Seuche schreibt … – Teil 5

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Aber es gab definitiv viele junge Mädchen mit ihren Shirts

Wie wäre es eigentlich mit der Legitimation, Schußwaffen gegen Frauke Petry einsetzen zu dürfen, zum Beispiel, wenn sie sich aus ihrem Wahlkreis bewegt? Offene Frage, aber jetzt habe ich bestimmt Eure Aufmerksamkeit. Lemmy ist tot. Ein herber Verlust für alles, was auch nur im entferntesten mit Rock ’n‘ Roll zu tun hat. Eine Konstante, die nicht zu jedem Zeitpunkt bewusst, aber doch im Hintergrund immer da war. Die dem Rock ’n‘ Roll noch Authentizität gegeben hat, in all dem lachhaft verlogenen Theater, dem Plastik, dem „Business“. Vielleicht hatte ich deshalb zu meiner eigenen Verwunderung durchaus einen Klos im Hals, als ich vom Tode Kilmisters las. Obwohl ich nicht der beinharte Motörhead-Fan bin. Aber Lemmy war und ist eine Instanz und mit ihm ist viel Echtheit gegangen. Soviel dazu.

Ich bekam zum Jahresende eine SMS, sinngemäß „Frohe Feiertage und weiterhin viel Erfolg.“ Ohne groß darüber nachzudenken antwortete ich mit irgendwas in die Richtung von „Ebenso, bla, ich dachte der Erfolg kommt erst noch.“ Mehr oder minder gedankenlos in die Tasten gehämmert. Die Nachricht blieb allerdings hängen und ich fing an, mir mal wieder Gedanken darüber zu machen, was Erfolg eigentlich ist. Viele Platten verkaufen, Welttourneen, richtig Asche auf dem Konto, wirst Du jetzt wahrscheinlich sagen und vermutlich ist das auch so. Ist das auch so? Ich hatte dann letztens vor den Proben mit meinem Kollegen Hades (BlackShore) darüber gesprochen, der Erfolg in etwa so formulierte: „Wenn ich einen Song schreibe und der am Ende bei anderen etwas bewirkt, hängen bleibt und live abgeht, dann ist das Erfolg“.

Ich hatte immer eine vage Vorstellung davon, was Erfolg ist, aber ich bin ins Nachdenken gekommen. Als ich vor vielen Jahren einfach nur Musik gehört habe, ohne selbst welche zu machen, hätte ich auch an Touren, Knete und dergleichen gedacht. Dann ging es aber irgendwann los, man stand mit einem Musikinstrument in einem Proberaum der Musikschule. Aus dem wir damals übrigens hochkant rausgeflogen sind, weil wir so richtig offiziell eigentlich nie dort angemeldet waren. Da war Erfolg zwar auch noch so etwas ungreifbares, allerdings schon mit der Ahnung verknüpft, dass es doch mit Arbeit verbunden ist und es nicht reicht, wie es einem damals Musikzeitschriften vermitteln wollten, einfach nur genug zu saufen und eine schlimme Kindheit und Drogenprobleme den Rest schon regeln.

Es ist der gelegentliche Zwiespalt, das Echte und das Wahre, der Respekt vor dem Erreichten gegen dieses Arschloch im Kopf, was einem hin und wieder zuflüstert „Mehr!“ Nämlich das, was einem als angeblicher Erfolg verkauft wird. Die Gefahrenzone, Scheiße zu bauen. Für größere Clubs, mehr Platten und den lockenden Taler Dummheiten zu machen und den eigenen Stolz über Bord zu werfen. Das Spiel mitspielen. Businessplan. Und ich behaupte, mal schwächer, mal stärker hat das hin und wieder jeder Musiker.

„Erfolg ist, wenn ich ein Album schreibe, was auch in zehn Jahren noch von jemandem aus dem Plattenschrank geholt wird und Erinnerungen weckt.“ Das ist eine meiner letzten Formulierungen zum Thema, die hängen geblieben ist.

Es ging weiter mit der Musik. Länger noch war es damals ein Deckmantel oder Ausrede, sich auch unter der Woche Bier in den Hals zu schütten. Aber irgendwann, es war das nahende Ende meiner ersten ernsteren Band, stand ich im Proberraum, während meine Kollegen wie jede Woche mehr tranken als spielten, als ich merkte, dass es so nicht funktioniert. Ironischerweise ist das auch der Punkt gewesen, an dem viel gestorben ist. Die vollkommene Naivität, die Unbeschwertheit, all dass, was fehlt, wenn wir uns heute zum Proben treffen und auch proben müssen, weil ein Gig ansteht oder das Studio ruft. Und für alles, was nicht mit Proben zu tun hat, einfach keine Zeit mehr ist. Weil meine Bahn kommt, weil irgendwer früh raus muss, warum auch immer. Viel Ernst für ein flüchtiges Gefühl, dass schwer fassbar ist, aber einen immer weiter machen lässt, einen regelrecht treibt. Irrational, weil der Aufwand, das reingekotze Herzblut, in keinem Verhältnis zu irgendwas steht.

Lemmy Kilmister

Lemmy war und ist eine Instanz und mit ihm ist viel Echtheit gegangen.

Ich habe heute ein Vielfaches dessen erleben dürfen, was ich mir je hätte erträumen lassen. Als ich zum Beispiel 2002 in diesem einen Proberaum stand, Musik machen wollte, anstatt nur auf dem Sofa zu hängen. Und mit der Gitarre um den Hals vorm Mikro Ansätze von „Cholerik“ schrammelte. Meine Musik gibt es nicht nur auf CD, sogar auf Vinyl. Ich habe vor ausverkauftem Haus gespielt. Überhaupt kommen immer wieder Menschen, wenn wir live spielen. Die meine Texte mitbrüllen! Das hat alles nichts mit Charts, Business, Arena-Tournee und schon gar nichts mit Miete zahlen zu tun, aber meine Fresse, was ist bitte sonst Erfolg, wenn nicht das?

Ist ja auch immer eine Frage der Perspektive, mehr geht immer. Im extremen Metal dürfte im Moment kaum mehr gehen als zum Beispiel bei Behemoth oder Primordial. Dann schaut man, wo man selbst steht. Auf der anderen Seite, stell Dir vor, Du wachst morgen auf und bist Gitarrist bei… Ja scheiße man, habe jetzt echt darüber nachdenken müssen, welche (erfolgreiche) Gurkentruppe plakativ als Negativbeispiel dienen könnte… Und festgestellt, dass mir Bands, die ich nicht mag, einfach egal sind. Oh man, ich werde womöglich doch noch erwachsen!

Und das dürfte dann der eingangs definierten Bedeutung von Erfolg widersprechen. Klar, das eine kann zum anderen führen, aber es dürfte klar sein, dass nicht jedes Album, dem man selbst einen für sich unschätzbaren Wert einräumt auch unbedingt finanziell rentabel für den Musiker gewesen sein muss, Labelabzocke mal ausgeklammert. War der Künstler dann also erfolglos? Eigentlich nur kommerziell.

Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass es zu den besten Zeiten von Horrorpunk eine Band versucht hat, durch Labelwechsel in den Mainstream zu springen. Das Ende vom Lied war ein grandioser Bauchklatscher, weil die Truppe zwar viele Fans hatte, diese aber praktisch nur am Merch interessiert waren und selten Platten gekauft haben. Die Jungs wollten halt mehr als das, was sie hatten. Aber es gab definitiv viele junge Mädchen mit ihren Shirts.

Ich weiß, mein Geschreibe ist dieses Mal nicht so griffig und mehr laut gedacht. Man hätte sich den Mittelteil sparen können und dabei bleiben können, Erfolg ist letztens Ende nur das Geld in den Taschen der Beteiligten. Sehe ich aber nicht so. Und würden es alle so sehen, würde es vermutlich über kurz oder lang keinen Underground mehr geben, keine Entwicklung und jeder kleine Scheißer hält es für völlig normal, dass auf dem ersten Gig, gesendet bei RTL, 10.000 Idioten jubeln.

Erfolg ist, wenn man trotzdem weitermacht. Bis zum nächsten Mal!
//Seuche


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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