Review Unprocessed – Angel

Manchmal hört man ein Album und wünscht sich, es nie wieder anfassen zu müssen, da es jede musikalische Schaffenskunst beleidigt. Und manchmal hört man ein Album und wünscht sich, es noch einmal zum ersten Mal hören und gar erleben zu dürfen. UNPROCESSED haben mit „Angel“ ein solches Werk erschaffen und man möchte den Wiesbadenern gratulieren und zugleich danken. Denn das, was die Jungs auf „Angel“ geleistet haben, ist ganz große Kunst.

Mit „111“ betreten UNPROCESSED selbstbewusst ihre eigene Bühne und verzichten gleich zum Einstieg auf jegliche Umwege. Die Band beschwört durch treibende Beats, raffinierte Basssoli und musikalische Präzision einen Mahlstrom sondergleichen herauf. Man wird regelrecht hineingesogen, herumgewirbelt und ist der Gruppe völlig ausgeliefert. Nur der klare Gesang von Manuel Gardner Fernandes bringt im Refrain die Erlösung, bremst den Fall und wirkt wie ein Aufatmen. Ähnlich verhält es sich mit „Sleeping With Ghosts“. Auch hier zeigen sich UNPROCESSED knallhart, fahren in Refrain und Bridge aber den benötigten Kontrast auf: eine Formel, die im Verlauf des Albums immer wieder gelingt und glücklicherweise so viel Varianz beweist, dass sie nicht ausleiert.

Dass sie zwischen dem Ganzen auch ruhigere Songs mit Ohrwurmcharakter schreiben können, zeigen die Jungs beispielsweise mit „Beyond Heaven’s Gate“, „Sacrifice Me“ oder mit der Ballade „Where I Left My Soul“. Fernandes beherrscht nicht nur meisterhaft den gutturalen Gesang, sondern kann auch mit seiner klaren Stimme packen und begeistern.
Herauszustellen sind aber auch insbesondere Bassist David John Levy und Schlagzeuger Leon Pfeifer. Levys schnelles und präzises Bassspiel und auch Pfeifers Können am Schlagzeug machen beispielsweise „Terrestrial“ zu einer stürmischen und treibenden Nummer, nach deren Verklingen man erst mal nach Luft schnappen muss.

Wenn man nach acht Titeln annimmt, bereits alles gehört zu haben, könnte man nicht falscher liegen: Auf „Where I Left My Soul“ folgt mit „Solara“ das Feature mit PALEFACE SWISS, was sich als kluger Schachzug erweist. Mit dem Titel fordern UNPROCESSED und die Schweizer die ihnen gebührende Aufmerksamkeit ein. Die beiden Bands haben mit dem Track ein weiteres kontrastreiches und dadurch interessantes Stück für „Angel“ geschrieben: harte Strophen, mitreißender Refrain.
Der darauffolgende Titel „First Tongue“ wirkt danach recht unerwartet: UNPROCESSED setzen in diesem kleinen Zwischenspiel auf ein Klaviermotiv, das sie in der nochmal ruhigeren Nummer „Perfume“ aufgreifen und weiterentwickeln. Mit der Ruhe kurz vor dem Ende des Albums ist es dann aber schnell wieder vorbei: Das zweite Feature auf „Angel“ ist wieder geschickt platziert. Zusammen mit FEVER-333-Sänger Jason Butler haben UNPROCESSED „Head In The Clouds“ aufgenommen. Butler als Rap-Instanz, gepaart mit dem schweren Sound der Hessen, macht einfach Spaß. Am Ende von „Angel“ lassen es UNPROCESSED sich nicht nehmen, mit „Dark, Silent And Compete“ noch einmal aufs Gas zu treten und ihr neues Album fulminant zu beenden.

Am Ende sitzt man da und kann gar nicht anders, als zu applaudieren. Unglaublich. Der einzige Kritikpunkt an „Angel“: Danach ist erst mal eine Pause fällig. Die 13 Titel sind allesamt ein Genuss – jeder für sich ist ein kleines Meisterwerk, die zusammen ein großes Ganzes ergeben. Aber eben auch einiges zum Verarbeiten. Als Fazit bleibt am Ende nur zu sagen: selbst reinhören und sich von UNPROCESSED mitreißen lassen. Ihr werdet es nicht bereuen.

Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Wertung: 9.5 / 10

Janine Kasper

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert