Review Nocte Obducta – Stille – Das nagende Schweigen (EP)

Für die meisten Bands sind EPs nichts als kleine, recht belanglose Appetithappen zwischen zwei „richtigen“ Platten. Doch NOCTE OBDUCTA sind eben nicht wie die meisten anderen Musikgruppen und so sollte es eigentlich nicht verwundern, dass die deutschen Ausnahme-Black-Metaller im Jahr 2003 ausgerechnet das Format des Kurzalbums für sich genutzt haben, um eine neue Ära ihrer Bandgeschichte einzuläuten. So besonders ihre Veröffentlichungen bis einschließlich „Galgendämmerung“ (2002) auch waren, allzu weit hatten NOCTE OBDUCTA sich vom Black Metal nie fortgewagt. Dann kam „Stille“ – und „Stille“ war anders.

Ihren Einzug in ein neues Label begingen NOCTE OBDUCTA nicht mit lautstarken Fanfaren, sondern auf äußerst subtile Weise. „Stille“ lebt nämlich nicht von dem rasenden Tremolo-Riffing oder tobendem Blasting, das man auf den frühen Alben der Band stets in rauen Mengen gefunden hat, und sogar der Schreigesang nimmt hier nicht länger eine Vorrangstellung ein. Stattdessen rücken die Deutschen hier über weite Strecken geheimnisvolle, zum Teil auch geradezu trostlose Clean-Gitarren in den Vordergrund, während Bandkopf Marcel „Traumschänder“ Breuer mit grummeliger Stimme triste Naturszenerien und immerzu um das Los der Vergänglichkeit kreisende Begebenheiten erdichtet.

Was die EP zu einem wahren Meisterwerk macht, ist die Art und Weise, auf die NOCTE OBDUCTA den Raum zwischen den Noten für sich sprechen lassen. Das lockere Soundgewand, in das etwa das nebulöse „Die Schwäne im Moor“ oder das desolate, geradezu ausgezehrte „Tage, die welkten“ gekleidet sind, lässt tief blicken. Und doch hat die Band keineswegs ihren Biss verloren. So machen sich in den Refrains oft so kraftvolle wie betrübliche, getragene Gitarrenleads breit, manche der Stücke nehmen nach einer Weile ordentlich an Fahrt auf („Tage, die welkten“) und mit dem wuchtigen, von tiefen Growls dominierten „Der Regen“ steht inmitten der Tracklist sogar ein mit Death Metal liebäugelnder Song.

Wenn Torsten „der Unhold“ Hirschs Screams ertönen, dann markerschütternder und schmerzerfüllter als auf jedem anderen Album der Band davor und danach („Töchter des Mondes“). Gerade aus dem niemals erzwungenen Kontrast zwischen den filigranen, auf finstere Weise verträumten und den niederdrückend schweren Passagen schöpfen NOCTE OBDUCTA einen unvergleichlichen Tiefgang, den man selten in einem halbstündigen Kurzalbum antrifft.

Man kann wohl davon ausgehen, dass es in der Geschichte von NOCTE OBDUCTA nie zu solch gewagten Soundexperimenten wie „Sequenzen einer Wanderung“ (2008) oder „Umbriel“ (2013) gekommen wäre, hätten sie sich mit „Stille“ nicht selbst den Weg dafür geebnet. Nach einigen bemerkenswerten, aber nicht unbedingt wegweisenden Black-Metal-Alben hat sich der Stil der Deutschen hier in etwas Einzigartiges verwandelt, das sich allenfalls mit dem schwammigen Überbegriff „Dark Metal“ beschreiben lässt. Mit diesem düsterromantischen, poetischen Klangkunstwerk haben NOCTE OBDUCTA aufgezeigt, dass „Stille“ eindringlicher als der ohrenbetäubendste Tonschwall sein kann – man muss nur genau hinhören.

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