Visions Of Atlantis Pirates Coverartwork

Review Visions Of Atlantis – Pirates

VISIONS OF ATLANTIS hatten schon immer gewisse Probleme. Das große, offensichtliche ist die Konstanz im Line-up: Auf bisher sieben Studioalbum gab es fünf Sängerinnen und vier Sänger zu hören. Bis auf Schlagzeuger Thomas Caser, der seit dem ersten Album 2002 an Bord ist, ist im atlantischen Camp fröhliches Wechselspiel auf allen Positionen angesagt. Dass VISIONS OF ATLANTIS bisher nie so richtig ihren Sound gefunden haben, mag darauf zurückzuführen sein – die stetige Selbstfindung hört man dem Material einfach an. Doch, oh Wunder, seit dem 2019er Album „Wanderers“ gab es keine Veränderungen an der Besetzung. Sollte die österreichisch-französisch-italienische Combo nun also tatsächlich mal stabil sein?

Zu wünschen wäre es VISIONS OF ATLANTIS und „Pirates“ macht den Anschein, als hätte die Band nach Jahren der Flatterhaftigkeit endlich zu sich selbst gefunden. Wirkten „Wanderers“ und der Vorgänger „The Deep & The Dark“ (2018) teilweise noch so, als würden ein paar Rotzlöffel Nightwish im Strampelanzug und mit Clownsnase nachzuspielen versuchen, klingt auf dem achten Album alles plötzlich gereift und erwachsen. Wo ihr Symphonic Metal vorher meist überkitschig und abgegriffen vor sich hin dudelte, erklingt dieser jetzt erwachsen und in beeindruckender epischer Breite. Die schiefen Töne und fahrigen Songstrukturen sind Geschichte, VISIONS OF ATLANTIS präsentieren sich nach all den Jahren endlich als ernstzunehmende Band in diesem Genre.

Der Opener „Pirates Will Return“ zeigt direkt von Anfang an alle neu gewonnenen Stärken. Das Songwriting wirkt fokussierter, ist zwar immer noch verspielt, aber nicht mehr um jeden Preis. Die symphonischen Elemente sind breiter und epischer, sie haben mehr Wucht und Ausdruck als zuvor. Clémentine Delauney sorgte zwar schon auf den beiden Vorgängeralben für Lichtblicke, hat sich als Sängerin über die letzten Jahre aber nochmal enorm verbessert und tritt so selbstbewusst und überzeugend auf wie noch nie. Ihr Gesang ist gleichermaßen kraftvoll wie melancholisch und sie präsentiert sich als starke und zugleich offene und verletzliche Frontfrau. Auch in Kombination mit dem männlichen Klargesang von Michele Guaitoli funktioniert das prächtig. Zusammen mit der oft erhabenen Musik wird das Piratenthema von „Pirates“ tatsächlich wenig klischeehaft super getroffen: Ein Gefühl von Freiheit, grenzenlosen Möglichkeiten und Abenteuerlust umweht den Hörer. VISIONS OF ATLANTIS verstehen es großartig, all diese Emotionen zu vereinen.

Vielleicht fiel die anfängliche Kritik etwas harsch aus, schließlich gab es in allen Phasen der Band auch gute Lieder. Die Kritik soll aber verdeutlichen, welch enormen Schritt VISIONS OF ATLANTIS mit „Pirates“ nach vorne machen. „Clocks“ mit seinem stampfenden Beat, den theatralischen Gesangsharmonien und einem epischen Refrain etwa erinnert an die progressive Weiterentwicklungsphase von Nightwish mit Anette Olzon. Die von Ben Metzner (Feuerschwanz, dArtagnan) eingespielten Flöten und Dudelsäcke liefern zum eh schon guten instrumentalen Grundgerüst eine emotionale und berührende Note, die gerne großflächiger eingesetzt werden dürfte. Die Ballade „Heal The Scars“ oder das poppig-tanzbare „In My World” profitieren enorm von dieser Folk-Note.

Ein schlechter Song findet sich auf „Pirates“ nicht, VISIONS OF ATLANTIS überzeugen auf ganzer Linie – und das ist eine echte positive Überraschung. Die gewählte Thematik wird auf nicht zu kitschige Weise stark umgesetzt, das Freiheitsgefühl der Piraten wird überzeugend rübergebracht. Die durchgehend mitschwingende melancholische Note passt bestens zum dynamischen, breiten Sound und sogar die Theatralik wird nicht bis zum Exzess ausgereizt: VISIONS OF ATLANTIS können sich an den richtigen Stellen selbst bremsen und stellen den Song immer in den Mittelpunkt. Freilich kann die Combo keine Innovationen liefern, positioniert sich dafür aber – endlich! – als ernstzunehmende Symphonic-Metal-Macht. Jeder Genrefan, der VISIONS OF ATLANTIS bisher nicht besonders mochte oder gar belächelte, sollte „Pirates“ unbedingt eine Chance geben!

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Wertung: 8.5 / 10

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