CD-Review: Turbostaat - Abalonia

Besetzung

Jan Windmeier – Gesang
Marten Ebsen – Gitarre
Rollo Santos – Gitarre
Tobert Knopp – Bass
Peter Carstens – Schlagzeug

Tracklist

01. Ruperts Grün
02. Der Zeuge
03. Der Wels
04. Die Arschgesichter
05. Wolter
06. Eisenmann
07. Totmannkopf
08. Geistschwein
09. Die Toten
10. Abalonia


Wenn es um intelligente deutschsprachige Texte geht, ist in den letzten Jahren und besonders seit der Auflösung von Blumfeld das Genre des Punkrock die wahrscheinlich wichtigste Anlaufstelle. TURBOSTAAT sind seit ihrer Gründung 1999 eine der absolute Konstanten dieser Musikrichtung und wussten mit ihrem melancholisch-wütenden Punkrock, bei dem Jan Windmeiers (Sprech-)Gesang in bester Jens-Rachut-Tradition steht, auf allen bisherigen Veröffentlichungen sowie auf den Bühnen dieser Welt zu überzeugen. Nachdem der Fünfer Ende 2014 alle ihre bisherigen Lieder je zwei Abenden live spielte, war es an der Zeit für etwas Neues. „Abalonia“, das sechste Album der Band, ist dabei unverkennbar TURBOSTAAT, geht aber hinsichtlich des Gesamtkonzepts und der Songstrukturen im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen oft neue Wege und dehnt das Konzept ‚Punk‘ bis zu seinen Grenzen aus. Das Ergebnis ist ein sperriges, dabei aber absolut begeisterndes Album, das sich als weiteres Highlight in die Diskographie der fünf Norddeutschen einreiht.

Der Opener „Ruperts Grün“ beginnt mit einer an Love A erinnernden Gitarrenmelodie und entwickelt sich zu einem klassischen TURBOSTAAT-Song, bevor das Lied in der Mitte plötzlich in einem Feedbackgewitter ausfasert und die Nummer sich danach in nahezu postpunkige Gefilde bewegt. Immer wieder brechen TURBOSTAAT auf „Abalonia“ ihre Songs bewusst ab, was die Lieder zwar sehr sperrig und schwer zugänglich macht, dabei aber immer wieder mit umwerfenden und einprägsamen Teilen mitzureißen vermag. So beginnt beispielsweise „Die Arschgesichter“ sehr melancholisch, steigert sich allmählich in pure Wut, bis eine sehnsüchtige Melodie übernimmt, die parallel zum gerufenen „Gebt nie auf!“ wieder hoffnungsvolle Stimmung dominieren lässt. Selten gingen Text und Musik bei TURBOSTAAT so gut einher.
„Wolter“ präsentiert einen groovigen, postpunkigen Bass, bis melancholische Punkriffs das Klangbild dominieren, während der Refrain mit seiner Melodie und dem verhallten Gesang schon fast an The Cure erinnert und der Song am Ende mit geflüstertem Gesang und Trommeln noch mal eine ganz andere Richtung einschlägt und schließlich nahezu post-rockig und mit choralem Gesang endet. Generell lassen TURBOSTAAT auf „Abalonia“ immer wieder ruhige Momente in ihren Klangkosmos einfließen, ohne dabei allerdings rein ruhige Nummern abzuliefern. „Eisenmann“ ist in dieser Hinsicht zwar sehr atmosphärisch und ruhig, wird in den Strophen aber von verzweifeltem Geschrei überlagert, während das fast schon wavige „Die Toten“ auch nicht ohne einen kurzen, heftigen Ausbruch auskommt.

Ihrem Wunsch, den zunehmenden Fremdenhass, sonstige gesellschaftliche Fehlentwicklungen und die Verwerfungen des Kapitalismus als Gesamtbild zu beschreiben, begegnen die fünf Musiker auf textlicher Ebene anstatt mit ihrer gewohnten Sloganhaftigkeit mit einem neuen Ansatz: Als modernes Märchen wird die Suche Frau Semonas nach Abalonia erzählt, das als Ausweg aus den gegenwärtigen Umständen fungiert. Diese Geschichte verweist teilweise explizit auf tatsächliche politische und persönliche Geschehnisse, bleibt aber dennoch – wie von TURBOSTAAT gewohnt – oft abstrakt und nahezu poetisch. „Komm mit mir / Wir bleiben nicht zum Sterben hier / Was ist schon diese Stadt im Herbst“, heißt es zu Beginn; ob das Ziel, der Ausweg aus der Ungerechtigkeit und der Verzweiflung, erreicht wird, bleibt am Ende unklar: „Und sie ging denselben Weg, nur weiter / Vielleicht trifft man sie in Abalonia.“

„Abalonia“ ist ein extrem starkes Album, auf dem TURBOSTAAT die Grundzutaten ihres Sounds und von Punk im Allgemeinen nehmen, einmal in den Mixer werfen und durch eine stringente Geschichte einen ganz eigenen Entwurf von Punkrock kreieren. Das Album setzt dabei stärker als die bisherigen Veröffentlichungen darauf, als Ganzes gehört zu werden und verweigert sich einzelnen Hits, was sicherlich auch daher rührt, dass die Lieder sich oft extrem sperrig gestalten. Mit ihrem sechsten Album manifestieren TURBOSTAAT ihren Ruf als eine der besten Punkbands Deutschlands und beweisen, dass sie auch nach 16 Jahren nicht stillstehen und Weiterentwicklung großschreiben.

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Bewertung: 8 / 10

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