscheinlich gar nichts – außer das, was Mike Patton eingangs abgeliefert hat: einen persönlichen Eindruck.

Mir begegneten SLAYER zum ersten Mal als Teenager auf einem Sampler mit Metal-Songs aus den achtziger Jahren. In der Tracklist befanden sich neben der Combo aus dem kalifornischen Huntington Park Gruppen wie Iron Maiden, Twisted Sister und Megadeth, weshalb das Stück „Raining Blood“ zweifellos das brutalste war. Bis dahin waren „Painkiller“ und Power Metal à la Primal Fear und Blind Guardian für mich das Nonplusultra musikalischer Härte – eine Grenze, die von dem Westküsten-Quartett mit einem Donnerschlag gesprengt wurde. Fasziniert von der ungezügelten Aggressivität begab ich mich auf die Suche nach mehr. In Zeiten, in denen es zwar schon Internet und Freunde mit Filesharing-Clients, aber in der Provinz ansonsten eben auch nur Warenhäuser und Elektronikmärkte mit schlecht sortierter „Hard-&-Heavy“-Abteilung und vor allem keine Streaming-Dienste mit ständiger Verfügbarkeit kostenloser Musik gab, kein ganz einfaches Unterfangen. Fündig wurde ich dann bei einem Schulkameraden, der mir die CD auslieh, die mir zeigen sollte, dass dieser eine Song mit den von jaulenden Gitarren begleiteten dreifachen Tom-Schlägen am Anfang und dem kathartischen Regenguss am Ende nur die Spitze des Eisbergs ist.

Denn SLAYER schießen bereits ab Sekunde eins ohne Intro oder anderweitigen Schnickschnack mit dem Opener „Angel Of Death“ aus vollen Rohren. Dieses phänomenale Riff. Dieser markerschütternde Schrei ab Sekunde 19. Dieser fantastische Break bei Minute 1:38, der die stürmische Nummer in einen tonnenschweren Groove-Stampfer verwandelt. Diese zügellose Doublebass zum Songfinale. Ein Lied, für das der bildliche Gebrauch des Worts „Abrissbirne“ erfunden wurde.

Auch zwischen diesen beiden legendären Songs („Raining Blood“ ist bekanntlich der fulminante Höhepunkt in albumschließender Position), die quasi Pflichtprogramm bei jeder Live-Show waren, musizieren SLAYER nach dem Credo All Killer, no Filler. Die präzise Gitarrenarbeit von Jeff Hanneman und Kerry King, die sich in bester, aber beschleunigter Judas-Priest-Manier Solo-Duelle liefern, bilden zusammen mit dem brillanten Drumming von Dave Lombardo und den atemberaubend aggressiven Vocals von Tom Araya eine unübertroffene Kombination. Gemeinsam liefert das Quartett eine kompakte Melange aus einprägsamen Riffs, eindrucksvollen Leads und perfekt gesetzten Tempowechseln, garniert mit Arayas infernalischen Shouts.

Dass „Reign In Blood“ ein solch gnadenloser Adrenalinrausch ist, liegt dabei nicht nur an der Geschwindigkeit von Tracks wie „Necrophobic“ (248 bpm), über den Araya im Erscheinungsjahr des Albums live scherzte, dass sie ihn nun schneller spielten – schließlich würden sich so viele Leute aufregen, dass die Band so ein langsames Stück geschrieben habe. Vielmehr sind die Songs allesamt prägnant arrangiert (auch der längste Track bleibt unter der Fünfminutenmarke) und kommen ergo ohne allzu häufige Wiederholungen oder gar ausufernde Passagen aus. Infolgedessen ist die Platte, die trotz aller stilistischer Rohheit mit einem hervorragenden, ausdifferenzierten Sound versehen wurde, eine musikalisch dichte Tour de Force, die mit den schleppenden Einstiegen von „Jesus Saves“ und „Criminally Insane“ in der Albummitte oder dem trampelnden Midtempo in den ersten zwei Minuten von „Postmortem“ höchstens angedeutete Erholungspausen bietet. Aber danach sucht man ohnehin nicht, wenn man eine Scheibe von fuckin’ SLAYER auflegt.

Während der eigenen Laufbahn als Metal-Hörer stößt man unausweichlich auf immer extremere Musik. Death-Metal-Bands, die mit brutalerem Gitarrensound aufwarten. Black-Metal-Bands, die einen mit Blastbeats an die Wand drücken. Thrash-Metal-Bands, die technisch noch versierter spielen. Oder Gruppen wie The Dillinger Escape Plan oder Strapping Young Lad, die einfach nur total wahnsinnige Musik abgeliefert haben. Aber keine, absolut keine Band ist so hart, wie SLAYER es gewesen sind. Um das zu erleben, muss man sich nicht zwangsweise bei einem ihrer Konzerte in den vorderen Reihen aufgehalten haben (auch wenn das die These immer wieder aufs Neue bestätigt hat). Man muss nur „Reign In Blood“ abspielen. Nach circa 29 Minuten ist die Beweisführung abgeschlossen.

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Bewertung: 10 / 10

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