„The Change Is Me“ – einen passenderen Albumtitel hätten DOODSESKADER kaum wählen können. Denn tatsächlich haben die Belgier Tim De Gieter und Sigfried Burroughs das eigentlich fertige Album verworfen und ein komplett neues geschrieben. Wie es dazu kam, wie sich ein so rabiater Schritt anfühlt und wie sich die Musik und Albumkonzept über den Prozess verändert haben, erzählt Tim De Gieter im Interview.

Wann ist dir klar geworden, dass das Album, das ihr geschrieben und aufgenommen hattet, nicht das war, was ihr veröffentlichen wolltet?
Das erste Mal, als ich das Master angehört habe, um ehrlich zu sein. Einmal hören hat gereicht und ich wusste sofort, dass das für uns nicht der richtige Weg sein würde, weil es uns auf einen Pfad geführt hätte, auf dem wir uns als Menschen nicht mehr hätten aufrichten können, sondern uns nur noch tiefer in den Schlamm der Gefühle gedrückt hätte, in dem wir sowieso schon eine ganze Weile feststeckten.
Wie spricht man über so etwas in einem kreativen Projekt?
Darüber zu reden war ziemlich leicht, wir sind Freunde, die fast alles miteinander teilen, und das Leben hat uns so viel Scheiße vor die Füße gekippt, die schwerer zu verkraften war, als eine Platte zu verwerfen und eine neue zu machen.

Wie seid ihr musikalisch an das neue Album herangegangen? Habt ihr wirklich komplett bei null angefangen? Habt ihr euch bewusst vom verworfenen Album entfernt oder darauf aufgebaut?
Ja, wir haben bei null angefangen. Ich glaube nicht an Musik-Recycling – davon gibt es ohnehin schon viel zu viel, wenn Bands jahrelang und jahrelang im Grunde dieselben Songs rausbringen, nur mit anderen Titeln und auf anderen Alben. Wir wollten mit einer leeren Leinwand ins Studio gehen und schauen, wohin es uns führt, weil das Ergebnis dann die ehrlichste klangliche Darstellung davon wäre, wer wir zu diesem Zeitpunkt waren. Ich habe als eine Art „Vorbereitung“ entschieden, kleine Schnipsel zu machen, so 10 Sekunden, nur „Sounds“, Texturen, von denen ich fand, dass sie repräsentieren, wie ich mich fühle. Ich habe jede Nacht ein oder zwei gemacht, sie Sigfried geschickt und ihn gebeten, mir nichts zurückzuschicken. So konnte er kreativ frei sein, und wir konnten so eine Art „meeting of the minds“ haben – mit einem gleichberechtigten und offenen Spielfeld -, wenn wir anfangen würden, echte Songs aufzunehmen.
Ist das andere Album wirklich verworfen, oder nur verschoben, mit „The Change Is Me“ dazwischen?
Verworfen.
Dass ihr euch weiterentwickelt habt, ist das eine – gerade bei den Lyrics kann ich das auf jeden Fall verstehen. Aber tut es dir nicht leid um die Songs – war da wirklich gar nichts dabei, das du hättest herzeigen wollen? Wie klang das verworfene Album denn im Vergleich zum neuen?
Ganz ehrlich: Das, was wir verworfen haben, war sehr dunkel und trostlos. Musikalisch war es härter als das, was wir jetzt rausgebracht haben, und textlich fühlte es sich für mich einfach komplett hoffnungslos an. Ich habe meine Parts über einen Zeitraum von einem Jahr geschrieben, in dem ich in eine sehr schwere Depression reingerutscht bin, ich habe mich irgendwie komplett verloren, und das Leben und das Leben-Leben haben keinen Sinn mehr ergeben. Der letzte Song auf dieser Platte ist einer, für den ich für immer dankbar sein werde, dass ich ihn geschrieben habe, aber auch der, bei dem ich zugehört und gedacht habe: „Das ist weit genug gegangen.“ Dieses Leben mag ein absoluter Haufen Scheiße sein und manche Menschen mögen meine allerletzte Wahl sein, mit ihnen einen Planeten zu teilen – aber ich kann anderen Menschen nicht sagen, dass die Antwort ist, komplett aufzugeben, und das dann Nacht für Nacht zu wiederholen. Also ja, ich fühle mich überhaupt nicht schlecht, dass es verworfen wurde – ich habe einfach jeden Fetzen Hoffnung, den ich noch übrig hatte, in diese neue Platte projiziert, und das zu tun war die bestmögliche Entscheidung, weil ich jetzt das Gefühl habe, dass ich auf eine Reise gehen kann, auf der ich mich selbst wiederentdecken und versuchen kann, einen Platz in dieser Welt zu finden, und Nacht für Nacht andere davon zu überzeugen, dass sie das auch können.

Inwiefern hast du deinen Ansatz beim Schreiben der Lyrics oder bei der Auswahl der Themen für die Lyrics verändert? In der Pressemitteilung steht, dass dieses Projekt dich und den Zustand der Menschheit dokumentieren soll. Ich hoffe, euch als Individuen geht es besser als der Menschheit?
Ich gehe an nichts wirklich heran oder wähle das Thema – ich kann nur machen, was aus mir herauskommt. Jede Platte bisher hat entweder dokumentiert, wie ich aufgewachsen bin und hierhergekommen bin („Year Zero“) oder wer ich jetzt bin und womit ich mich herumschlage („Year One“, „Year Two“ und „The Change Is Me“). Ich versuche, dass sowohl die Sounds als auch die Lyrics ein Spiegel meiner Seele sind, damit ich eine Chance habe, gesehen und gehört zu werden in einer Welt, in der Kommunikation miteinander zunehmend schwierig wird.
Auf persönlicher Ebene geht es mir OK, im Moment ist es so ein „von Tag zu Tag“-Ding, was nicht bedeutet, dass ich in so einem Dauerzustand von Traurigkeit oder so wäre. Dieses Leben ist einfach extrem enttäuschend, Menschen in Machtpositionen sind extrem widerlich und die Massen wollen einfach die Augen schließen und wegschauen, was einen komplett wahnsinnig macht. Ich versuche, in einer Welt, die genau das Gegenteil ist, bei Verstand zu bleiben.
In der Pressemitteilung steht einerseits, das Album solle den „Beginn einer positiveren Ära“ markieren, aber auch, dass „zwei Freunde ihre Kräfte im Kampf gegen eine zunehmend enttäuschende Welt bündeln“. Das klingt nicht sehr positiv, oder?
Doch, natürlich tut es das. Ich habe mir diese beschissene Welt nicht ausgesucht, ich will nicht, dass andere Menschen nicht frei sind, ich entscheide mich nicht dafür, Genozid mitanzusehen, ich habe mir keine Website herbeigewünscht, auf der Millionen „Männer“ nach Infos suchen, wie man Frauen betäubt und vergewaltigt. Ich habe mir dieses Leben nie ausgesucht, diesen Körper, das chemische Ungleichgewicht in meinem Gehirn, die Art, wie ich aufgewachsen bin – aber das ist die Realität, mit der ich umgehen muss, und wenn das hier alles ist, dann werde ich jede Unze Energie, die ich habe, dafür einsetzen, für etwas anderes zu kämpfen: Weil ich diese „Band“ gewählt habe, Sigfried gewählt habe, all die Menschen, mit denen wir arbeiten. Ich habe mich dafür entschieden, die Scheiße zu benennen, wie sie ist, nicht irgendeinen zuckerglasierten Pop-Rock-Beat-Bullshit mit Wird-schon-werden-Motto. Nur reale Scheiße. Negativ wäre „wir sind am Arsch“, unrealistisch wäre „alles ist gut“, unsere Version von Positivität ist: „wir sind am Arsch, aber wir gehen kämpfend unter“.

Es fällt auf, dass das neue Album noch mehr Rap-/Electro-Einflüsse hat als eure bisherigen Sachen – gerade nachdem ihr nach der Tour mit ALCEST in der Metal-Szene erst angefangen habt, Fans zu gewinnen, könnte das einige Leute verwirren. Denkst du darüber nach?
Nein. Es wäre absolut widerlich, unsere Musik auf eine bestimmte Art zu machen, nur damit wir entweder die Zahl der Leute halten oder erhöhen, denen gefällt, was wir tun. Es geht nicht darum, eine Fanbase aufzubauen, dem Musikindustrie-Businessmodell zu folgen, das verlangt, dass du immer weiter denselben Genre-Scheiß raushaust, damit sie ihn weiter verkaufen und in Playlists neben Zeug packen können, das exakt gleich klingt, nur eben von anderen Leuten gespielt.
Was wir tun, ist das, was wir fühlen, und du kannst das Gefühl haben, dass dir nicht gefällt, was wir tun, oder dass dir nur unser erstes, letztes oder zweites Album gefallen hat. Es ist egal. Du hast damit völlig recht und hast Anspruch auf diese Meinung. Unsere Musik existiert nicht, um dir zu gefallen – sie existiert, weil wir sie machen mussten.
Es wird zudem hervorgehoben, dass ihr das Album gemeinsam in einem Raum produziert habt – was hat das mit euch gemacht?
Es war, um ehrlich zu sein, einfach das Allerbeste! Wir waren in den letzten paar Jahren viel unterwegs, was etwas intensiver war, als wir geplant hatten. Ich glaube, wir beide haben diese Freiheit total vermisst, einfach abzuhängen, zusammen zu spielen und Dinge zu machen, ohne eine Ahnung, wohin das führen würde. Das war eine der besten Entscheidungen, die wir je getroffen haben, und wir werden das in naher Zukunft wiederholen.

Es wird ein Prozess von einer Woche erwähnt. Was wurde in dieser Woche geschafft, und was kam danach? Oder habt ihr wirklich das ganze Album in einer Woche fertiggestellt?
Alles bis auf den Mix und einen kleinen Teil der Vocals, der neu aufgenommen werden musste. Es ist lustig, weil vieles so hektisch gemacht wurde, dass wir die meiste Zeit nicht mal wussten, dass wir (finale) Takes aufnehmen. „Suffering In Technicolor“ war das erste Mal, dass wir das so versucht haben, viele der Vocals waren eigentlich ziemlich beschissene Spuren, die überall übersteuert haben – entweder saß ich auf dem Boden oder ich war im Studio-Stuhl zu einer Kugel zusammengerollt.
Der Prozess wurde im Film „Now I Know You See Me.“ dokumentiert. Warum war dir das wichtig?
Es fühlte sich einfach nach so einem Ding an, bei dem wir wussten: Entweder wird etwas unglaublich richtig laufen und wir werden eine Platte haben, die wir beide lieben – oder es wird furchtbar schiefgehen und wir müssten erklären, warum keine Musik rauskommen wird. In beiden Fällen schien es einfach die richtige Entscheidung, den Prozess zu dokumentieren.
Hat das Wissen um die Doku geholfen, oder hat es dich manchmal gebremst – oder habt ihr es komplett ausgeblendet?
Ich glaube, größtenteils haben wir es komplett ausgeblendet, ich erinnere mich, es gab nur einen Moment, in dem ich konkret darum gebeten habe, das Filmen zu stoppen, weil ich ein bisschen tiefer in mich selbst reingehen wollte und dafür etwas Zeit allein gebraucht habe. Der größte Vorteil für uns ist, dass es von Diana Lungu gedreht wurde, die auch all unsere Videos gemacht hat, all unsere Designs und diese Band managt. Wir drei sind also tatsächlich ständig zusammen, und sie ist die Beste, die man um sich haben kann. Wenn überhaupt, hat es die Erfahrung nur noch bereichert.
Das Cover ist ungewöhnlich und auch ein bisschen verstörend. Warum passt das Bild perfekt zur Musik, und was ist die Idee dahinter?
Ja, da stimme ich voll zu. Es wurde von Maarten Colman gemacht, ich habe seine Kunst vor ein paar Jahren gefunden und es gibt nur wenig, was mich so unmittelbar und intensiv bewegt hat. Ich habe das Gefühl: Wenn Leute darüber sprechen, was sie in unserer Musik finden – das habe ich bei seiner Arbeit gefühlt. Ich zitiere einfach den Mann selbst zur Idee dahinter, weil ich wirklich möchte, dass ich seiner Arbeit und seinen Ideen gerecht werde:
„Was mich an DOODSESKADER immer tief berührt hat – und ganz sicher bei diesem Album -, ist, wie ihre Musik ihren mentalen Zustand widerspiegelt. Das wird schon in der allerersten Zeile des ersten Songs klar: ‚I’ve been swimming in a sea of disappointment‘. Sie kämpfen mit der Welt, mit sich selbst und mit anderen. Das sind Themen, aus denen auch ich Inspiration ziehe; für mich ist es ein Prozess der Katharsis. Jeder trägt Monster mit sich herum, ob aus der Vergangenheit oder der Gegenwart. Meiner Erfahrung nach zeigen sie sich am stärksten in unseren Zuhause; diese Kreaturen treten hervor, wenn wir nicht im Blickfeld der Öffentlichkeit sind. Wir begegnen ihnen in anderen, sehen sie aus uns selbst heraus auftauchen und sehnen uns entweder nach ihnen oder versuchen, ihnen zu entkommen. Mit dem Album-Artwork hoffe ich, verschiedene Reaktionen und Fragen hervorzurufen, die in den eigenen persönlichen Erfahrungen und Monstern der Betrachtenden verwurzelt sind. Auf der einen Seite steht ein umgestürzter Stuhl, auf der anderen eine riesige Spinne mit einem Gesicht, das durchdringend und zugleich freundlich wirkt. Dazwischen steht ein Tisch mit zwei Gläsern und einer Schale. Ist die zweite Person durch den Raum hinter dem Stuhl entkommen? (Hoffnung) Wurde die Person angegriffen? (Verzweiflung) Gab es nie eine zweite Person? (Verloren) “
Eure erste Tour war, wie erwähnt, mit ALCEST. Wie blickst du auf diese Tour zurück – hat das musikalisch funktioniert?
Ich blicke auf diese Tour als eine meiner Lieblingstouren meines ganzen Lebens zurück. Auf menschlicher Ebene war die Kombination mehr als hervorragend, ich liebe wirklich jede einzelne Person von ihnen (und jede einzelne Person in dieser Crew!) so sehr, ich ertappe mich immer noch oft dabei, wie ich in Erinnerungen an diese Tage schwelge und sie sehr vermisse. Musikalisch habe ich die Kombination ebenfalls absolut geliebt; ALCEST steht für mich musikalisch für diese traumartige, wunderschöne Welt, die jenseits unserer eigenen liegt, und wir bringen das Raue und den Dreck des echten Lebens. Es gibt nichts Besseres, als danach etwas Beruhigendes zu haben – und was beruhigt besser als ALCEST?
Jetzt geht ihr später dieses Jahr mit HEALTH auf Tour. Wie kam diese Kombination zustande, und warum passt es deiner Meinung nach so gut?
Wir kennen und lieben HEALTH als Band schon lange. Unser Booker hat uns wissen lassen, dass sie Bock hätten, dass wir für sie eröffnen, und als wir das Angebot bekommen haben, waren wir absolut aus dem Häuschen. Wir haben wirklich Glück, dass jede einzelne Band, mit der wir getourt sind (ALCEST, COILGUNS und jetzt HEALTH), Bands sind, mit denen wir tatsächlich wirklich touren wollten und die sich wie perfekte Matches zu dem anfühlen, was wir machen. Großer Shout-out an sie alle, dass sie uns und unserer Weirdness eine Chance gegeben haben.
Zum Schluss ein kurzes Brainstorming – was fällt dir zu den folgenden Begriffen ein:
Drogen: Wenn sie grün sind, rauche ich sie alle
Dein derzeitiges Lieblingsalbum: PREWN – „System“
Klimawandel: Teil der Horror-Show der Gegenwart
Record Store Day: Die reinste Definition von „Ich will es mögen, aber …“
Spotify: Ich glaube, ich habe bei der letzten Frage zu früh gesprochen
DOODSESKADER in zehn Jahren: wahrscheinlich die schlechteste Reggae-Band der Welt
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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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