Interview mit Marten von Turbostaat

Mit „Abalonia“ legen TURBOSTAAT aus Flensburg ihr bereits sechstes Studioalbum vor. Darauf präsentiert sich die Institution in Sachen intelligenter Deutschpunk als eine Gruppe gereifter Musiker, was in den extrem divergenten und durchdachten Liedern sowie den als Geschichte präsentierten Texten deutlich wird. In unserem Gespräch mit Gitarrist und Texter Marten Ende März in München sprechen wir über den Entstehungsprozess des Albums, die Punkszene in Deutschland und über Seemannschöre im Fernsehen.

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Wie lief denn die Tour bisher?
Super, richtig super. Die Clubs sind auch ein bisschen größer dieses Mal, und es ist auch oft im Vorfeld schon ausverkauft – das ist schon alles toll, wir können uns nicht beschweren.

Anfang des Jahres wart ihr ja dafür auch auf einer Clubtour in richtig kleinen Locations.
Ja genau, da haben wir einfach mal die Platte vorgestellt in kleinen Kneipen und Läden. Das ist ja auch quasi so Special-Interest, für Leute, die die Band wirklich sehr gut finden und auch großes Interesse an der Platte haben. Die Konzerte waren ja auch teilweise bevor die Platte rauskam, damit die Leute reinhören können. Danach haben wir dann auch noch ein paar Tanzlieder gespielt, nachdem die Leute so tapfer durchgehalten haben, nur neue Lieder anzuhören.

Wie ist es jetzt, die neuen Songs in das Set mit den alten Liedern einzubauen?
Das fügt sich bis jetzt relativ nahtlos ein, finde ich. Für einen selber ist es immer ein bisschen anstrengend, wenn man so viele neue Dinge beachten muss auf der Bühne. Man fühlt sich immer recht unsicher, wenn man neue Sachen spielt und ist so ein bisschen aufgeregt, weil man es halt noch nicht so ganz drin hat. Aber das wird dann von Abend zu Abend besser und irgendwann läuft das auch. Das war ja bei den letzten Platten auch so, also kann man das in der Zwischenzeit auch ein bisschen abstrahieren und weiß, dass das schon wird.

Turbostaat 02

Ihr habt ja 2014 einige Jubiläumsshows gespielt, an denen ihr an je zwei Tagen alle Alben durchgespielt habt. Ist das neue Album im Rückblick darauf so etwas wie ein neues Kapitel?
Puh, schwierig. Erstmal macht man ja immer das, was einen interessiert. Generell sind wir alle über die Jahre ein bisschen offener geworden, Dinge auszuprobieren. Früher war das schon so, dass man sich über Sachen definiert hat, die man nicht machen will. Das waren dann so Regeln wie „Der nächste Teil darf nicht mit dem Ton anfangen, der der letzte in dem anderen Teil war“, und solche Quatschsachen. Das hat man über die Jahre ein bisschen aufgebrochen. Es gab schon Bemühungen zu sagen, was finden wir alle gut noch, und die haben wir versucht, wieder einzubauen.

Würdest du „Abalonia“ denn Konzeptalbum nennen?
Nein, das nicht. Aber klar, es gab mal diese Idee einer durchgehenden Geschichte, die ist schon noch da. Aber mit Konzeptalbum ist man dann nicht so ganz glücklich, weil man sagt ja auch nicht zum ganz normalen Roman Konzeptbuch. (lacht) Insofern hat das schon so ein bisschen was Ekliges. Die Geschichte ist ja auch nicht ganz stringent durchgezogen worden. Ein Lied, das zu der Story gehört, ist zum Beispiel runtergeflogen, ein anderes, das nicht zu diesem Themenkreis gehört, ist drauf – es ist also schon sehr frei damit umgegangen worden.

Turbostaat - AbaloniaSeid ihr das denn in der Schreiphase gezielt als Geschichte angegangen?
Nein, gar nicht mal. Eigentlich haben wir alles so gemacht wie immer, und ich schreib halt die Texte. Da hatte ich das schon im Hinterkopf, dass ich das so machen möchte, und da mir da immer recht freie Hand gelassen wird, hab ich das halt auch gemacht, ohne dass ich da jetzt viel dazu gesagt hätte. Das ist ja auch nicht das Wichtigste. Konzept hört sich so an, als würde ein Kerngedanke drin stecken, und das ist es nicht. Es ist halt eine Geschichte, die aber viele verschiedene Gedanken bündelt, also in gewisser Form sogar das Gegenteil von Konzept oder zumindest etwas, das dem entgegensteht.

Was steckt hinter dem Namen „Abalonia“?
In dem Lied „Abalonia“ geht es darum, dass die Protagonistin die Antworten in einem Ort namens „Abalonia“ findet, den es aber nicht gibt. Das Wort selber ist nur ein Quatschwort, irgendwas Ausgedachtes.

Ich habe nur die CD zu Hause, nicht die LP-Version, und ich finde es ganz schön, dass man am Anfang hört, wie eine Plattennadel aufgesetzt wird und am Ende auch noch das Knistern zu hören ist…
Ja, es gibt eben zwei verschiedene Masters, eine für CD und eine für die Platte, einmal mit dem Plattenknistern und einmal ohne. Die Idee dazu hatte Roland und er fand das ganz hübsch, dass dieser Plattenvibe da mit drin ist. Das ist eben auch das, was wir immer machen: Eine Platte. Wir denken in A- und B-Seite, und wenn die Platte aus dem Presswerk kommt, dann sagt niemand „Gib mir doch mal die CD“, sondern alle wollen die LP und das dann zu Hause auflegen.

Was hat es denn mit dem Sample am Ende von „Geistschwein“ auf sich?
Das ist quasi eine eingesprochene Coverversion eines Samples, weil wir uns da rechtlich nicht ganz sicher waren. Das ist aus einem alten Film. Das Sample hat eine Band aus den 80ern, die wir alle toll finden von früher, The Chameleons, am Anfang ihrer ersten Platte. Dann haben wir das als Zitat eingebaut, eine kleine Freundlichkeit in die Richtung.

Auf dem Cover seid ihr, wenn auch nur verschwommen, zu sehen – das erste Mal, dass ihr auf dem Cover eines eurer Alben seid. Habt ihr euch dafür wegen des Motivs entschieden oder war es „an der Zeit“, dass ihr auf dem Cover seid?
Ein Freund von uns hatte ein Cover entworfen, auf dem ein Typ vor dem Meer stand und das hat er dann durch seine Brille und durch mehrere Linsen gejagt und das dann wieder fotografiert. Das sah so aus, als würden da mehrere Leute stehen. Darauf hin kam dann die Idee auf, in erster Linie von der Plattenfirma, ob wir das nicht als Band machen wollen, und das haben wir dann gemacht. Das ist auch ein Superfotograf, Horny, der hat das dann nochmal ein bisschen abstrahiert.

In den Videos habt ihr diesen Stil ja auch aufgegriffen. Bewusst?
Ja wir hatten schon Bock, das dann auch die ganze Zeit weiter zu führen. Und bei allen Sachen, die wir machen, versuchen wir diesen Weg weiterzuverfolgen.

Turbostaat - FlamingoIm Video zu „Wolter“ ist ja ein Vogelwart zu sehen und zu hören – ist das ein Schauspieler oder echt und wo ist der Zusammenhang zum Titel des Songs?
Da hat der Regisseur wirklich einen Vogelwart vom Naturbund gefragt. Der Wolter, nach dem das Lied benannt ist, der lebt ja schon lange nicht mehr. In erster Linie ist das ein schönes Video, aber die erste Idee kam schon so, dass wir da ein langes Intro am Anfang haben wollten, dass da was erzählt wird, und das ein bisschen zu unterfüttern.

Ihr wart ja auch bei Circus Halligalli mit dem Lied, wobei ihr ansonsten sehr selten im Fernsehen zu sehen seid. Wie war das für euch?
Mit der letzten Platte hatten wir ja auch bei Joko & Klaas gespielt, bei Neo Paradise. Damals war das aber noch deutlich kleiner und jetzt sind die zwei ja bei ProSieben und das ist dann echt eine Mordsproduktion. Das war schon ganz interessant sich das anzukucken.

Ihr habt dort ja sogar mit einem ganzen Chor gespielt. War das eure Idee und kanntet ihr den Chor vorher schon?
Wir kannten die nicht, aber haben uns überlegt, was man so machen kann, weil einfach da auftreten ist jetzt nicht das Einzige, und das passte halt ganz gut, wenn man da irgendwie einen Chor besorgen könnte. Und dann bot sich das auch an, einen Shantychor aufzustellen. Das war auch sehr lustig und war auch extrem komisch für die Leute, die da arbeiten, weil da dauernd irgendwo irgendwelche Seebären rumstanden – und die waren Nachmittags ja schon hackevoll. (lacht)

Wenn sich musikalisch auch einiges auf „Abalonia“ geändert hat, so sind eure Texte nach wie vor unglaublich charakteristisch. Ich finde, man bekommt mit, worum es geht, aber sie sind eben oft sehr poetisch und daher sehr unklar und offen. Wirken sie für euch, oder dich, der du die Texte schreibst, eindeutiger und klarer?
In erster Linie ist es viel, was aus einem raus kommt. Es ist jetzt nicht so, dass ich mir denke, dass ich jetzt irgendwas zu der und der Sachlage sagen möchte und wie ich das möglichst lustig verpacke, sondern ich schreib Geschichten auf über Situationen, in die ich mich dann begebe, vom Kopf her. Wenn eine Platte rauskommt, dann schreibe ich die gemeinsam mit Jan ein bisschen um, dann schicke ich die in einer E-Mail an alle und da schreibe ich ein bisschen was dazu, also nur einen Satz zu jedem Lied oder sowas. Ich kann das schlecht erklären.

Turbostaat 01

Dieses Jahr findet zum dritten Mal das „Angst macht keinen Lärm“-Festival statt, auf dem sich das Who Is Who der aktuellen Deutschpunkszene versammelt. Was war denn euer Gedanke hinter dieser Reihe?
Pascow und wir sind ja die Konstante bei diesen Shows, wir sind auch beim gleichen Booker, und für den war das eine gute Idee, mal alles zusammenzupacken und ein eigenes Ding zu machen. Dann hat er uns alle zusammengebracht, also es ist schon er, der das maßgeblich macht. Wir können schon ein bisschen was sagen, vorschlagen, wer da mitspielen soll zum Beispiel, und das diskutieren wir dann in der großen Gruppe. Aber in erster Linie machen Rollo und Umberto die Arbeit und kümmern sich um alles. Es geht da nicht darum, Repräsentant einer Szene zu sein, sondern es ist eher ein Familientreffen, ein Treffen von Freunden. Also Bands und Menschen, die sich gut finden. Es ist dann auch fast wichtiger, dass die Leute cool sind. Das soll ein schöner Tag werden für alle, das soll witzig sein und für die Leute vor, auf und um die Bühne nett sein.
Die ersten beiden Ausgaben waren in Trier und in Leipzig, dieses Jahr ist es in Potsdam. Die Idee ist jetzt schon, das weiterzumachen und auch woanders zu machen. Das muss schon Sinn machen, Leipzig, Berlin, bei uns im Norden, da lohnt sich das auch, weil viele Leute, die uns und Pascow hören, wohnen da halt. Im Süden wird das schwieriger. (lacht)

Nachdem auf dem „Angst macht keinen Lärm“ wirklich viele sehr gute Punkbands spielen zum Abschluss vielleicht noch eine Szenefrage: Wie würdest du denn Punk in Deutschland derzeit beschrieben?
Ich kann sowas nicht wirklich beschreiben. In meiner Wahrnehmung, und ich beweg mich da ja auch lange drin, finde ich, das war immer gleich spannend und gleich langweilig. Ich glaube nicht, dass früher alles besser war. Es gab Dinge, die sind früher anders gewesen, da kann ich vielleicht besser mit klarkommen, weil ich in der Zeit halt Teenager war oder so. Aber früher stand sowas wie Geld verdienen überhaupt nicht zur Debatte. Heute hat man das Gefühl, dass die jungen Leute der Meinung sind, das sollte ihnen einen gewissen Teil ihres Auskommens schenken. Darauf kam es uns nie an, daher ist das gerade schon ein ziemlicher Luxus für uns.
Leute mögen ja gerne pauschale Urteile, aber ich finde es gibt total interessante klassische Deutschpunkbands, großartige politische Bands, poetische, künstlerische, wilde, total poppige Sachen… Ich finde alles, oder das meiste, ziemlich geil.
Ich weiß, was Leute sagen dazu, dass die heute alle keinen Biss mehr haben, alles nur noch Geschwafel ist, die einen sind zu politisch, die anderen nicht politisch genug, nicht mehr lustig, oder das sind alles Pastorenkinder, so nach dem Motto… Letztendlich habe ich das immer als eine sehr bunte und eine sehr solidarische Sache erlebt und das finde ich auch immer noch. Jeder von uns findet mal Bands scheiße, aber mir geht es um die Vielfalt von Ideen und Solidarität. Es gab früher auch dadaistische und knallharte politische Idee, elektronische Sachen, klassischen Rock und wilde Jazzsachen, und das sollte auch so bleiben.

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