Interview mit Eric von Code Orange

Mit „Forever“ haben CODE ORANGE zu Beginn des Jahres die vielleicht beste Hardcore-Platte 2017 vorgelegt. Durch unermüdliches Touren – auch auf etlichen Festivals – werden immer mehr Menschen auf die Band auf Pittsburgh aufmerksam. Im Vorfeld ihres Konzerts in München als Support von Gojira Ende März konnten wir mit Gitarrist Eric über die Ästhetik der Band, den wachsenden elektronischen Einfluss in ihrer Musik und das seltsame deutsche Publikum sprechen.

Wie fühlt es sich an, als Support für Gojira auf, für eure Verhältnisse, großen Bühnen in Europa zu spielen?
Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, größere Shows zu spielen. Aber es ist immer eine Herausforderung, Hardcore-Shows im Kontext einer Metal-Tour zu spielen, egal ob in Europa oder in den USA. Es scheint so, dass wir uns da ganz gut anpassen können. Es ändert die Psychologie der Show ein bisschen, da wir versuchen, sie eher für ein Metalpublikum und seltsame Menschen zu spielen.

Was meinst du mit seltsame Menschen?
Nicht unbedingt seltsam im negativen Sinn, aber seltsamer als wir. Menschen, die unsere Musik nicht verstehen.

Wie reagieren diese seltsamen Metal-Menschen denn auf eure Auftritte?
Das kommt auf die Stadt an. Manchmal bewegen sich die Leute überhaupt nicht und schauen uns einfach nur an, aber wir verkaufen dann eine Wagenladung an Merch. Manchmal recken die Leute einfach nur ihre Metalhand in die Luft. Ganz ehrlich, ich verstehe auch nicht, wie diese Kombination überhaupt funktionieren kann, aber es läuft echt gut für uns. Den Leuten gefällt, was wir machen – sie zeigen es eben auf ihre eigene Art.

Wie würdet ihr eure Konzerte in Deutschland mit denen in den USA vergleichen?
Deutschland ist echt seltsam. Es ist egal, ob die Leute deine Shows mögen oder hassen, sie tun einfach nichts. Ok, wenn sie es wirklich hassen, dann lassen sie es dich spüren. (lacht) Aber das ist so seltsam für uns. Normalerweise ziehen wir schon auch Energie aus dem Publikum. In den USA siehst du, wie die Kids anfangen zu rennen und zu moshen und du weißt, ok, jetzt geht’s ab. Hier halten die Leute ihre Hände in die Luft, und du musst dir denken, ok, jetzt geht’s ab. Ich weiß echt nicht, warum das hier so ist. Deutschland war niemals mein Lieblingsort für Konzerte, aber vielleicht ändert sich das ja nach dieser Tour. Wir waren schon einige Male hier, aber noch nie in einem Metal-Kontext.

(c) Kimi Hanauer

Ihr wechselt ja öfter zwischen sehr kleinen Clubs und Supportshows in größeren Hallen. Wie wichtig ist euch der enge Kontakt mit dem Publikum, wie es bei Hardcore-Shows ja üblich ist?
Es ist uns schon wichtig, das zu haben, aber nicht unbedingt die ganze Zeit. Wenn wir in den USA Headliner-Shows spielen, dann ist uns das wichtig. Aber man gewöhnt sich auch daran, wenn Leute anders reagieren. Klar, wenn sie gar nicht reagieren, dann ist das Scheiße. Aber normalerweise gibt es Circle Pits oder sie heben zumindest ihre Fäuste in die Luft.

Wenn du auch findest, dass die Kombination mit Gojira ungewöhnlich wirkt, stellt sich mir die Frage, wie diese Tour zustande gekommen ist?
Gojira erscheinen auf Roadrunner, unserem aktuellen Label. Da waren dann einige in der höheren Etage, die alles darangesetzt haben, uns zusammenzubringen. Und sie hatten recht: Gojira sind super, sowohl als Band als auch als Menschen, genauso wie ihre Crew. Da helfen uns wirklich alle mit unseren technischen Problemen zurechtzukommen, von denen wir jeden Tag etliche haben. (lacht)

Du hast es gerade schon angesprochen: Ihr habt das Label von Deathwish zu Roadrunner gewechselt. Was waren die Gründe dafür?
Das war eine Entscheidung, die wir hinsichtlich der Ressourcen für die Produktion und die Werbung für das neue Album gefällt haben. Wir wollten „Forever“ wirklich groß aufziehen und eine super Produktion haben. Dabei hat uns Roadrunner sehr geholfen.

Wenn du dir das Feedback von Fans und Presse so ansiehst: Hat sich dieser Wechsel in dieser Hinsicht gelohnt? Kümmern euch Reaktionen auf eure Musik überhaupt?
Mir persönlich ist das nicht wichtig. Wobei, wenn es negativ wäre, würde ich mir vermutlich schon Gedanken machen, ob ich etwas ändern muss. Aber wenn es darum geht, das, was wir tun, in einem größeren Rahmen zu tun, ist es natürlich gut, wenn man positives Feedback von vielen Leuten bekommt. Das motiviert uns. Die Pressestimmen bisher waren auch fast alle sehr positiv.

Auch wenn ihr das Label gewechselt habt, habt ihr wieder mit Kurt Ballou zusammengearbeitet. War euch das wichtig?
Auf jeden Fall. Die Art wie er harte, metallische Hardcore-Musik aufnimmt und klingen lässt, ist großartig. Aber er weiß nicht so viel, wenn es um Programmieren und die Produktion von elektronischer Musik geht. Daher sind wir ins Studio 4 bei Philadelphia gefahren und haben den Gesang und die elektronischen Elemente mit Will Yip aufgenommen.

Diese elektronische Seite von CODE ORANGE ist auf „Forever“ stärker vertreten als bisher. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, definitiv. „I Am King“ hatte einige solche Momente, aber das war weniger elektronisch, als mehr bearbeitete Gitarren und kleine Loops. Bei den Liveshows hat sich das dann immer deutlicher und extremer in diese elektronische Richtung entwickelt, auch, weil ich in der Zeit einfach viel gelernt habe. Wenn du uns zwischen der Veröffentlichung von „I Am King“ und jetzt öfter gesehen hättest, würdest du leichter verstehen, wieso „Forever“ so klingt, wie es klingt. Ich glaube aber, dass man die Verbindung auch so hören kann, aber das hat sich wirklich live entwickelt.

Ihr habt ja einen neuen Gitarristen, Dom. Ist er ein volles Mitglied oder nur auf Tour dabei?
Sowohl als auch. Er hat auch schon Gitarre auf dem Album gespielt, während ich am Keyboard und anderen Instrumenten war, quasi als mein zweites Paar Hände. Wir haben ihn dann auf die US-Tour mitgenommen, um zu sehen, wie es läuft – und es lief großartig und es läuft immer noch großartig. Wenn es nach mir geht, dann ist er fest dabei, allein schon, weil ich keine Lust mehr habe, Gitarre zu spielen. Das ist einfach nicht mehr mein Fokus.

Hat sich denn in der Arbeit an „Forever“ etwas daran geändert, wie ihr Songs geschrieben habt?
Es war schon etwas anders, aber irgendwie doch gleich. Auf jeden Fall war es besser. Auf „I Am King“ habe ich Loops gebastelt, die wir als Anfang der Songs genutzt haben, mit Ausnahme des Titeltracks, in dem auch ein Loop in der Mitte zu hören ist. Dieses Mal hatte ich Samples und habe sie über ganze Songs gestreckt. So gibt es eine wirkliche Verbindung und beides spielt zusammen. Ansonsten läuft es wie immer: Jeder von uns bringt die jeweils individuellen Elemente ein. Das kommt dann immer darauf an, was wir gerade brauchen. Wenn wir einen seltsamen Song schreiben möchten, dann kommen alle auf mich zu und fragen mich, ob ich nicht was in petto habe. (lacht) Dann spiele ich etwas vor, und wenn es uns gefällt, arbeiten wir gemeinsam daran, meistens mit den Gitarren. Und so geht das dann weiter. Ich bin wie gesagt für die elektronischen Sachen verantwortlich, Reba schreibt viele der heftigeren Riffs, gemeinsam mit Jamie, der größtenteils für die Songstrukturen verantwortlich ist.

Auch wenn es euer drittes Album ist, seht ihr „Forever“ lieber als eure zweite Platte. Heißt das, dass ihr „Love Is Love//Return To Dust“ nicht mehr mögt?
Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass ich es nicht mag, aber ich höre es mir einfach nicht an. Das ist nicht die Musik, die mich momentan interessiert, sondern eine andere Ausrichtung. Es fühlt sich an, als würde man zurückgehen, wenn man die alten Nummern spielt. Sie passen auch nicht so gut mit dem neuen Material zusammen. Wir haben bis Mitte 2016 schon noch ein, zwei alte Songs gespielt, aber damit haben wir aufgehört. Es war einfach Zeit. Das war eben noch CODE ORANGE KIDS, die ganze Ästhetik war unterschiedlich – insofern haben wir das hinter uns gelassen.

Die Ästhetik sticht bei euch ja wirklich ins Auge. Die letzten beiden Alben ähneln sich im Design, das sich wiederum auf eure Musikvideos bezieht. Wie habt ihr das entwickelt und wieso habt ihr euch dazu entschieden?
Wir wollten „Forever“ als Fortsetzung von „I Am King“ charakterisieren, das ja ein echter Neuanfang war. Dieses Mal war es eine Evolution. Ich glaube auch, dass die Ästhetik ein großer Teil von CODE ORANGE ist. Bei uns spielt alles zusammen. Wenn es das Video zum Titeltrack ist, dann hat es Joes Gesicht, zum Beispiel. Wir sind auch wirklich komplett selbst für das Artwork verantwortlich. Ich designe das Merch, Jamie und unsere Freundin Kimmie haben sich um die Platten und so weiter gekümmert.

Diesen Sommer spielt ihr als Support für System Of A Down – wie kam das denn zustande?
Unser Manager arbeitet auch mit System Of A Down, Deftones und AFI zusammen. Wir haben ihn immer gepusht, mit seinen anderen Bands zu spielen, was mit den Deftones auch schon geklappt hat, das war super. Irgendwann hat er dann den Jungs von System etwas vorgespielt und sie mochten es – das war aber schon vor Jahren. Jetzt war es ein langer Prozess, bist wir uns auf das Level hochgearbeitet haben, dass wir wirklich mit ihnen zusammen auftreten können. Ich freue mich unglaublich darauf, das wird verrückt. Das wird wirklich ein ganz anderes Level, ich kann mir das noch gar nicht vorstellen.

Gibt es noch andere Bands, mit denen ihr gerne spielen würdet?
Puh, so viele… Crowbar ist eine meiner absoluten Lieblingsbands, mit ihnen würde ich richtig gerne gemeinsam unterwegs sein, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das funktionieren soll. Das gilt auch für Hatebreed. Aber hey, so viele Dinge, die wir als Band tun wollten, haben wir auch erreicht – hoffentlich wird das in Zukunft so weitergehen und diese Touren kommen wirklich zustande.

Ihr werdet, zurecht, als einer der spannendsten Acts im Hardcore wahrgenommen. Welche Bands ragen für euch in der Szene heraus?
Turnstile, Power Trip, Nails und wir sind schon die Speerspitze. Wenn es eine Tour mit uns vier gäbe, das wäre absoluter Irrsinn, die Tour um alle Touren zu beenden. Ich glaube aber nicht, dass das passieren wird. Wir haben schon jeweils mit einer dieser Bands zusammengespielt und sie sind super, aber das wäre echt zu viel. Es gibt auch viele gute Pittsburgh-Bands, wie Eternal Sleep, Unit 731 und Path To Misery, die gute Freunde von zu Hause sind, sehr harter metallischer Hardcore. Pittsburgh war schon immer der beste Ort für meine Art dieser Musik. Ich fände es großartig, wenn es mehr Bands in Pittsburgh gäbe, die aktiver wären, sodass wir sie auf Tour mitnehmen könnten, aber es ist halt eine Arbeiterstadt. Da ist es schwer, die Energie für Musik aufzubringen.

Was sind die nächsten Pläne für CODE ORANGE?
Vielleicht eine Europa-Tour im Herbst, aber das wissen wir noch nicht sicher. Wir spielen bei This Is Hardcore, das wird großartig. Was neue Musik angeht: Die anderen denken, glaube ich, schon an neue CODE-ORANGE-Sachen. Einige Sachen für „Forever“ habe ich schon vor Jahren geschrieben und neu zusammengesetzt. Das ist immer ein bisschen zufällig, was ich wo einbauen kann. Ich arbeite eigentlich ununterbrochen an elektronischen Dingen. Ich habe gerade ein Album zusammen mit Aaron Spector, auch bekannt als Drumcorps, gemacht, „It’s Almost Forever“. Das haben wir auf Kassette auf unserer US-Tour verkauft und hoffen, es bald auf Spotify zu bekommen – mal sehen.