Interview mit X.XIX von Farsot

Lange war es still um die deutsche Black-Metal-Hoffnung FARSOT. Mit „Fail·Lure“ sind die Thüringer nun, sechs Jahre nach ihrem letzten Album, zurück auf der Bildfläche. Sänger X.XIX über Entstehungsprozesse, Ergebnisse und Klischees – nicht zuletzt aber natürlich auch über die Musik und das Textkonzept von „Fail·Lure“.

In unserem letzten Interview 2011 hatten wir von der langen Zeitspanne von vier Jahren zwischen „IIII“ und „Insects“ gesprochen. Hättet ihr für möglich gehalten, dass es schlussendlich sechs Jahre dauern würde, bis der Nachfolger erscheint?
Wir sind ja nie die schnellsten gewesen, wenn es um das Veröffentlichen eines neuen Albums ging. „Insects“ erschien 4 Jahre nach „IIII“, welche allerdings auch schon 2006 fertig aufgenommen war und einige der Song bereits kurz nach der Veröffentlichung unseres Demos fertiggestellt wurden. Nun hat es nochmals zwei Jahre länger gedauert. Das ist nicht tragisch, denn das Resultat erfüllt uns alle mit Stolz. Wir sind regelrechte Perfektionisten und veröffentlichen keine Songs, hinter denen wir nicht zu 100 Prozent stehen. Vom Songwriting bis zum fertigen Album ist es stets ein weiter, oft auch steiniger Weg. Wir nehmen uns dabei eben die Zeit, die wir brauchen. Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten…

Woran lag es, was hat euch dieses Mal so viel Zeit gekostet?
In erster Linie lag es sicherlich an den äußeren Einflüssen. Jedes der fünf Bandmitglieder hat neben der Band seinen privaten Verpflichtungen nachzukommen. Nach „Insects“, welches wir (für unsere Verhältnisse) intensiv live promoteten, nahmen wir uns erstmal eine Auszeit, um wieder durchatmen zu können und einen klaren Kopf zu bekommen, um dann mit frischen Ideen neu zu starten. Zudem wurde ein Bandmitglied während der Zeit Vater, ein anderes zog nach Frankfurt am Main, es gab diverse Jobwechsel etc. Dabei ging viel Zeit ins Land. Zudem haben wir diesmal viel experimentiert, Neuland erschlossen. Ehe wir uns umsahen und das Album, welches übrigens bereits Mitte 2016 fertiggestellt war, im April endlich erschien, waren sechs Jahre um.

Denkst du, das Album hat von der langen Entstehungszeit eher profitiert, oder gereicht es euch eher zum Nachteil, dass ihr so lange von der Bildfläche verschwunden wart?
Sicherlich tut es einer Platte gut, wenn sie ausreichend Zeit zum Reifen bekommt. Wir halten nichts davon, überhastet Alben aufzunehmen und zu veröffentlichen, nur damit die Leute da draußen endlich neues Futter bekommen. Welches wiederrum sicherlich für mehr Gesprächsstoff bei Fans und den diversen Medien sorgt. Klar hat anno 2017 nicht jeder FARSOT auf dem Schirm und wundert sich, dass auf einmal eine neue Scheibe rausgekommen ist. Allerdings ist das für uns zweitrangig. Für uns zählt in erster Linie das Ergebnis und dass wir damit zufrieden sind. Das ist im Falle von „Fail·Lure“ abermals der Fall.

Das Album heißt „Fail·Lure“ – was steckt hinter dem Titel, warum der Punkt in der Mitte?
„Fail·Lure“ ist ein Neologismus aus den beiden Wörtern failure (das Scheitern) und allure (die Verlockung). Wir haben uns lange Gedanken gemacht, wie man der Hörerschaft sinnvoll und subtil vermitteln könnte, dass es sich bei dem Albumtitel nicht etwa um einen Schreibfehler handelt, sondern um ein bewusstes Wortspiel. Das Ergebnis war dann der „·“ Punkt.

Stimmt es, dass das Album vom Greenaway-Film „Drowning By Numbers“ inspiriert ist, und wenn ja, inwiefern fußt das Konzept des Albums auf diesem Film?
Ja, das stimmt. Die Idee für das Konzept kam mir beim Schauen des Filmes, welcher mir von einem damaligen Arbeitskollegen (R.I.P.) empfohlen wurde. Dessen Metaphorik und Zynismus hat mich anfangs fast erschlagen und ich war völlig fasziniert von dem Gesamtkunstwerk mit allen seinen kleinen Details, Querverweisen und dessen Irrwitz. Ich wusste sofort, dass ich daraus unbedingt ein Albumkonzept spinnen möchte. Der Film steht also im Mittelpunkt des Konzeptes. Oberflächlich betrachtet, geht es hierbei um drei Frauen, welche eine nach der anderen ihren Mann aus diversen Gründen ertränken und den ortsansässigen, etwas frivolen Bestatter um Hilfe bitten, damit die Morde möglichst unerkannt bleiben. Ebenso wie bei „Drowning By Numbers“ ergänzte ich das Rahmenthema jedoch um zahlreiche Querverweise, sowie eigene Ideen und Blickwinkel. Dabei bezog ich mich auch sehr stark auf die vermeintlichen Nebenhandlungen des Films, welche meiner Meinung nach die eigentliche Kernaussage des Films komplettieren.

Würdest du „Fail·Lure“ als ähnlich stringent durchdachtes Konzeptalbum wie „IIII“ betrachten, oder ist das Konzept diesmal eher freizügiger interpretiert?
„Fail·Lure“ ist sehr stark durchdacht und auf seine Weise stringent. Nur fokussierte sich „IIII“ eigentlich vielmehr auf den emotionalen Zustand einer einzelnen Person als auf eher zwischenmenschliche Beziehungen oder das Verhalten von Menschen gegenüber seiner Umwelt, seinen Nächsten und sich selbst.

Was war in diesem Kontext die Idee hinter dem Artwork?
Die Skulptur entdeckte ich nach zahlenreichen „okayen“ Coverentwürfen durch Zufall während einem Kurzurlaub im Elsass. Das Konzept war bereits in seiner finalen Phase. Die Skulpturen versinnbildlichen für mich den Drang nach Freiheit, das bewusste Entwurzeln in Erwartung auf Veränderung ohne Rücksicht auf Verluste. Mit emporgestrecktem Haupt und scharfen Krallen, schrauben sich die Skulpturen förmlich aus der Erde heraus gen Himmel. „Les Dames Vertes“ (die Grünen Damen) beruhen auf einer alten ostfranzösischen Sage, in der die Grünen Damen Waldgeister seien, die Männer durch ihre Schönheit in den Wahnsinn trieben und den Schopf bei den Haaren gepackt über einem Abgrund zappeln ließen. Für mich waren die Skulpturen allerdings vordergründig von bildästhetischer Bedeutung.

Die Bandfotos dazu entsprechen, böse gesagt, allen Klischees, die über modernen deutschen Black Metal vorherrschen – irgendwie düster, irgendwie Black Metal und irgendwie trotzdem gewollt „anders“. Warum auf einmal Masken?
Das Album spielt mit der Maskierung. Ein Mensch lässt sich ungern in die Karten schauen. Er ist schwer zu durchblicken, zu entlarven. Sein Tun und Handeln geschehen meist aus Kalkül. Der Mensch ist wandelbar wie ein Chamäleon. Er trägt im Grunde genommen rund um die Uhr je nach gespielter „Rolle“ eine angepasste Maskerade. Wer und wie er wirklich ist, wird sein Gegenüber vermutlich nie erfahren und vermutlich nicht einmal er selbst. Somit gehören die Masken für uns lediglich zu diesem speziellen Albumkonzept. Das ist auch der Grund, warum wir sie nicht live tragen werden und sie auf dem nächsten Album wieder verschwunden sein werden. Somit dienen sie nicht dem Erfüllen eines (für uns ohnehin nicht relevanten) Klischees, sondern lediglich der Vervollkommnung unseres Konzeptes.

Musikalisch habt ihr diesmal einige Neuerungen gewagt, unter anderem den vermehrten Einsatz von Klargesang. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen?
Diverse Neuerungen sind im Prinzip aus dem Drang heraus entstanden, sich kontinuierlich weiterentwickeln zu wollen und in neue Sphären vorzudringen. Wir versuchen stets, die Musik und Lyrics in Einklang zu bringen. Dabei experimentieren wir viel und haben immer wieder neue Ideen. Auf „Insects“ war es der eher modrig anmutende Obertongesang, der vermehrt zum Einsatz kam. Bei „Fail·Lure“ sind es die clean gesungenen Parts, die sich kontinuierlich ihren Weg durch die harschen Riffs bahnen.

Das Album klingt alles in allem sehr typisch deutsch, wenn man das so sagen kann, da es auf kompositorischer Ebene, aber auch in Sachen Sound viele Merkmale aufweist, die für die hiesige Black-Metal-Szene der letzten Jahre sehr typisch sind. Würdest du das so unterschreiben?
Ich kenne mich in der deutschen Szene leider nicht so sehr aus. Ich denke allerdings, dass sie im Vergleich zu Frankreich oder Polen zum Beispiel jedoch keinen sehr hohen Wiedererkennungswert hat. Bekanntere und aktive deutsche Bands, die mir spontan in den Sinn kommen, sind Dark Fortress, Secrets Of The Moon, Ascension, Der Weg einer Freiheit, Nocte Obducta, Bethlehem oder vielleicht Fäulnis. Diese Bands klingen meiner Meinung nach grundverschieden. Das finde ich gut. Das zeichnet die deutsche Szene (sofern es eine gibt) aus. Sie schaut nicht nach links oder rechts, sondern geht ihren eigenen Weg. Abgesehen davon, ob man den Stil nun mag oder nicht. Deswegen kann ich Dir die Frage auch nicht beantworten, ob wir typisch deutsch klingen. Wir sind eine deutsche Band. Allein das ist sehr deutsch. (lacht)

Ihr habt für die Produktion diesmal wieder auf die Dienste von Victor Bullok alias V.Santura zurückgegriffen. Was hat den Ausschlag für diese Entscheidung gegeben?
Das war eigentlich eine Bauchentscheidung. Die Songs schrien förmlich nach Victor. Sie verlangten nach seiner Produktion, welche sich ja schon sehr von Markus Stock, welcher „Insects“ produzierte, unterscheidet. Markus hat bei „Insects“ sehr gute Arbeit geleistet. Der Sound passt exzellent zu der Scheibe. Diesmal wählten wir eben wieder Victor und wir sind mit dem Resultat abermals hochzufrieden. Einen wirklichen Grund außer unserer Intuition gab es also nicht.

Die Texte sind auch diesmal auf Englisch gehalten. Hattet ihr nach „Insects“ nochmal in Erwägung gezogen, zu deutschen Texten, wie ihr sie noch auf „IIII“ geschrieben hattet, zurückzukehren?
Eher nicht, FARSOT wird es sehr wahrscheinlich nicht mehr mit deutschen Texten geben. Es gibt noch unveröffentlichtes Material, welches nach IIII geschrieben wurde. Dieses hat musikalisch zwar nicht viel mit „IIII“ zu tun, ist aber deutsch eingesungen. Sollten wir es jemals veröffentlichen, wird das wohl die definitiv letzte deutsche Veröffentlichung aus dem Hause FARSOT.

Zum Erscheinen des Albums ist bislang nur eine einzelne Releaseshow angekündigt – ist eine Tour in Planung?
Wir würden alles für eine Tour geben. Durch den recht späten Release Ende April, waren die meisten für uns in Frage kommenden Tour-Partner bereits anderweitig ausgebucht. Ein paar Festivals sind für Ende 2017 und nächstes Jahr bereits fix. Nun kommt erstmal der Festivalsommer 2017 und dann schauen wir mal, was der Herbst/Winter 2017 für uns bereithält. Wir werden definitiv im Frühjahr 2018 auf Tour gehen. Nur in welchem Rahmen, steht momentan noch in den Sternen. Interessierte Bands dürfen sich gern melden.

Besten Dank für Zeit und Antworten. Zum Abschluss ein Brainstorming:
Donald Trump: Die Internetseite mit der Trompete war sehr witzig.
Secrets Of The Moon: Großartige Band. Sie haben uns von Anfang an beeinflusst. Visionäre.
Roger Moore: James Bond?
Black Metal: Ist nicht mehr das was es mal war. Aber man kann hier und da noch einige Rosinen herauspicken.
Fussball: Interessiert mich nicht.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Kauft „Fail·Lure“ oder hört es euch wenigstens bei Spotify, YouTube oder sonst wo an. Es gibt auch ein Video zu dem Song „The Agonist“. Nehmt euch die Zeit! Es lohnt sich! Vielen Dank für eure Loyalität und Unterstützung. Man sieht sich live …