Interview mit Thorsten Freese & Marcus Hammer von Believe Digital & Nuclear Blast Records

In der Metal-Welt ist der Name BELIEVE DIGITAL bislang wohl nur Branchen-Insidern bekannt. Doch das 2005 in Paris gegründete Unternehmen ist längst ein Big Player im Musikbusiness – und mittlerweile auch im Metal eine Macht: Nach Soulfood Distribution (inklusive AFM Records) hat das Unternehmen 2018 auch NUCLEAR BLAST RECORDS aufgekauft.

Thorsten Freese, Geschäftsführer BELIEVE DIGITAL Deutschland, und Marcus Hammer, Geschäftsführer NUCLEAR BLAST RECORDS, über die Vorzüge des Joint-Ventures, Freundschaft im Geschäftsleben und die Zukunft des Weltmarktführers aus Donzdorf.

 

BELIEVE DIGITAL ist im digitalen Markt zu Hause, jetzt setzt ihr vermehrt auch auf physische Produkte – siehe die Zukäufe von Soulfood und Nuclear Blast. Dieser Markt war lange totgeredet worden. Siehst du hier doch eine Zukunft?
Thorsten Freese: Wir sind davon überzeugt, dass es in erster Linie darum geht, die Bedürfnisse der jeweiligen Fans und Hörer zu verstehen. Und darum, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die jeweilige Musik marktgerecht angeboten werden kann. CDs sind immer noch eine wichtiger Teil des Marktes, vor allem im Bereich der Rock- und Metal-Szene. Hier spielen auch die mit viel Know-how gestalteten Boxen eine besondere Rolle, die mit Bonus-Songs, speziellen Vinyls und besonderen Merchandising-Produkten ausgestattet sind. Je größer die Fanbindung, umso größer ist die Nachfrage nach solchen Angeboten.

NUCLEAR BLAST war lange ein Label von Fans für Fans – heute wird es von BELIEVE gesteuert, einem Musikkonzern, der nicht im Metal verwurzelt ist. Wie kann das funktionieren?
Thorsten Freese: Es geht um ein Miteinander von BELIEVE und NUCLEAR BLAST. BELIEVE versteht sich als die Muttergesellschaft, die in ihren Tochtergesellschaften Expertenteams vertraut, und die mit ihnen in einem engen und laufenden Dialog steht. BELIEVE stellt Mittel und Strukturen bereit, damit NUCLEAR BLAST sich selbst bestmöglich steuern kann. Das ist entscheidend.
Die Mitarbeiter von NUCLEAR BLAST waren zunächst Fans, um dann später für ihre Bands zu arbeiten. Es gibt keine idealere Voraussetzung für ein Label, um erfolgreich zu sein. BELIEVE hat die Voraussetzungen erhalten, auf die Mitarbeiter gesetzt und an einigen Stelle ergänzt, um sich auch für die Zukunft gut aufzustellen. BELIEVE könnte seine Qualitäten einbringen und NUCLEAR BLAST könnte weiterhin voll und ganz NUCLEAR BLAST sein. Eine ideale Symbiose.

Marcus Hammer: Das funktioniert bisher gut. BELIEVE bringt viel Kompetenz insbesondere im immer wichtiger werdenden digitalen Teil des Geschäfts ein, lässt uns aber auf der künstlerischen Seite im Hinblick auf die Künstler alle Freiheiten.

Thorsten Freese / Geschäftsführer BELIEVE DIGITAL Deutschland. © Karsten Arndt

Wie viel Einfluss nimmt BELIEVE auf die Strukturen bei NUCLEAR BLAST?
Thorsten Freese: NUCLEAR BLAST ist inzwischen international sehr gut aufgestellt, auch mit neuen Büros in Paris und Hamburg. Weitere werden folgen. Und der langjährige Unternehmenssitz in Donzdorf bleibt selbstverständlich auch weiterhin bestehen. Uns ist es zudem inhaltlich wichtig, dass sich NUCLEAR BLAST für die Zukunft aufstellt. Weltweit lässt sich ein Wachstum des Streamingmarktes feststellen. Diese Entwicklung wird auch vor dem Rock- und Metalmarkt nicht Halt machen. Wir wollen hierfür neue Strukturen aufbauen, sinnvoll ergänzen, damit wir auch die Bedürfnisse des Streamingmarktes und damit die Bedürfnisse der Bands und ihrer Fans gezielt erfüllen können. Hier gab es bei NUCLEAR BLAST Nachholbedarf. Wir sind mit der jetzigen Entwicklung aber bereits sehr zufrieden. BELIEVE konnte zum Beispiel dabei helfen, die Playlistplatzierungen bis heute mehr als zu verdoppeln. Unsere Bands werden diesen Impact im positiven Sinne sehr bald spüren.

Marcus Hammer: Alles erfolgt in enger Abstimmung mit uns und im Sinne von NUCLEAR BLAST. BELIEVE gibt Anregungen und Denkanstöße, wie man Dinge eventuell besser und noch mehr zukunftsgerichtet angehen und ändern kann und hilft, diese umzusetzen. Auch haben wir volle Unterstützung, unsere Basis zu erweitern: Die Eröffnung neuer Standorte in Hamburg oder Paris können da als gutes Beispiel dienen, um unsere Künstler noch besser betreuen zu können. Generell sind wir sehr froh, in den aktuellen Zeiten des Wandels im Musikbusiness, in denen auch wir unsere Strukturen anpassen müssen, einen starken und kompetenten Partner als Gesellschafter an unserer Seite zu wissen.

Fakt ist, dass NUCLEAR BLAST im letzten Jahr im Bereich Bandbetreuung einige Schlüsselfiguren verloren gegangen sind. Was bedeutet das aus deiner Sicht für das Label – und für die Bands?
Thorsten Freese: Veränderungen setzen auch neue Kräfte frei. Wir haben die Entscheidung einiger Mitarbeiter, uns zu verlassen, akzeptiert, und wir sind dabei, die Veränderungen auch positiv zu nutzen. Wir haben zum einen auf den Nachwuchs im Haus NUCLEAR BLAST gesetzt, zum anderen haben wir langjährige Mitarbeiter empowert. Und wir haben auch in einem wesentlichen Maße Impluse von außen gesetzt, neue Mitarbeiter mit dem richtigen Hintergrund dazu geholt. Hier wächst etwas Neues heran. Es stimmt zwar, dass auch Mitarbeiter gegangen sind, aber es gab hierfür auch gute Gründe. Wir haben heute eine deutlich frischere, offenere Unternehmenskultur als zum Zeitpunkt unseres Einstiegs. Wir haben eine Entwicklung begonnen, um NUCLEAR BLAST zu modernisieren. Wir sehen schon jetzt, wie gut dies gelingt.

Marcus Hammer: Tatsächlich sind ein paar Leute gegangen, neue dafür dazugekommen. Wie oft in Zeiten des Wandels gibt es vielfältige Gründe für Menschen, sich beruflich verändern zu wollen, die oftmals auch auf der privaten Ebene liegen. Es haben auch schon früher Leute NUCLEAR BLAST verlassen und es sind neue hinzugekommen. Es ist uns aber in der Vergangenheit immer gelungen – und es wird uns auch in der Zukunft gelingen – insbesondere im Bezug auf unsere Künstler die gewohnte NUCLEAR-BLAST-Qualität zur Verfügung zu stellen.

Marcus Hammer (Geschäftsführer NUCLEAR BLAST RECORDS) © Privat

Einige Bands haben NUCLEAR BLAST seither den Rücken gekehrt, Peavy von Rage sprach von „viel Kompetenzen-Chaos“. Ist Vertrauensverlust seitens der Bands ein Thema bei euch?
Marcus Hammer: Das spezielle und tiefe Vertrauensverhältnis mit unseren Bands und Künstlern – und insbesondere die Pflege dieses Vertrauensverhältnisses – spielt bei uns immer eine große Rolle. Es liegt in der Natur der Sache, dass Veränderungen auch Unsicherheiten generieren, wir stehen da aber immer im engen Austausch mit unseren Bands und versuchen stetig, über unsere Schritte zu informieren und Änderungen zu erklären. Klar gab es auch Nachfragen und natürlich liegt es im Interesse unserer Künstler, zu wissen, was so bei ihrem Label passiert. Uns haben aber keineswegs aus diesem Grund Bands den Rücken gekehrt, im Gegenteil: Wir haben unser Roster tatsächlich noch erweitert.
Bezüglich der Aussage von Peavy sehe ich eigentlich nicht, dass wir ein Kompetenzen-Chaos gehabt hätten. Natürlich werden bei so einem Eigentümerübergang auch mal ein paar Dinge auf den Prüfstand gestellt, Anpassungen an gewisse Regularien sind notwendig und neue Ansprechpartner werden in gewisse Prozesse miteinbezogen. Alles in allem ging das aber im Wesentlichen recht reibungslos über die Bühne. Im speziellen Fall Rage hatte das aus meiner Sicht nichts mit Kompentenzen-Chaos zu tun, vielmehr hatten beide Seiten in den Gesprächen und Verhandlungen etwas die Schwierigkeit, alle Erwartungen unter einen Hut zu bekommen und Peavys Management hat einfach einen professionellen Job gemacht und ihrem Künstler wohl ein attraktives Angebot von einem anderen Label vorgelegt. Dann passiert es eben, dass sich langjährige Weggefährten auch mal wieder trennen. Genauso wie Peavy stehen auch wir zu unseren Überzeugungen, insofern können wir uns glaube ich alle noch in die Augen sehen – und wenn Peavy die nächsten 20 Jahre noch Musik macht, sprechen wir unsererseits irgendwann in der Zukunft gerne über die Möglichkeiten, vielleicht wieder zusammenzuarbeiten.

Thorsten Freese: Wir müssen unser Artist-Roster immer wieder anpassen und dabei Entscheidungen von Bands, uns zu verlassen, akzeptieren – genauso wie Bands akzeptieren müssen, dass wir uns entscheiden, keine weiteren Optionen zu ziehen. Das ist auch zum Teil ein ganz normaler Vorgang. Entscheidend ist, dass unsere Bands bestmöglich betreut werden. Dieser Ansatz ist immer der zentrale, er steht im Mittelpunkt. Wir haben einen hohen Anspruch an uns selbst als Label, wir wollen das Beste bieten, was der Markt aufzuweisen hat. Dafür müssen wir manchmal auch zunächst schmerzhafte Wege gehen. Aber die Musikwelt ist im Wandel und wir können nicht einfach so tun, als sei immer noch das Jahr 1988. Wir brauchen als NUCLEAR BLAST Veränderungen in Form von Weiterentwicklungen, auch bei unseren Mitarbeitern in zentralen und wichtigen Positionen. Was gestern noch gut war, kann sich schon morgen als Problem erweisen. Wir versuchen nach wie vor, eine ausgewogene Mischung aus gelernten, bewährten Strukturen und Neuerungen zu erreichen. Wir sind überzeugt, dass dies auch unsere Bands so sehen und dass die Bindung an NUCLEAR BLAST selbst die wichtigste bleibt.

© Manuel Miksche / APESMetal.com

Peavy hatte in dem Interview im RockHard-Magazin auch gesagt, dass BELIEVE Verträge nicht erfüllen wollte, beziehungsweise dass durch die Übernahme eigentlich alle Verträge aufgelöst worden seien – stimmt das?
Marcus Hammer: Ich habe Peavy in meiner Zeit bei NUCLEAR BLAST leider nur zweimal getroffen, was sehr nett war, da Rage Ende der 1980er-Jahre auch zu den Bands gehörte, die ich immer wieder gerne gehört habe. Ich habe ihn auf alle Fälle als sehr liebenswerte und freundliche Person kennengelernt und denke daher, dass er bei diesen Aussagen vielleicht etwas gedankenlos und bestimmt ohne böse Absicht einfach Falschinformationen wiedergegeben hat, die ihm irgendwo zugetragen worden waren. Richtig ist, dass wir als NUCLEAR BLAST und ebenso BELIEVE geschlossene Verträge achten und es auch niemals ein Ansinnen gab, bestehende Verträge nicht erfüllen zu wollen. Genausowenig sind alle Verträge durch die Übernahme aufgelöst worden. Vielmehr hatten und haben alle Verträge in geschlossener Fassung Bestand.

Ich glaube, dass Vertrauen und Freundschaft im Metal auch in Business-Bereichen mehr zählt als in anderen Genres. Wie siehst du das – habt ihr das eventuell unterschätzt?
Thorsten Freese: Vertrauen ist ein besonders wichtiger Baustein in unserer Unternehmensphilosophie. Unter den Mitarbeitern und auch im Verhältnis zu unseren Bands. Freundschaft ist ein besonders hohes Gut im Leben. Wenn sich Freundschaften im Geschäftsleben entwickeln, darf dies aber keinesfalls zu einer Nibelungentreue führen, wenn dabei die eigentlichen Ziele aus den Augen verloren werden. Die Zeit der Egos in der Branche ist vorbei. Wir sehen uns unseren Bands gegenüber verpflichtet, das beste Label sein zu wollen, und wir stellen uns den Herausforderungen des Marktes und eines veränderten Hörerverhaltens. Darum hoffen wir sehr, unsere Bands von unserem Weg überzeugen zu können.

Marcus Hammer: Ich habe zumindest die Erfahrung gemacht, dass in unserem Genre die Beziehungen gerade zu Künstlern und Partnern absolut durch eine gewisse Vertrauens- und Freundschaftskultur geprägt sind. Dies mag wohl auch damit zusammenhängen, dass die gemeinsame Leidenschaft für die Musik ein tieferes gegenseitiges Verständnis und Vertrautheitsgefühl bewirkt. Die Leute bei NUCLEAR BLAST haben sich durch die Übernahme von BELIEVE ja nicht geändert, insofern sehe ich da auch kein wesentliches Risiko durch einen Wechsel auf der Gesellschafterseite. Und ich darf an dieser Stelle auch mal ergänzen, dass auch bei BELIEVE viele leidenschaftliche Musikfans arbeiten und, wie sich herausstellte, auch einige Metal-Fans dabei sind. Da sind wir mit offenen Armen empfangen worden.

Aktuell ist NUCLEAR BLAST im Bandbetreuer/Promotion-Bereich personell deutlich dünner besetzt als früher. Wie stellst du dir das Labelteam der Zukunft vor, was soll hier anders/besser werden?
Thorsten Freese: Wir sind ein sehr starkes Team, aus diesem Team heraus werden wir weiter wachsen. Dieser Prozess ist in vollem Gange. Wir wollen die besten Mitarbeiter haben, die der Markt zur Verfügung hat. Manchmal ist es besser, zunächst etwas zu warten, damit unsere Strukturen bestmöglich ergänzt werden können. Dünn klingt in diesem Zusammenhang zu negativ; wir sind auch derzeit weiterhin ein schlagkräftiges Label. Und wir haben bereits einige neue Mitarbeiter hinzugewonnen, deren bisherige Tätigkeiten für sich sprechen. NUCLEAR BLAST ist auf einem richtig guten Weg. Wir dürfen der Vergangenheit nicht nachweinen. Einige Dinge mussten daher einfach geändert werden, sonst hätte es keine Zukunft gegeben. Noch einmal: Wir sind überzeugt, dass dieser Weg der richtige ist.

Marcus Hammer: Wir sind noch nicht ganz da, wo wir hinwollen und arbeiten weiter daran, die Strukturen zielgerichtet weiterzuentwickeln. Tatsächlich hatten wir Abgänge – auf der anderen Seite aber auch viele Zugänge, insbesondere im Bereich der Bandbetreuung und naheliegender Funktionen im Bereich Digital und Online. Wir sind auch noch nicht ganz im Gleichgewicht, aber am Ende werden wir uns zukunfsorientiert so aufgestellt haben, dass wir unsere Künstler noch besser und spezifischer betreuen und in dem sich immer stärker digitalisierenden Markt Top Services bieten können.

Generell war NUCLEAR BLAST in der Szene extrem gut aufgestellt – was wollt, was könnt ihr hier gemeinsam verbessern – was ist eure Vision für die Zukunft von NUCLEAR BLAST?
Thorsten Freese: BELIEVE versteht sich als Muttergesellschaft, die Experten in ihren Tochtergesellschaften in ihren spezifischen Genrebereichen sehr weitreichend eigenverantwortlich arbeiten lässt. Und BELIEVE versteht sich als Motor für Wachstum und Internationalisierung. Wir wollen unsere Labels und Tochterfirmen stärker machen und ausbauen. Unsere Vision besteht in einem Miteinander, in einer Partnerschaft mit unseren Tochtergesellschaften wie zum Beispiel NUCLEAR BLAST und auch mit unseren Künstlern, unseren Bands. Und in der gemeinsamen Überzeugung, dass es wichtig ist, das Eine zu tun, ohne das Andere zu lassen. Das heißt, wir wollen weiterhin stark im klassischen A&R-Geschäft sein, wir wollen weiterhin die allerbesten Produkte im Markt anbieten, physisch und selbstverständlich auch nicht-physisch, und wir wollen auch innovativ sein und die vielen Vorteile und Entwicklungen, die der technologische Wandel bringt, im Interesse unserer Bands und deren Fans nutzen. Es gibt keine Alternative dazu – wir wollen uns dieser Herausforderung personell und inhaltlich stellen. Wir brauchen Mut für diese Veränderungen, aber wir sind davon überzeugt, dass uns die Zukunft recht geben wird. Wir werden unsere ohnehin bereits gewachsene Bedeutung im Gesamtmarkt weiter ausbauen.

Marcus Hammer: Wir wollen unsere Position als weltweites Nummer-1-Metal-Label noch weiter ausbauen. Flächendeckende Vertretung der Künstlerinteressen und Vermarktung ihrer Musik, Transparenz sowie das tiefste und spezifischste Serviceangebot für unsere Künstler auf allen Stufen ihrer Karriere sind hier die Schlagworte.

[Die Interviews wurden separat geführt und nachträglich zusammengeführt.]


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>> „Nuclear Blast – Locusts over Donzdorf“ – was nach einem Endzeitfilm von Uwe Boll oder einer ökologischen Sensation im Schwabenland klingt, könnte bereits ökonomische Realität sein.

Ein Kommentar von Metal1.info-Chefredakteur Moritz Grütz

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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