Krieg ist im Alltag so präsent wie lange nicht – und während in manchen Bereichen des Metal der Eskapismus Kapriolen schlägt, die Kostüme nicht mehr grotesker werden könnten und Heiterkeit bis zum Erbrechen zelebriert wird, feiert im extremen Metal Krieg als Thema ein furioses Revival. Stand dabei in den 2000er-Jahren vornehmlich der Zweite Weltkrieg im Fokus – man denke an MARDUK, ENDSTILLE oder auch HAIL OF BULLETS –, ist es derzeit der Erste Weltkrieg, an dem sich die Szene abarbeitet.
Die bekannteste Band dahingehend sind aktuell fraglos KANONENFIEBER – deutlich tiefer in der Materie stecken allerdings die Deather-Doomer 1914: längst nicht nur, weil sie aus der von Russland überfallenen Ukraine stammen, aber eben auch. Denn wie Sänger Ditmar Kumarberg im Interview hervorhebt: „Wir sitzen hier also seit elf Jahren im Krieg. Das macht etwas mit dir, es beeinflusst deine mentale Verfassung, es verändert deinen Geist, es verändert deine Sichtweise total.“ Doch der gute Mann ist auch Kriegshistoriker und arbeitet als solcher aktiv an der Aufarbeitung der Geschichte – durch die Bergung Gefallener in den Karpaten, aber ebenso durch die Vermittlung von Geschichtswissen.
Statt auf Blogeinträge oder Seminare setzt Dmytro Ternushchak, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, auf Musik – und das mittlerweile äußerst erfolgreich. Nach gescheiterten Versuchen mit Hardcore-Punk und Noise hat sich seine Metal-Band 1914 fest in der Szene etabliert: Sofern ihnen nicht das ukrainische Kulturministerium einen Strich durch die Rechnung macht (Metal1.info berichtete), betouren 1914 mit ihrer düster vertonten Geschichtsstunde Europa – und wie schon der Vorgänger „Where Fear And Weapons Meet“ erscheint auch das nunmehr vierte Album der Band, „Viribus Unitis“, beim Branchen-Riesen Napalm Records.
In diesem Kontext fällt es schwer, „Viribus Unitis“ allein über seine Musik zu beurteilen – zu eindringlich ist, was Ditmar Kumarberg im Interview über die Hintergründe berichtet. Insofern sei an dieser Stelle gesagt: „Viribus Unitis“ ist in jedem Fall eine lohnenswerte Anschaffung, denn wie Ternushchak in den Worten George Santayanas erinnert: „Wer sich nicht an die Geschichte erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ – und das kann sich nicht nur die Ukraine, sondern ganz Europa nicht leisten.
Nun ist „Viribus Unitis“ jedoch nicht nur ein Textwerk über den Ersten Weltkrieg, sondern auch ein Musikalbum, sodass diese Komponente ebenso Betrachtung verdient. Wie schon auf den Vorgängern beginnt und endet das Album mit zwei Stücken namens „War In“ beziehungsweise „War Out“, bei denen es sich nicht um „Metal-Songs“, sondern Hymnen- respektive Kriegslied-Samples handelt. Auch innerhalb des Albums greifen 1914 immer wieder auf solche Fragmente längst vergangener Tage zurück, um ebendiese lebhafter darzustellen. Das gelingt in historischer Sicht gut, stört im Sinne eines Metal-Albums aber zugegebenermaßen etwas den Fluss. Und der wäre sonst ein wirklich reißender: „1914 (The Siege Of Przemyśl)“ wie auch das darauffolgende „1915 (Easter Battle For The Zwinin Ridge)“ preschen forsch voran, im Folgenden wechseln 1914 elegant zwischen rabiatem Black Metal und epischem Doom, etwa in „1918 Pt 1: WIA (Wounded In Action)“.
Und gerade wenn einem die Kritik auf der Zunge liegt, das klinge nun doch alles relativ vorhersehbar, trumpfen 1914 mit drei Features auf: In „1918 Pt 2: POW (Prisoner Of War)“ predigt PRECIOUS-DEATH-Sänger Christopher Scott, der im echten Leben tatsächlich Priester ist. In „1918 Pt 3: ADE (A Duty To Escape)“ warten 1914 mit einem Gänsehaut-Feature von Aaron Stainthorpe (ehemals MY DYING BRIDE) auf. Und „1919 (The Home Where I Died)“ überrascht auf ganzer Linie, könnte das Klavierstück doch genauso von ROME stammen, deren Sänger Jérôme Reuter hier den Gesang übernommen hat. Dass das Stück gar keine typischen 1914-Elemente enthält, ist etwas schade – da wäre mehr drin gewesen. Nichtsdestoweniger ist insbesondere dieses ein Gänsehaut-Feature und Albumhighlight.
„Viribus Unitis“ ist ein thematisch eindrucksvolles Werk, aber auch schlicht und ergreifend ein musikalisch gutes Album: 1914 wagen sich zwar erst in der zweiten Hälfte mit drei spannenden Gastbeiträgen in unbekanntes Gebiet vor, doch auch auf dem angestammten Terrain machen die Ukrainer alles richtig. Wem Grabenlieder, Samples und dergleichen zu dick aufgetragen sind, wird auch mit diesem Album keine Freude haben – wer bereit ist, sich ganz auf Thematik und Atmosphäre von 1914 einzulassen, dafür umso mehr.
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Wertung: 8.5 / 10


Wird eh zensiert,aber frage ehrlich; Empfinden die redakteure/rezensionsschreibenden es nicht als komplett daneben und unangebracht,dass man hier sogenannten Künstlern eines Landes,welches sich aktuell im Kriegszustand befindet, eine Bühne bietet,um über Zustände zu schwadronieren,die sich vor ca 120 jahren in den karpaten im zuge des WW1 zugetragen haben? Das passt mit den tagtäglichen Gräueln des heutigen, „realen“ Krieges einfach nicht zusammen,dass sich diese Musiker in reenactment Verkleidungen profilieren um „heavy-metal“ zu promoten.
Hallo Roland, kein Grund zur Sorge – ehrliche (und anständig gestellte) Fragen werden sogar beantwortet.
Kurz: Nein.
Ausführlicher: Empfindest du es nicht als komplett daneben, weil anmaßend, beurteilen oder gar entscheiden zu wollen, wer worüber singen darf oder nicht darf – ganz unabhängig von der Situation, in der sich sein Land befindet? Einer der Musiker ist aktiver Teil der Truppe und als solcher derzeit an der Front. Wenn der das nicht als despektierlich empfindet, solltest du das auch nicht tun.
Falls du tiefer in die Beweggründe, warum der Band gerade diese Thematik gerade in der aktuellen Situation so wichtig ist, eintauchen möchtest, kann ich dir unser Interview zum Album empfehlen.