Interview mit Marcus Siepen von Blind Guardian (Teil 1 von 2): Songwriting und Konzept

Mit „Beyond The Red Mirror“ haben BLIND GUARDIAN die Brücke in die Vergangenheit geschlagen und trotzdem ist das neue Album viel mehr als eine einfache Weiterentwicklung. Im ersten Teil unseres Interviews erfahrt ihr mehr zur Story und über den Songwritingprozess. Außerdem könnt ihr herausfinden, welche Probleme sich ergeben können, wenn das Orchester den Takt vorgibt.

Zunächst einmal die klassische Frage. Wie ist das Feedback bisher?
Marcus: Enorm positiv, muss ich sagen. Sowohl von Seiten der Fans als auch von Seiten der Presse. Ich glaube, das schlechteste Pressereview, das ich gelesen habe, sagte im Konsens, die Platte ist richtig gut. Von da an ging es dann aufwärts und von daher sind wir sehr zufrieden.

Und von den Musikerkollegen?
Frederik: Die hören das ja nicht. (lacht)
Marcus: Als einziger Musikerkollege hatte mir David von Powerwolf geschrieben. Er sagte, er hört das Album jetzt, aber er gibt noch kein finales Urteil ab, da er das Album dafür noch öfter hören muss.

Ging mir beim ersten Hören auch so. Da habe ich auch dagestanden und gedacht, was hältst du jetzt genau von dem Album. Ich hab dann noch paar Durchläufe gebraucht.
Marcus: Was ja auch okay ist. Ich finde ein Album wesentlich spannender, bei dem man mehrere Anläufe braucht und vor allem, bei dem man auch nach mehreren Durchläufen immer noch etwas Neues entdecken kann. Das ist spannender als ein Album, das du einmal hörst und danach passiert nix mehr. Das ist dann ein Album, das du nach dem dritten Hören wegräumst. So etwas kann ja nicht das Ziel sein.

BG2Der Schritt zwischen „At The Edge Of Time“ und „Beyond The Red Mirror“ ist ja wirklich beachtlich und vor allem unerwartet. Wie seid ihr nach dem letzten Album an das Songwriting gegangen?
Marcus: Ich finde den Schritt weder so groß noch unerwartet. Besonders unerwartet finde ich ihn nicht. Für mich ist es der nächste logische Schritt. „At The Edge Of Time“ hatte das erste Mal das echte, große Orchester und es war damals klar, das war geil und damit kann man noch mehr machen. Wir wussten, in der Richtung kann man noch weiter forschen und weiter Sachen ausprobieren. Das wollten wir auf jeden Fall machen. Also ist „Beyond The Red Mirror“ eigentlich die Konsequenz, aus dem was wir damals gemacht haben. Ich sehe jede Plattenentwicklung für uns als logische Entwicklung. Wir haben das erste Mal, ich glaube, auf der „Nightfall In Middle-Earth“ angefangen mit klassischen Elementen zu experimentieren. Das war damals bei „Dark Passage“ und dann wurde das halt fortgesetzt auf „A Night At The Opera“, mit „And Then There Was Silence“, und heute sind wir eben bei der aktuellen Scheibe angekommen. Wie gesagt, die Entwicklung finde ich jetzt nicht so überraschend und ich finde sie auch nicht so groß.

Ich hatte das letzte Album ein bißchen direkter in Erinnerung.
Frederik: Hör einfach noch mal rein. (lacht)

Wird auf jeden Fall gemacht. (lacht)
Frederik: Auch diese Industrialsounds, die da jetzt ein bisschen häufiger im Vordergrund sind, waren, auch wenn man sie nicht bewusst mitnimmt, damals schon vorhanden. Die waren, aus unserem Produktionsablauf wissen wir das halt, leise im Hintergrund dazugemischt, um den Sound ein bisschen fetter und grooviger zu gestalten. Das hat uns dann so gut gefallen, dass wir gesagt haben, wir lassen das deutlicher stehen und deswegen hat das Album vielleicht auch ein wenig diesen Industrialtouch, der vorher für den Hörer nicht so präsent war. Für uns war der aber immer schon vorhanden. Das ist jetzt quasi auch nur eine Weiterentwicklung.
Marcus: Was es vielleicht ungewohnt macht für den „klassischen“ Blind-Guardian-Hörer, ist, dass die folkloristischen Elemente drastisch zurückgefahren sind.
Frederik: Die sind kürzer, das stimmt.
Marcus: Das heißt jetzt nicht, dass wir die nie wieder in unserer Musik drin haben werden, aber sie hätten jetzt nicht wirklich gepasst und an sich ist Entwicklung für uns immer ein sehr wichtiges Thema, weil wir kein Bock haben dieselbe Platte zweimal zu machen. Weiterentwicklung ist immer oberstes Gebot bei uns.

Thematisch gibt es ja den Brückenschlag zu zwei Stücken von „Imaginations From The Other Side.“
Marcus: Genau, das waren „Bright Eyes“ und „And The Story Ends“.

Könnt beziehungsweise wollt ihr denn noch einmal die Handlung auf dem neuen Album zusammenfassen?
Marcus: Für diese Frage ist eigentlich Hansi prädestiniert, aber der sitzt ja gerade nicht am Tisch. Auf der „Imaginations…“ dreht sich die Story halt um dieses Kind, das vor der Wahl steht, durch das rote Tor in eine andere Welt zu reisen. Damals wurde aber nie geklärt, ob der Junge nun durch das Tor geht. Wie wir jetzt wissen, tut er es nicht. Dies hatte drastische Konsequenzen für beide Welten. Die Story auf dem jetzigen Album spielt 20 Jahre später und er macht sich jetzt auf die Suche nach den letzten verbleibenden Portalen, um vielleicht doch noch in diese andere Welt zu gelangen.
Frederik (lacht): Wie das ausgeht, erfahren Sie auf der nächsten CD.
Marcus: To be continued…

Ist das ein Versprechen? (lacht)
Frederik: Nein, es war damals, nehme ich mal an, ja auch gar nicht geplant, eine Fortsetzung zu machen. Es hat sich thematisch jetzt einfach angeboten und Hansi hat diese Handlung einfach wieder aufgenommen. Es war einfach sehr interessant, weil wir ja auch alle sehr auf diese Art von Literatur stehen.

BG4Ihr habt die Stücke auf dem Album in einzelne Kapitel unterteilt. Könntet Ihr euch vorstellen, dies weiter auszubauen, zum Beispiel wie bei Ayreon?
Frederik: Das kommt ganz auf das Konzept an.
Marcus: Es war ja gar nicht von Anfang an geplant, dass diese Scheibe ein Konzeptalbum wird, sondern wir haben einfach angefangen ein neues BLIND-GUARDIAN-Album zu machen. Die Idee zu dem Konzept kam erst später während der Arbeiten an der Best-Of-Box. Die kam im Jahr, ich glaube, 2012 raus und da kam Hansi überhaupt erst auf die Idee dafür, weil ihm aufgefallen ist, dass er die Story angefangen, aber nie beendet hat.

In den Studiotrailern wurde ja erwähnt, dass ihr „The Ninth Wave“ als letzten bzw. einen der letzten Songs geschrieben habt. War von Beginn des Schreibens an klar, dass es der Opener wird oder hat sich das entwickelt?
Frederik: Das ist schon Zufall und hat sich für den Song angeboten, weil er ein relativ sphärisches Intro hat. Das eigentliche Intro ging bis zu dem Punkt, an dem die Band jetzt einsetzt und das ist ja relativ lang. Man kann dann darauf aufbauen, unter anderem mit ein paar Orchester-Features, im Stile von Carmina Burana. Außerdem merkt man, das könnte, auch mit Blick auf die Tour, als Opener funktionieren. Man muss einfach an den richtigen Stellen gucken, wo funktioniert so etwas und wo bietet es sich an. Man muss das Potenzial entsprechend verstärken.

„At The Edge Of Time“ erinnert mich von seinem Grundaufbau unwillkürlich an „And Then There Was Silence“. Seht ihr hier ähnliche Parallelen? Wie seid ihr an diesen Song herangegangen?
Frederik: Das Prozedere war hier gar nicht großartig anders als bei den restlichen Stücken. Es kam vielleicht nur eine andere Art von Song dabei raus, weil wir das Orchester zuerst aufnehmen konnten. Ich weiß noch, dass ich extreme Schwierigkeiten hatte, auf dieses Orchester zu spielen. Die haben zwar mit Click aufgenommen und das wurde auch alles schon ein wenig voreditiert, aber das Spiel muss dann trotzdem genau auf den Punkt stimmen und jeder verdammte Schlag muss sitzen. Ich musste mich so an diese Orchesterversion gewöhnen, dass ich das, ohne Mist, drei Monate üben musste. Im Prinzip ist das Schlagzeug dann gar nicht mehr editiert worden. Es war eine Erfahrung. Ich sage, dass wir es nicht mehr machen, das Orchester zuerst aufzunehmen. (alle lachen)
Frederik: Das Orchester hat außerdem eine gewisse Dynamik, die wir dann als Band im Song mitnehmen wollen. Der Titel spricht für sich und ist sehr gut geworden, war aber sehr viel mehr Aufwand, als man zunächst hätte abschätzen können. Somit war es vom Produktionstechnischen her definitiv anders.

Eines meiner persönlichen Highlights ist definitiv „Miracle Machine“, da er mich a) extrem an Queen erinnert – was ihr bestimmt nicht mehr hören könnt – ohne den typischen BG-Touch vermissen zu lassen.
Marcus: Das wurde mal erwähnt. (lacht)

Und b) bildet er einen sehr gelungenen Übergang zu „Grand Parade“. Ihr habt das Stück mit Sicherheit nicht unabsichtlich dort platziert?
Frederik: Nein, er bildet natürlich noch mal einen Ruhepol vor dem bombastischen Finale.
Marcus: Und auch „Sacred Mind“ ist ja eine totale Achterbahnfahrt.
Frederik: Außerdem verstärkt das noch mal, grob gesagt, diesen Musicaltouch. Die Gesamtgeschichte wird durch „Miracle Machine“ auch nochmals verdeutlicht und es wird gefühlsmäßig klar, dass man sich in einer großen Story befindet. Ich finde den Song sehr cool auf dem Album und vielleicht ist er deshalb auch nicht so folkloristisch ausgeprägt.
Marcus: Auf diesem Album mit einem Mal eine folkige Nummer à la „Bard’s Song“ einzubauen hätte überhaupt nicht gepasst. Hansi und ich haben bis kurz vor Ende der Songwritingphase noch an so einer Nummer gearbeitet, diese wurde am Ende aber gar nicht vorgestellt, weil wir gesehen haben, das passt überhaupt nicht. Es kann aber gut sein, dass wir die Nummer für die nächste oder übernächste Scheibe nochmals aufgreifen. Jetzt wäre sie aber auf vollkommen verlorenem Posten gewesen.

BG5„Grand Parade“ beschließt das reguläre Album recht eindrucksvoll, jedoch finde ich die Variante des Earbooks mit dem folgenden „Doom“ ebenfalls sehr interessant und fast noch reizvoller. Wieso hat „Doom“ es nicht auf das reguläre Album geschafft?
Frederik: Wir haben uns für „Grand Parade“ entschieden, weil er das ideale Statement sein soll. Es gab dann dieses Extrastück hinterher, weil man es eben präsentieren wollte. Aber man kann den Abschluss mit „Grand Parade“ so stehen lassen.
Marcus: Du kannst „Doom“ musikalisch nicht direkt in den Albumkontext einbeziehen, weil der Song schlichtweg 17 Jahre alt ist und noch aus den „Nightfall“-Sessions stammt. Ich und auch André haben unsere Gitarren bereits damals eingespielt. Frederik hat das Schlagzeug neu eingespielt und Hansi hat den Text jetzt erst zu diesem Album gemacht, so passt es halt konzeptionell rein. Es ist einer dieser ominösen, lange verschollenen Songs. Da das Stück aber 17 Jahre alt ist, kannst du es nicht direkt in den Kontext packen. Der Song klingt wesentlich old-schooliger nach BLIND GUARDIAN als die anderen Stücke.
Frederik: Ich muss sagen, der Song klang gar nicht so sehr nach „alter“ BLIND GUARDIAN-Nummer, als ich ihn das erste Mal gehört habe. Ich fand es tatsächlich sehr interessant, wie der Song mit noch mal tiefer gestimmten Gitarren klingt.
Marcus: Nein, die Gitarren sind tatsächlich original. Ich habe damals sehr viele solcher „Spooky“-Chords verwendet.
Frederik: Jedenfalls klang es für mich nicht so sehr nach einem typischen BG-Song.
Marcus: Von der Stimmung und der Atmosphäre her ist die Nummer tatsächlich eher böse.

Apropos Earbook. In diesem befinden sich diverse „Aufzeichnungen“ des Auserwählten, der Krähe und eines Mittlers zwischen eben diesen beiden. Kannst du uns etwas zu diesen „Aufzeichnungen“ sagen? Wer hat die Texte hierfür verfasst?
Marcus: Für die Texte ist eigentlich Hansi zuständig, aber du kannst auch Frederik fragen.
Frederik: Ja, es gibt tatsächlich ein Novum auf dem Album. Ich habe einen Song beigesteuert, nämlich „Holy Grail“. Als Arbeitstitel hieß der bei mir schon „Holy Grail“ und ich habe dort bereits ein wenig die Texte ausgearbeitet. Hansi hat zwischenzeitlich, ohne dass ich das gewusst habe, bereits mit dem Gedanken gespielt, dieses Thema von der „Imaginations…“ wieder aufzugreifen. Das Ganze hat dann so gut in sein Konzept gepasst, dass er gesagt hat, wir müssen diesen Holy Grail als Element behalten. Er ist jetzt ein zentraler Aspekt in der Story und auch einzelne Textzeilen von meinem Dummy-Text sind enthalten.

Natürlich wirft die erfolgte Zusammenarbeit mit den Orchestern und den Chören die Frage auf, gibt es zum Orchesterprojekt etwas Neues zu sagen?
Marcus: Gibt es etwas zu sagen? Ja. Wir arbeiten daran und es sieht gut aus. Wir sind sehr weit und die Orchesteraufnahmen sind so weit durch. Hansi muss noch einige Sachen einsingen und das soll dann während der Tourpause im Sommer passieren. Der Plan ist es, das Album so fertig zu bekommen, dass wir es nächstes Jahr veröffentlichen können. Ich weiß, das sagen wir seit 1997, aber dieses Mal stimmt es.
Frederik: Naja. (alle lachen) Ich sag mal so, je länger wir daran arbeiten, desto realistischer ist es dann ja auch. Aber wenn wir sowieso schon das Orchester für die Aufnahmen da haben, dann ist es ja nur schlau, beide Aufnahmen zu verbinden.

BG6Neben dem Orchesterprojekt, taucht ja auch immer wieder der Name Markus Heitz auf. Besteht die Idee der Zusammenarbeit weiterhin oder ist sie sogar ein Teil des Orchesterprojekts?
Marcus: Sie ist ein Teil des Orchesterprojekts.

Und hat er dann auch die Texte geschrieben oder baut er eine Geschichte rundherum?
Frederik: Er baut eine Geschichte, die wiederum als Grundlage für die Texte dient. Man kann sagen, die Grundlage kommt, in Absprache, von Markus und darauf bauen die Texte auf, denen Hansi dann seinen eigenen Stempel verpasst. Es ist sozusagen ein Buch, das für uns geschrieben wird.

Das kann auch nicht jeder von sich sagen.

Weitere Informationen zu „Beyond The Red Mirror“, und was die Musiker zur Kritik an der Produktion zu sagen haben, findet ihr demnächst im zweiten Teil des Interviews.

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1 Kommentar zu “Blind Guardian (Teil 1 von 2): Songwriting und Konzept”

  1. Marvin Jordan

    Super Interview bis jetzt. Endlich mal einer, der auch auf die Texte des Albums und die Inhalte des Booklets eingeht – diese sind gerade bei „Beyond The Red Mirror“ sehr zentral – und nicht ständig dieselben, langweiligen und ernüchternden Fragen stellt, wie sie in Magazine XY zu finden sind.

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