Interview mit Fjørt

Mit ihrem neuen Album „Kontakt“ haben die drei Jungs von FJØRT im Januar 2016 ein wahres Post-Hardcore-Manifest veröffentlicht und sind spätestens jetzt auf den Schirmen der großen Medienerzeugnisse gelandet. Vor ihrer Show in München trafen wir uns mit den drei sympathischen Aachenern. Lest hier, was Chris, David und Frank über das Konzept hinter „Kontakt“ zu sagen haben, wie es sich anfühlt, stetig größere Hallen zu bespielen und wie wichtig ausreichend Zeit für Songwriting ist.

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Gestern habt ihr in Österreich gespielt, oder?
David: Ja, genau. In Luschtenau. (er betont das s in Lustenau wie ein sch, Anm. d. Red.)

Luschtenau, sagt man das da so?
David: Wenn wir im Süden, in der Schweiz und Österreich sind, dann versuchen wir immer ganz schlecht, uns der Sprache anzupassen. Und das klingt für uns irgendwie österreichischer, wenn wir Luschtenau sagen. (lacht)
Chris
: Spracherli.
Frank: Ja, das war auch ein sehr schönes Venueli. Guter Sounderli und nette Menscherli.
David: Moshpitli und Stagedivli. Circlepitli. Die haben nur einen Moment kurz gezögert und sind dann alle wie wild auf die Bühne gesprungerli. Und dann wollten sie Autogrammerli, und Unterschreiberli hatten die auch alle dabei. Und in den Betterli von dem Venueli durften wir schlafieren.
Frank: Im Hosteli. (alle lachen)
David
: So, wieder back to the roots, wir sind ja heute in München!

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Wieder“ trifft es sehr gut; wir haben ja vor ziemlich genau einem Jahr schon einmal hier miteinander gesprochen, als ihr als Support für Funeral For A Friend unterwegs wart. Was hat sich in diesem Zeitraum alles bei euch getan?
David: Nach außen hin ist nicht sonderlich viel passiert, aber nach innen dafür umso mehr. Wir haben ja relativ viel Zeit gehabt, um an unserer Platte zu doktern. Nach der Tour mit Funeral For A Friend haben wir ganz bewusst gesagt, dass wir nicht mehr viel unterwegs sein möchten, sondern uns ganz auf die Platte konzentrieren. Das heißt: Wir saßen das letzte Jahr viel im Proberaum, haben Songs geschrieben, das Album auch selber schon vorproduziert und schließlich aufgenommen.

Fjort 02Ihr habt nach „D’accord“ das Label gewechselt und seid nach This Charming Man nun beim Grand Hotel van Cleef gelandet. Das stellt ja auch eine Parallele zu Escapado dar, die für ihr zweites Album damals nach Zeitstrafe mit dem GHvC zusammengearbeitet haben. Was waren eure Gründe dafür?
David: Wir halten eigentlich immer allen Leuten die Treue, die diesen Weg mit uns gehen. Aber bei Labels ist es oft so ein Trademark-Ding. Paul hat unsere erste Platte damals auf Tough Love Records rausgebracht, This Charming Man war für die „D’accord“ einfach großartig und jetzt sind wir während der Zeit des Songwritings von sehr vielen Labels kontaktiert worden, was wir denn gerade so machen und wo wir unter Vertrag stehen – und eines dieser Label war eben das Grand Hotel van Cleef. Das ist einfach ein Label, zu dem wir eine recht persönliche Verbindung haben, weil eine unserer recht großen Vorbildsbands aus Aachen beim Grand Hotel war. Gleichzeitig mögen wir auch die Vorgehensweise sowie die Stadt und das ganze Surrounding sehr.
Sprich, wir hatten die Möglichkeit die neue Platte noch bei This Charming Man rauszubringen, aber das Grand Hotel ist dann doch das etwas größere Label, auf das du schon immer auch so ein bisschen schielst. Zusätzlich kommt dann noch die Erfahrung von Bands wie Escapado dazu, die uns geprägt haben. So gab es schließlich ein Gespräch mit This Charming Man, dass wir das Album gerne mit dem Grand Hotel machen würden. Das war kein sehr leichtes Gespräch, so ein bisschen wie mit einer Freundin Schluss machen, aber der Chef hat das super aufgenommen und meinte dann, er findet das super, meinte, dass wir unseren Weg gehen sollten und ja auch nur eine Platte ausgemacht war. Klar hätte er gerne auch die nächste gemacht, aber er versteht das total. Das Verhältnis ist immer noch mega, was wir total schön finden und im Endeffekt ist es ja nur ein Stempel, der da drauf ist.

Ich verbinde das GhvC ja immer noch mit deutschem Indierock, von dem Escapado sich damals schon sehr unterschieden haben. War das auch ein Argument für euch, diese Sonderstellung?
David: Klar, das ist total schön, wenn man da so heraussticht. Wir finden auch die Entstehungsgeschichte des Labels total schön, als Wiebusch und Uhlmann was veröffentlichen wollten, das dann niemand herausbringen wollte und sie das selber gemacht haben; diese ganze DIY-Attitüde eben. Dann gab es da mit „…But Alive!“ noch eine ganz wichtige Band und wir sind auch sehr große Fans von Kettcar und Tomte. Aber ja, wir haben da schon einen kleinen Exotenstatus. Mich hat das auch gewundert, dass das Grand Hotel das machen wollte. Ich mein, wir reden immer noch von Schreimucke, von Spartenmusik. Für uns ist das wirklich eine wahnsinnige Ehre.

Ihr spielt seit vier Jahren zusammen; habt ihr denn schon von Leuten gehören, die euch als Vorbilder nennen?
Chris: Nicht so aktiv. Es gibt Bands, die uns anschreiben, wie wir unseren Sound machen oder die uns schreiben, dass sie uns super finden, was uns richtig freut. Aber so wirklich als Vorbilder? Nein.
David: Was wir schon merken ist, unabhängig von FJØRT, ist, dass der Bereich härterer Rockmusik und individueller Rockmusik in Deutschland mehr Akzeptanz findet als noch vor zwei Jahren. Es kommen viele neue Bands, alte Bands kommen wieder, die Konzerte sind besser besucht – das ist nicht mehr dieses Punk Is Dead, was da mal so hochgekocht ist. Und das ist super geil, weil wir selber gerne Konzerte besuchen und die Musik halt spitze finden, nicht nur unsere eigene Mucke. Aber das werden wir nicht beeinflusst haben, sondern die Leute sind es einfach Leid, Elektro zu hören.

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Ihr stecht ja auch durch eure intelligenten und poetischen deutschsprachigen Texte heraus. Was ist denn denn der Grund dafür, dass ihr in dieser Sprache singt?
Chris: Ja, das kommt in diesem Genre nicht so oft vor, auch wenn das in letzter Zeit zunimmt, was ich ziemlich cool finde. Wir haben ja schon lange vor FJØRT Musik gemacht und damals haben wir alle nur englische Texte geschrieben, sowohl ich bei meiner Band als auch David bei seiner Band. Letzten Endes ist der Reiz, auf Deutsch zu texten, sehr groß, da es für uns so viel mehr Möglichkeiten gibt, uns auszudrücken. Auf Englisch kannst du noch so gut sein, aber du weißt halt nicht, ob dir ein Native Speaker sagen wird, dass das alles korrekt ist. Und du kannst in einer anderen Sprache als deiner Muttersprache auch echt schwer anfangen, Sätze zu kürzen und Wortspielereien und ironische Anspielungen einzubauen, weil zumindest ich des Englischen nicht so gut mächtig bin. Aber ich liebe es einfach, solche Dinge zu tun und mich in Sprache auszutoben. Auf Deutsch weiß man einfach besser, was man tut und wie man sich ausdrücken möchte, sei es live oder auf Platte. Die Zeilen bleiben so einfach viel besser bei den Leuten hängen. Wenn ich mir jetzt zum Beispiel Architects anhöre, dann feier ich, wie mir das ins Gesichts knallt, aber nehme erst beim siebten Hören das Booklet in die Hand und schau, was da genau gesungen wird. Und das möchten wir halt nicht. Wir möchten, dass das beim Hörer direkt ankommt, weil uns die Texte und die Inhalte, die wir damit transportieren möchten, sehr sehr wichtig sind.

Fjort - KontaktDas bringt uns direkt zu „Kontakt“, eurer neuen Platte. An dieser Stelle noch einmal Glückwunsch dazu, das Album ist wirklich großartig geworden. Auch wenn man immer erkennt, dass ihr das geschrieben habt, finde ich die Texte dieses Mal ein wenig anders, vielleicht direkter und auch politischer. Was war denn dieses Mal die Intention hinter euren Texten?
Chris: Ich glaube die Intention war, wie bei den anderen Platten, Sachen einfach unbeschönigt rauszubrüllen. Egal, was das für Themen sind. Das sind oft persönliche, zwischenmenschliche Sachen, die dann möglichst so beschrieben werden sollen, dass man nicht weghören kann, immer negativer Natur, weil wir keinen Elan haben, über fröhliche Dinge zu singen. Aber wir verstehen uns nicht als politische Band. Letzten Endes schreiben wir über alles, was uns bewegt und wenn es etwas gibt, was so offensichtlich falsch läuft, dann müssen wir auch darüber schreiben.
David: Es gibt diese Künstler, die mit Musik viel Geld verdienen und ein halbes Jahr oder ein Jahr lang auf ihrer Almhütte leben, was voll geil ist. Die schauen dann raus, sind in der prallen Natur und von der Außenwelt total abgeschirmt, bis auf ihre Promotermine – und dann gehen diese Künstler ins Studio, schreiben eine Platte und bringen diese Platte raus. Da gehen dann 90% der Texte über Beziehungen und Liebesaffären und so etwas. Ich glaube, in dem Bereich gibt es auch ziemlich viele Ghostwriter, die das für diese Künstler schreiben.
Aber ich glaube, du kannst immer nur darüber schreiben, was dir im Leben begegnet, auf der Straße und draußen. Und wir sind immer noch Leute, die einfach viel draußen sind, die viel mitkriegen, obwohl wir in einer kleinen Stadt leben. Wir sind sicher auch eine Band, die sich über viele Sachen informieren möchte, so gut es halt geht. Und dann ist die Frage, was passiert in der Zeit, in der die Texte und die Musik entstehen. Natürlich gab es in dieser Hinsicht bei der „D’accord“ auch gesellschaftspolitische Themen, die uns in diesem Moment nicht so ins Gesicht gesprungen sind – was nicht heißt, dass sie nicht wichtig gewesen wären! Aber als „Paroli“ und „Abgesang“ entstanden sind, auf die du wahrscheinlich abzielst, dann muss man bedenken, dass die in einer Zeit entstanden sind, als es gesellschaftlich ziemlich gekippt ist. Als die Akkorde zu „Paroli“ entstanden sind, hatte ich beim Texten Fragmente vorliegen, die das Problem des riesigen Pegida-Aufmarsches in Dresden thematisieren. Ich dachte mir damals, dass das nicht einfach so passieren und nicht so weitergehen darf. Jetzt ist es leider noch viel schlimmer geworden. Uns als Band ist es einfach unglaublich wichtig, da ein Statement abzugeben, dass wir sagen, Faschismus ist einfach niemals ok, auch nicht bis zu einem gewissen Grad, sondern nie. Und wir wollen nicht so sein wie andere Künstler, die die Schnauze halten, weil sie fürchten, Fans zu verlieren. Uns ist es wichtig, ganz klipp und klar zu sagen, bis hierher und nicht weiter, und dass wir keinen Bock haben, dass jemand der solche deutschen Gedanken hegt auf unsere Konzerte geht oder unsere Songs hört. Und die Leute, die kommen, die uns hören, die das erreicht, sollen das weitererzählen.

Danke für dieses klare Statement. Lasst uns doch ein wenig über die Musik auf „Kontakt“ sprechen. Vor einem Jahr habt ihr gesagt, dass „D’accord“ im Vergleich zu „Demontage“ erwachsener geworden ist. Wie würdet ihr den Schritt von „D’accord“ zu „Kontakt“ beschreiben?
David: Es ist nicht mehr so hetzig. „D’accord“ entstand in einer sehr stressigen Phase, als wir nebenbei um die 120 Shows gespielt haben. Das war wirklich bis zur letzten Studiominute stressig. Wir haben sogar im Studio noch an Texten gefeilt, was man eigentlich niemals machen darf, aber wir hatten vorher einfach keine Zeit. „Kontakt“ hatte einfach mehr Zeit und hatte vor allem mehr Haltezeiten, sprich, wir haben einige Fragmente mal einfach liegengelassen, nochmal aufgegriffen, wenn etwas nicht geklappt hat einfach Feierabend gemacht, am nächsten Tag wieder probiert – es gab einfach mehr Variabilität. Insofern: Ich würde wieder sagen, dass es erwachsener geworden ist. Wir haben dann auch mehr auf Sachen wie Verständigkeit des Gesangs geachtet, haben selber vorproduziert, konnten auch mal ein Piano mit rein nehmen und insgesamt einfach mehr ausprobieren. Ich glaube, es ist auch nochmal einen Tacken melodiöser geworden. Das war auch das, worauf wir gerade Bock hatten.

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Apropos Klavier: War das etwas, dass ihr schon länger in eure Musik einbauen wolltet?
Chris: Ich glaube, ich wollte schon länger in irgendeiner Form Klavierspiel auf einer Platte, weil das das erste Instrument war, das ich damals gelernt habe. Meine Eltern haben mich erst ans Klavier gesetzt und erst zehn Jahre später habe ich schließlich eine Gitarre in die Hand genommen. Klavier ist auch mein Lieblingsinstrument, zum Hören. Bei dieser Platte haben wir dann gemerkt, dass das gut passen könnte, also haben wir es einfach mal ausprobiert und gemerkt, dass das dieses Mal eine sehr schöne, sehr runde Sache ist, für die Intros sowie hier und da in die Songs eingesprenkelt. Es hat mich sehr gefreut, dass das geklappt hat. (lacht)

Also sprich, da gab es auch gar keine Diskussion oder ein Drängen von Chris, oder?
David: Es ist ja so, dass dieser ganze Hardcorebereich sehr starr und festgefahren wirkt, und das stimmt auch alles. Es hatten das ja alles, verschieden Metalcore-Breakdowns, tausende verschiedene Hardcorearten – aber wir sind einfach Fan davon, Strukturen aufzubrechen. Das kriegst du durch eine verschiedene Instrumentierung einfach besser hin. Also klar, es gibt auch Bands wie Muse, die dann ein Jahr im Studio sitzen und wahrscheinlich noch die Klobürste aufnehmen, wie die so unten ran schrappt irgendwo. (Alle lachen) Und das sind halt dann auch die Bands wo man sich denkt, woah, wie klingt das denn jetzt? Das ist eben der Faktor Zeit, was man im Studio ausprobieren kann. Vielleicht wird es bei der nächsten noch ein bisschen mehr. Mal sehen.

Ist der Gedanke des Aufbrechens von Strukturen auch der Gedanke hinter dem Cover von „Kontakt“ gewesen?
David: Ich glaube, man merkt schon, dass wir nicht so dieses Standard Hardcore- oder Post-Hardcore-Brett abliefern wollen. Das haben wir noch nie gemacht. Was man erwarten würde, ist ja das da alles schwarz ist. Wir hatten auch in der Tat schon ein Cover in diese Richtung geplant, auf dem die gesellschaftlichen Bedrängnisse ein bisschen dargestellt werden sollten, alles eher dunkel gehalten und bedrohlich. Als wir uns das im Nachhinein angeschaut haben, dachten wir uns nur, ja toll, das geht da rein und da wieder raus und so wollen wir nicht wahrgenommen werden. Das war dann der Punkt, als wir uns nochmal gefragt haben, worum es auf dieser Platte eigentlich geht. „Kontakt“ handelt von Zwischenmenschlichkeit, Gesellschaftskritik, davon, sein eigenes Glück zu finden oder zu hinterfragen, wie man dorthin kommen kann. Dann haben wir dieses Photo im Bekanntenkreis gefunden und das war einfach Wahnsinn. Was das alles aussagt! Das zeigt ein Gefühl, was du durch Schauspieler und durch gestellte Szenen einfach nicht darstellen kannst, ein Gefühl, das an einem bestimmten Punkt im Leben ausgedrückt wird, das da einfach gut ist und da auch hingehört. Und das war einfach die perfekte Ambivalenz zu dieser Platte. Das Label fands geil und unser Manager hat mich ungefähr eine halbe Stunde, nachdem ich es ihm geschickt hatte, um halb sieben in der Früh oder so, angerufen und gefragt, ob wir ihn verarschen wollen. Aber es hat vielleicht eine Viertelstunde gedauert, dann hat er gecheckt, was da dahinter steckt. Leute können uns gerne dafür scheiße finden, das ist ja völlig in Ordnung, das ist ja wenigstens eine Meinung. Aber für uns passt das einfach komplett zum Kontext.

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Das klingt ja schon alles ziemlich durchdacht und kohärent. Wie spielen denn Musik und Text für dieses Konzept zusammen, auch im Entstehungsprozess? Was beeinflusst welchen Aspekt?
David: Ich glaube, das ist so Hälfte Hälfte, oder?
Chris: Man hat immer schon konkrete textliche Ideen, die man loswerden möchte, und sucht dann sozusagen den richtigen Wirt-Song, das richtige Songskelett, wo der Text reinpasst. „Paroli“ war so ein Song, der klang nach Krieg, Wut und Engstirnigkeit, da hat das einfach wie die Faust aufs Auge gepasst. Bei „Abgesang“ war das ähnlich: Ich hatte Ideen und Fragmente und schon lange den Wunsch gehabt, etwas über religiösen Fundamentalismus auf Papier zu bringen. Dann haben wir die Musik geschrieben und das klang total nach Friedhof, das musste einfach so sein. Die Musik gibt einem schon die Stimmung vor, man muss es dann aber so zusammensetzen, dass es ineinandergreift.

Was die Texte betrifft, hätte ich noch eine Frage, die ihr aber nicht beantworten müsst, falls sie zu persönlich ist: Die Textzeile „4 mal 8 Meter“, die auch schon auf „Demontage“ zu hören war, taucht auf „Kontakt“ wieder auf. Was hat es damit auf sich?
Chris: Da hast du aber gut aufgepasst. (lacht)
David
: Das hat mich gestern auch schon jemand gefragt.
Chris: Der Song schlägt auf jeden Fall thematisch in eine ähnliche Kerbe und ich hab lange nach einer Formulierung gesucht, die dasselbe ausdrücken kann, bis ich mir dann dachte, ok, ich nehme einfach dieselbe Formulierung.
Frank: Ja, die ist ja auch von dir.
Chris: Ja, und es passt halt einfach perfekt in dem Kontext und ist so ein schönes kleines Easter Egg. Ich fand das auch selber schön, in diesem Augenblick noch mal auf alte Sachen zu referenzieren.

Sprechen wir doch noch ein bisschen über die Tour. Inklusive dem heutigen Abend sind es ja nur noch vier Shows…
Frank: Ja, das ist wirklich rasend schnell vorbei gegangen.

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Ihr spielt in den meisten Städten in deutlich größere Locations als auf der letzten Tour. Wie fühlt sich das an?
David: Ja, das ist wirklich krass explodiert, auch was die Interaktion mit dem Publikum angeht. Dieses Mal war Berlin ausverkauft, Dresden ganz kurz davor und überall sind um die 300 Mann in den Läden gewesen, die dir von der ersten Minute an die Texte entgegen gebrüllt haben. Jede Band, die dir sagt, dass einen das nicht mitnimmt, lügt einfach. Klar, es ist eine genau so geile Show, wenn man vor 20, 30 Leuten spielt, aber vor so vollen Hütten fühlt es sich einfach anders an, es besteht ein ganz anderes Gefühl zwischen Publikum und Band. Und es ist natürlich unfassbar geil, dass so viele Menschen kommen.
Ich sag immer, um auch das Verhältnis zwischen Veranstalter und Band zu beleuchten: Wir haben seit der „Demontage“ sehr sehr viele Shows gespielt und waren total glücklich, dass Leute überhaupt Konzerte veranstaltet haben. Da kamen kaum Leute, wir haben dann noch auf der Couch von jemandem gepennt und das war auch Arbeit für die Leute. Man hat 50€ für den Tank bekommen, was nicht gereicht hat, aber das ist egal, weil es kamen halt nicht genügend Leute.
Frank: Wir hatten Frühstück, wir hatten Essen, das war super.
David: Und jetzt ist es so: Du kommst in die Stadt und der Veranstalter macht seinen Schnitt, wir können unsere Leute für Sound und Licht bezahlen – das ist einfach cool. Es ist ein größeres Team, eine größere Reisegruppe und wir haben super viel Spaß zusammen. Aber weißt du, gestern waren in Luschtenau 50 Leute in einem 250-Leute-Laden. Es war Sonntag und es war die einzige Show auf unserer Tour, wo so wenig los war. Das war schon ein anderes Kaliber. Also klar, du machst deine Show wie immer, aber…
Frank: Die Energie ist einfach anders.
David: Aber wir wollten das ja dieses Mal auch, ein bisschen mehr nach Süden, wo wir wissen, dass es zuschauermäßig ein bisschen schwieriger werden könnte. Aber heute ist ja auch ein absoluter Selbstläufer. Auch wenn München ja sonst gerne mal ein bisschen schwierig ist. Zumindest haben viele Bands Angst davor. (lacht) Auf jeden Fall hat jede Band immer ein bisschen Respekt vor der Stadt.
Chris: Ob des a Gaudi wead? (alle lachen)

Als Support habt ihr wieder „We Never Learned To Live“ dabei. War das euer Wunsch oder hat es sich vom Label aus angeboten?
Chris: Wir waren ja vor zwei Jahren schon einmal gemeinsam auf Tour und es war für uns dieses Mal auf jeden Fall ein Herzensding. Wir haben die Jungs damals kennengelernt und das sind super liebe, total bodenständige Menschen, die einfach extremst schöne, atmosphärische Musik machen. David hat sie dann angerufen, ob sie Lust haben 15 Tage mit uns auf Tour zu gehen und sich erstmal schön eine Grippe einzufangen… (lacht) Sie meinten dann, dass sie total Bock hätten und damit war die Sache geritzt. Sie sind ja jetzt auch auf Pauls Label, „Tough Love Records“, und Paul ist auch dabei auf Tour dieses Mal und verkauft Merch. Es ist einfach total schön, dass sich der Kreis somit schließt.
David: Das soll jetzt gar nicht arrogant klingen, aber wir wissen, dass es gerade funktioniert, dass viele Leute kommen in den Städten und dass man Bands, die wir sehr sehr geil finden, aber die hier noch keine Sau kennt, jetzt auf die Bühne stellen und ihnen ein Forum geben können. Das Geile ist, dass die Leute auch echt früh kommen und We Never Learned To Live auch vor vollem Haus spielen können. Und das merkt man von ihnen einfach so dankbarkeitsmäßig, da kommt so viel zurück, und sie verkaufen auch unglaublich viel Merch. Die Leute finden das geil und das war ja auch der Sinn dahinter.

Wie ist es jetzt mit einem Album mehr, die Setlist für eure Konzerte zusammenzustellen?
Chris: Schwierig. Sehr schwierig. Wir haben das Set auf dieser Tour schon drei Mal umgebaut und man hört trotzdem jeden Abend von einem anderen Song, den man nicht gespielt hat. Wir spielen jetzt um die 70 Minuten jeden Abend, was für Hardcore schon echt lange ist, vor allem bei dem Sound und der Lautstärke, die wir fahren. (lacht) Man kann halt leider nicht jeden Song spielen. Man muss viel cutten und viel vom neuen Album spielen, aber auch ein paar alte Perlen mit rein packen. Aber egal, wie oft man es versucht: Song X wird immer fehlen, das ist immer das Gleiche.

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Und wie ist es für euch persönlich? Gibt es auch Songs, die ihr einfach nicht mehr spielen wollt?
Chris: Eigentlich nicht. „Kleinaufklein“ von der „Demontage“ haben wir jetzt, soweit ich weiß, auf jedem einzelnen Konzert gespielt, das wir jemals gespielt haben. Der Song wird trotzdem nicht langweilig. Bisschen mal den, mal den spielen – Abwechslung ist ja auch schön. (lacht)
David
: Einen Song haben wir dann aber doch mit reingenommen, weil Leute wirklich auf jeder Show kamen und ihn hören wollten. Das Ding war, wir hatten den halt einfach nicht geprobt. Wir haben das dann beim Soundcheck irgendwie eingeübt, ich hab mir sogar noch die Tabs von zu Hause schicken lassen, weil ich nicht mehr wusste, wo ich meine Finger da auf dem Bass abstelle.
Frank: Den hatten wir wirklich das letzte Mal im Studio gespielt.
David: Jetzt kann man erkennen, dass es sich um den Song handelt. (Alle lachen)

Wie sehen denn eure Pläne nach dieser Tour aus?
David: Also kreativ sind wir jetzt erst einmal durch. Ich kann mich jetzt nicht hinsetzen und ein neues Album schreiben. Wir spielen jetzt diese Tour und dann wird es ein bisschen ruhiger. Es sind schon einige Festivals gebucht für den Sommer, was uns wirklich super krass freut, auf gewissen Festivalbühnen stehen zu dürfen, bei denen man vor zwei Jahren noch gesagt hätte, dass das nie passieren wird. Dann wird es noch eine Herbsttour geben und vielleicht Ende des Jahres ein paar kleine Sachen, das wissen wir noch nicht. Aber nach dem Bumms muss jetzt auch mal Ruhe sein, mal wieder ein bisschen runterkommen.
Chris: Mal nen Schal anziehen.
David: Oder nen Film kucken.
Frank: Bisschen Miete verdienen gehen. Der Jahresurlaub ist jetzt quasi durch.
David: Diese Tour ist ja auch Erholung pur. (Alle lachen)