CD-Review: Iced Earth - Dystopia

Besetzung

Stu Block - Gesang
Jon Schaffer - Gitarre, Gesang
Troy Seele - Gitarre
Freddie Vidales - Bass, Gesang
Brent Smedley - Schlagzeug

Tracklist

01. Dystopia
02. Anthem
03. Boiling Point
04. Anguish Of Youth
05. V
06. Dark City #
07. Equilibrium
08. Days Of Rage
09. End Of Innocence
10. Soylent Green
11. Iron Will
12. Tragedy And Triumph
13. Anthem (String Mix, Ltd. Edition Bonustrack)

(A.d.Red: Zur Rezension lag eine abweichende, gekürzte Tracklist vor.)


ICED EARTH melden sich nach drei Jahren mit einem neuen Album zurück. Nachdem der Wiedereinstieg Matt Barlows nur von dreijähriger Dauer war und man mit ihm lediglich den zweiten Teil der „Something Wicked“-Saga, „The Crucible of Man“ veröffentlichte, fand man mit Into Eternity-Frontmann Stu Block einen Sänger, an dem sich die Geister scheiden könnten. Dazu gleich mehr. An besagtem letztem Album der Band wurde trotz der Rückkehr Barlows kaum ein gutes Wort gelassen. Auch ich muss zugeben: In meiner Erinnerung suche ich selbst Fragmente der letzten beiden Alben inzwischen vergebens. Da blieb nichts hängen, das war belanglos und uninteressant.

Das einstige Genre-Flaggschiff ICED EARTH hatte in der Vergangenheit einiges mitzumachen. Die Liste der ehemaligen Mitglieder ist länger als die Diskografie. Die Musik drohte langweilig zu werden, der begnadete Sänger verließ die Truppe aufgrund der Geschehnisse vom 11. September 2001 kurze Zeit später; aus persönlichen Gründen. Also wollte man mit Tim Owens, der sich bei Judas Priest längst einen Namen machte, für maximale Veränderung sorgen. Im Ergebnis war das eher Heavy- denn Power Metal, mir jedoch allemal wumpe, weil es mir enorm zu gefallen wusste, wie man auch an der entsprechenden Review erkennen könnte. Dazu stehe ich größtenteils noch immer, wenn auch nicht mehr zum abschließenden Satz und sicherlich nicht mehr mit damaliger Begeisterung. Die „Glorious Burden“ ist nicht das urtypische Werk der Band, aber immerhin ein ganz spezielles. Unique.

In dieser Zeit gab es einiges an bösem Blut, das vor allem von Bandkopf Jon Schaffer ausging. Barlow hätte nie zu seiner Band gepasst, insgeheim hätte er schon lange Tim Owens als optimalen Sänger gesehen. Trotz alledem gab es später die Wiedervereinigung mit Barlow. Aus wirtschaftlichen Gründen vermutlich bei dem einen, um das mal dezent auszudrücken, und weil es eine Herzensangelegenheit war, bei dem anderen. Wahrscheinlich ist Jon Schaffer im Umgang nicht der einfachste Mensch und muss sich daher gelegentlich mal umorientieren.

„Dystopia“, so übrigens der Name der neuen Scheibe – willkommen im vierten Absatz dieser Review – wird seitens Plattenfirma als das „heavieste und bedrohlichste Album der Bandgeschichte“ angekündigt. Solch schon demonstrativer Vorschusslorbeeren kann ich mich im Allgemeinen weniger erfreuen, bin damit selbst lieber vorsichtig, kann die Beweggründe dazu aber natürlich nachvollziehen. Bedrohlich kann ich das vorliegende Werk weniger empfinden. Dazu ist mir der Gesang, an dem laut beiliegenden Infos zum Album neben dem schon äußerst vielseitig agierenden Sänger Block auch Schaffer und Bassist Vidales mitwirken, zu facettenreich und die allgemeine Ausrichtung des Albums zu wenig straight. Durch das mal raue, mal hohe und mal klare, achso, und mal mehrstimmige Singen wirkt das Ganze leider häufig stark überladen. Wenn Musik überhaupt bedrohlich sein kann, um darauf nochmal zurückzukommen, sollte diese eine klare Linie vorweisen und überhaupt „nach vorn gehen“, wie man Musik heute so schön beschreibt. Das ist hier nur teilweise der Fall. Wir hören die ganz typischen Stakkato-Riffs, gar über „messerscharfe Riffs“ wird dieses Album behandelnd sicherlich hier und da gefloskelt werden. Die auch vorhandenen balladesken Emporkömmlinge des Albums sind mir leider lange nicht gefühlvoll und intensiv genug. Bei guten Balladen muss ich an schöne oder traurige Momente denken. Das bleibt hier komplett aus. Große Nummern wie etwa „Melancholy“ oder „I Died For You“, wenn wir ein bisschen im Band-Archiv kramen, können nicht ansatzweise erreicht werden. Daran möchte „Anguish of Youth“ zwar anknüpfen, schafft es aber überhaupt nicht. Genannte Songs sind natürlich auch mit der Zeit gereift, aber ich würde zum aktuellen Zeitpunkt doch voraussagen, dass den Songs auf „Dystopia“ die ganz große Qualität fehlt, um sich zwischen diesen Klassikern einreihen zu können.

Ich hatte überhaupt gehofft, die große Spielfreude und Kreativität, was Jon Schaffer zwischenzeitlich spürbar abhandengekommen war, würde mit „Dystopia“ wieder Einzug halten. Danach sieht es mir nicht aus. Einzig „Dark City“ sticht hier besonders hervor, strotzt vor Spielwitz, was sich vor allem im hochklassigen Gitarrenspiel bemerkbar macht. Leider ist „Dark City“ aber auch ein Ausreißer nach oben. Danach kommt nicht mehr besonders viel. Die Songs wirken einfach, wenn auch nicht uninspiriert. Man kann sie gut hören, hat aber nicht diesen Drang, Teile davon immer und immer wieder hören zu wollen.

Den großen Impact, den ein neues Album einer solchen Major-Band auslösen kann, sehe ich nicht. Ganz ohne mich vor Neuem verschließen zu wollen – dann dürfte ich das hier ja auch nicht tun – werden die guten alten Zeiten mit „Dystopia“ nicht annähernd erreicht. Das liegt zum einen daran, dass das Schaffer‘sche Gitarrenspiel, so sehr es mir gefällt, heute irgendwie immer von einem gewissen das-kenne-ich-doch-alles-schon begleitet wird, zum anderen wirkt mir der gebotene Abwechslungsreichtum schon ein bisschen gezwungen. Die wenigstens Songs gefallen mir durchgängig gut oder weniger gut, sondern häufig überzeugen einzelne Passagen besonders, oder eben besonders wenig. Es fehlt mir an Geradlinigkeit, wodurch sich Power Metal doch unter anderem auszeichnet.

Ich wollte wirklich, dass mir diese neue Platte gefällt, habe sie so oft wie möglich gehört und gehofft, es würde irgendwann Klick machen. Vergebens, bislang. Zusammenfassend ist „Dystopia“ objektiv gesehen, soweit ich das überhaupt sagen kann, ein solides Werk. Unter Beachtung der Fähigkeiten dieser Band und wie sie mir früher gefiel, subjektiv jedoch eine ziemliche Enttäuschung. Folgendes sieht die Band mit Sicherheit anders, aber für mich klingt es traurigerweise ganz so, als sei die Luft bei ICED EARTH raus. Und das, obwohl es sich die Band mit den letzten beiden Platten so denkbar einfach gemacht hätte, wieder aus dem Schatten seiner selbst zu entfliehen.

Daran kann auch der hoch begabte Stu Block nichts ändern, da er zwar ähnlich wie Barlow und der Ripper singen kann, aber der ganz eigen aufgedrückte Stempel genau deswegen doch ein wenig fehlt. Er wirkt bei ICED EARTH wie die berühmte Nummer sicher, weniger wie der Fingerzeig, dass man hier den neuen Mann für neue Wege gefunden hat. Und unter dem einen oder anderen Traditionalisten wird Block womöglich als erzwungene Kopie durchgehen. Damit täte man ihm aber unrecht. Die einen werden sagen, er passt sehr gut zur Band, eben weil er die Fähigkeiten Barlows und Owens kombinieren kann (und live damit auch bei älteren Stücken funktionieren dürfte, wenn man ihm die Chance gibt), die anderen werden sagen, dass dabei das Versprühen der eigenen Duftmarke ausbleibt. Ich wünsche ihm, dass er in der Fanbase gut ankommt und ich mich in meiner Einschätzung vielleicht sogar täusche. Ob nach den Rückschritten der erhoffte und erwartete Schritt nach vorn noch kommen wird? Daran habe ich meine Zweifel.

Bewertung: 6 / 10

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