Konzertbericht: Steve Von Till w/ Greet

17.07.2025 München, Backstage (Halle)

STEVE VON TILL eine Koryphäe auf seinem Gebiet: Seit über 35 Jahren prägt er die (Post-)Metal-Szene wie kaum ein anderer – ob mit NEUROSIS, als HARVESTMAN oder unter eigenem Namen. Während STEVE VON TILL auf dem legendären ROADBURN FESTIVAL 2025 als „Artist in Residence“ mit gleich mehreren Auftritten sein Lebenswerk vor großem Publikum zelebrieren durfte, hat seine Solo-Tour weit weniger Strahlkraft: Obwohl die Halle mit nur rund 100 Plätzen eh schon spärlich bestuhlt ist, bleiben einige Stühle frei. 

Dass eine Show kein Kassenschlager wird, kann man natürlich nicht der Vorband in die Schuhe schieben. Und doch gibt es zumindest attraktivere Vorbands als das Soloprojekt GREET aus Leeds. Fast eine Dreiviertelstunde bearbeitet der Brite sein Harmonium und die Ohren der Zuhörenden gleichermaßen erbarmungslos. In einem religiösen Zirkel und/oder berauscht von entsprechend bewusstseinserweiternden Substanzen mag das der Weg zu Trance und Erleuchtung sein. Als Show vor unbedarftem Publikum funktioniert das allerdings nicht gut: Der Überraschungseffekt hält kaum einen ganzen Song an, danach lassen dröges Wabern und wehklagender Gesang die Minuten quälend langsam vergehen. Vielleicht mag die Musik von GREET in anderem Kontext besser funktionieren – an dieser Performance aber kann nichts überzeugen.

Immerhin: So trist es zunächst wirkt, dass der Merch-Stand bis nach der Show unbesetzt und die Bar in der Halle ganz geschlossen bleibt, so positiv wirkt es sich auf die Atmosphäre aus: Kein Flaschengeklimper, Rascheln oder Ratschen stört die Darbietung.

Davon profitiert STEVE VON TILL mehr noch als GREET – denn beim heutigen Headliner kommt es noch mehr auf die ruhigen Momente an: Auf dem Programm stehen fast ausschließlich Songs der letzten beiden Alben, „No Wilderness Deep Enough“ und „Alone In A World Of Wounds“ – ergänzt um einen Song von „A Life Unto Itself“ (2015) sowie ein HARVESTMAN-Gedicht. Während STEVE VON TILL hier zu sanften Synthesizer-Klängen rezitiert, greift er bei anderen zur Gitarre oder sitzt am Piano, jeweils begleitet von zwei Mitmusikern an Cello und Drums beziehungsweise Bass. Vor allem aber ist es – wenig überraschend – die charakteristisch brummelige Stimme von STEVE VON TILL, die die Hörenden in ihren Bann zieht.

Dass STEVE VON TILL selbst zunächst sehr distanziert wirkt, mag der vergleichsweise großen Distanz des Publikums zur Bühne geschuldet sein. Umso konzentrierter und auf das Zusammenspiel fokussierter wirkt dafür aber die Performance des Trios. Über die insgesamt gut 70 Minuten Spielzeit löst sich diese Spannung jedoch zusehends auf: Der für die sehr überschaubare Zahl an Zuhörenden bemerkenswert lauten Applaus nach dem finalen „River Of No Return“ beeindruckt die Band schließlich sichtlich.

  1. The Corpse Road
  2. Dreams Of Trees
  3. Watch Them Fade
  4. Horizons Undone
  5. Distance
  6. Known But Not Named
  7. The Old Straight Track
  8. Poems From ‚Harvestman‘ (Poems With Cello And Synth-Soundscapes)
  9. Calling Down The Darkness
  10. Indifferent Eyes
  11. River Of No Return

Am Ende muss man dem Backstage München gerade für eine Show wie diese dankbar sein: Wo andere Veranstalter bei solchen Vorverkaufszahlen abgesagt hätten, zieht das Backstage durch und ermöglicht Fans wie Band am Ende einen rundum gelungenen Abend. Dass ein Ausnahme-Künstler wie STEVE VON TILL nur so wenige Tickets an den Mann und die Frau bringt, ist dennoch eine besorgniserregende Entwicklung – und lässt sich wohl nicht nur darauf schieben, dass viele Menschen düstere Musik wie diese eher im Herbst als im Hochsommer hören.

Moritz Grütz

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