Interview mit Anders Nyström von Katatonia

Eigentlich hätte dieses Interview pünktlich zum Release von „Dead End King“ veröffentlicht werden sollen – aufgrund der Interviewflut, die über Jonas und Anders, die kreativen Köpfe hinter KATATONIA, hereinbrach, verzögerte sich das Ganze so, dass wir die Hoffnung fast aufgegeben hätten. Doch gut Ding will Weile haben, wie sich nun zeigt – nahm sich der Gitarrist dafür nun extra viel Zeit und beantwortete unsere Fragen so ausführlich wie informativ. Doch lest selbst…


Hy Anders! Danke, dass du dir Zeit für dieses Interview mit Metal1.info genommen hast- wie gehts dir?
Es gibt immer Höhen und Tiefen… die Straße ist steinig, und man ist ziemlich damit beschäftigt, den Schlaglöchern auszuweichen… aber alles in allem geht’s mir gut.

Musst du denn alle Interviews beantworten oder habt ihr euch das untereinander aufgeteilt?Ich teile mir die Promotion-Arbeit mit Jonas, aber irgendwie bleibt das Meiste am Ende immer an mir hängen. Ich fänd’s wirklich cool, wenn die anderen auch etwas mehr Pressearbeit übernehmen würden und versuche auch ständig, sie dazu zu überreden, aber irgendwie wirken sie nicht so begeistert von der Idee.
Das ist halt eine zusätzlicher Aspekt, der zum Musikerdasein gehört und mein Standpunkt – auch als Fan – ist: ich selbst lese lieber auch mal Interviews mit den Leuten, die man zwar ständig sieht, aber nie reden hört – einfach, um auch mal ihre ihre Meinung zu so ziemlich allem zwischen Himmel und Hölle zu erfahren – anstatt ständig das vorgesetzt zu bekommen, was der Frontmann immer und immer wieder zu allen Gelegenheiten wiederholt. Das ist doch auch langweilig…

Ist für dich das Beantworten von Interviews also mehr eine Art „Kehrseite der Medaille“ oder etwas, das du magst, weil du den Leuten die Hintergründe eures Schaffens erklären kannst?
Nun, das ist schon eher ein notwendiges Übel und ich denke, ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, mich selbst einige Male zu wiederholen, um eine Message zu vermitteln. Ich denke, es ist schon wichtig, unsere Meinungen und alles, was bei der Produktion eines Albums oder bei Touren für die Leute interessant ist, zu teilen, aber ich will das nicht über-analysieren. Da würde man ja alles bis ins Kleinste auseinandernehmen … das wäre ja dann wie beim Metzger.
Weißt du, wenn es um persönliche Angelegenheit wie zum Beispiel Texte geht, sehe ich einfach keinen Sinn darin, Worte oder Bedeutungen zu erklären, nachdem alles gemacht ist. Wenn ein Album draußen ist, ist unsere Arbeit beendet und wir reichen es an die Welt weiter und sagen „nimm es oder lass es liegen“. Sich eingehend damit zu befassen, die Geschichte weiterzuerzählen oder eben nicht, ist jetzt die Aufgabe des Hörers auf dem Feld, während wir an der Seitenlinie stehen und dafür sorgen, dass der Spaß weitergeht.

Lass uns mal über eure neue Platte sprachen, „Dead End Kings“. Wenn du die CD mit einem Satz beschreiben solltest, wie würde er lauten?
Nun, ihr habt es mit einem Album zu tun, dass dichte, volle Atmosphäre auf ein hartes und dunkles Fundament aufbaut!

Was macht „Dead End Kings“ deiner Meinung nach anders oder sogar besser als eure vorherigen Releases?
Die Entwicklung bzw. Verbesserung in Sachen Sound, Performance und Produktion. Wir haben die Messlatte immer höher gelegt, andererseits fordert das auch immer mehr vom Hörer. Geb dem Album etwas Zeit, höre es vom Anfang bis zum Ende am Stück an und plötzlich nimmt es dich gefangen und pflanzt seinen Samen in deine Seele!

Ich denke, es ist das melancholischste und ruhigste KATATONIA-Album. Stimmt du mir zu?
Nun, die ruhigen Stücke könnten schon das Ruhigste sein, was wir je gemacht haben, aber da gibt es auch ein paar eher harte Songs, die auf der anderen Seite die härtesten Moment beinhalten, die wir je geschrieben haben, also kann ich nicht ganz zustimmen, dass es unser ruhigstes Album ist. Das melancholischste? Ich denke, bei all unseren Alben gehen die Zeiger in den roten Bereich, was das angeht … aber hier würde ich dir schon zustimmen.

Hattet ihr das zu Beginn des Songwritings so vor oder hat es sich sozusagen beim Schreiben ergeben?
Nun, die Wahrheit ist, dass wir mehr Material wie auf „Night Is The New Day“ schreiben wollten, denn wir hatten das Gefühl, dass wir mit dem Stoff noch nicht durch waren und glaubten, dass noch einige Ideen, die dieser Formel folgen, in uns steckten. Wir haben aus unseren früheren Fehlern gelernt, haben genau auf unser Bauchgefühl gehört und haben all das so gut wie eben möglich raus gebracht.
Ich denke, unser Ziel ist immer, neue Wege zu finden, die Art, Musik zu schreiben, zu variieren, ohne unseren generellen Sound zu ändern.
Weißt du, ich pflanze lieber einen Samen von KATATONIA und lasse ihn in anderen Genres aufgehen, die mir eine Weiterentwicklung unseres Sounds zu ermöglichen scheinen, als unser Genre zu verlassen, nur um etwas ganz Neues zu versuchen oder etwas vorzugeben, was wir nicht sind. Das mag jetzt etwas seltsam klingen, weil das in meinem Kopf so glasklar ist, dass es dafür keine Worte braucht.

Wie viele Leute sind denn am Schreiben eines Songs beteiligt?
Im Prinzip Jonas und ich, also ein bis zwei Leute, aber manchmal, sehr selten, kommt von den anderen auch was. Wie ich vorhin schon hinsichtlich der Pressearbeit gesagt habe, ist auch das etwas, wozu ich die anderen immer wieder ermuntere … aber es ist ja auch keine Pflichtaufgabe, deine eigene Musik zu schreiben. Manche sind eben damit zufrieden, Musik aufzunehmen und live zu spielen, egal, wer sie geschrieben hat und das ist auch in Ordnung.Zudem gibt es natürlich auch eine Art „Qualitäts-Filter“, die die Musik erst mal passieren muss, bevor sie auf ein KATATONIA-Album kommt, und der auch nicht umgangen werden kann, um jemandem einen Gefallen zu tun, oder ihm auf die Schulter zu klopfen. Dieser Filter kümmert sich nicht darum, wer die Musik geschrieben hat, es ist einfach ein harter, aber gerechter Scharfrichter, der KATATONIAs höchstes Interesse vertritt. Auch viele von den Ideen, die Jonas‘ und ich hatten, werden da nie durchkommen, ist ja klar…

Denkst du, die melancholischeren Songs funktionieren live so gut wie die alten, harten Songs?
Alle Songs des neuen Albums funktionieren live! Es ist nur eine Frage der Positionierung im Set, und der Erwartungen, die du an sie stellst. Wenn wir zum Beispiel eine echt sanfte Nummer wie „The Racing Heart“ spielen, wo Jonas am Anfang nur zu den eingespielten Spuren singt, gehen wir alle von der Bühne und die Zuschauer lieben es, Jonas zuzusehen, wie er alleine da oben steht und singt. Danach brechen wir mit ein paar richtig harten Songs hervor, was zu einer regelrechten „Headbang-Mania“ führt. Wenn man sich nicht verstellt, und spielt, was man fühlt, merkt das Publikum genau das und die Show lebt!

„The Parting“ mit seinem sehr überraschenden Gesangs-Einstieg ist meiner Meinung nach ein sehr direkter Beginn für ein Album. Habt ihr jemals über ein Intro für das Album nachgedacht oder warum habt ihr euch für diesen Einstieg in „Dead End Kings“ entschieden?
Wir haben das gemacht, weil wir sofort die Aufmerksamkeit des Hörers erreichen wollten. Es ist wirklich unüblich, einen Song nur mit Gesang zu eröffnen, um damit ein Crescendo aufzubauen. Wir hatten schon oft Intros und die meisten Bands machen das so, also haben wir nach einem neuen Ansatz für uns gesucht. Ein bisschen wie wenn man ein neues Öl in der Maschine ausprobiert.


Es gibt sind zwei Songs, die exklusiv auf der Limited Edition zu finden sind, „Second“ und „The Art Of Darkening“. Warum sind die beiden nicht auf der regulären Edition?

Ganz einfach deshalb, weil wir schon elf Lieder hatten, die den Kern des Albums darstellten und wir wir wollten das Album nicht länger haben. Es war so schon ein großer Kampf, die Reihenfolge und den Albumfluss der Tracklist zusammenzustellen. Wir waren uns auch im Klaren darüber, dass es eine Limited Edition geben würde, also haben wir die beiden Songs dann für diese Edition reserviert, um sie sozusagen zum „heiligen Gral“ zu machen.

Meinst du, sie passen so gut ans Ende des Albums, dass sie es sozusagen komplettieren, oder ist es eher das Prinzip „diese Songs sind das Album und zusätzlich bekommt ihr zwei eigenständige Lieder“?
Sie sind so gesehen natürlich schon Bonus-Songs, aber sie gehören dazu und haben einen schönen Platz auf der Limited Edition gefunden.

Auch wenn du vorher meintest, ihr wollt die Texte nicht zerpflücken – kannst du vielleicht ganz generell etwas zu den Texten sagen?
Die Themen haben sich nicht geändert, es gibt nur ein paar neue Fragmente, Szenarien, Visionen, Fiktionen, persönliche Erfahrungen, Gedanken und Gefühle, über die wir immer schon geschrieben haben – die düstere Seite der Dinge.

Alle Texte sind bei euch in der ersten Person geschrieben. Basieren sie auf oder sind sie zumindest von persönlichen Erfahrungen beeinflusst?
Nun, es ist eine Symbiose aus wahren Erfahrungen und surrealen Fiktionen. Was wo hin gehört, ist ein neues Puzzle …

Erzählt ihr dem Hörer einfach eine Geschichte oder ist euch es wichtig, dass der Hörer eine echte Message bekommt, über die er nachdenken kann?
Wie gesagt, es ist ein Teil von beidem in einem Grauspektrum: Man kann das nicht schwarz und weiß sehen, so wie nichts im Leben halt.

In „Walking By A Wire“ (Viva Emptiness) gibt es die Zeile „The one you\’re looking for is not here“ – auf „Dead End Kings“ gibt es ein Lied, das genau so heißt, in dem die Zeile „The one you are looking for is hidden from you“. Kannst du uns etwas über die Gemeinsamkeit der beiden Songs und Texte erzählen?
Nun, war es Fügung oder gut überlegt? Und was ist mit der Verbindung zwischen beiden, in welcher Beziehung stehen sie? Stehen sie überhaupt in einer Beziehung? Was wird tatsächlich gesagt? Dies sind die Fragen, mit denen ich deine Frage beantworten muss.

Ein Wald mit Strommasten, ein toter Vogel, aus dessen Mund eine Wolke kommt – das Artwork erklärt sich nun wirklich nicht selbst. Ist es nur ein Stück Kunst, das euch gefällt oder steht es in direktem Zusammenhang zu dem Konzept des Albums? Oder wie würdest du dies selber sonst interpretieren?
Nun, ich denke, für diese Frage kann ich meine Ablehnung von Analysen mal etwas hintanstellen: Das Artwork repräsentiert den Titel ganz entsprechend unserer Vision. Oder kurz gesagt: Du kannst das ganze Szenario als ein großes, totes Ende ansehen. Du hast tote Scherenschnitt-Gebäude mit nichts, außer trostlosem Land herum. In der Mitte hast du eine Chimäre eines Mannes und eines Vogels in scheußlichen Proportionen, die einen unwirklichen Blick auf einen König darstellt, der sich selbst durch die Aschewolke in eine Krähenschar vervielfältigt, die auf die Stadt herabsinken. Diese Vögel waren schon immer ein schlechtes Omen, die den Tod symbolisieren, und wir nutzen dieses Element seit vielen Jahren.

Live habt ihr das Album auf einer Tour mit Alcest und Junius promotet… kanntet ihr diese Bands schon persönlich oder habt ihr euch auf dieser Tour zum ersten Mal getroffen?
Ich kannte vor der Tour keinen von ihnen vor der Tour, aber sie steuern auf ihre Weise etwas zum Stil und Sound des Billings bei und sie scheinen umgängliche Jungs zu sein, was für genauso wichtig ist, wenn man zusammen unterwegs ist.

Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Ansichten zum „perfekten“ Tour-Line-Up. Manche Leute ziehen eine bunte Mischung vor, damit der Abend abwechslungsreich bleibt, andere möge es, wenn alle Bands ähnlich klingen und gut zusammenpassen. Ich denke, das aktuelle Package ist ein perfektes Beispiel für die zweite Version. Welche Art findest du besser – sowohl für dich als Musiker, als auch für das Publikum?
Das ist wirklich eine gute Frage! Ich denke, wenn das Line-Up zu unterschiedlich ist, klappt es nicht, da es schon wichtig ist, dass die Bands, aber auch die Fans, die die Show besuchen, auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Andererseits, wenn die Bands zu ähnlich sind, fehlt dem Tour-Package Identität und Integrität. Niemand will dreimal hintereinander den Nachtisch essen – es schmeckt besser, wenn man eine Vorspeise, einen Hauptgang und ein Dessert so zusammenstellt, dass die Zutaten von allen drei Gerichten harmonieren. Wenn man das so sinnvoll auf eine Tour übertragen kann, haha!

Was habt ihr euch von der Tour erwartet?
Schmutzige Wäsche, Heimweh und eine Menge exzellenter Shows!

Magst du es generell, auf Tour zu sein, in einem Nightliner herum zu reisen und so weiter, oder ist das das notwendige Übel, wenn man die Gelegenheit, seine Musik zu promoten, wahrnehmen möchte?
Nun, wenn der Nightliner kein schäbiges Relikt der 80er ist, bei dem man bei der Klimaanlaage zwischen Minusgraden oder 30°C wählen kann, die Ausstattung hat, die er braucht und leicht sauber und aufgeräumt gehalten werden kann, ist es in der Regel kein Problem, den Bus dein „zu Hause“ zu nennen … aber wenn all das nicht der Fall ist, fällt es wirklich schwer, sich selbst zu motivieren und in einem fahrenden Müllcontainer wohl zu fühlen, der jede Woche irgendwo liegenbleibt.
Man hat natürlich auch praktisch keine Privatsphäre, nachdem man ständig mit 16 anderen menschlichen Geschöpfen zusammenhängst, jeder mit seinen entzückenden oder nicht so entzückenden Eigenheiten. Und das auf ein paar Quadratmetern, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Deine Psyche und Geduld sind da tatsächlich auch auf einer Achterbahnfahrt unterwegs.

Magst du eher Festival-Shows oder Club-Gigs?
Ganz kleine Clubs nerven echt … kein Platz für gar nichts und ohne Backdrop unterschiedest du dich nicht von der lokalen Kneipenkapelle. Open Air spiele ich gerne erst nach Sonnenuntergang, aber ich mag es nicht, wenn es aufgrund von Absperrungen und unsinnig breiten Fotogräben und so eine große Distanz zum Publikum gibt. Ich mag es, wenn die Zuschauer so nah wie möglich vor der Bühne stehen, also würde ich, um auf deine Frage zurückzukommen, irgendetwas zwischen beidem bevorzugen, etwa eine große Halle mit großer Bühne, damit man auch etwas darauf herumlaufen kann, ohne mit den anderen zusammenzustoßen, aber sonst reicht schon der normale Standard.

Das war meine letzte Frage, danke vielmals für deine Zeit sowie die informativen und ausführlichen Antworten! Wenn du noch was loswerden möchtest, hast du jetzt die Gelegenheit dazu:
Ihr seid vielleicht nicht für lange, aber für eine gute Zeit hier!

Ok, dann lass uns das Ende doch bitte mit dem Metal1.info-Wortspiel beenden. Was kommt dir bei den folgenden Begriffen als erstes in den Sinn:

Neil Armstrong: Bark at the moon!
Deutschland: Business in das front und party in das back!
Ozzy Osbourne: Shaaaaaron!
Lance Armstrong: Iron Man!
Mickey Mouse: Goofy!