Review Doodseskader – The Change Is Me

Wie viel Arbeit wirklich in einem Album steckt, kann wohl nur beurteilen, wer schon mal eines geschrieben und aufgenommen hat. Wie viel es also braucht, um all diese Arbeit einfach zu verwerfen, ist ebenfalls nur schwer zu begreifen. Und doch hört man beim nunmehr dritten Album von DOODSESKADER aus Belgien eigentlich bereits Album Nummer 4: Nachdem sie ein Dreivierteljahr mit den Arbeiten am vierten Teil ihres Jahres-Zyklus investiert hatten, verwarf das Duo das fertige Resultat vollständig: Statt weiter ihre „Reise zur Selbstverbesserung“ zu dokumentieren, erschufen DOODSESKADER in einem einwöchigen Kreativprozess „The Change Is Me“ – von Diana Lungu in der Dokumentation „Now I Know You See Me“ festgehalten.

Natürlich geht von verworfenen Alben per se eine Faszination aus: Was haben DOODSESKADER da wohl geschrieben, wie hätte man das für nicht adäquat erachtete Material als Fan wohl gefunden? Diese Fragen bleiben für’s Erste, ja, vielleicht sogar für immer unbeantwortet. Aber wie auch immer das Album geklungen haben mag: Mit „The Change Is Me“ ist DOODSESKADER ein mindestens genauso hörenswertes Album gelungen. Wenn …

… ja, wenn man musikalisch aufgeschlossen durch die Welt geht. Denn „The Change Is Me“ ist vieles, aber sicher kein Metal-Album geworden. Waren bereits die Vorgänger-Alben stark von Synthesizern und Rap-Influences geprägt, prägen diese das neue Album nun maßgeblich: Hinter dem kafkaesk gruseligen Cover steckt ein extrem eigenwilliger, aber eben auch extrem starker Mix aus düster-sludgigem Bass, catchy 90s-Synth-Melodien und Trap-Beats, begleitet durch Gesang, der zwischen Rap und Dream Pop chanchiert – aber auch vor vereinzelten Screams nicht zurückschreckt. Gleich der Opener „Glass Mask On“ präsentiert sich als absolut logische und doch faszinierend wilde Mischung aus so ziemlich all diesen Elementen. Spätestens aber das darauf folgende „Celebrity Culture Simp Farm“, das in allen Aspekten nochmal extremer ist – schöner, verstörender, lieblicher, schroffer, schillernder, düsterer – ist ein Gatekeeper: Wer sich von diesen zwei Songs nicht zumindest getriggert fühlt, tiefer in die Welt von DOODSESKADER einzutauchen, kann das Experiment an dieser Stelle guten Gewissens beenden.

Um die ganze Bandbreite von DOODSESKADER zu fühlen, bedarf es dennoch mehr als nur einer Handvoll Durchläufe. Tatsächlich ist der Stilmix wild, und so manches Element, so mancher Sound insbesondere für Metal-trainierte Ohren schwer einzuordnen. Und so manches Mal wirkt eine an sich tolle Idee, etwa eine Melodie, auch nicht bis ins letzte Detail ausgearbeitet und in Szene gesetzt. Grade dieses rohe, unvollendete gibt „The Change Is Me“ aber eine Authentizität und Frische, wie man sie bei vielen „perfektionierten“ Alben vermisst: Perfektioniert ist eben auch nicht immer perfekt.

Ein Faible für elektronische Musik, aber auch avantgardistische Stilmixes ist unerlässlich, um DOODSESKADER auf ihrem Weg des Wandels zu folgen. Wer aber schon immer auf der Suche nach einem kruden Verschnitt aus dem elektronischen Avantgarde Dark Metal von EMPTINESS und dem Alternative Industrial Rock von EMIGRATE, gemischt mit dem düsteren Dark Pop/Post-Punk von CROWN (beziehungsweise deren Nachfolgeprojekt YOUR INLAND EMPIRE) und dem ungezämten kreativen Willen einer „Roadburn-Band“ war, wird bei DOODSESKADER fündig.

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Wertung: 8 / 10

Moritz Grütz

Publiziert am von

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