Interview mit Maik Weichert von Heaven Shall Burn

Zwei lange Jahre mussten sich ihre Fans gedulden, doch nun sind HEAVEN SHALL BURN wieder da. Und wie: Nicht nur, dass die Thüringer mit einem Film im Kino zu sehen waren, sie haben auch mal eben ein Doppelalbum mit 100 Minuten Spielzeit geschrieben. Grund genug für uns, Gitarrist Maik Weichert ans Telefon zu holen und mit ihm über „Of Truth And Sacrifice“, die Bandpause, ihren Film und „den Osten“.


Hallo – lebt ihr alle noch?
Ja, ich denk schon. (lacht)

Lass und ganz aktuell beginnen: Habt ihr durch die gegenwärtige Situation mit CoVid-19 mehr oder weniger Stress als Band?
Ja gut, für mich ist es jetzt kein großer Unterschied. Ich geb den ganzen Tag Interviews, was in der Promophase natürlich so ist. Aber weniger Stress ist es nicht. Denn was man irgendwo an Zeit spart, dass wird dann durch irgendwelche Unwägbarkeiten wieder aufgebraucht.

Eure geplante Club-Release-Tour kann nun nicht wie geplant stattfinden – hat das für euch als Band konkrete Folgen?
Was heißt konkrete Folgen? Natürlich. Wir sitzen jetzt als Band zu Hause und waren natürlich heiß drauf, endlich mal wieder loszulegen und zu spielen. Dass das nicht stattfindet, das ist schon … ja, schon ein Nackenschlag. Rein monetär ist das aber kein so großes Problem, weil es ja nur kleine Shows waren. Aber für die Stimmung – besonders wenn man gerade wieder loslegen will, wir haben je gerade zwei Jahre Pause gehabt – ist das schon so, dass man sich an den Gedanken erst einmal  gewöhnen muss. Es ist einfach sehr, sehr schade.

Viele andere – vor allem deutlich kleinere Bands – haben durch Tourausfälle massive Probleme und verkaufen ihr Tourmerch jetzt online, um die Verluste zu kompensieren. Von euch war da bisher nichts zu sehen. Wie kommt’s?
Naja, wir hatten das schon so aufgestellt, dass wir relativ kurzfristige Drucktermine hatten. Es war ja auch irgendwie abzusehen, dass noch nicht ganz klar ist, ob das stattfinden kann oder nicht. Deshalb haben wir da nicht so viel vorproduziert. Aber auch um Bands die Möglichkeit zu geben, die das grad noch nötiger brauchen als wir, wollen wir da jetzt nicht auch noch mit der Masche reingrätschen. Es kann sein, dass Impericon demnächst mal ein paar Girlies oder so für einen guten Zweck vertickt, mal sehen. Aber bis jetzt hatten wir uns dagegen entschieden, weil es natürlich Bands gibt, die das grad nötiger brauchen.

Wie kam es dazu, dass ihr – wie schon beim vorherigen Album „Wanderer“ – wieder eine ganz kleine Releasetour in Clubs angesetzt hattet?
Wir waren ja jetzt zwei Jahre lang nicht mehr unterwegs, da muss man erstmal wieder reinkommen. Da ist es was anders, ob du in einem schönen kleinen Club spielst, oder ob du auf einer Bühne vor 4000 Leuten stehst. Man muss ja erst einmal wieder in das Feeling reinkommen. Und dann spielt es auch eine Rolle, ob du große Festivals bestätigt hast. Dann kannst du natürlich nicht ein paar Wochen vorher ein paar Tausender-Hallen bespielen. Das ist auch rein Business-mäßig nicht möglich, das muss man auch zugeben.


Noch ist nichts bekannt und hängt sicher gerade auch in der Schwebe, aber kannst du schon etwas über weitere – sicher auch größere Touren – sagen, auf die wir gespannt sein dürfen? Nach der Wanderer Clubtour wart ihr im Herbst ja immerhin mit Korn unterwegs …
Nein, da ist noch nichts spruchreif. Da sind wir wirklich gerade im Prozess, mit Leuten zu reden und so weiter. Da kann ich dir leider noch nichts erzählen.

Dann würde ich gern kurz mit dir über die Bandpause sprechen, die ihr gemacht habt. Wie lange vor der Pause hat sich denn intern abgezeichnet, dass ihr mal zwei Jahre Ruhe macht? War das eher spontan oder länger angekündigt?

Ach, das weiß ich gar nicht mehr. Im Ernst, da kann ich mich nicht dran erinnern. Es gab da keinen Marketing-Masterplan oder so etwas. Das hat sich so einfach richtig angefühlt und ich glaube wir haben da nicht so lange vorher drüber nachgedacht. Viele Bands leben ja wirklich in einer Art Fünf-Jahres-Plan, das ist bei uns definitiv nicht der Fall. Aber wie lange der Gedanke bei uns vorher umging, kann ich wirklich nicht sagen.

Hattet ihr vorher überlegt, wie lange die Pause dauern soll?
Wir hatten schon gesagt, dass es mindestens zwei Jahre sein sollen, klar. Aber wäre das Album jetzt erst später fertig geworden, dann hätten wir natürlich erst später wieder losgelegt.

Wie lange war denn komplett Ruhe, ehe ihr wieder gespielt, geprobt oder geschrieben habt?
Das ging relativ zeitig wieder los, allerdings gar nicht so sehr beabsichtigt. Ich hatte nur einige ganz coole Riffs auf Lager und wollte die einfach beim Alex – also unserm andern Klampfer, der die Platte produziert hat – mal aufnehmen. Einfach damit ich die nicht vergesse. Und dann ging es irgendwie relativ schnell. Von dem Tag an, als ich das aufnehmen wollte, sind wir eigentlich gar nicht wieder weggekommen aus dem Studio. Das war ganz komisch. Hip Hopper würden sagen: „Wir waren da in so einem Flow“. Das war schon eine interessante Situation. Einfach dieses Vorhaben, Pause zu machen und nichts im Hinterkopf zu haben, keine Deadlines und nichts – schon allein dieser Entschluss hat so viel Rechenkraft in unserem Kopf aktiviert, dass wir da wirklich gut unterwegs waren. Da hat es auf einmal sofort geschnackelt.

Die ganze freigewordene Rechenkraft zeigt sich ja auch an der Länge der neuen Platte – stolze 100 Minuten. Ganz klassisch wie bei einem Doppelalbum in zwei Hälften beziehungsweise Tonträger aufgeteilt. Wann war euch klar, dass ihr gerade ein 100-Minuten-Doppelalbum schreibt?
Das kam, als wir zusammensaßen und ich gemerkt habe, wie viele Ideen da kommen werden. Man merkt ja, ob man gerade kreativ ist und viel kommt, oder ob man voll auf der Bremse steht. Es war wirklich komplett das Gegenteil zu einer Schreibblockade. Dann kam auch relativ zeitig der Titel beziehungsweise die Idee für den Titel auf – „Of Truth And Sacrifice“. Der gibt ja eine Zweiteilung schon so ein bisschen vor. Da war der Gedanke hin zu einem Doppelalbum dann nicht mehr so weit.

Heißt Doppelalbum auch, dass das textlich mit einhergeht und „Of Truth And Sacrifice“ auch ein Konzeptalbum geworden ist?
Rein textlich gibt es da schon Zusammenhänge. Die Songs die auf der „Of Sacrifice“-Platte stehen, sind rein lyrisch schon ein bisschen reflektierter. Sie befassen sich mit Verlusten und mit Opfern und derartigem, wohingegen die „Of Truth“-Platte schon eher eine Kampfansage und eine Ermutigung ist. Lyrisch kann man das auseinanderhalten, rein musikalisch steck da aber kein Konzept dahinter, welche Songs auf welcher Seite der Platte gelandet sind.

Wobei ihr ja durchaus einige neuere Elemente oder Experimente mit eingebracht habt, etwa deutsche Texte in „Übermacht“ oder ganz viele elektronische Einflüsse, wie etwa bei „La Résistance“. Hattet ihr irgendwann Bedenken, dass das zu weit gehen könnte und nicht mehr euer Sound ist?
Das bringt halt die Distanz von einem Doppelalbum mit sich. Du hast da einfach mehr Freiheit für Experimente. Wenn du jetzt eine Platte machst, die nur zehn Songs hat, dann wirst du dich nicht so viel trauen. Du muss ja auch ein paar Standartsongs abliefen – das klingt jetzt so negativ, aber gemeint sind einfach Songs, die deine treuesten Fans begeistern. Da kannst du nicht nur experimentieren. So etwas hasse ich selber als Fan auch, wenn Bands das machen. Insofern traut man sich einfach mehr, wenn es eine Doppel-LP ist.

Also hat die vermehrte Kreativität zu mehr Songs geführt und dadurch zu mehr Mut für Experimenten?
Genau, so kann man das sagen.

Hattet ihr je Bedanken, dass 100 Minuten HEAVEN SHALL BURN auf einen Schlag zu viel des Guten sind, um es auf die Leute loszulassen?
Nein, hatten wir eigentlich nicht. Ich denk, es ist abwechslungsreich genug geworden. Gerade deshalb haben wir uns ja die Zeit und auch den Raum für die Experimente gegeben. Rein HEAVEN SHALL BURN auf 100 Minuten braucht kein Mensch. Da sind 40 Minuten in die Fresse glaub ich cooler, als wenn man das über 100 Minuten streckt. Deshalb ist die Abwechslung da schon wichtig gewesen.

Aufgenommen habt ihr ja alles bei Alex – wie lange habt ihr zusammengehockt, bis alles im Kasten war?
Das kann man gar nicht so genau sagen, weil wir da wirklich ganz easy gekommen und gegangen sind, wie wir wollen. Wir waren da nicht zwei Monate eingesperrt und haben alles aufgenommen. Das ist ja auch das schöne, wenn du dir Zeit nimmst und keine Deadline im Hinterkopf hast. Wenn der Montag nicht klappt, dann kommst du halt am Mittwoch wieder. Das Studio gehört ja unserem anderen Gitarristen Alex und das hatten wir uns für ein Jahr freigeschaufelt. Von daher war das eine sehr, sehr bequeme Situation für uns.

Ist dieses relaxtere Aufnehmen etwas, was ihr euch in Zukunft gern beibehalten würdet, oder sind Deadlines gelegentlich auch etwas Sinnvolles für euch?
Man hat ab einem bestimmten Punkt schon gemerkt, dass man zumindest mit internen Vorgaben arbeiten muss. Sonst verzettelt man sich im großen Stil. Das ist klar.

Hat sich durch die Pause für euch – abgesehen vom Aufnahmeprozess – noch etwas verändert, an das ihr jetzt anders herangeht oder auf das ihr anders blickt?

Nö, eigentlich nicht. Es hat sich in dem Sinne verändert, dass man noch mehr Bock hat, wieder rauszugehen und zu spielen, klar. Aber wir haben uns ja nicht von irgendwas entfernt, oder mussten irgendwas fixen, oder es war irgendwas blöd, weshalb wir die Pause machten mussten. Im Gegenteil: Wir sind froh, wieder da ansetzen zu können, wo wir vorher gestanden haben.

Trotz allem Neuen klingt die Platte ja auch wieder unverwechselbar nach euch …
Na dann bin ich froh. (lacht)
… denn trotz aller Einflüsse wie Rammstein oder Nine Inch Nails sind ja auch genügend „klassische“ HEAVEN-SHALL-BURN-Songs auf der Platte.
Das sag ich ja! Es sind genug dieser Songs dabei. Es kann sich da jeder ultra-orthodoxe HEAVEN-SHALL-BURN-Fan auch ein „normales“ HEAVEN-SHALL-BURN-Album draus zusammenstellen. Der sollte dann auch glücklich werden.

Gibt es denn ultra-orthodoxe HEAVEN-SHALL-BURN-Fans?
Sicherlich, klar. Man hat immer alles heutzutage, hält ja keiner mehr mit seiner Meinung hinterm Berg. Ist ja aber auch gut so …


Solange es auch eine Meinung ist und nicht nur Geschrei, stimmt das sicher. Wo wir gerade von Geschrei ohne Meinung sprechen: Ihr habt im Vorlauf der Landtagswahl bei euch in Thüringen eine Aktion mit Impericon gemacht und Shirts (in den Farben der BRD-Flagge) rausgebracht – „Keine Böcke auf Höcke“. So wie du lachst, hattet ihr dabei scheinbar viel Spaß?
Ja, war schon ne ganz coole Idee.

Absolut. Wie kamt ihr darauf und warum ist es euch gerade an so einer Stelle wichtig, euch eindeutig zu positionieren? Es gibt ja auch genug Bands, die sagen, Musik ist Musik und Politik ist Politik.
Ja natürlich, klar. Aber wenn man sich als Band so positioniert wie wir, dann sollte man solche Entwicklungen ganz besonders im Auge behalten. Denn wenn solche Leute an die Macht kommen, wird es Bands wie uns nicht mehr geben. Das ist ganz klar.

Wie waren die Reaktionen auf das Shirt? Gab es auch Fans, die sich empört haben, oder ist unter euren Fans mittlerweile hinreichend bekannt, wo und wofür ihr steht?
Den meisten ist das klar. Natürlich gibt es auch welche, die irritiert reagieren. Aber solche hat man dann auch abgefrühstückt. Es ist also auch eine Art … ich sag mal: Freundeskonto putzen. Wenn man solche Ansagen macht, gibt es immer wieder welche, denen nicht bewusst war, wo HEAVEN SHALL BURN steht und was wir für Ansagen machen.


Das war allerdings nicht eure einzige Aktivität während der Pause – ihr habt ja auch noch einen Film herausgebracht. Dieser heißt „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“, lief in diversen Kions und liegt der Mediabook-Edition des neuen Albums bei. Kannst du ganz kurz erzählen, worum es in diesem Film geht?
Die Grundidee des Filmes war, dass die Leute einfach mitbekommen, wie HEAVEN SHALL BURN so tickt. Man soll ganz einfach mitbekommen, was wir für Leute sind, wo wir herkommen, wo wir aufgewachsen sind. Wie war das so, damals, nach der Wende? Das war so die Hauptintention. Und das ist dann verpackt in die Rahmenstory, wie die Platte entstanden ist. Das ist die Grundidee des Filmes. Wenn du den Film geschaut hast, weist du am Ende, wie die Platte entstanden ist und warum HEAVEN SHALL BURN so ist, wie es ist.

War es von Anfang an beabsichtigt, das Ganze als richtigen Film mit entsprechende Laufzeit zu produzieren?
Ja, das schon. Es war nicht beabsichtigt, das in die Kinos zu bringen, es sollte eigentlich Bonusmaterial für die neue Platte sein. Aber da war dann das Interesse daran so hoch, auch durch die Landtagswahlen in Thüringen und so weiter. Wenn man als thüringische Band so einen Titel hat dann hat es wieder Hochkonjunktur, dass alle verstehen wollen, wie das denn so ist im Osten. So war das Interesse da, dass der Film in über 100 Kinos gezeigt wurde.

Es war also auch für euch überraschend, dass das Ganze so groß wurde?
Ja ja, durchaus. War aber natürlich eine positive Überraschung.

Hilft denn das Schauen des Films deiner Meinung nach, „den Osten“ zu verstehen?
Ich denke schon, ja. Es kommt durchaus zur Sprache wie es war, nach der Wende aufzuwachsen und wie sich alles in die verschiedenen Subkulturen auf gruppiert hat und warum viele Leute im Osten Frust schieben, gerade in der älteren Bevölkerung. Ich glaube das kommt schon rüber in dem Film. Also unsere Sichtweise darauf.

Eine kurze Frage noch, bevor du es dann gleich geschafft hast. Du machst (fast) die gesamte Pressearbeit bei euch. Macht dir das Spaß oder hast du eine Wette verloren?
Nein, das hat sich damals so ergeben. Ich schreibe ja auch alle Texte und in Interviews gib es ganz oft auch Fragen zu den Texten. Deshalb habe ich das immer gemacht. Aber ich mache die Interviews nicht nur allein. Unser Sänger gibt auch manchmal Interviews oder wenn wir Interviews in Berlin haben, dann ist Chris – der wohnt ja in Berlin – da meistens auch dabei. Ich bin meistens das Sprachrohr, das stimmt schon. Aber das hat den einfachen Grund, dass ich am besten Auskunft geben kann, wenn es um Texte geht. Es nützt dir als Journalist ja auch nichts, wenn da jemand sitzt und sagt: „Frag Maik“.

Alles klar. Zum Abschluss würde ich gern noch unser Metal1.info-Brainstorming mit dir machen.
Code Orange: Sehr überraschende neue Platte!
Das Umweltpaket der Bundesregierung: Farbe für die Fassade.
Die AfD: ’ne Partei, die die Radikalisierung in ihrer DNA hat.
Das hast du aber sehr gewählt ausgedrückt …  Naja, das ist ja so. Wenn du siehst, wer da mal angefangen hat und wer jetzt mittlerweile dort nach der Macht greifen will, da kommt immer einer, der noch radikaler ist.
Klar, dass kennen wir in Sachsen ja auch zur Genüge. Na gut, in Sachsen gibt’s ja die CDU. Das versteh ich eh nicht, warum da jemand AfD wählt. Stimmt, die sächsische CDU ist die wohl blaueste in Deutschland. Eben, eben.
Jetzt sind wir etwas vom Thema abgekommen. Als letztes noch ganz kurz – HEAVEN SHALL BURN in zehn Jahren: Wir werden auf jeden Fall noch Musik machen, in irgendeiner Art und Weise. Da bin ich mir sicher.

Wunderbar, dann dank ich dir für deine Zeit!
Ich dir auch – Gruß nach Dresden!

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Fotos: Candy Welz

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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