Interview mit Kristoffer Olivius von Naglfar

Acht lange Jahre haben NAGLFAR ihre Fans auf ein neues Album warten lassen. Sänger und Mit-Songwriter Kristoffer Olivius erklärt, warum das notwendig war und wie es dazu kam, dass NAGLFAR erst 25 Jahre nach ihrem Debüt „Vittra“ mit Kristian Wåhlin und Dan Swanö zusammengearbeitet haben.

Hallo und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Alles gut bei dir?
Ja, eigentlich schon. Alles gut. Wir spüren hier in Schweden tatsächlich relativ wenig von der ganzen Corona-Geschichte. Außer, dass viele Leute natürlich daheim bleiben.

NAGLFAR ist gefühlt die einzige schwedische Black-Metal-Band, die noch nie ein Artwork von Kristian Wåhlin alias Necrolord benutzt hat. Wie ist das überhaupt möglich – man hat ja fast das Gefühl, seine Cover wären eine Voraussetzung für den Erfolg einer Band …
Das war genau der Grund: Jeder hat seine Bilder verwendet. Früher war das ja tatsächlich so: Auf allen Releases aller Bands waren seine Bilder. Deswegen war es uns wichtig, uns davon abzuheben und auf andere Künstler zu setzen. Für das aktuelle Album hat uns jemand von unserem Label Century Media gefragt, ob wir schon mal in Betracht gezogen hätten, mit ihm zu arbeiten. Also haben wir dem Ganzen eine Chance gegeben und ich finde, es ist wirklich verdammt gut geworden. Wir sind auf das Artwork sehr stolz … ich finde, es passt sehr, sehr gut zur Musik.

Also war es jetzt kein Argument mehr gegen ihn, dass immer noch alle seine Bilder nutzen?
Nein, so kann man das nicht sagen. Meistens wollten wir einfach mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen andere vielleicht nicht arbeiten. Diesmal war es einfach Glück: Jemand hat uns gefragt, wir haben ihn gefragt, er hatte Zeit dafür … es war einfach eine glückliche Fügung.

„Wir wollen nicht dauernd Alben rausbringen,
nur um auf Tour gehen zu können.“

Das Album selbst ist das erste nach acht langen Jahren. Was hat euch so lange aufgehalten?
Andreas und ich haben Kinder. Mir war es sehr wichtig, für meine Kinder da zu sein, solange sie klein sind, alles mitzunehmen, was damit zu tun hat, Kinder zu haben … ins Elternsein hineinzuwachsen. Davon hatte ich ja vorher keine Ahnung. Aus einem Kind wurden dann zwei und dann waren auch schon sechs Jahre vergangen. Vor ungefähr zwei Jahren haben Century Media uns dann gefragt, ob wir ein neues Album machen wollen. Und zu dem Zeitpunkt erschien es uns dann richtig. Wir hatten schon länger daran gearbeitet, aber die Zeit war noch nicht reif. Wir hatten es aber auch nicht eilig. Wir sind nicht „deine Band“. Wir leben nicht von der Musik. Wir wollen nicht dauernd Alben rausbringen, nur um auf Tour gehen zu können. Darum geht es bei NAGLFAR nicht. Wir haben uns auch immer getroffen in der Zwischenzeit, aber es hat einfach sechs Jahre gedauert. Wir hatten das Album dann schon letztes Jahr fertig, aber wir wollten es dann etwas abhängen lassen. Es ist einfach nicht ein „Alle-zwei-Jahre-ein-Album-Album“. Das ist mehr und ich glaube, unsere Fans spüren das.

Das Album ist auch das erste, auf dem Efraim Juntunen am Schlagzeug zu hören ist. Er ist seit 2012 euer Live-Schlagzeuger, trotzdem ist er auf den aktuellen Bandfotos nicht zu sehen und kein offizielles Mitglied der Band. Warum?
Auf eine Art ist er es natürlich schon. Aber was Albumaufnahmen angeht, sehe ich es als eine Art Qualitätssiegel, dass die Leute wissen, dass für das Songwriting immer schon ausschließlich Marcus, Andreas und ich verantwortlich sind. Wir sind die Songwriter, das wird sich auch nicht ändern. Wir hatten ja schon ein paar Besetzungswechsel … aber ich glaube, es ist ganz gut so. Die Leute wissen: Marcus, Andreas und Kris – das sind NAGLFAR. Und dann haben wir eben die Liveband, zu der auch Ephraim und Alexander [Friberg aka Impaler, A. d. Red.] gehören. Wir sehen sie als gleichwertige Mitglieder, sie bekommen die gleiche Gage, die wir uns zahlen. Aber wir haben aus der Vergangenheit gelernt … daraus, wie es war, wenn andere Leute in die Band kamen.

© Marcus E. Norman

Aber Ephraim hat die Schlagzeugspuren für das Album komponiert, oder?
Ja, das schon … ja. Es ist seine Umsetzung davon, wie wir entschieden hatten, wie die Songs klingen sollen.

„Es ist der Soundtrack für diese Zeiten.“

Jetzt ist die Coronakrise hereingebrochen, viele Labels ändern aktuell ihre Releasepläne. Siehst du darin jetzt einen Nachteil für euch, dass das Album während dieser Krise erscheint?
Nein, im Gegenteil. Wir konnten das zwar nicht wissen, als wir in den letzten zwei Jahren alles auf diesen Release hin vorbereitet haben. Aber es ist der Soundtrack für diese Zeiten. Das ganze „Cerecloth“-Thema [cerecloth: Leichentuch; A. d. Red.]. Ich weiß nicht, ob du das Video zu „Vortex Of Negativity“ gesehen hast, der zweiten Single zu diesem Album: Das passt ja auch zu dem, was wir hier gerade erleben. Es ist unheilvoll und es ist furchteinflößend. Aber es wäre feige gewesen, deswegen jetzt zu warten. Wir veröffentlichen unsere Musik nicht, um damit auf Tour zu gehen und Geld zu verdienen und berühmt zu werden. Wir veröffentlichen Musik für ein höheres Ziel.

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Lass uns über das Textkonzept des Albums sprechen. Der Albumtitel ist aber keine Ankündigung, dass NAGLFAR zur Ruhe gelegt wird, dass sich das Leichentuch über die Band legt?
Nein, wir beabsichtigen nicht, die Band aufzulösen. Es ist einfach ein neues Album. Vielleicht kommt das nächste schon in zwei oder drei Jahren, vielleicht vier. Aber es ist jedenfalls definitiv nicht das Ende von NAGLFAR!

Zumindest der Songtitel „The Last Breath Of Yggdrasil“ wirkt mythologisch inspiriert. Worum geht es generell auf „Cerecloth“?
Ja, natürlich ist der mythologisch inspiriert. Aber es ist auch eine Neuinterpretation alter Sagen in einem neuen Konzept. Unsere Themen sind immer recht ähnlich. Fast alle meine Texte sind aus der Perspektive der ersten Person verfasst, es geht um das Gefühl der Wut, Verlassenheit, Hass, Furcht, Horror … solche Dinge. Das sind die Hauptthemen, die sich durch all unsere Alben ziehen. Es ist keine Überraschung, dass wir das nicht ändern, dass wir nicht in diesem Sinne eine religiöse Band sind. Wir sind eher Geschichtenerzähler.

„Mit uns kann man nicht verhandeln
wie mit diesen verzweifelten Leuten.“

Ihr habt euch nach „Pariah“ bewusst dagegen entschieden, von der Band zu leben. Hast du das auch schon mal bereut oder bist du gerade in der aktuellen Situation mit Corona froh, dass ihr euch so entschieden habt?
Nein, das habe ich nie bereut. Ich glaube eher, dass es uns Kraft gibt. Genau deswegen sind wir nicht eine dieser Durchschnittsbands. Mit uns kann man nicht verhandeln wie mit diesen verzweifelten Leuten … wenn uns jemand buchen will, muss er zu uns kommen und uns darum bitten. Er muss nett zu uns sein. Sonst spielen wir eben nicht auf seinem Festival. Es gibt so viele schlechte Festivals und viele Leute, die erwarten, dass du das umsonst machst. Als wäre es eine Ehre, dort zu spielen. Aber das ist es nicht! Ich habe so viele andere spannende Dinge, die ich machen kann, anstatt auf einer Bühne zu stehen. Aber wie ich schon gesagt habe: Musik wie unsere zu spielen, ist eine Berufung.

In unserem letzten Interview 2018 hast du erklärt, dass du nicht gerne auf Tour bist – im Herbst 2018 seid ihr dann auf eure erste Clubtour seit „Pariah“-Zeiten gegangen. Hat das deine Einstellung zum Touren geändert?
Der Grund, auf Tour zu gehen, sind die Shows. Alles andere ist, was du daraus machst. Aber wenn du jeden Abend abliefern musst, kannst du dich auch nicht die ganze Zeit herumtreiben und witzige Sachen machen. Deswegen ist es wie so häufig, wenn es um Entertainment und Kunst geht: Man muss oft warten und es ist oft langweilig. Das empfinde ich als ziemlich verschwendete Zeit und das ist etwas, worauf ich gut verzichten kann. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich sehr befriedigend, die Shows zu spielen und zu sehen, dass wir eine so herausragende Beziehung zu unseren Fans haben. Bei uns ist es ja so: Wenn wir spielen, kommen die Fans auch. Weil wir eben nicht auf jeden Festival spielen, bei jeder Tour dabei sind. Dadurch wird es zu etwas Besonderem, wenn wir spielen. Wir sind ja trotzdem eine bekannte Liveband und wir sind auch eine sehr gute Liveband, glaube ich. Für eine relativ inaktive Band, wie wir es sind, spielen wir ja immer noch sehr viele Shows … seit dem letzten Album jedes Jahr zwischen acht und zehn. Wir hatten für dieses Jahr ziemlich viele Shows in ganz Europa geplant, aber so wie es aktuell aussieht, liegt es nicht in unserer Hand, ob diese stattfinden. Ich finde das eigentlich alles sehr unterhaltsam. Ich lasse mich einfach jeden Tag treiben.

© Afra Gethöffer / Metal1.info

Euer letztes Album habt ihr mischen lassen, diesmal hat euer Gitarrist Marcus den Mix übernommen. Wieso habt ihr euch dazu entschieden, das selbst in die Hand zu nehmen?
Warum nicht? Aber Marcus hat es letztes Mal auch schon gemacht. Ich glaube, nur die letzten Feinheiten hat dann jemand anderes gemacht. Aber ich war damals nicht dabei, so genau weiß ich das nicht.

„Das war immer schon unser Konzept bei NAGLFAR:
nicht den Weg gehen, den andere gehen.“

Das Mastering hat dann Dan Swanö übernommen, der vornehmlich für seine Arbeit mit Death-Metal-Bands bekannt ist. Wieso war er der richtige Mann für den Job?
Es war einfach Zeit, dass wir mal zusammenfinden. Wir von NAGLFAR bewundern Dan allesamt schon sehr lang. Aber das, was du ansprichst, war auch einer der Gründe, warum wir uns in unseren Anfangstagen dagegen entschieden haben, mit ihm aufzunehmen, als alle das gemacht haben. Wirklich. Deswegen sind wir damals zu Peter [Tägtgren, A. d. Red.] gegangen. Weil alle anderen mit Dan gearbeitet haben. Du musst bedenken: Die ersten erfolgreichen Alben, die Peter aufgenommen hat, waren unser Album [„Vittra“, 1995 – A. d. Red.] und „Secrets Of The Black Arts“ von Dark Funeral [1996, A. d. Red.]. Und damals hat ja wirklich jeder bei Dan aufgenommen. Aber das war eben immer schon unser Konzept bei NAGLFAR: nicht den Weg gehen, den andere gehen. Aber jetzt sind viele Jahre vergangen. Es war auch hier einfach Zufall, dass es funktioniert hat. Dan hat sich sehr über die Zusammenarbeit gefreut und wir genauso.

Schön, dass du „Vittra“ ansprichst – ich wollte auf das Album jetzt eh zu sprechen kommen: Euer Debüt feiert in diesem Jahr sein 25. Release-Jubiläum. Gratulation! Was verbindest du mit dem Album, wenn du heute daran zurückdenkst?
Ich verbinde das Album mit einer schwierigen Jugend … aber es ist auch das Produkt einer sehr ambitionierten Truppe junger Leute gewesen. Wir haben so viel Zeit in dieses Album gesteckt, beim Songwriting, beim Proben, bei den Vorbereitungen für die Aufnahmen. Wir haben damals viele Monate lang nichts anderes gemacht. Das war es am Ende auch, was diese Zusammensetzung der Band zerbrechen ließ: Wir sind mit allem zu weit gegangen.

Es ist also nicht so, dass ich keinen Bezug mehr zu diesem Album hätte. Im Gegenteil, ich habe sogar einen sehr starken Bezug dazu. Es wird auf seine Art immer ein Teil dessen sein, was Andreas und ich in unserer Teenager- und frühen Erwachsenenzeit gemacht haben. Und ich weiß, dass es Andreas genauso geht. Aber es ist eben auch 25 Jahre her. Das war eine andere Zeit meines Lebens und aus dieser Perspektive muss man es sehen. Etwa wenn Leute fragen, ob wir Songs aus dieser Zeit spielen … wir wollen das gar nicht. Wir haben einfach so viele andere Songs, die wir spielen können. Trotzdem ist es ein ganz besonderes Album, schon weil es unser erstes ist. Aber es ist zugleich ein Album, das man nicht replizieren kann – und zwar aus dem gleichen Grund. Es wurde von Leuten gemacht, die an Musik eher mit Leidenschaft als mit Können herangegangen sind. Das kann man nicht wiederaufleben lassen. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es so gut klingt, wie es klingt …

„Wenn ich etwas tun will, tue ich es.
So lebe ich mein Leben.“

Also habt ihr keine Special-Sets mit Songs von „Vittra“ geplant, wenn denn dann wieder Konzerte stattfinden können?
Wir haben darüber nachgedacht, aber in diesem Sommer wird das wohl nichts mehr.

© Marcus E. Norman

Hättest du dir damals auch nur träumen lassen, dass es NAGLFAR 25 Jahre später noch geben würde?
Ja. Ich glaube schon. Weil ich sehr naiv war … und sehr stur, was NAGLFAR angeht. Das war immer eine Art Hassliebe für die Band. Auch als ich sehr jung war, habe ich gespürt, dass das ein wichtiger Teil meines Lebens sein würde. Das war vielleicht auch naiv, aber es gab eben auch keine Alternative. Das ist eine Stärke, die ich habe, auch bei anderen Dingen: Wenn ich etwas tun will, tue ich es. So lebe ich mein Leben.

Hast du einen Lieblingssong von „Vittra“?
Nein. Ich habe generell sehr selten Lieblingssongs von meinen früheren Alben. Das passiert eher bei neuen Songs, dass man einige dann öfter anhört, aber das mittelt sich mit der Zeit aus und sie werden gleichwertig – für mich, aus der Warte des Songwriters, sind sie ja alle extrem unterschiedlich.

Hast du denn einen Lieblingssong vom neuen Album „Cerecloth“?
Ja, vielleicht … aber das ist nichts, was ich verraten würde. Ein paar höre ich öfter. Aber sie sind alle sehr gut. (lacht)

Eine Frage zum Abschluss: Die BEWITCHED-Reunion, die euch auch aufs Dark Easter Metal Meeting hätte führen sollen, ist Opfer der Corona-Krise geworden. Aber hat euch die eine Show, die ihr in Schweden gespielt habt, zumindest motiviert, an neuem Material zu arbeiten?
Ja, natürlich. Wir haben neues Material für BEWITCHED, aber es ist noch nicht entschieden, wann wir es aufnehmen oder veröffentlichen. Aber die Show, die wir da vor zwei Monaten in Umeå gespielt haben, war fantastisch. Alles hat super geklappt, es war wirklich eine gute Show. Insofern ist es echt schade, dass wir jetzt nicht zu euch kommen und das Dark Easter spielen können. Wir waren sehr motiviert, mehr Shows zu spielen. Und wir hatten so eine coole Setlist zusammengestellt, nur mit Songs von den ersten beiden Alben [„Diabolical Desecration“, 1996 und „Pentagram Prayer“, 1997 – A. d. Red.]. Und mit ein paar Songs, die wir noch nie live gespielt haben … zum Beispiel „Hellcult Attack“. Wir haben auch cooles Merchandise machen lassen und alles. Ich habe mein Shirt zwar noch nicht bekommen, aber ich habe Bilder gesehen – das schaut wirklich killer aus! Aber mal schauen, was passiert. Es ist nicht so einfach, BEWITCHED zusammenzubringen. Für mich persönlich fühlt es sich aber echt gut an, wieder mit der Band zu spielen, einfach weil ich so gerne Bass spiele. Bei NAGLFAR ist das keine Option, dass ich als der Sänger auch ein Instrument spiele. Das passt einfach nicht zu NAGLFAR.

OK, damit wäre ich mit meinen Fragen am Ende!
Danke, Moritz!

Ich habe zu danken. Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder auf einem Konzert oder Festival!
Ja, ich auch. Es ist wirklich schade, dass alles so gelaufen ist. Aber andererseits ist es ja auch alles sehr spannend … in Zeiten wie diesen zu leben. Man muss es eben nehmen, wie es ist. Bis zum nächsten Mal, alles Gute für dich und deine Freundin, wir sehen uns! Sterbt bitte nicht an Corona!

© Afra Gethöffer / Metal1.info

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Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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