CD-Review: Hypocrisy - Worship

Besetzung

Peter Tägtgren – Gesang, Gitarre, Keyboard
Mikael Hedlund – Bass
Horgh – Schlagzeug

Tracklist

01. Worship
02. Chemical Whore
03. Greedy Bastards
04. Dead World
05. We’re The Walking Dead
06. Brotherhood Of The Serpent
07. Children Of The Gray
08. Another Day
09. They Will Arrive
10. Bug In The Net
11. Gods Of The Underground


Hypocrisy Worship Coverartwork

Die Witze über seine Augenringe sind alle gemacht und sein ergrautes Haar kann man schlicht seinem Alter von 51 Jahren zuschreiben. Ein Phänomen bleibt Peter Tägtgren trotzdem: Die aus Fansicht schrecklich langen acht Jahre seit dem letzten HYPOCRISY-Album „End Of Disclosure“ schrumpfen regelrecht zu nichts zusammen, wenn man sich vor Augen führt, was der Schwede in dieser Zeit alles erreicht hat: Neben unzähligen erfolgreichen Releases, die er als Produzent auf den Weg gebracht hat (etwa Immortals „Northern Chaos Gods“ oder die Sabaton-Werke „Heroes“ und „The Last Stand“), schlagen immerhin ein Album mit seiner Industrial-Metal-Band Pain sowie zwei mit Lindemann zu Buche.

Nah dem Ende der Kooperation mit Till Lindemann war es wieder an der Zeit für Death Metal – und damit für das aus Fansicht längst überfällige 13. HYPOCRISY-Album „Worship“. Wenngleich die Zeit zwischen diesem und dem vorangegangenen Album so lang war wie noch nie in der nun 30-jährigen Geschichte der Band, haben die Schweden ihr Handwerk nicht verlernt: Der Sound und die Riffs des albumeröffnenden Titeltracks könnten bandtypischer kaum sein. So dauert es nach kurzem Akustikgitarren-Vorgeplänkel keine Minute, ehe man vollends in das Universum von HYPOCRISY eingetaucht ist: ein Universum voll harten, aber doch melodischen Death Metals, voller Aliens – und gelegentlich auch der einen oder anderen Verschwörungstheorie.

Das wird gleich im zweiten Track, „Chemical Whore“, deutlich: Während der als erste Single auserkorene Song musikalisch der unangefochtene Albumhit ist, begibt sich Tägtgren hier textlich in kaum schönzuredende Schwurblersphären und singt unerfreulich unironisch eine Weltverschwörung der Pharmaindustrie herbei, deren einziges Ziel es sei, uns alle abhängig zu machen und zu kontrollieren. Nun ja.

Erfreulicher ist die musikalische Entwicklung: Anders als auf den beiden letzten Alben fahren HYPOCRISY diesmal überraschend oft das Tempo zurück und setzen eher auf ein bedrohlich-lauernde Atmosphäre denn auf das große Riff-Gemetzel. Als Folge fühlt man sich von „Worship“ immer wieder an das oft unterschätzte 2004er Album „The Arrival“ erinnert – auch wegen des verglichen mit den letzten Veröffentlichungen wieder deutlich kompakteren, runderen Sounds: Nach dem vergleichsweise rabiaten Opener macht sich das bereits in „Chemical Whore“ bemerkbar. Auch „Greedy Bastards“ fällt eher in die Kategorie Midtempo-Stampfer, bei „We’re The Walking Dead“ oder später „Bug In The Net“ nehmen HYPOCRISY dann zugunsten getragener Melodiebögen sogar noch mehr Tempo raus. Und „Children Of The Gray“ hat vielleicht nicht ganz die Epik, aber zumindest einen bemerkenswert ähnlichen Songaufbau wie der HYPOCRISY-Evergreen „Eraser“.

Doch „Worship“ ist längst nicht nur eine Sammlung bedächtiger Nummern: Neben dem Titeltrack finden sich mit „Dead World“, „Brotherhood Of The Serpent“, „Another Day“ und „They Will Arrive“ in etwa ebenso viele Songs auf dem Album, die für Drummer Horgh fraglos als Cardio-Workout durchgehen und den Durst der Fans nach so rabiatem wie ausgefeiltem Riffing stillen dürften.

HYPOCRISY knüpfen mit ihrem 13. Album nahtlos an ihre letzten Werke an und wecken zugleich Erinnerungen an lang vergangene Tage. In der Folge klingt „Worship“ beim ersten Hören noch etwas zu erwartbar – mit der Zeit erwächst jedoch genau daraus die Stärke des Albums: Ohne Experimente zu wagen, klingen die Schweden 2021 so vielseitig und unverbraucht wie lange nicht. Am Ende ist „Worship“ damit wohl genau das Album, auf das HYPOCRISY-Fans gehofft haben – die letzten acht Jahre lang gewiss, vielleicht sogar schon die letzten zwölf oder gar 16.

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Bewertung: 8.5 / 10

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11 Kommentare zu “Hypocrisy – Worship”

  1. Tobi

    Gute, ausführliche Antwort :) Danke dafür! Bin da eigentlich ganz bei dir, bei dem was du so schreibst. Aber ich denke man darf jetzt auch nicht von Hypocrisy einen Text erwarten der, jetzt so ausgewogen ist wie ein sauber recherchierter Artikel auf einer Newsseite. Ist immer noch Death Metal ;)

  2. Se Wissard

    P präzisiert genau das, worum es geht. Noch dazu behaupte ich, ohne es tatsächlich zu wissen, aber wenn man die Geschichte von Herrn Tägtgren ein wenig verfolgt, dass er vielleicht selber durchaus gerne und gut Konsument von pharmazeutischen Erzeugnissen war bzw. ist.

    Irgendwo ist man immer in irgendeiner Form Nutznießer der Wissenschaft und eben auch der Pharmaindustrie. Solltest Du jemals auf einem OP-Tisch liegen, darfst Du dich gerne daran erinnern, was wäre, wenn es eben nicht diese Geldmaschinen gäbe.
    Natürlich kann ich das alles verteufeln, dennoch ist wohl der Nutzen für die Menschheit tatsächlich am Ende groß genug, um vieles der Skandale aufzuwiegen. Und wenn nicht, gibt es genug offizielle klagen dagegen, die auch finanziell für die Firmen entsprechend entschieden werden.
    Mag sein, dass das weder Menschenleben noch erworbene Krankheiten deswegen aufhebt, aber wenn es darum geht, so etwas finanziell zu bewerten, sind wir wohl alle raus.
    Dass man eben nicht alles gutheißen kann… geschenkt, aber schwarzweiß Denken ist auch in der Hinsicht völlig fehl am Platz. Differenzierte Denkweisen sind im Netz ja selten angesagt, aber eben genau deswegen schrieb ich ja, dass es bedenklich ist und nicht, dass Hypocrisy gar nicht mehr gehen.
    Meine Grenze ist gezogen, darum geht es mir, was andere daraus machen, ist ihr bzw. eben auch dein Ding.

  3. P

    Causa „Chemical Whore“: Angeblich ist der Song und das Video von 2019 und das Release wurde durch die Pandemie verzögert.

    Macht die Schwurbelei nicht besser – ich kann dieses Pharma- und Medizingebashe auch nicht mehr hören – aber vielleicht einfach auch ein Fall von „that didn’t age well“?

    1. Moritz Grütz Beitragsautor

      Wenn dem so wäre (gut möglich, aber auch gut möglich, dass es nur eine „Ausrede“ ist), wäre es definitiv ein Fall von „that didn’t age well“. Wobei in dem Fall die aktuelle Situation ja nur besonders deutlich hervorheben würde, wie daneben der Text ist – das allerdings auch damals und ohne Pandemie gewesen wäre.

      1. P

        Ja, da hast du durchaus Recht. Ich kann da inzwischen auch über manche Sachen nicht mehr hinwegsehen, die ich vorher als harmlose Spinnerei abgetan habe.

  4. Se Wissard

    Gerade diese sehr merkwürdige Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien gibt Tägtgrens Musik einen Faden Beigeschmack. Früher hat man das ja alles nicht ernst genommen und nie gedacht, dass er das ein oder andere durchaus so meint, wie er es textet.
    In der aktuellen Zeit ist eben dieses, wie du so schön schreibst, „Unironische“ tatsächlich ein Problem. Da man eigentlich nicht weiß, wie es jetzt gemeint ist, fischt er damit Skeptiker wie Befürworter ab. Leider zeigen ja seine Tweets, dass er wohl seinen Text tatsächlich sehr ernst nimmt. Solche Dinge neben harmlose Alien-Geschichten gestellt…naja…
    Macht ihn zwar jetzt nicht zwangsläufig zur persona non grata, aber bedenklich ist diese Einstellung allemal. Hätte er sich nicht so lange so verdient gemacht um die Szene und beim Label, würden da einige mit ganz anderen Maßstäben rangehen.

    Zumindest ich bin da wohl dann endgültig raus und bleibe bei „The final chapter“, was in Sachen Hypocrisy vielleicht auch das letzte hätte bleiben sollen, was zu sagen gewesen wäre.

    1. Moritz Grütz Beitragsautor

      Ich befürchte, dass er auch die Aliengeschichten sehr wohl ernst nimmt. Ansonsten volle Zustimmung: Es macht Hypocrisy nicht „unhörbar“, aber ein Gschmäckle hats schon, ja.

      1. Tobi

        und was spricht dagegen das er es tut? Mein Gott… man kann sich auch über alles echauffieren. Mich persönlich spricht es zu 100 % an, dann bist du halt nicht die Zielgruppe. Gleiches zu den Verschwörungstheorien, klar gibts da viel Geschwurbel, aber so manches hat sich im Nachhinein als wahr erwiesen, gerade Richtung CIA und Konsorten. Einfach Alles als Nonsens abzutun find ich genauso dumm wie an eine flache Erde zu glauben, ist halt nicht alles nur Schwarz und Weiß.

        1. Markus Frey

          Es ist interessant, dass du betonst, dass nicht alles schwarz oder weiß sei, du gleichzeitig aber suggerierst, man würde gleich „einfach alles als Nonsens abtun“ oder sich „über alles echauffieren“ (etwas „befürchten“ und sich über etwas „echauffieren“ sind übrigens zwei Paar Schuhe …), wenn man es kritisch sieht, dass jemand an Alien-Geschichten glaubt. Zugleich fühlst du dich zu „100 %“ angesprochen . Also wenn hier jemand binär denkt, hopp, oder top, dann du. Und deine Frage (wenngleich rhetorischer Natur) hatte Moritz mit seinem letzten Satz ja schon beantwortet, ehe du sie überhaupt gestellt hast. Wenn ein Künstler Verschwörungstheorien nahesteht oder bei solchen Themen zumindest ein arg missverständliches Maß an Interpretationspielraum offen lässt, kann das schon mal zu Lasten der Glaubwürdigkeit gehen.

          1. Tobi

            verstehe immer noch nicht warum man es kritisch sehen kann wenn jemand an „Alien-Geschichten“ glaubt. Das tut doch niemanden weh, also ist es ein Problem, nur weil es nicht der eigenen Weltsicht entspricht? Und noch mal bezüglich VT: Das die Pharmaindustrie nicht die aller tollsten Menschenfreunde sind, sollte doch jedem auch irgendwie klar sein. Wenn jemand Texte gegen den militärisch industriellen Komplex schreibt kommt auch niemand auf die Idee zu sagen, dass sind doch alles nur VT. Wenn ich sowas lese wie “ ich kann dieses Pharma- und Medizingebashe auch nicht mehr hören“ find ich das schon irgendwie erschreckend. Allein wenn ich mir diese Seite hier anschaue, kann gar nicht genug „gebasht“ werden: https://de.wikipedia.org/wiki/Bayer_AG#Kritik_und_Skandale

            1. P

              Ich antworte da mal drauf weil ich der war der das mit dem Medizin- und Pharmagebashe geschrieben hat.

              (TL;DR: Big Pharma fuck off, Schulmedizin, ja bitte. ;-))

              Das war natürlich grob verkürzt. Selbstverständlich sind gigantische Pharmakonglomerate genau so ein Problem wie gigantische Firmen jeder Art. Die agieren komplett amoralisch: Ziel ist es Geld zu verdienen, und das mit allen Mitteln die entweder legal möglich sind, oder bei denen man nicht erwischt wird, oder die Konsequenzen nicht schwer genug sind. Steht völlig außer Frage.

              Allerdings muss man da schon sehr differenzieren, ansonsten wird es nämlich ungemütlich. Zum Beispiel stellen nämlich solche Pharmakonzerne tatsächlich Zeug her, das wichtig und notwendig ist – Medikamente und Impfstoffe gegen lebensbedrohliche Krankheiten zum Beispiel. Die werden gebraucht, unabhängig vom Geschäftsgebaren der Hersteller. Wenn man jetzt – wie der feine Herr Tätgren unlängst im Interview – hergeht und sagt, die ganze Pharma bräuchte man ja eigentlich gar nicht, dann spricht man einfach mal aus einer privilegierten Erste-Welt-Perspektive, in der die medizinische Versorgung als selbstverständlich akzeptiert wird.

              Das ganze „Big Pharma will uns alle verarschen“ führt leider zu oft ganz schnell zur Ablehnung jeglicher „Schulmedizin“ und damit zu gigantischen Problemen. Gerade in Deutschland gibt’s massenweise Scharlatanerie in Form von Homöopathie auf Rezept (und damit von der Allgemeinheit finanziert). Die Leute lassen sich immer weniger impfen, und das nicht nur gegen Covid, sondern auch gegen Masern zum Beispiel, die einfach auch mal gefährlich sind, auch wenn sie als „Kinderkrankheit“ angesehen wurden. Leute gehen mit schweren Krankheiten nicht zum Arzt, sondern lieber zum ganzheitlichen Scharlatan, bis es zu spät ist. Leider alles selber erlebt.

              Moderne Medizin sorgt dafür dass wir immer länger und besser leben, das ist Fakt. Da man sich im industrialisierten Westen dadran gewöhnt hat, vergisst man das gerne. Entsprechend geht mir das Messer in der Tasche auf, wenn ich solchen Unsinn wie vom Tägtgren höre.

              Zurück zu Big Pharma: Hat deren Geschäftsgebaren einen Einfluss drauf, dass Leute der Medizin immer weniger vertrauen? Auf jeden Fall! Aber das macht sich nicht so gut in nem Songtext, also haut man lieber plakativ drauf und propagiert althergebrachte Verschwörungsmythen. Kann man gerne tun, muss ich aber nicht gut finden.

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