Die US-amerikanisch-deutsche Extrem-Metal-Kombo hat einige Veränderungen hinter sich: Nach dem Ausstieg von Keith Merrow im vergangen Jahr gibt es nun Verstärkung am Mikrofon in Form von VALBORG-Frontmann Christian Kolf. Erstmalig hörbar ist diese neue Konstellation auf der aktuellen EP „Hell Interface“. Wir haben Simon Hawemann (Gitarre) zum Gespräch gebeten.

Euer letztes Album, das 2023 erschienene „Deformity Adrift“ wurde in zwei Versionen veröffentlicht. Wie kam es dazu und was unterscheidet die beiden Varianten konkret?
Wir hatten die „Deformity Adrift“ weitestgehend DIY aufgenommen und produziert, allerdings Mix und Master außer Hand gegeben. Als wir ein paar Monate nach Release der regulären Versionen die Spuren nochmal gehört haben, kam uns die Idee, die Platte zusätzlich auch noch mal DIY zu mixen. Zunächst sollte das Ganze nur ein Name-Your-Price-Download auf Bandcamp werden, aber als ich Nik von Wax Vessel gegenüber in einem Telefonat davon erzählt habe, wollte er das Ganze unbedingt auf Vinyl raus bringen. Um einen wirklichen Mehrwert zu bieten, haben wir uns dazu entschlossen, die Vocals noch mal neu zu arrangieren und neben ein paar anderen Instrumenten zur Hälfte neu zu recorden. Gleichzeitig haben wir den Anteil an Industrial Elementen arg zurück gefahren oder stellenweise ganz raus gekürzt, damit der DIY-Mix ein ausgeprägteres Live Feeling bekommt. Schlussendlich haben wir auch das Sequencing verändert und somit ist „Deformity Adrift: Reformed“ ein gänzlich anderes Hörerlebnis als das reguläre Release. Wir haben selbst keinen Favoriten und finden, dass beide Versionen ihren Platz haben. Für uns war es ein weiterer Weg kreativ mit unserem Material umzugehen und gleichzeitig unseren Fans das Album in einem anderen Kontext zu präsentieren – und diese haben das wohlwollend angenommen.
Nun habt ihr eine neue EP veröffentlicht, „Hell Interface“. Warum habt ihr nach vier Songs das Songwriting beendet und eine EP gemacht, statt weiterzuarbeiten und ein Album zu schreiben?
Weil es genau das war, wonach mir der Sinn stand. 2025 war ein extrem hartes und stressiges Jahr für mich persönlich und ich bin mir sicher, dass ich für ein Album gar nicht die kreative und mentale Kapazität gehabt hätte. Ein Album zu schreiben ist ein großes Projekt, eines, das mit Druck verbunden ist – und das muss man wollen. Eine EP hingegen bietet die Möglichkeit einen sehr spezifischen, kreativen Moment einzufangen.
Wie würdest du die musikalische Entwicklung von NIGHTMARER vom letzten Album zur neuen EP hin beschreiben und welche musikalischen Einflüsse sind dafür verantwortlich, dass die EP so klingt?
Es hat sich Einiges grundlegend verändert. Die Soundästhetik ist organischer, das Material experimenteller und deutlich dynamischer, die Death Metal Anteile sind mehr in den Hintergrund gerückt und mehr Black-, Doom- und teils sogar Post-Metal-Elementen gewichen. Und natürlich sind die Vocals variabler denn je. Mit den musikalischen Einflüssen ist das so eine Sache, da ich in den letzten drei vier Jahren überwiegend von extremem Metal gelangweilt war – und trotzdem ist es das Genre in dem ich mich am besten ausdrücken kann. Was ich stattdessen viel gehört habe in der Zeit sind Sachen wie die THOU & EMMA RUTH RUNDLE Kollaboration, KOWLOON WALLED CITY oder KAYO DOT. Ich habe aber auch Favoriten von früher wieder ausgegraben, wie VIRUS, COALESCE oder die alten Platten von ENVY aus Japan. Noch weiter am Rand gefischt habe ich bei Mat Ball (Gitarrist von BIG BRAVE) und seinem Solo Material unter der Serie „Amplified Guitar“. Grad letzteres hat rückblickend einen ungeahnten Einfluss auf den Vibe von „Hell Interface“ gehabt. Darüber hinaus hat mich auch schlicht und ergreifend das experimentieren mit verschiedenen Gitarrensounds inspiriert. Der war ja auf unseren vorherigen Platten immer eher eindimensional und straight forward. Ich habe einen Online Shop, der Effektpedale verkauft, und teste tagtäglich Neues – und da gab es durchaus einige Momente wo mich der Sound eines Testpedals direkt zu einem NIGHTMARER-Part oder Riff inspiriert hat.
Die EP war lange Zeit tot – durch den Vinyl-Boom der letzten Jahre erlebt das Format aber ein Revival. Was reizt dich persönlich am Format der EP?
EPs sind wahrscheinlich mein persönliches Lieblingsformat. Aus der Musikerperspektive, weil es zum experimentieren einlädt und einem hilft herauszufinden, wohin man sich in Zukunft entwickeln will. Als Hörer, weil es im besten Fall ein „All Killer – No Filler“-Format ist. Wenn eine Band auf einer EP nicht souverän aus allen Rohren feuert oder sich auf spannende Art und Weise neu erfindet, dann ist das Format verschenkt.
Tatsächlich erscheint „Hell Interface“ jetzt auch ausschließlich digital und als Vinyl. Spielt die CD für Euch keine Rolle mehr?
Das liegt vor Allem an dem Label, auf dem wir die EP veröffentlicht haben. Wax Vessel ist ein Vinyl-Only- und Artist-First-Label. Die Voraussetzung ist, dass man das Material nur auf Vinyl bei Wax Vessel rausbringt und es nie in anderen physischen Formaten nachpresst – dafür kriegt man allerdings auch 100% der Profite vom Label ausgezahlt, was in der Musikindustrie ja sonst undenkbar ist. Von unseren Alben und weiteren Releases wird es weiterhin CDs geben. Ich war überrascht, wie viele Leute „Deformity Adrift“ auf CD gekauft haben. Das hat mir den Glauben ans Format zumindest ein bisschen zurück gegeben. Ansonsten gibt es das Release ja aber digital (auch in CD-Qualität) – und das zu Name-Your-Price-Konditionen. Wer will, kann sich „Hell Interface“ natürlich auch auf CD brennen.
Es gab auch eine „Audiophile Natural PVC 12″“-Version zu erstehen. Was hat es damit auf sich, und ergibt das bei extremer Musik wie eurer wirklich Sinn?
Viele wissen nicht, dass schwarzes Vinyl nicht die Rohform des Materials ist, sondern es sich dabei bereits um eingefärbtes PVC handelt. Natural PVC hingegen ist die „purste“ Variante von Vinyl und somit theoretisch die audiophilste Option. Ob das bei extremem Metal eine gewaltige Rolle spielt, überlasse ich dem Hörer. Ich selbst kaufe Vinyl oft danach wie schick es aussieht bzw. wie gut es sich mit dem Artwork ergänzt.
Wenn man sich die Credits von „Hell Interface“ anschaut, sieht man, dass verschiedene Elemente der EP in verschiedenen Studios aufgenommen wurden. Wie verlief der Produktionsprozess konkret?
Die Aufnahme war mal wieder eine große DIY Aktion, über zwei Kontinente verteilt und in unseren eigenen „Studios“ produziert. Ich benutze die Anführungszeichen, da es sich bei uns allen um Räumlichkeiten handelt, die beim besten Willen keine klassischen Studios sind. Bei mir handelt es sich um ein Warehouse (voller Gitarren, Amps und Effekte) und mein Recording-Setup ist sehr simpel. Dort sind die Gitarren- und Bassaufnahmen entstanden, ohne Netz und doppelten Boden. Ich wollte betont nicht die Möglichkeit haben, die Gitarren später zu reampen, sondern lieber einen Sound einfangen, der mir einfach im Raum gefällt. Beim Bass Sound hat mir aber dann Stefan Braunschmidt geholfen, der auf unserem ersten Album Bass gespielt hat und ein Basston-Guru ist, dem ich zu 100 % vertraue. Paul hat einen Raum in Berlin in dem er Musik schreibt, Schlagzeug spielt und viel mit Synthesizern arbeitet. Um die Drums für „Hell Interface“ dort ordentlich einzufangen, ist Marc Wüstenhagen von Dailyhero Recordings mit einem mobilen Recording Rig bei ihm aufgeschlagen und die beiden haben die EP in zwei Tagen mit diesem Setup eingehämmert. Mit John habe ich Vocals bei Beastman Audio aufgenommen, was 2 Blocks von meinem Warehouse in Portland entfernt ist und Christian hat seine Vocals im Proberaum seiner Band VALBORG aufgenommen. Mix und Master haben wir dann einem Profi überlassen: Magnus Lindberg. Diesen kannten wir dank seiner großartigen Mixes für Bands wie ABRAHAM und HEADS.
Seht ihr euch generell eher als (Studio-)Projekt oder tatsächlich als Band, die auch regelmäßig gemeinsam probt?
Mittlerweile kann man die Band wohl getrost als waschechtes Kollektiv bezeichnen. Das Studio-Lineup besteht gegenwärtig vor allem aus Paul, John und mir – den Gründungsmitgliedern – sowie Christian Kolf. Wir haben aber auch ein Live-Lineup in Portland, wo John und ich leben. In diesem spielen noch Leon DelMuerte (PHOBIA, EXHUMED, ex-NAILS) sowie Zack Rodrigues (ASEITAS). Bisher haben wir für Songwriting- und Recordingsessions überwiegend auf Gast-Bassisten zurückgegriffen, für „Hell Interface“ hab ich den Part aber ausnahmsweise selbst übernommen. Wie dem auch sei, man kann das ganze Konstrukt am ehesten ein Kollektiv nennen.
Der Name ist grade schon gefallen: Auf „Hell Interface“ ist erstmalig der VALBORG-Frontmann Christian Kolf mit am Mikrofon und unterstützt John Collett. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Christian und ich sind schon seit über 15 Jahren befreundet und ich bin ein totaler VALBORG-Ultra. Wir haben über die Jahre oft über ein gemeinsames Nebenprojekt gesprochen und ich habe einige seiner eigenen Nebenprojekte über mein Label Total Dissonance Worship raus gebracht. Als ich Christian Vorproduktionen vom neuen Material gezeigt habe, hat er mir eine alte Demo von sich geschickt, aus der ich mir dann ein Riff ausgeborgt habe. Konsequenterweise wollte ich, dass er über dieses auch wieder singt, woraus dann zunächst noch „sing doch gleich auf der ganzen EP mit“ und dann direkt „steig doch einfach in die Band ein“ wurde.

Wie lief die Aufgabenteilung zwischen den beiden Sängern im Studio – sowohl beim Gesang, aber auch, was die Texte angeht?
John und ich haben uns hin gesetzt und uns überlegt, wie wir die Songs zwischen den beiden Sängern aufteilen wollen. Damit hat Christian dann erstmal angefangen zu arbeiten und angefangen, erste Takes aufzunehmen. John und ich haben an dem Material dann weiter gearbeitet. Ein paar Sachen mussten am Ende korrigiert oder angepasst werden, aber alles in Allem hat das Prinzip sehr gut funktioniert. Die Lyrics sind bei NIGHTMARER seit jeher ein kollaborativer Prozess zwischen John und mir – und wir haben auch diese Tür für Christian auf gemacht. Die Lyrics von „Crawl Of Time“ stammen zum Beispiel überwiegend aus seiner Feder.
Gibt es soetwas wie ein inhaltliches Konzept, das die Tracks von „Hell Interface“ verbindet, oder stehen die Songs jeweils für sich?
Die Songs stehen jeweils für sich.
Welche Rolle spielt dabei das Artwork – warum illustriert dieses Bild die EP aus deiner Sicht perfekt?
Das Cover vereint einige der Themen, die lyrisch auf der EP behandelt werden. Davon ausgeschlossen ist lediglich der Song „Extinction Burst“, der etwas für sich steht. Die Inhalte der restlichen Songs finden sich in der Cover-Illustration wieder.
Wird man NIGHTMARER 2026 live sehen könenn – und wenn ja, wird Christian dann Teil der Band sein, oder beschränkt sich die Zusammenarbeit auf diese EP?
Wir planen Touren in Europa und mit Christian. Ob diese noch 2026 oder erst nächstes Jahr stattfinden, wird sich noch zeigen müssen. Auf jeden Fall wollen wir das neue Material mit dem vollen Umfang der Vocals auch live spielen.
Zum Abschluss noch unser traditionelles Metal1.info-Branstorming. Was fällt Dir zu diesen Begriffen als erstes ein:
Künstliche Intelligenz: Hat in der Kunst nichts zu suchen.
Black Metal: Ist ein wichtiger Einfluss für den Vibe von NIGHTMARER.
Konzeptalben im Streamingzeitalter: Beides schließt sich überhaupt nicht aus.
ICE: Gehört abgeschafft und in den Abgrund geworfen.
Gatekeeping: Ein völlig überstrapazierter Begriff, der selbst beim geringsten Ansatz von Quality Control als reflexartige Abwehrreaktion heraus geholt wird..
NIGHTMARER in zehn Jahren: Zehn Jahre älter.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.


