Wie steht es um den Metal im Jahr 2025? Inspiriert durch die BLECH-Podcast-Folge zu dem Thema haben wir uns mit zwei Bandleadern der neuen Generation getroffen: Niklas von ORBIT CULTURE und Alpha von GAEREA. Gemeinsam gehen wir den Fragen nach, wieso Metal grade einen solchen Aufschwung erfährt, welche Entwicklungen die Szene derzeit positiv wie negativ prägen und wie sich das Musikbusiness verändert hat.

Fangen wir mit einer kurzen Einführung an – wie habt ihr Metal für euch entdeckt, also wie seid ihr in die Szene gekommen?
Niklas: Oh wow, bei mir hat das in sehr jungem Alter mit KISS angefangen. Klar, das ist nicht wirklich „metal“, aber es ging dann ziemlich schnell rüber zu METALLICA und in dieses Umfeld.
Alpha: Ich erinnere mich daran, wie mein Vater mit seinem Pickup herumgefahren ist, und im Auto liefen die SCORPIONS und LENNY KRAVITZ. Damit hat es wohl angefangen. Für Leute meiner Generation wäre die immer zutreffende Antwort natürich LINKIN PARK, und dann ist man eben noch ein bisschen weiter in der Dunkelheit verloren gegangen.

Früher haben sich die Subgenres stark voneinander abgegrenzt: Man war Black-Metal-Fan oder Thrash-Metal-Fan oder Death-Metal-Fan. Heute sind diese Grenzen weitgehend aufgebrochen: BEHEMOTH tourten mit SLIPKNOT, man sieht LORNA-SHORE-Shirts auf Black-Metal-Shows und SLEEP TOKEN mischen Metal mit Pop … wie ist das entstanden?
Alpha: Du hast es in der Frage schon gesagt: Die Tatsache, dass SLEEP TOKEN als die größte „Heavy-Band“ – setzen wir das mal in Anführungsstriche – die all diese Pop-Elemente mischt, aber eben auch so etwas wie Heavy-Pop-Musik macht! In meinen Augen ist das ein sicherer Einstieg zu Bands wie meiner und ORBIT CULTURE. Die Leute entdecken dieses super melodische, große Arena-Ding, und das wird dann für immer ihre Lieblingsband. Denn all diese Kids sind 15, 16, und kommen jetzt bei unseren Shows in der ersten Reihe. Und dann werden sie noch tiefer eintauchen, so wie es bei uns damals war, mit METALLICA und LINKIN PARK. Aber ich glaube, schon bei uns war das nicht so [in Genres unterteilt] – denn wenn du 15 oder 16 bist, oder sogar bis 18, denkst du einfach nur: Ich mag diese Band, ich mag diese Band, mir egal, das ist heavy, das ist für mich der härteste Sound überhaupt. Deshalb vermischen sich die Stile heutzutage so gut. Diese Tour hier ist nicht als Death-Metal-Package zu betrachten, sondern als extrem emotionales Metal-Package. Das ist es, was dieses Tour-Package ausmacht.
Niklas: Ich habe dem wirklich nichts hinzuzufügen, das war großartig. (lacht)
„Ich bin einfach froh,
dass mehr Leute viel mehr Metal hören“
Würdet ihr also sagen, dass Bands wie die, die ich erwähnt habe, eher Vorbilder sind als eine Bedrohung für den „wahren Metal-Sprit“? Insbesondere SLEEP TOKEN, die diesen Pop-Ansatz mit reinbringen, den im Metal nicht jeder gut findet …
Niklas: Gibt es da ein Problem? Fühlt sich für mich nicht so an …
Alpha: Ich fühle mich nicht verraten. (lacht)
Niklas: Ich bin einfach froh, dass mehr Leute viel mehr Metal hören. Und wenn es an vorderster Front SLEEP TOKEN sind, die die Leute dazu bringen, dann auch unsere Bands zu hören, ist das einfach eine schöne Sache.

Dass Metal groß wird, ist ja ein weiterer Diskussionspunkt, weil Metal damit auch immer mehr im Mainstream ankommt. Wenn man sich zum Beispiel die heutigen Power-Metal-Bands anschaut, ist das ja fast so etwas wie der Schlager unserer Generation. Ist es denn überhaupt wünschenswert, dass alle Leute Metal hören, oder geht dabei etwas verloren? Schließlich galt Metal lange als Szene für Außenseiter, als eine Art Zufluchtsort vor der Mainstream-Gesellschaft …
Alpha: Ich glaube überhaupt nicht, dass es da ein Problem gibt. Ich habe null Problem damit, dass BAD OMENS oder BRING ME THE HORIZON oder SLEEP TOKEN oder SLIPKNOT riesige Touren spielen, Arenen ausverkaufen, so wie ihr [GAEREA als Support von SLIPKNOT] das mit dem Madison Square Garden gemacht habt – etwas, das auch die in ihrer Karriere so noch nie hatten – und damit gleichzeitig die Tore für neue Bands öffnen. So sollte es meiner Meinung nach sein. Es gibt für alles einen Markt, und es ist ja auch eine Tatsache, dass wir über die letzten in etwa 20 Jahre einen Rückgang an jüngeren Kids gesehen haben, die in das Genre kommen: Ich erinnere mich, dass wir noch vor drei oder vier Jahren hauptsächlich für alte bärtige Typen gespielt haben, die Vinyl sammeln. Die moshen nicht, denen ist das egal, die sind einfach nur für den Vibe da. Und das ist schön, es ist cool, Fans zu haben. Aber wenn wir wollen, dass das Genre wächst, müssen wir den Samen auch bei der jüngeren Generation pflanzen. Es ist die jüngere Generation, die diese Arenen und diese großen Shows und Stadionfestivals und all das füllen wird. Wenn Leute wütend werden, weil die DEFTONES größer sind als je zuvor, weil sie wegen der Pandemie und TikTok größer geworden sind – und das beii SLEEP TOKEN ja das gleiche – kann man nur sagen: Es ist, wie es ist. Ich meine, Woodstock 1999 … die meisten Bands dort waren Heavy-Bands. Weil das damals das war, was groß war: KORN, die Deals mit Adidas gemacht haben und so weiter. Das ist etwas, das in meinen Augen langsam zurückkommt – endlich! – und vielleicht können wir das behalten, ohne es dadurch kaputtzumachen, dass wir die Bands gatekeepen und wütend werden, wenn Bands ihren Stil ändern oder so etwas.
Niklas: Ich habe nichts hinzuzufügen! Es fühlt sich an, als würdest du direkt aus meinem Kopf vorlesen. Es ist genial. (lacht)
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„Du kannst die Spinne im Netz sein“
Als Musiker kann man heutzutage fast alles selbst machen, von den Aufnahmen bis zur Promotion – also all das, was früher Produzenten, Labels und PR-Agenturen erledigt haben. Andererseits muss man als Musiker heutzutage eben auch vieles davon selbst machen. Ist das also eine Form der Selbstermächtigung oder einfach nur mehr Arbeit für die Musiker?
Niklas: Ich finde, das ist eine perfekte Sache, weil du dabei so viel lernst. Früher hattest du eine Band, hast Musik gespielt und Songs geschrieben. Und das war’s. Aber ich persönlich liebe es, dass man so sehr in die wirtschaftlichen Aspekte oder auch die Logistik eingebunden sein kann. Du kannst die Spinne im Netz sein. Das ist sicher etwas sehr Individuelles, ich persönlich habe eben ein starkes Kontrollbedürfnis. Ich sehe es aber auch als etwas Schönes, denn du entwickelst auch ein Gefühl von Stolz: Du bist in all diesen verschiedenen Bereichen involviert. Und du kannst so stolz darauf sein, wenn es sich von einer ganz kleinen Clubshow mit vielleicht fünf Leuten dahin entwickelt, Shows wie diese hier zu spielen – denn ein beträchtlicher Anteil der Arbeit, die da drin steckt, war deine eigene Arbeit.
Gleichzeitig hat das weitere Hürden abgebaut – im Prinzip kann heute jeder Musik veröffentlichen, es gibt also viel mehr Musik und damit auch mehr Konkurrenz …
Niklas: Ja, auf jeden Fall!

Hat das es auch für Bands schwieriger gemacht, die sich bereits einen gewissen Namen erarbeitet haben?
Alpha: Ich denke, was gut ist, ist gut. Was wir uns nicht leisten können, ist, die Fans zu verarschen. Die Leute haben ein Gespür dafür, wenn etwas Bullshit ist, der nur eben extrem von einem Label gepusht wird. Ich glaube, die Leute merken, wenn die Struktur, die Arbeit, die Vision fehlt. Du weißt, dass das dann etwas ist, das vielleicht fünf Jahre lang hält, weil es gerade hip ist. Auch das ist OK, ws gibt, wie gesagt, auch dafür einen Markt. Aber wenn du auf Langlebigkeit schaust – ihr von ORBIT CULTURE macht das jetzt seit rund zwölf, 13 Jahren. Wir nähern uns den zehn. Und ich glaube, ihr wollt das noch ein paar Jahre mehr machen, und wir auch. Bei beiden Bands sehe ich, dass es eine kontinuierliche Arbeit, die größtenteils von der Band selbst geleistet wird. Meistens bist du zu Hause und denkst über dies oder das nach, über diese Idee für ein Video oder sogar für einen Post, weil Social Media so verdammt wichtig ist, dass es deine Karriere erschaffen wird. Denn darüber reden wir: Wir reden nicht über ein One-Hit-Ding auf Spotify, durch das die Leute deine Band dann einfach kennen. Oder darüber, dass du deinen Stil komplett änderst, um in dieses Pirate-Metal-Ding reinzupassen. Ich glaube, unsere beiden Bands haben eine sehr klare Vision. Und das ist es, was sie abhebt von … ich würde es nicht einmal „die Konkurrenz“ nennen. Ich meine, heute spielen wir hier. Aber gestern waren PARADISE LOST hier und morgen sind MALEVOLENCE hier. Und dieser Laden ist jeden verdammten Tag voll mit Leuten. Das sind einfach gute Bands, und diese Bands können Tickets verkaufen, weil die Leute den Wert darin sehen: Es sind Bands, die es eben richtig machen.
„Du musst dich anpassen,
es führt kein Weg daran vorbei“
Du hast Social Media als einen weiteren wichtigen Teil des Jobs eines Musikers heutzutage erwähnt. Das ist unbestreitbar richtig – aber ist es nicht schade, dass kreative Köpfe so viel Zeit damit verbringen müssen, darüber nachzudenken, wie sie ihre Musik in den sozialen Medien präsentieren, statt sich auf ihre Kunst konzentrieren zu können?
Niklas: Das sind einfach die modernen Zeiten. Du musst dich anpassen, es führt kein Weg daran vorbei. Wir haben einen ziemlich anderen Weg gewählt: Wir machen es eher auf die Oldschool-Art und versuchen, uns Langzeit-Fans heranzuziehen. Denn das sind die Fans, die wirklich respektieren, was du tust. Klar könnte man vielleicht eine Abkürzung nehmen, wenn man all seine Zeit und Energie und Musik auf TikTok fokussiert. Aber das ist nichts, was ich machen möchte. Ich gehe es eher auf die klassische Art an. Aber hoffentlich bin ich schlau genug, das Social-Media-Zeug nicht komplett zu ignorieren. (lacht) Also ich denke, es macht bis zu einem gewissen Grad auch Spaß, solches Zeug zu machen. Aber ich sehe das eher als eine weitere kreative Ausdrucksform, weil ich es mag, diese Posts und das alles zu erstellen, so wie ihr bei GAEREA das ja auch macht. Ich finde das genauso befriedigend wie ein Riff zu schreiben. Es ist auch ein Teil der kreativen Arbeit.

Was sich ebenfalls verändert hat, ist die Art, wie Musik veröffentlicht wird: In hoher Frequenz Singles zu veröffentlichen ist heute von entscheidender Bedeutung. Erzeugt das einen gewissen Druck, dass man immer etwas anbieten muss, um die Fans bei der Stange zu halten?
Alpha: Bei uns passiert das einfach: Wir schreiben, während wir auf Tour sind, und dann veröffentlichen wir es, und dann tourst du noch ein bisschen, und irgendwann reitest du schon seit fast zwei Jahren auf diesen Songs herum. Also ist es wieder Zeit, die Gitarre in die Hand zu nehmen. Bei uns läuft das einfach in etwa so. Wir haben nie Druck gespürt. Wir haben es nicht mit Major-Labels zu tun, die an der Tür klopfen. Das ist nicht der Fall, nicht einmal jetzt mit Century Media, zumindest bei uns. Es war eher so: Wir mögen, was ihr gemacht habt. Wollt ihr das nächste Album mit uns veröffentlichen? Wir warten drauf und respektieren den Prozess. Ich habe nie von irgendwem Druck gespürt, Musik schreiben zu müssen.
Auch die Art, wie Musik konsumiert wird, hat sich verändert: Die Leute kaufen Tonträger eher als Sammlerstücke, hören Musik aber hauptsächlich über Streamingdienste. Plattformen wie Spotify sind jedoch umstritten, unter anderem, weil Künstler dort so wenig verdienen. Wie hört ihr persönlich Musik – streamt ihr, oder kauft ihr noch Tonträger?
Niklas: Ich benutze Spotify ständig, weil ich es mag, meine Musik direkt bei mir zu haben. Es wurde ja auch in Schweden gegründet, deswegen haben wir Schweden Spotify ganz automatisch schon seit 2008 oder so genutzt. Es ist sehr in unserer DNA verankert. Ich habe mich aber auch nie darum bemüht, mal andere Plattformen auszuprobieren, sorry dafür. (lacht) Aber ich habe in letzter Zeit versucht, wieder mehr Vinyl zu kaufen, obwohl ich keinen Plattenspieler habe. Einfach, weil ich die Artworks sehen will!
Aber stört dich das als Musiker nicht, dass Spotify dich ausbeutet, um große Konzerngewinne zu machen, ohne dir einen fairen Anteil zu bezahlen?
Niklas: Wenn die Fans dort sind, zählt das mehr, als die Frage, ob ich auf einer anderen Plattform fünf Cent mehr pro Stream bekommen könnte. Ich will einfach, dass die Leute die Musik hören. Und wenn sie sie dort hören und dann kaufen, ist das noch schöner. Es ist, würde ich sagen, einfach auch ein Zugangsweg zur Musik.
„99% der Bevölkerung können so ein Ding
nicht mal mehr abspielen!“

Andererseits sehen wir diesen Retro-Hype um Vinyl und sogar Kassetten. Wie erklärst du dir das in einer Zeit, in der jeder auf seinem Handy Zugriff auf die ganze Musik der Welt hat?
Alpha: Ich finde das großartig. Ich glaube, das liegt an diesem Sammler-Drang, alle Formate haben zu wollen. Manchmal machen wir ein Bundle, in dem du die Kassette, die CD und das farbige Vinyl und was auch immer bekommst, und das ist dann signiert … es geht eher darum, ein schönes Package zu machen, das das Erlebnis des Albums erweitert, als darum, einfach zu sagen: Wir bringen dieses neue Album auf Tape raus. 99% der Bevölkerung können so ein Ding nicht mal mehr abspielen! Wir haben ein paar Alben auf Tape rausgebracht, aber ich habe nicht mal einen Player für Tape. Das ist einfach nichts, in das ich investieren werde. Trotzdem habe ich ein paar Tapes von Bands, die ich mag. Das ist eben dieses Sammler-Ding. Bei Vinyl ist es vermutlich ähnlich: Nicht jeder hat einen Plattenspieler, aber ein gutes Cover ist ein gutes Cover, das du haben, einrahmen und deinen Freunden zeigen willst. Ich glaube, es ist also auch eine soziale Sache.
Bandseitig ist es natürlich eine willkommene Möglichkeit, überhaupt noch Geld mit Musik zu verdienen – wie Merchandise ganz allgemein. Aber die Preise steigen immer weiter: Heutzutage sind 40 € für ein Shirt ziemlich normal geworden. Würdest du ein Shirt für 40 € kaufen?
Niklas: Wenn ich die Band mag, ja.
BRUCE SPRINGSTEEN hat seine Shirts für 65 € verkauft. Wird das bald normal? Was ist denn ein fairer Preis für ein Shirt?
Alpha: Es geht nicht nur darum, welcher Preis auf dem T‑Shirt steht, sondern zum Beispiel auch darum, wie hoch die Provision ist, die der Club nimmt, wie hoch die Mehrwertsteuer ist, wie hoch die Versandkosten sind, wie viel die Produktion kostet, wie viel der Designer bekommt. Wenn man das alles zusammenrechnet, bleiben für einen Musiker 10 € von diesem T‑Shirt übrig! (lacht)
„Als Musiker würde ich meine T‑Shirts
lieber für 10 € verkaufen“
Das ist absolut richtig, keine Frage. Aber für den Fan ist das trotzdem eine Menge Geld…
Alpha: Ist es, ja, und es ist total beschissen. Als Musiker würde ich meine T‑Shirts lieber für 10 € verkaufen. Ich meine, lass uns einfach loslegen, lass uns einfach teilen und tauschen. Du bringst ein paar coole Shirts mit, ich auch, und wir machen einen ganzen Flohmarkt daraus. Aber es ist, wie es ist. Über die T‑Shirts und den Merchandise‑Stand werden die Rechnungen bezahlt. Und wenn du heute alle Ausgaben einbeziehst, ist es einfach sehr schwer, die Preise niedrig zu halten.

Trotzdem mache ich mir Sorgen, dass Metal zu einem Hobby für wohlhabende Leute wird, wenn sich viele Menschen Merchandise nicht mehr leisten können …
Niklas: Es ist verdammt schlimm. Aber es ist auch schlimm, sich ein Taylor‑Swift‑T‑Shirt für 70 € zu kaufen. (lacht) Aber man muss auch sagen, was Arenen und Stadien angeht: Seit COVID sind die selbst zu den großen Künstlern nicht mehr nett. Die nehmen bis zu 40 % Provision vom Bruttoumsatz. Deshalb müssen die Preise hochgeschraubt werden, was einfach verdammt schlimm ist. Aber ja, ich sitze im selben Boot. Ich hasse es, dass alles so teuer wird, aber alles andere wird es ja auch.
Alpha: Mhm … Inflation!
Lasst uns nochmal einen Vergleich machen: Wenn du dir heute eine Musik-Doku über die 1980er ansiehst – gibt es etwas, das du im Business von heute vermisst, das damals völlig normal war, es heute aber nicht mehr gibt?
Alpha: Wie meinst du das? So ein „St. Anger“-Vibe? (lacht)
Naja, vielleicht das Feiern auf Tour? Da hat sich doch auch eine Menge verändert, oder?
Alpha: Hat es. Diese Tour ist für uns – und wir sagen das die ganze Zeit – wahrscheinlich die beste, die wir bisher gespielt haben. Alle sind jung. Alle sind mega gehypt darauf, etwas wirklich Cooles zu machen. Alle helfen dabei, Tickets zu verkaufen. Also, wir haben schon unsere Runden, in denen wir backstage auch mal unser Bier trinken. Aber es ist, wie es ist … Ich habe verrücktes Zeug nie verurteilt. Bei uns gibt es das nur einfach nicht. Die neue Generation steht nicht so auf die harten Dinge des „Rock and Roll“, Groupies überall und so. Die Leute haben heutzutage auch etwas mehr Selbstrespekt. Sowas sieht man einfach nicht mehr so oft. In den zehn Jahren, in denen ich das jetzt mache, habe ich sowas nicht gesehen. Backstage hängen die Leute einfach an ihren Handys oder rufen zu Hause an. Es ist sehr langweilig. (lacht)
Niklas: Bei mir ist es dasselbe. Selbst die größeren Bands sind heute eher gesund, clean, gehen ins Fitnessstudio und so weiter.
“ Ich würde liebend gern 100 Cellospieler mitbringen,
aber das kann ich mir nicht leisten“

Wenn man über zunehmende Professionalität spricht, beginnt die mittlerweile in einem extrem frühen Stadium. Während Bands früher viele Jahre mit schlechtem Equipment kämpfen mussten, hat jetzt fast jede Newcomer-Band die komplette Ausrüstung, von In-Ear-Systemen und Backingtracks bis zur eigenen Lichtshow. Ist das eine Verbesserung, oder gehen damit wichtige Erfahrungen und grundlegende Fähigkeiten verloren, die man früher auf die harte Tour lernen musste?
Niklas: Ich würde wahnsinnig gern einfach nur einen Amp und eine Gitarre hinstellen und damit die Show spielen, ohne über irgendetwas anderes nachzudenken. Aber das hängt natürlich auch damit zusammen, was im Studio passiert: Ich würde liebend gern 100 Cellospieler mitbringen, aber das kann ich mir nicht leisten. (lacht) Also muss einiges eben über die Backingtracks laufen. Aber es ist auch einfach ein Zeichen dafür, dass sich die Zeiten geändert haben. Ich möchte nicht komplett von einem Laptop abhängig sein, was wir aber irgendwie natürlich schon sind. Aber die Shows sehen cool aus und sie klingen cool … hoffe ich zumindest …
Alpha: Und sie sind voll mit Leuten, die etwas großartiges erleben. Ich glaube nicht, dass dabei jemandem etwas fehlt.
KI könnte eine weitere Quelle der Selbstermächtigung für Musiker sein – oder eine Bedrohung. Viele Bands nutzen KI bereits für Artworks oder Videos, sei es aus künstlerischen Gründen oder einfach, um Geld zu sparen. Ihr habt das mit euren Bands nicht gemacht. Mit ORBIT CULTURE habt ihr sogar ein echtes Gemälde für euer Cover gekauft, und bei GAEREA arbeitet ihr ebenfalls mit verschiedenen Künstlern zusammen. Warum ist euch das wichtig?
Niklas: Für mich geht es im Grunde einfach darum, andere Künstler zu unterstützen. Und es fühlt sich auch besser an, wenn es nicht etwas ist, das in einer Millisekunde entstanden ist. Diese Leute haben Arbeit, Überlegungen und eine Idee in eine solche Sache gesteckt. Für mich hat das an sich schon einen großen Wert – egal, wie das Artwork aussieht. Du kannst eine Banane an die Wand kleben und sie für Millionen verkaufen, aber wenn ich jemanden sehe, der stundenlang daran gesessen hat, dir eine verdammte Burg zu malen, ist das für mich etwas unschätzbar wertvolles. Und ich will diese Leute so gut ich kann beschäftigt halten. Ich weiß sehr gut, dass viele dieser Künstler auf Instagram oder wo auch immer komplett darauf angewiesen sind, dass Bands ihre Werke kaufen. Denn es gibt nicht so viele normale Leute, die ein T‑Shirt-Design kaufen! (lacht)
Alpha: Ja, das stimmt. Ich denke, du bringst deine Band auch voran, wenn du mit unterschiedlichen Visionen arbeitest. Nichts kommt daran heran, mit einer Person zu arbeiten, die du respektierst. Diese Personen geben dir, während ihr das Video macht oder über das Artwork oder was auch immer sprecht, auch Input und helfen dir sogar, das, was du tust, noch einmal zu überdenken. Deshalb geht es vor allem um Zusammenarbeit beim Kreieren von etwas, das über dich und ein Laptop hinaus geht, in den du exakt das eintippst, was du in diesem Moment denkst. Grade, dass es Zeit braucht, etwas zu produzieren, Zeit zur Vorbereitung, Zeit zum Diskutieren, bringt bessere Bands hervor. Das ist dasselbe, wenn du einen Monat lang mit einem Produzenten ins Studio gehst.
„Da wird immer dieser Gedanke sein:
Ich habe das eigentlich nicht verdient“

Und wie sieht es mit KI-Musik aus? Habt ihr Angst, dass das zum nächsten großen Konkurrenten für Metal-Bands werden könnte? Denn in anderen Genres…
Alpha: …ist es das schon, ja!
Niklas: Eine Sache, von der ich auch glaube, dass sie kommt, ist, dass Leute KI-Kram als Blaupause generieren werden, und das dann einfach noch mal selbst aufnehmen … aber ich weiß es nicht. (lacht)
Alpha: Daran habe ich noch nie gedacht. Also, du meinst, du holst dir die Inspiration, und wenn du das Riff magst … aber ich glaube, es ist noch zu früh, um darüber nachzudenken, was das in den nächsten fünf bis zehn Jahren für Folgen haben wird. Denn jetzt nimmt Spotify ja auch schon wieder Tracks raus, weil es aus dem Ruder gelaufen ist. Wir brauchen Gesetze dafür. Unsere Regierungen müssen all diese Dinge etwas besser regulieren. Aber es ist dasselbe wie bei den Hausaufgaben abzuschreiben. Es ist scheiße, aber es ist auch eine Frage der persönlichen Erfüllung, und irgendwann legst du dir, wie wir in Portugal sagen, die Hand in den Kopf und überlegst: Habe ich das verdient? Ich verkaufe zehn Millionen Exemplare dieser KI-Musik, von der niemand weiß, dass ich sie nicht geschrieben habe! Das nimmst du mit ins Grab. Da wird immer dieser Gedanke sein: Ich habe das eigentlich nicht verdient. Am Ende läuft es, glaube ich, darauf hinaus. Ich meine, es ist heutzutage sehr schwer, KI in Videos und Musik zu erkennen, und es wird noch viel mehr aus dem Ruder laufen. Ich bin einfach froh, dass ich meine Gitarre in die Hand genommen habe, um Musik zu schreiben. Das ist es, was mich glücklich macht.
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Dieses Interview wurde persönlich geführt.


Schönes Interview, danke!