
Gerade einmal sechs Jahre ist es her, dass ORBIT CULTURE als erste von drei Support-Acts von RIVERS OF NIHIL im Backstage Club vor rund 300 Fans ihr München-Debüt gegeben haben. Heute stehen ORBIT CULTURE als Headliner auf dem Programm – und das im mit 1300 Gästen ausverkauften Backstage Werk. Ihren Anteil daran hat gewiss auch die Entscheidung, GAEREA als Vorband mitzubringen: Auch diese gelten als Hoffnungsträger des extremen Metal. Sieht man sich im Publikum um, besteht kein Zweifel daran, dass das Package in umgekehrter Besetzung mit GAEREA als Headliner genauso funktioniert hätte.
Ein Gewinner des Packages ist auf jeden Fall die finnische Vorband ATLAS, die im Gefolge des schwedisch-portugiesischen Gespanns in ganz Europa vor vollem Haus spielen darf. Obwohl sich der für 19:00 Uhr angesetzte Einlass etwas verzögert, ist das Werk zum Showbeginn um 19:30 Uhr zwar noch nicht restlos, aber doch schon sehr gut gefüllt. Beste Voraussetzungen also für die Modern-Metal-Newcomer aus Tampere, die eine beeindruckend professionelle, dabei aber auch etwas generische Show hinlegen: Die Posen einstudiert, der Gitarrensound maximal verzerrt, das Noisegate am Anschlag aufgedreht und der Gesang mit massenweise Effekten beladen, vermittelt der Auftritt eher einen exakten Eindruck davon, wie ATLAS auf Platte klingen, als echtes Live-Feeling. Musikalisch bewegen sich die Skandinavier ziemlich genau in der Fahrrinne dessen, was man sich 2025 unter „Modern Metal“ vorzustellen hat. Der Ansatz, finnische Mythologie in ein modernes Gewand zu packen, ist dabei allerdings das einzig Individuelle am Bandkonzept. Macht nichts: In dieses Tour-Package passen die Skandinavier perfekt, sodass das Publikum am Ende sogar der Bitte nach einer Wall of Death nachkommt.
- Taivaanranta
- Anodyne
- Whisper Your Name
- Salt And Sulfur
- Uni
- Susi
Nur 20 Minuten später sind GAEREA an der Reihe – und wie erwartet haben die Portugiesen so viele Fans gezogen, dass von Support-Act keine Rede sein kann: Von der ersten Minute an herrscht Ekstase, und das obwohl (oder weil?) GAEREA mit gleich zwei brandneuen, bislang nur digital veröffentlichten Songs loslegen: „Hellbound“ und „Submerged“. Da diese nochmal moderner klingen als schon „Coma“ (2024), passt das gut ins Konzept der Tour – aber auch zur Band, genauer zu deren Bandleader Alpha, der seit 2022 selbst singt: Während er sich mit dem Nachahmen der grazilen Gestik des ehemaligen Fronters Ruben Freitas nach wie vor schwertut, wirkt das energiegeladene Stageacting mit reduziertem „Mimikry-Anteil“ deutlich souveräner.
Wie weit es GAEREA mit dem „modern“ treiben sollten, steht allerdings zur Debatte: Das ständige Einfordern von Circlepits, Walls of Death oder Springen („Jump the fuck up!“) sorgt zwar fraglos für Stimmung, aber nicht unbedingt für eine „düstere“ Atmosphäre. Grotesk wird es, als dann noch mitten im Set ein Roadie mit einer T-Shirt-Kanone ein Shirt (!) ins Publikum feuert. Dass sich GAEREA (zu Recht) nicht auf Black Metal reduziert wissen wollen, schön und gut – aber ob sie sich mit dieser rabiaten Transition einen Gefallen tun, muss sich noch zeigen. Dass live die Show vor der Musik steht, merkt man leider auch an anderer Stelle: Sämtliche Clean-Gitarren-Parts kommen beispielsweise unnötigerweise vom Band. So selbstsicher GAEREA sich auch geben – noch merkt man, dass die Band ihren Platz sucht. Bei der Qualität der Musik auf Platte besteht kein Zweifel, dass die Portugiesen diesen finden werden – die eine oder andere Feinjustierung wird aber noch nötig sein, ehe das Live-Konzept (wieder) vollends überzeugt.
- Hellbound
- Submerged
- Hope Shatters
- World Ablaze
- Unknown
- Wilted Flower
- Laude
- Mirage
Düsterer – im wahrsten Sinne des Wortes – wird es, als ORBIT CULTURE nach einer guten halben Stunde um 21:45 Uhr die Bühne betreten: Die Show ist mit viel Nebel und einer düster gehaltenen Lightshow mit gezielten Akzenten und Nebelsäulen dennoch stimmungsvoll inszeniert – zumal die Bühnenoptik durch Aufsteller komplett frei von Technik ist. Passend dazu beginnen die Schweden mit gleich drei Songs ihres ebenfalls extrem düsteren neuen Albums „Death Above Live“ (2025). In einem vernünftigen Live-Sound (und ohne den komplett übertriebenen Bass des Studio-Masters) haben der Titeltrack, gefolgt von „The Storm“ und „The Tales Of War“ gleich nochmal weit mehr Biss – ohne etwas von ihrer fiesen, djentigen Kälte zu verlieren.
Dem bitterbösen, technisch astreinen und gerade deswegen brutalen Songmaterial setzen ORBIT CULTURE – vor allem deren Fronter Niklas – ein grundsympathisches, man möchte fast sagen: typisch schwedisches Stageacting entgegen. Mehrfach bedankt er sich bei den Fans, scheinbar immer noch ungläubig, wie weit es ORBIT CULTURE in den letzten Jahren gebracht haben. Aber auch die Vorbands werden in höchsten Tönen gelobt – und statt die Fans an den eigenen Merch-Stand zu bitten, empfiehlt er, „Death Above Life“ einfach herunterzuladen („Nutzt noch jemand Pirate Bay?“) und ordentlich Geld am Merch der Kollegen auszugeben. Nobel! Das Publikum haben ORBIT CULTURE mit diesem Mix aus astreiner Performance und Ansagen auf Augenhöhe jedenfalls schnell gewonnen: Wild tobt der Circlepit durch die Arena, und die Security-Mitarbeiter müssen diverse Crowdsurfer in Empfang nehmen.
- Death Above Life
- The Storm
- The Tales Of War
- North Star Of Nija
- I, The Wolf
- From The Inside
- The Shadowing
- Bloodhound
- Nerve
- While We Serve
- Hydra
- Vultures Of North
Die einen kommen aus dem Death, die anderen eher aus dem Black Metal – doch beide haben ihre Bestimmung im modernen Metal gefunden und diesen bereits jetzt auf ihre Weise geprägt. Wenn die jeweils erste Headliner-Tour im Frühjahr 2024 (ORBIT CULTURE) beziehungsweise Frühjahr 2025 (GAEREA) der Testlauf war, ist diese Tour nun der endgültige Beweis, dass es beide Bands noch weit bringen können. Man darf gespannt sein, was da noch kommt. Nur eine gemeinsame Tour dieser zwei Combos wird man so bald wohl nicht mehr erleben. Dafür haben sie zu große Ambitionen – und bereits jetzt Headliner-Format.

