Review Soen – Reliance

Als OPETH im fernen Jahr 2011 mit „Heritage“ ihre Progressive-Death-Metal-Wurzeln hinter sich ließen, war das für einige ein herber Schlag. Ob der ehemalige Drummer der Band, Martin Lopez, dieses Ereignis damals vorhergesehen hat, bevor er mit seiner neuen Truppe SOEN an den Start ging, ist ungewiss. Klar war jedoch von Anfang an: Auch wenn diese neue Formation damals, ebenso wie OPETH, frustrierte Death-Metal-Fans nicht zufriedenstellen konnte, war das SOEN-Debüt „Cognitive“ mit seinem vertrackt rauen Charakter doch mindestens eine amtliche Metal-Alternative gegenüber „Heritage“

„Lotus“ stellte dann vor sieben Jahren und weiteren zwei Alben später die Frage: Bei den Genre-Wurzeln bleiben oder den Mainstream suchen? Die folgenden Alben „Imperial“ und „Memorial“ machten die Marschrichtung klar: Heftige Riffs, beinahe poppige Refrains, ein wenig Pathos und Melancholie – das war die neue Formel. Allerdings lag genau darin auch erstmals die Begrenzung kreativer Möglichkeiten für SOEN. Fragt sich: Ist „Reliance“, das siebte Studioalbum der Formation, nun der Weg zu neuen Ufern?

In aller Kürze lautet die Antwort: bedingt. Denn mit dem Albumstarter „Primal“ fühlt man sich sofort zu Hause. Präzise Drums treffen auf wuchtige Gitarren und Joel Ekelöfs markanten Gesang. Die Waage zwischen eruptiver Kraft und theatralisch-stimmiger Introspektive ist sofort im richtigen Gleichgewicht. Dass SOEN dieses Konzept auch stilvoll zu ergänzen wissen, zeigen die schwelgerischen Leads von „Mercenary“, die sich als Hintergrundmotiv beginnend am Ende des Titels zu einem melodischen Höhepunkt auftürmen. Der noch stärkere Fokus auf intensive Leadgitarren ist überhaupt ein großes Plus auf „Reliance“. So gewinnen Titel wie das gefällig anmutende „Axis“ oder das an „Martyrs“ erinnernde „Huntress“ ein Maximum an Tiefe.

Was hier schon klar ist: „Reliance“ ist keine Redefinition. Aber es ist ein nuanciertes Verweilen. So fügt sich eine sauber gespielte Hammond-Orgel auf „Discordia“ mühelos zwischen Djent und weltvergessene Melancholie. „Indifferent“ hingegen nimmt sich als Ballade sehr ernst. Zu Recht. Zwar erreichen Pathos und Weltschmerz hier fast die Grenze zum Kitsch, aber die würdevollen Melodien und das Gefühl absoluter Homogenität geben SOEN auf kompositorischer Ebene ein durchweg gutes Blatt in die Hand.

Allerdings gibt es drei kleine Dinge, die schmerzen. Die Schweden um Lopez und Ekelöf fahren fast schon stur ihre Formel zwischen Brachialität, Stille und Wehmut. Das ist schön, aber sieben Jahre nach „Lotus“ – einem Album, das jede Stärke von SOEN fokussierte und emporhob – scheint es, als könne oder wolle die Band ihre befahrenen Wege nicht mehr verlassen. Darüber hinaus wirken Songs wie „Draconian“ oder „Unbound“ für Schema F ziemlich uninspiriert. Wenn zuletzt „Velichor“ die neue SOEN-Platte beschließt, ist das wortwörtlich ein trauriger Höhepunkt. Denn hier stimmt alles. Vom fast schon sakralen Beginn über die sehnsüchtigen Harmonien und die beinahe schwebenden Atmosphären, bis hin zum episch melodiösen Finale. Warum etwas so schönes gleichsam so traurig sein kann?

Man spürt auf dem neuen Album immer wieder durch Details, Melodien oder einfach einen gut gesetzten Break, was SOEN leisten können, wenn sie einmal nicht ihrem gängigen Prinzip folgen. Andererseits fragt man sich am Ende von „Reliance“ unweigerlich, warum die Band ihr hohes Potenzial regelmäßig an den Status Quo verschwendet anstatt es einzusetzen.

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Wertung: 7.5 / 10

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2 Kommentare zu “Soen – Reliance

  1. 7,5 von 10 ist meiner Meinung nach eine sehr treffende Bewertung.

    Ich kenne Soen schon länger (als großer Opeth-Fan ist es mir natürlich nicht verborgen geblieben, was Martin Lopez in den letzten Jahren so treibt). Angefangen sie zu hören habe ich aber erst, nachdem ich sie letzten September als Support von Dark Tranquillity gesehen habe und ich sie neben Iotunn als eigentliche Headliner empfunden habe (Equilibrium war einfach nicht gut; Dark Tranquillity war technisch fantastisch, jedoch fand ich die Retro-Setlist nicht wahnsinnig ansprechend).

    Dass die letzten drei Alben (Imperial, Memorial, Reliance) ziemlich ähnlich klingen, ist mir natürlich nicht verborgen geblieben. Alle drei sind gute bis sehr gute Alben. Am besten gefällt mir Memorial, da es mit Sincere, Unbreakable, Violence und Memorial zusätzlich noch die paar „Banger“ hat. Das ist auch der Punkt, der mir auf Reliance ein bisschen fehlt (Discordia ausgenommen).

    Soen wird gern als Progressive Metal/ Rock bezeichnet. Dafür ist der Prog-Faktor verloren gegangen. In diesem Sinne finde ich, dass sie nur mehr ein Album davon entfernt sind, endgültig langweilig zu werden. Es sei denn, sie trauen sich wieder Mal etwas neues.

    1. Hi Tobias,

      es ist immer schön zu lesen, wenn Leser- und Rezensentenmeinung d’accord gehen. Du hast es in deinem Fazit gut auf den Punkt gebracht. Es fehlt nicht mehr viel zu relativer Gewöhnlichkeit. Danke für deinen Kommentar;)

      Philipp | Metal1

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