CD-Review: Vildhjarta - Måsstaden Under Vatten

Besetzung

Vilhem Bladin - Gesang
Daniel Bergström - Gitarre
Calle Thomér - Gitarre
Buster Odeholm - Schlagzeug

Tracklist

01. Lavender Haze
02. När De Du Älskar Kommer Tillbaka Från De Döda
03. Kaos2
04. Toxin
05. Brännmärkt
06. Den Helige Anden (Under Vatten)
07. Passage Noir
08. Måsstadens Nationalsång (Under Vatten)
09. Heartsmear
10. Vagabond
11. Mitt Trötta Hjarta
12. Detta Drömmars Sköte En Slöja Till Ormars Näste
13. Phantom Assassin
14. Sunset Sunrise
15. Sunset Sunrise Sunset Sunrise
16. Penny Royal Poison
17. Paaradiso


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Eine ganze Dekade musste erst vergehen, bis sich die Djent-Walze aus Schweden mit ihrem (erst!) zweiten Album zurückmeldet. Irritiert? Zu Recht. Denn im Schatten des übergroßen Namens Meshuggah, der einem bei den Schlagworten Djent und Schweden sofort eingefallen sein dürfte, steht eine unbekanntere Band namens VILDHJARTA. Zehn Jahre nach dem von Kritikern gelobten Debüt „Måsstaden“ bringt die Combo aus Hudiksvall nun den Nachfolger auf den Markt, das ähnlich der ersten Platte benannte Album „Måsstaden Under Vatten“. Augenscheinlich ein Großprojekt, denn mit seinem zweiten Werk liefert das Quartett zwar wieder ein Konzeptalbum ab, nun aber in Form eines Doppelalbums.

Die Ähnlichkeit der Albumtitel ist dem geschuldet, dass VILDHJARTA inhaltlich die Geschichte weitererzählen, die sie vor zehn Jahren begannen: Sie handelt von der Stadt der Möwen („Måsstaden“), die nun unter Wasser steht („Måsstaden Under Vatten“). Aufgrund der Texte in der Landessprache bleibt der Inhalt dieser Fabel den meisten Hörer:innen vorenthalten, was angesichts des tollen, fantasievollen Artworks der Platte ein großer Wermutstropfen ist. Was VILDHJARTA allerdings für Metalfans aus aller Welt verständlich präsentieren, ist die an einen Hybriden aus Tool, Meshuggah und Humanity’s Last Breath erinnernde Musik. Letzteres liegt sicherlich daran, dass Schlagzeuger Odeholm nicht nur als Produzent mit Born Of Osiris, Shadow Of Intent und eben Humanity’s Last Breath zusammengearbeitet hat, sondern auch deren Gitarrist ist.

In den 80 Minuten ihres neuen Albums loten VILDHJARTA erneut die Grenzen des guten Prog-Geschmacks aus, denn obwohl „Måsstaden Under Vatten“ im weitesten Sinne in das Genre gehört, lässt sich in den ersten Durchläufen wenig von dessen charakteristischen Punkten finden. Man kann der Band keine Motivwechsel zugutehalten, da sie nur selten Motive kreiert, die eine Zwei- oder Dreisekundenmarke überschreiten. Melodik oder gar Leads von einem der beiden Gitarristen sind ebenso Mangelware wie die repetitiven Riffs, die Songs von beispielsweise Meshuggah so hypnotisch wirken lassen. Stattdessen zerhaken die heruntergestimmten Gitarren mit ihren stakkatoartigen Riffing beinah jede Form eines Songaufbaus und VILDHJARTA geben stattdessen eine Lehrstunde darin, wie gehirnverknotend Polyrhythmik wirklich sein kann. Sind diese Lieder jahrelang ausgetüftelt worden oder spontan im Studio entstanden? Die Breakdowns pulverisieren so ziemlich jede aufkeimende Melodik, besonders wenn Sänger Bladin diese einleitet. „Måsstaden Under Vatten“ ist anfänglich einfach nur erdrückend, schwierig zu greifen und erfordert schon etwas Leidensfähigkeit, die 80 Minuten bis zu Ende zu hören.

Die große Überraschung kommt mit dem Ende des letzten Songs „Paaradiso“, denn obwohl „Måsstaden Under Vatten“ keine wohltuende Erfahrung ist, ist es eine, die wiederholt werden möchte – und schon startet die Platte ihre zweite Runde. Die Gründe hierfür sind mannigfaltiger, als zu Beginn des Albums zu erahnen ist: VILDHJARTA lassen an zu vielen Stellen atmosphärische Outros, melodischen Klargesang, eingängige Motive und sogar stimmungsvolle wie fesselnde Momente erkennen, weswegen einen der Eifer packt, genau diese Stellen nochmal entdecken zu wollen.

So sticht die Single-Auskopplung „Den Helige Anden – Under Vatten“ mit ihrem schleppenden Riffing ebenso hervor wie der kurze Moment in „Kaos2“, in dem der Klargesang als Lead genutzt wird. Der Dynamikwechsel in „Passage Noir“ ist stark, die gigantischen Steigerungen in „Paaradiso“ auch, ebenso die Slow-Motion-Djent-Walze „Sunset Sunrise“ oder der wohl untypischste Song von VILDHJARTA, „Penny Royal Poison“, ein treibender Track im Stile moderner Metalcore-Songs. Den Peak hat das Album mit dem Song „Måsstaden Nationalsång Under Vatten“, ein instrumentales Stück mit viel Djent, Naturklängen und sich duellierenden Gitarren – gute Mischung.

Das Erfrischende an VILDHJARTA ist, dass die Schweden weder Strukturen noch Erwartungen bedienen. Auf „Måsstaden Under Vatten“ ist kein Song darauf ausgelegt, ein Hit zu werden. Ist die Geschichte verständlich, die VILDHJARTA mit dem Album erzählen? Das können nur skandinavische Muttersprachler bewerten. Ebensowenig dürfte das Quartett bei der Umsetzung daran gedacht haben, dass 80 Minuten Musik eines solchen Kalibers schlichtweg zu viel sind. Oder die englisch benannten Titel der Songs willkürlich wirken. VILDHJARTA wollen mit diesem Album schlichtweg nichts und niemanden von sich überzeugen, wodurch sie grandiose, aber auch einfach nur verwirrende Momente schaffen. Ich empfehle und warne zu gleichen Teilen vor „Måsstaden Under Vatten“.

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Bewertung: 7.5 / 10

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