Review Unprocessed – Artificial Void

Vor gerade einmal 16 Monaten veröffentlichten die Wiesbadener UNPROCESSED ihr zweites Album „Covenant“, auf dem sie mit ihrem modernen und eingängigen Progressive Metal Fans und Kritiker überzeugen und sich in der Szene bereits einen kleinen Namen erspielen konnten. Nun steht schon der Nachfolger „Artificial Void“ in den Startlöchern, mit dem Frontmann Manuel Gardner Fernandes und seine Mitstreiter den Newcomer-Status ablegen und sich in der oberen Riege an Prog-Bands etablieren wollen.

Wer sich im letzten Jahr bereits mit „Covenant“ auseinandergesetzt hat, wird keine Probleme damit haben, „Artificial Void“ einer Band zuzuordnen. Denn alles, was UNPROCESSED auf ihrem Labeldebüt ausgezeichnet hat, findet sich auch auf dem Nachfolger wieder. Djentige Riffs, verspielte Soli, eine beinahe durchgängige Synthie-Untermalung und Fernandes‘ Wechsel zwischen engelsgleicher Stimme und deftigen Screams dominieren den Sound. Dass die Hessen sich selbst treu bleiben ist somit der erste große Pluspunkt. Verdeutlichen lässt sich dies direkt am Opener „Prototype“. Die aufgezählten Trademarks verbinden sich miteinander und bilden einen Soundteppich, der sowohl Atmosphäre, Härte und Technik clever miteinander verbindet.

Das zweite große Plus ist, dass trotz aller Treue zu sich selbst, auch die Experimentierfreude nicht verloren geht. Das beinahe jazzige Ende vom Titeltrack „Artificial Void“, der Frauenchor in „House Of Waters“ oder dominanter eingesetzte Synths wie in „Antler’s Decay“ wissen den Hörer über die fast 60 Minuten Spielzeit immer wieder zu überraschen. Neben diesen Momenten wird insgesamt auch etwas mehr auf Atmosphäre und Fernandes‘ grandiose Clean-Stimme gesetzt. So bilden die aufeinanderfolgenden „Ruins“ und „Fear“ einen angenehmen Ruhepol, verlieren dank der intesiven Gitarrenarbeit allerdings nicht an Energie. In „Avatar“ werden stimmlich neue Sphären getestet, als Fernandes im eingängigsten Refrain der Platte Höhen erreicht, von denen manch Power-Metal-Sänger nicht mal zu träumen wagt. Glücklicherweise kehren diese Vocals im herausragenden „The Movements, Their Echoes“ wieder und sind auf dem besten Song der Platte die Kirsche auf der Sahnetorte.

Neben der technisch einwandfreien instrumentellen Darbietung und der stimmlichen Gewalt ist das Alleinstellungsmerkmal der Hessen allerdings die symphonische Untermalung ihrer Musik. Jeder Song wird von meist im Hintergrund eingesetzten Keys und Synths getragen, die sich gerade in den ruhigen Momenten vollständig entfalten und zu einer träumerischen Atmosphäre beitragen. Obwohl der Sound stets an moderne Prog-Vorreiter wie Between The Buried And Me oder TesseracT angelehnt ist, schaffen es UNPROCESSED durch abwechslungsreiches Songwriting und das Fokussieren auf ihre Stärken eigenständig zu klingen. So entdeckt man über Albumlänge immer wieder versteckte Details, tolle Spielereien und im Gegensatz zum Vorgänger noch vielseitigeres Songwriting. Als einzigen Kritikpunkt muss man die Länge von „Artificial Void“ anmerken. Trotz hohem Niveau aller Songs, hätte es dem Album durchaus gut getan, wären zwei Lieder weniger darauf enthalten. Die Intensität und Vielfalt der Platte ist zwar einerseits beeindruckend, wird über eine Stunde Spielzeit jedoch etwas anstrengend.

Insgesamt liefern die Wiesbadener Newcomer ein stimmiges modernes Progressive-Metal-Album ab, das die Stärken des Vorgängers aufgreift und weiterentwickelt. Trotz der kurzen Zeit zwischen „Covenant“ und „Artificial Void“ klingt es nicht nach einer Resterampe der Songs, die es nicht auf den Vorgänger geschafft haben, sondern viel mehr nach einer reiferen Version von UNPROCESSED. So dürfte sich das dritte Werk der Band mit Sicherheit in einigen Jahresrückblicken als Genrehighlight wiederfinden.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Wertung: 8 / 10

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.