CD-Review: Ulcerate - Stare Into Death And Be Still

Besetzung

Paul Kelland – Gesang, Bass
Michael Hoggard – Gitarre
Jamie Saint Merat – Schlagzeug

Tracklist

01. The Lifeless Advance
02. Exhale The Ash
03. Stare Into Death And Be Still
04. There Is No Horizon
05. Inversion
06. Visceral Ends
07. Drawn Into The Next Void
08. Dissolved Orders


In Friedrich Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“ heißt es: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Ihrem sechsten Album nach zu urteilen, müssen ULCERATE in den Jahren, die seit der Veröffentlichung von „Shrines Of Paralysis“ (2016) vergangen sind, in eine besonders tiefe Schwärze geschaut haben. Auf „Stare Into Death And Be Still“ setzen sich die neuseeländischen Technical-Death-Metaller, deren markanter Stil sich über die Jahre kontinuierlich in Richtung Post-Metal entwickelt hat, mit ihren persönlichen Erfahrungen mit dem lautlosen Grauen des Mitansehens eines langsamen Dahinscheidens auseinander. ULCERATE haben auf diesem Wege ein Album kreiert, das wie kaum ein anderes die klaffende Leere der Nichtexistenz abbildet.

Zur Vertonung der Machtlosigkeit des Menschen im Angesicht seiner eigenen Vergänglichkeit bedienen sich ULCERATE grundsätzlich derselben Stilmittel, mit denen sich die Band zuvor bereits einen Namen gemacht hat. Monströse, schemenhafte Growls, sich wellenhaft aufbäumende Gitarrenriffs und gleichermaßen brachiales wie haarsträubend komplexes Schlagzeugspiel verschmelzen in den für Death-Metal-Verhältnisse untypisch ausgedehnten Kompositionen zu einer grotesken, grauen Masse, die das Leben selbst in sich aufzusaugen scheint.

Dabei versuchen ULCERATE keineswegs durchgehend, neue Höchstgeschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Ganz im Sinne des lyrischen Konzepts schleppen sich insbesondere die Gitarren oft zäh wie die letzten Stunden eines Sterbenden dahin. Dass „Stare Into Death And Be Still“ auch in diesen weniger extremen Passagen – etwa im mächtig groovenden „Inversion“ – die unabänderliche Endgültigkeit einer universellen Naturgewalt ausstrahlt, liegt in der fülligen, leicht unscharfen Produktion begründet, die die Musik monumental und zugleich unergründlich klingen lässt.

Den gewichtigen Death-Metal-Parts stellen ULCERATE über das Album hinweg immer wieder trostlos verhallende, geheimnisvolle Clean-Gitarren bei, die sich dem Mysterium des Todes auf introspektivere Weise anzunähern scheinen („There Is No Horizon“). Gerade in diesen Abschnitten macht sich Schlagzeuger Jamie Saint Merat einmal mehr um seinen Ruf als Rhythmus-Virtuose verdient: Mag man sich in den brutaleren Teilen der Songs mitunter auch leicht von dem hohen technischen Anspruch seines Spiels ablenken lassen, so sind sein eingehendes Verständnis für stimmige, kreative Arrangements und seine makellose Performance hier nicht mehr zu überhören („Visceral Ends“).

„Stare Into Death And Be Still“ ist definitiv kein Album, das den Hörer mit eingängigen Hooks oder aufsehenerregenden Highlights verwöhnt, sondern vielmehr eine immersive, vielschichtige und sperrige Auseinandersetzung mit der unbegreiflichen Natur des Todes. Indem ULCERATE dieses Konzept in Form von bemerkenswert komplexer, klanglich überwältigender und atmosphärischer Musik, die sich in etwa mit Gorguts und Portal vergleichen lässt, umgesetzt haben, ist es der Band gelungen, die Bedeutung des Death-Metal-Genres selbst zu vertiefen. „Stare Into Death And Be Still“ ist somit weit mehr als eine weitere Brutalo-Metal-Platte – es ist der Musik gewordene Ruf der Leere.

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Bewertung: 8.5 / 10

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2 Kommentare zu “Ulcerate – Stare Into Death And Be Still”

  1. Jan-Kristof Müller

    hm, ich habe die Scheibe jetzt einige Male durchgehört und so richtig warm werde ich immer noch nicht. Klar, das ist spieltechnisch ziemlich hohes Niveau, das Songwriting ist phantasievoll und progressiv und der Sound kann sich wahrlich hören lassen. Aber alles in allem fehlen mir einerseits ein roter Faden, was den Spannungsbogen angeht – man merkt den Songs schon an, dass sie alle von einer Band sind, aber die Reihenfolge könnte man meiner Ansicht nach beliebig durcheinander würfeln und es machte keinen Unterschied, man würde es wohl nicht mal merken. Andererseits ist die ganze Progressivität zumindest für mich sehr anstrengend, immer, wenn ich gerade denke, ich komme einem Song auf die Spur, endet das doch wieder im dezenten Chaos.

    Aber Platte wie Review sind natürlich gut und ich bleibe da auch erstmal dran, vielleicht stellt sich der Aha-Effekt ja noch ein :)

    1. Stephan Rajchl Beitragsautor

      Hallo!
      Ich kann durchaus verstehen, dass das Album bei dir nicht so recht zündet. Ich finde schon auch, dass die Songs noch ein wenig flüssiger ineinander übergehen könnten und dass über das Album hinweg nicht wirklich ein großer Spannungsbogen erkennbar ist (wobei ich schon das Gefühl habe, dass die Platte in der zweiten Hälfte etwas atmosphärischer wird).
      Mich persönlich stört das halt nicht so sehr, da ich trotzdem jedes Mal aufs Neue überwältigt bin, wenn ich das Album höre – und das ist letztlich wohl entscheidend.
      Dass du es mit der Platte noch eine Weile probieren willst, finde ich auf jeden Fall gut. Manche Alben brauchen ja auch mehrere Anläufe, um sich zu entfalten. Dafür wünsche ich dir viel Glück! Und danke für das Lob, das freut mich sehr! :)

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