CD-Review: Sólstafir - Berdreyminn

Besetzung

Aðalbjörn Tryggvason - Gesang, Gitarre
Sæþór Maríus Sæþórsson - Gitarre
Svavar Austmann - Bass
Hallgrímur Jón Hallgrímsson - Schlagzeug, Gesang

Tracklist

01. Silfur-Refur
02. Ísafold
03. Hula
04. Nárós
05. Hvít Sæng
06. Dýrafjörður
07. Ambátt
08. Bláfjall


Den regelrechte Hype, der derzeit um isländische Metal-Bands besteht, hat die Szene auf der Vulkaninsel im Nordpolarmeer vornehmlich einer Gruppe zu verdanken: SÓLSTAFIR. Seit ihrem Durchbruchsalbum „Köld“ (2009) ist die Band zum isländischen Exportschlager avanciert – wann immer das Quartett ein neues Album veröffentlicht, beginnen vom Psychedelic-Rock-Hörer bis zum Black-Metaller nahezu alle Liebhaber verschrobener Gitarrenmusik zu hyperventilieren. Nach dem schlichtweg grandiosen „Ótta“ erscheint nun mit „Berdreyminn“ das sechste SÒLSTAFIR-Album – ein Werk, das vielleicht erstmalig für Kontroversen sorgen könnte.

Mit „Silfur-Refur“ beginnt „Berdreyminn“ verhältnismäßig bandtypisch: Der markante Gesangvon Aðalbjörn Tryggvason, die lässigen Gitarren, das simple, groovende Drumming – so kennt und liebt der Fan SÓLSTAFIR. Vom folgenden „Ísafold“ kann man das hingegen nicht behaupten: Mit dem Charme einer 80er-Disco-Nummer ist der Track zugleich Exot wie auch Hit des Albums – nicht unbedingt, weil er der beste Song auf der CD ist, sondern schlicht und ergreifend, weil es das einzige wirklich eingängige Stück auf „Berdreyminn“ ist.

Wirklich markant oder überraschend ist nämlich keiner der folgenden Tracks mehr: Zwar bleibt es bis zum Ende hin erstaunlich ruhig – trotzdem gelingt es SÓLSTAFIR leider nicht, das Material dabei auch besonders gefühlvoll klingen zu lassen. Stattdessen fällt ein „Nárós“ oder „Bláfjall“ überraschend unspektakulär aus. Auch der Einsatz von Frauengesang („Hula“) oder auf ein Minimum reduzierter Instrumentierung („Ambátt“) hilft nichts: Songs von der anrührenden Tiefgründigkeit eines „Lágnætti“ oder mit den Ohrwurm-Qualitäten eines „Fjara“ sucht man diesmal vergeblich. Wirklich emotional – wenn auch technisch alles andere als sauber – agiert auf „Berdreyminn“ allenfalls Sänger Aðalbjörn („Dýrafjörður“). Musikalisch hingegen plätschert das Album leider über weite Strecken eher belanglos vor sich hin, als dass es den Hörer wie seine Vorgänger in einem wilden Strudel gemischter Gefühle mit sich reißt.

Mit ihrem sechsten Album wagen SÓLSTAFIR eine Gratwanderung zwischen den Erhalt ihrer Trademarks und einer drastischer Reduktion des Härtegrades. Irgendwie typisch SÓLSTAFIR, aber doch merklich sanfter und weniger rockig, wird „Berdreyminn“ damit auch für Leute, denen Metal eigentlich zu hart ist, relevant. Wer jedoch an SÓLSTAFIR gerade den ständigen Kontrast zwischen schroff und lieblich sowie die daraus resultierende Dynamik zu schätzen wusste, wird von „Berdreyminn“ enttäuscht: Von der „Love it or hate it“-Nummer „Ísafold“ abgesehen, findet sich auf der CD kein Song, der aus dem soliden Albumdurchschnitt heraussticht. Ob man deswegen nun gleich Kalkül unterstellen und die „Kommerz!“-Keule schwingen sollte, ist fraglich. Dass „Berdreyminn“ bei den SÓLSTAFIR-Hörern außerhalb der Metal-Szene besser ankommen wird als bei den Metal-Fans, ist allerdings sicher.

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Bewertung: 6.5 / 10

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5 Kommentare zu “Sólstafir – Berdreyminn”

  1. Onkel Hotte

    Tja, mit Gummi, dem Ex-Drummer, hat man nicht nur den Schlagzeuger, sondern auch die Seele der Band aus selbiger geworfen. Merkt man auch live. Deutlich weniger Atmo. Solstafir sind irrelevant geworden.

  2. hypnos

    das stimmt leider. schade um diese einst so tolle Band.
    ich bezweifle auch dass ‚„Berdreyminn“ bei den SÓLSTAFIR-Hörern außerhalb der Metal-Szene besser ankommen wird als bei den Metal-Fans‘,m denn die Leute außerhalb der Metal-Szene werden sich sicherlich sehr schwer mit dem immer schiefer werdendem ‚Gesang‘ von Aðalbjörn tun

  3. Simon Bodesheim

    Interessant. Ich fand ja Sólstafir schon immer ziemlich überbewertet, obwohl ich Köld und Svartir Sandar schon sehr mag. „Ottá“ hat mich etwas enttäuscht damals, da ist wenig hängengeblieben bei mir. „Berdreyminn“ ist wenigstens wieder etwas kreativer, schöner, atmosphärischer und irgendwie auch musikalischer. Finde das Teil hat schon starke Nummern, „Hula“ und „Hvít Sæng“ z.B… Die ganzen Streicherarrangements sind schon sehr toll gemacht (auch in „Dýrafjörður“ beispielsweise). Ein Meisterwerk finde ich das Album jetzt zugegebenermaßen ebenfalls nicht, aber überraschend gut. Den Hype um Ottá dagegen kann ich eben 0 nachvollziehen, für mich ist das nicht besser als „Berdreyminn“.

    1. Moritz Grütz Post Author

      Ich finde, nur, weil das Album ruhiger ist, ist es einfach nicht automatisch auch atmosphärischer – im Gegenteil: Ótta, wie auch die Vorgänger, leben für mich von dem starken Kontrast zwischen harten und sanften Passagen, dem Spiel mit diesem Wechsel. Das neue Album klingt in den harten Passagen nach „auf Sicherheit gespielt“ (was du daran kreativer findest, sehe ich nicht) – den sanften fehlt die Prägnanz, und durch den Mangel an Kontrasten finde ich es schlussendlich sehr monoton beziehungsweise nichtssagend.

  4. Sword of Faith

    Ich muss mich grundsätzlich Simon’s Bewertung anschließen. Solstafir war eine Zeit lang eine meiner absoluten Lieblingsbands und zwar genau bis Ótta veröffentlicht wurde. Ich habe mir das Album damals vorbestellt, aber bis auf wenige Momente ist bei mir absolut nichts hängengeblieben. Ich finde Berdreyminn dagegen wesentlich abwechslungsreicher, auch wenn es sicherlich kein Meilenstein in der Discographie der Isländer ist. Die Emotionen, die ein „Necrologue“, oder ein „Goddess of the Ages“ in mir hervorrufen konnten konnte aber auch schon ein Svartir Sandar nicht mehr in mir auslösen, auch wenn ich das Album sehr schätze. Ich persönlich würde Köld 10 P., Svartir Sandar 9 P., Ótta 5 P. und Berderyminn 7 P. geben, um die Relationen mal hervorzuheben.

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