CD-Review: Die Apokalyptischen Reiter - All You Need Is Love

Besetzung

Fuchs – Gesang, Gitarre
Volk-Man – Bass, Gesang
Dr. Pest – Keyboards
Sir G. – Schlagzeug

Tracklist

01. Licked By The Tongues Of Pride
02. Unter Der Asche
03. Erhelle Meine Seele
04. Gone
05. Regret
06. Reitermania
07. Hate
08. Peace Of Mind
09. Geopfert
10. Rausch
11. Die Schönheit Der Sklaverei
12. Vom Ende Der Welt


(Heavy Metal/Folk/Death Metal/Hard Rock) Tja, neu bei dem Verein hier und was macht man als erstes? Richtig, schauen welche Highlights der Metalgeschichte hier noch keine Aufmerksamkeit gefunden haben. Und – zack – schon „All You Need Is Love“ von DIE APOKALYPTISCHEN REITER entdeckt, das einen absoluten Höhepunkt in der Karriere der – damals noch – vier Jungs darstellt. Das Release aus dem Jahre 2000 hat noch keinen Staub angesetzt und klingt heute genauso frisch und modern wie damals, als es von den fähigen Händen eines Andy Classen im Stage One Studio produziert wurde.

Der Sound der früheren Tage tönt allerdings noch bedeutend härter als die lustigen Schalmeiklänge, kuscheligen Rhythmen und sanften Balladen auf Samurai & Co. Auf „All You Need Is Love“ wird noch feinster Death Metal auf innovative Art und Weise mit (Piano-)Melodien vermischt, also nichts für Zartbesaitete. Mit dem ausgewogenen Mix aus deutschen und englischen Texten beging die einmalige Truppe auch damals schon neue Wege und noch heute ist es ungewohnt tiefes Gegröle auch in deutscher Sprache zu hören.

Das Durchschnittstempo auf „All You Need Is Love“ ist relativ hoch. Langeweile kommt also selten auf und der Balladenfaktor geht gegen Null. Stattdessen zelebriert man Metal, der schon beim ersten Track „Licked By The Tongue Of Pride“ zu überzeugen weiß und einem auf dem ganzen Album keine Ruhepause gönnt. Der Chorus fesselt mit der Melodie sofort, man steigt auf und reitet ins Ungewisse. Darauf folgt „Unter Der Asche“, das mit Cembalo-Klängen eingeleitet wird und eine ziemlich brachiale Nummer ist. Nebenbei werden einem während dem Headbangen noch ein paar Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben, wie praktisch! Kurzer Schreck bei „Erhelle meine Seele“, hier könnte man doch glatt eine lahme Nummer befürchten, aber nein, keine Sorge, sobald die Gitarre einsetzt ist alles klar. Und genau das zeichnet DIE APOKALYPTISCHEN REITER aus: Man lässt sich nicht durch Genregrenzen einengen, sieht sich nicht gezwungen das ganze Album durchzuballern, sondern lässt der Kreativität freien lauf. Warum nicht mal versuchen wilde Schreie und soften Gesang zu kombinieren und damit auf eingefahrenen Strukturen herumzutrampeln („Aber nein, das darf man doch nicht, das ist doch voll untrue!“)? Jedenfalls: Es funktioniert! Die Musik ist kaum vorhersehbar, hält sich an wenig Regeln und ist somit unheimlich erfrischend. Damit gehört auch „Erhelle Meine Seele“ zu einem der zwölf Highlights auf diesem Release.

In Sachen Komplexität und Abwechslungsreichtum muss ich einfach noch „Gone“ hervorheben, bei dem einem die Spielfreude, vor allem in dem langen Instrumentalteil, nur so auf die Fresse haut, dass es dröhnt. Was als schneller, vermeintlich simpler Song beginnt, entpuppt sich als Juwel, der mich noch heute fasziniert. In der Mitte des Titels wird jegliches Tempo herausgenommen, nur um das Ganze dann wieder von unten neu aufzubauen, bis es in der rasanten Geschwindigkeit des Anfangs gipfelt. Die Übergänge sind allesamt sehr fließend und wirken keineswegs künstlich oder aufgezwungen, was dem Ganzen ein sehr organisches Feeling gibt.

So könnte ich beinahe zu jedem der zwölf Tracks kilometerlang rumtexten, also will ich mal einige geniale Songs außen vor lassen – sonst sitzt ihr Morgen noch hier – und mich gleich zu „Die Schönheit Der Sklaverei“ vorwagen, dessen Titel schon ein Wimpernzucken hervorrufen kann. Mit wunderschönem Pianospiel beginnt die Reise, was jedoch wieder einmal über alles hinwegtäuscht – wenn man daraus zu schnelle Schlüsse zieht. Denn dies ist einer der kraftvollsten und zugleich epischsten Titel auf „All You Need Is Love“. Spätestens bei dem langsamen und nachdenklichen Gitarrensolo kommt Spannung auf und was dann folgt ist einfach nur noch göttlich. „Warum sehnt ihr euch nach mir? Meine Kraft ist eure Gier!“ Ich sag jetzt einfach garnix mehr, reinhören!In diesem Gewitter bringen die Reiter die Apokalypse offenbar wirklich ein paar Tage näher und man meint schon den Schwefelgeruch in der Luft wahrzunehmen, wenn sich „All You Need Is Love“ mit „Vom Ende Der Welt“ (passender geht’s ja wohl kaum) dem Ende entgegen neigt. In diesem Instrumental vereint sich nochmal alles was „All You Need Is Love“ ausmacht: Geduld, Kraft, Energie, zeitlose Langsamkeit und Spaß an den Instrumenten. Der Hörer hat sich gefälligst zu gedulden und wird nicht einfach nur bedient. In den letzten sechs Minuten dieses Tracks entlassen wir die Reiter der Apokalypse dann mit Didgeridoo-Klängen in die Dunkelheit und kehren zurück in unser tristes Dasein, ganz ohne Weltuntergang, aber dafür mit Metal-Alben wie diesem, das uns für eine knappe Stunde aus dem Alltag reißen will und kann.

Donnernde Riffs, brachiale Growls und laute Schreie, was will die Metaller-Seele mehr? Keiner kann’s so recht definieren, aber auf diesem Meisterwerk findet man genau dieses „mehr“: Was soll ich sagen? Es lässt einen so schnell nicht mehr los. Und das alles von einer vor diesem Release noch recht unbekannten Band? Jap! Zurecht war dieses Album hauptverantwortlich für den aktuell rasant ansteigenden Bekanntheitsgrad, auch wenn die Chancen dieses Werk noch einmal zu toppen aktuell genauso rasant sinken. Auf „All You Need Is Love“ findet sich jedenfalls eine Mixtur aus zahlreichen gegensätzlichen Elementen, die ein faszinierendes Ganzes ergeben, ohne dabei unüberschaubar zu werden. Dieses Teil sollte man einfach mal gehört haben und für DIE APOKALYPTISCHEN REITER-ans ist es sowieso Pflicht.

Redakteur: Sebastian Döring

Bewertung: 9.5 / 10

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