
Je größer eine Band ist, desto fragwürdiger ist das Konzept von Vorbands: Niemand geht zu METALLICA, MAIDEN und Co. um einen vergleichsweise unbekannten Opening-Act zu sehen – und ob der oft teuer erkaufte Slot die Reichweite wirklich dauerhaft steigert, ist zumindest fraglich. Insofern ist es nur konsequent, dass MACHINE HEAD ihren Fans zum 30. Bandjubiläum ein anderes Angebot machen: keine Vorbands, dafür drei Stunden MACHINE HEAD satt.
Für langjährige Fans der Band ist das kein Novum, hatten Rob Flynn und seine Mitstreiter das Konzept „An Evening With MACHINE HEAD“ doch schon zum 20. Geburtstag der Band 2015/2016 erfolgreich erprobt. Insofern wundert es wenig, dass auch die Neuauflage begeistert aufgenommen wird: Die rund 2.000 Eintrittskarten für die Tonhalle im Münchner Werksviertel sind bereits im Vorverkauf über die (virtuelle) Theke gegangen, die Schlange vor der Halle zum Einlass um 19:00 Uhr reicht knapp 200 Meter die Atelierstraße entlang, die Autoschlange ins Parkhaus noch viel weiter.
Als um 20:00 Uhr „Bohemian Rhapsody“ von QUEEN den Konzertbeginn ankündigt, ist die Halle dank souveräner Einlassroutine trotzdem komplett gefüllt. Wer noch Zweifel hat, ob ein „Kaltstart“ des Headliners ohne Einheizer funktionieren kann, bekommt von MACHINE HEAD umgehend ein unmissverständliches „Ja“ entgegengeschleudert: Mit brutaler Energie legen MACHINE HEAD „Imperium“ als Opener vor, und um die Menge auch gleich wortwörtlich aufzuwärmen, gibt es dazu neben einer beeindruckenden Video-Show auf den LED-Wänden auch ordentlich Pyrotechnik. Das klappt hervorragend, und so sieht die Tonhalle nicht nur den ersten Crowdsurfer, sondern auch gleich den ersten Circlepit des Abends.
Dass das erst der Anfang ist, will man angesichts der von Minute eins an vorherrschenden Stimmung kaum glauben. Und doch haben die folgenden Stunden von allem noch mehr zu bieten: ein wahres Hitfeuerwerk mit insgesamt 23 Songs von elf Alben (plus die Standalone-Single „Is Anybody Out There?“), immer wieder tatsächliches Feuerwerk und ungezählte Crowdsurfer und Moshpits. Vor allem aber jene mitreißende Live-Atmosphäre, die vielen Bands, die ihre Shows bis ins letzte Detail planen und programmieren, fehlt.
Das beginnt damit, dass MACHINE HEAD ihre Setlist im Vergleich zu den vorangegangenen Abenden variieren – im direkten Vergleich mit der Show am Vorabend in Wien rutschen etwa „Arrows In Words Form The Sky“, „A Thousand Lies“ und „Stuck A Nerve“ ins Set, und im kurzen Part mit zwei Akustik-Songs spielt Rob Flynn neben „Darkness Within“ zum erst zweiten Mal auf der Tour „Bastards“ – einen Song, der zuvor acht Jahre lang nicht Teil des Bühnenprogramms von MACHINE HEAD war. Genau so erschafft man Momente, die einem als Fan das Gefühl geben, mehr zu erleben als ein möglichst akkurat reproduziertes Programm.
Hinzu kommt eine Show, die genau das tut, was eine gute Show tun soll: die Band und ihre Musik perfekt in Szene setzen, ohne von der Performance abzulenken. Auf der Bühne stehen (beziehungsweise sitzen) von Anfang bis Ende nur vier Männer mit ihren Instrumenten – keine Aufblasmonster, keine kostümierte Statisten. Auf den LED-Leinwänden wiederum laufen durchweg stimmige, aber nicht aufmerksamkeitsheischende Visualisierungen – zur Untermalung der Stimmung, nicht als Ablenkungsmanöver. Und selbst die Pyrotechnik ist stimmungsvoll als akzentuierender Effekt eingesetzt, statt als Dauerfeuer ein großes Spektakel abzubrennen.
Das Wichtigste aber ist die Interaktion mit dem Publikum und in dieser Disziplin ist Rob Flynn bekanntermaßen Meister: Schon früh im Set geht er auf das Schild eines jungen Fans ein, der einen „Pick-Trade“ vorschlägt, und nimmt diesem anschließend noch das Versprechen ab, eine Band zu gründen und eines Tages für MACHINE HEAD zu eröffnen, gefolgt von der Anekdote, dass so schon viele Bands entstanden seien, wie etwa TRIVIUM. Einem kleinen Jungen wird artig zum Geburtstag gratuliert (inklusive Geburtstagsständchen aus 2.000 Kehlen) und das obligatorische Bier-ins-Publikum-Werfen wird für zu einer persönlichen Angelegenheit, nachdem Flynn gleich zwei Becher hintereinander ins Hallendach feuert. Der dritte Versuch gelingt – dass er dabei stürzt, nimmt Ehrenmann Flynn billigend in Kauf.
Insbesondere im Kontext der Akustik-Songs fasst der sympathische Frontmann aber auch heikle Themen an, erzählt deren Entstehungsgeschichte im Rahmen der Corona-Pandemie-Remote-Jams und thematisiert seine Erfahrungen mit Depressionen. Zwar zeigen die Akustik-Versionen musikalisch recht deutlich, warum MACHINE HEAD mit Zerrgitarren erfolgreich geworden sind und nicht ohne – das Lichtermeer zu „Darkness Within“ sorgt trotzdem ebenso für Gänsehaut wie der traditionell Dimebag Darrell gewidmete „Aesthetics Of Hate“. Und ehe man sich’s versieht, ertönt mit „Halo“ auch schon die große, letzte Hymne dieses an großen Momenten reichen Abends.
- Imperium
- Ten Ton Hammer
- Chøke Øn The Ashes Øf Yøur Hate
- Now We Die
- The Blood, The Sweat, The Tears
- Is There Anybody Out There?
- The Rage To Overcome
- Blood For Blood
- Unhalløwed
- Slaughter The Martyr
- Aesthetics Of Hate
- Old
- Game Over
- Øutsider
- Locust
- Bønescraper
- Circle The Drain
- Darkness Within
- Catharsis
- Bulldozer
- From This Day
- Davidian
- Halo
66 € für nur eine Band mag auf den ersten Blick nach viel aussehen. Angesichts dessen, was man bei einem solchen „Evening With MACHINE HEAD“ geboten bekommt, kann man sich über den Preis jedoch nicht beschweren: Allein die Tatsache, dass die knapp drei Stunden Showtime wie im Flug vergehen, sagt eigentlich alles über die Qualitäten dieser Band – als Musiker wie auch als Entertainer. Vor allem aber ist die Energie, die MACHINE HEAD zusammen mit dem Publikum freisetzen, ein in Zeiten von choreografierten, „perfekten“ Performances selten gewordenes Erlebnis: Über spontane Interaktionen mit Fans reißt Flynn nicht nur die unsichtbare Wand zwischen Band und Publikum ein, sondern macht jede Show einzigartig. Ganz so, wie Metal-Konzerte waren, als noch nicht jede Note, jede Bewegung und jede Ansage Teil einer nurmehr stumpf reproduzierten Choreografie war.



Es war mir ein Fest diesen Artikel zum genial grandiosen Konzert von Machine Head zu lesen . Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen…
Danke für die netten Worte, das liest man gerne! :)