CD-Review: Fjørt - Couleur

Besetzung

Chris Hell – Gesang, Gitarre
David Frings – Gesang, Bass
Frank Schophaus – Schlagzeug

Tracklist

01. Südwärts
02. Couleur
03. Eden
04. Mitnichten
05. Raison
06. Windschief
07. Fingerbreit
08. Magnifique
09. Bastion
10. Zutage
11. Karat


FJØRT sind rastlos. Dass die Band aus Aachen in letzter Zeit nur sehr wenige Konzerte gespielt hat, resultiert Ende 2017 in „Couleur“, ihrem dritten Album innerhalb von drei Jahren. Der mitreißende und eigenständige Post-Hardcore der drei Musiker entwickelt sich parallel zu dieser Geschwindigkeit rasend schnell weiter und erhält immer mehr Nuancen. Die direkte, krachige EP „Demontage“ wurde vom treibenden „D’accord“ abgelöst, das wiederum ins politischere, in seiner Härte eingängigere „Kontakt“ mündete. „Couleur“ ist gleichzeitig sperriger und eingängiger sowie ruhiger und härter und das bisher in sich stimmigste FJØRT-Album.

Die programmatische Ansage für „Couleur“ ertönt bereits im Opener: „Rückwärts war nie vorgesehen!“ Zwar ist auch das dritte Album der Band aus Aachen unverkennbar FJØRT, unterscheidet sich aber dennoch in einigen Bereichen vom bisherigen Output der drei Musiker. Gerade im Vergleich zu den beiden Vorgängern verzichten FJØRT auf „Couleur“ weitestgehend auf Ausbrüche in schnellere, punkigere Gefilde. Dadurch entsteht in einigen Momenten der Eindruck von Gleichförmigkeit, den die drei Musiker allerdings durch mitreißendes Songwriting ausgleichen können. Dazu trägt sicherlich auch ihre schier berstende Intensität bei.

Die fette Produktion steht dem melodischen, vertrackten Sound hervorragend zu Gesicht. Wütende Post-Hardcore-Brecher wechseln sich immer wieder mit ruhigen, teilweise im Post-Rock angesiedelten Momenten ab. Melancholische, eingängige Melodien treffen auf brachiale Wall of Sounds und heftige Schlagzeugattacken, was „Couleur“ trotz seines Mid-Tempo-Charakters eine abwechslungsreiche Dynamik verleiht. Das beste Beispiel für die Kombination all dieser Aspekte ist der Titeltrack, mit dem FJØRT ein wahres Meisterstück gelingt. Die Synthietöne in „Eden“ sowie das melancholische Klavier in „Zutage“ sind zwar stimmig in die Songs integriert, wirken allerdings etwas gewollt. In dieser Hinsicht besitzen FJØRT noch Potenzial.

Textlich ist „Couleur“ das bisher überzeugendste und stimmigste FJØRT-Album. Ihr Plädoyer für Meinungsfreiheit im Titeltrack sowie der Fokus auf zwischenmenschliche Kommunikation, um stumpfes Schwarz-Weiß-Denken zu vermeiden, betonen auf „Couleur“ permanent das Politische des Privaten. Mit dem ruhig-aggressiven „Raison“ setzen FJØRT „Paroli“ vom Vorgänger „Kontakt“ fort und positionieren sich weiterhin gegen den weltweiten gesellschaftlichen Rechtsruck. Dass FJØRT auf „Couleur“ verstärkt auf das Wechselspiel zwischen Davids und Chris‘ Gesang setzen, erzeugt trotz ihrer ähnlichen Stimmlagen eine intensive Dynamik.

FJØRT können offensichtlich nicht enttäuschen. Mit „Couleur“ liefert die Band ein weiteres umwerfendes Album ab, das zwar an einigen Stellen noch mehr Abwechslung vertragen könnte, allerdings vor Intensität, wunderschönen Melodien, Leidenschaft und Emotionalität nahezu platzt.

Bewertung: 8.5 / 10

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2 Kommentare zu “Fjørt – Couleur”

  1. hypnos

    zu dem angefügten Video:
    die gute Musik wird leider durch die für mich abgrundtief miesen Vocals nach unten gezogen.

    nebenbei bemerkt: was ist an einem gesellschaftlichen Rechtsruck falsch, wenn diese doch die Gesellschaft nach jahrelangem Linksdrift endlich wieder in die Mitte zurück bringt?

  2. Sarah Punke

    Ich denke, dass das Prinzip des Gleichgewichts in physikalischer Belange echt sinnvoll ist, aber diese Argumentation auf die politische Ebene zu hieven, empfinde ich als unglückliches und letztlich auch fatales Beispiel.

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