Interview mit Laura Fella von Faun

Mit „Märchen & Mythen“ haben FAUN sich auf ein spannendes, traditionell tief verwurzeltes Thema gestürzt. Wir sprechen mit Sängerin Laura Fella über das neue Album, den andauernden Spagat zwischen Labelverpflichtungen und Selbstverwirklichung sowie über ihren Umgang mit beleidigender Kritik aus der Anonymität des Internets.

Euer neues Album “Märchen und Mythen” ist heute erschienen. Seid ihr zufrieden mit dem Ergebnis, und habt ihr besondere Erwartungen daran geknüpft?
Wir sind sogar sehr stolz auf das Ergebnis! Wir haben wirklich lange an den Stücken gefeilt und uns tief in die Materie der Märchen & Mythen begeben, und jeder von uns hat neue Lieblingssongs dazu gewonnen.

Das Album behandelt, wie der Titel bereits deutlich macht, diverse Märchen und Mythen. Wie kamt ihr auf das Thema und wie habt ihr euch letztendlich für die jeweiligen Märchen entschieden? Was hat euch an ihnen besonders gereizt?
Die Idee, mit unserem nächsten Album in die Welt der Märchen einzutauchen, hatte unser Sänger Oliver S. Tyr. Wenn man darüber nachdenkt ist es eigentlich relativ naheliegend – die meisten Märchen (oder auch Mythen) entspringen einer viel älteren Quelle, wurden jahrhundertelang teils mündlich überliefert, um schließlich in den heutigen Fassungen niedergeschrieben zu werden. Wenn man zu eben jenen Ursprüngen reist, findet man sehr viele – oft pagane – Bilder, Gottheiten und Riten, die den Geschichten zu Grunde liegen. Da wir im Prinzip zu viert die Songideen angetragen haben (Fiona, Stephan, Oliver & ich), entspringt die Auswahl jeweils dem persönlichen Geschmack, denke ich.

Beim Song “Seemann” habt ihr der traurigen Geschichte eine Strophe hinzugefügt, die den Ausgang verändert. Habt ihr euch bei den Texten auf “Märchen und Mythen” noch mehr Freiheiten genommen, oder euch sonst generell eng an das Ausgangsmaterial gehalten?
Ich würde sagen dass wir uns grundsätzlich doch relativ eng an das Ausgangsmaterial gehalten haben, wenn man nicht von den zum Beispiel Grimm’schen Niederschriften ausgeht. „Spieglein, Spieglein“ schrieb Oliver natürlich relativ frei aus der Sicht eines Mannes auf Schneewittchen, „Die Weisse Dame“ hingegen behandelt das Thema der Weissen Frauen eng an verschiedene Mythen, Sagen und Überlieferungen gelehnt und sowohl „Holla“ als auch „Thalia“ tauchen sehr tief in die naturreligiösen bzw. mythologischen Hintergründe ein, welche nicht viel Spielraum für freie Interpretationen lassen.

Besonders eure Singles “Spieglein, Spieglein” und “Aschenbrödel” sind sehr eingängig poppig geraten und stoßen einige alte Fans vor den Kopf, während sie sicherlich Zuhörer und Fans aus allgemeingängigeren Musikrichtungen dazugewinnen. So wandert ihr auch mit diesem Album auf dem Grat zwischen radiotauglich und Paganfolk. Kannst du einschätzen, auf welche Seite es in Zukunft ausschlagen wird?
Auf der Deluxe-Version werden 15 Titel zu finden sein – 12 von diesen sind eindeutig Faun: mystisch, psychodelisch, verträumt und folkig. Dementsprechend bin ich mir absolut sicher, dass wir in Zukunft auch weiterhin Paganfolk machen werden.

Auf dem neuen Versengold-Album “Nordlicht” singst du mit Sänger Malte zusammen den Song “Teufelstanz”, jetzt findet sich auf “Märchen und Mythen” ebenfalls eine Kollaboration mit den Jungs aus dem Teufelsmoor, nämlich der Song “Drei Wanderer”. Wie kam die Zusammenarbeit zustande und kann man auch in Zukunft mit Faun-Versengold-Kooperationen rechnen?
Den Jungs von Versengold stehen wir einfach persönlich recht nahe – Flo Janoske hatten wir ja bereits auf der Best-Of Tour dabei und er wird uns auch auf der kommenden „Märchen & Mythen“-Tour im Frühjahr 2020 begleiten. Da war es einfach naheliegend, mit ihnen auf unserem Album zusammenzuarbeiten. Schließlich ist das musikalische Können der Herren aus dem Norden echt beeindruckend! Wir freuen uns jedenfalls sehr, sie an Bord zu haben und dass sie „Drei Wanderer“ derart bereichert haben.

Mit “The Lily” gibt es endlich wieder einen englischsprachigen Song von euch, in diesem konkreten Fall ist der Text sogar von dir selbst. Hat sich die deutsche Sprache trotz des deutschen Ausgangmaterials für den Song falsch angefühlt oder gibt es andere Gründe für den Sprachwechsel?
Tatsächlich kam mir die Idee für „The Lily“ einfach frühmorgens, als ich noch im Bett lag: plötzlich hatte ich den Text und die Melodie der ersten Strophe im Kopf! Ich kannte das Märchen von Goethe bereits und hatte noch einige Tage vorher darüber nachgedacht, aber wäre ehrlich gesagt nie auf die Idee gekommen, es auf Englisch zu schreiben. Allerdings harmoniert der englische Text mit den Melodien derart, dass es einfach komplett unsinnig wäre, den Text auf Deutsch zu pressen. Und außerdem singen wir sehr, sehr gerne in Englisch und anderen Sprachen, mir persönlich macht das total viel Spaß und ich kann mich sehr gut in die Songs fallen lassen.

Du bist jetzt zwar schon eine ganze Weile als Sängerin von FAUN dabei und zusammen habt ihr bereits viele Live-Auftritte bestritten, aber viele Zuhörer hören dich auf dem neuen Album zum ersten Mal. Welche neuen Facetten fügst du dem Sound von FAUN hinzu?
Eine Stimme ist ja so ziemlich das persönlichste Instrument, welches man spielen kann. Es schwingt immer ein Stück Seele jener Person mit, der sie entspringt und somit natürlich auch ein Stück Persönlichkeit. Da ich schon immer ein relativ melancholischer Mensch war und mein persönlicher Musikgeschmack sehr in Richtung Rock, Metal, Nordic & Psychedelic verankert ist, denke ich, dass man all diese Facetten hören wird.

Wie jede neue Sängerin vor dir wirst auch du anfangs besonders argwöhnisch beäugt und musst dich teils fieser Kritik zu deiner Stimme und sogar deinem Äußeren stellen. Wie gehst du damit um?
Puh, erstmal natürlich gar nicht. Bei „Aschenbrödel“ hat es mich schon relativ hart getroffen, muss ich zugeben. Die Kritik war einfach unter der Gürtellinie, wirklich beleidigend – also Internet von seiner besten Seite. Es wurden meine Stimme, mein Aussehen, mein Auftreten und mein komplettes Dasein zerpflückt und das ist echt hart. Traurig macht mich vor allem, dass mich keiner dieser Menschen kennt, aber doch glaubt es zu tun. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, sie denken ein Stück von dir zu besitzen. Ich versuche, das alles von mir zu stoßen, und da helfen mir vor allem mein Freund, Familie und andere Menschen, die mir sehr nahe stehen. Wir hatten vergangenen Samstag ein Konzert in Litauen und nach der Show kam unser Soundtechniker zu mir und sagte mir, wie menschenverachtend er die Kommentare teilweise fände – und vor allem wie falsch. Da saß ich dann zwar weinend im Backstage, aber einfach weil seine Worte mich echt berührt haben. Ich verstehe wirklich und aus tiefstem Herzen, wenn jemanden ein Song nicht gefällt, aber sich derart oberflächlich und verletzend auszulassen ist niveaulos und vor allem vergessen wohl viele, dass hinter der kritisierten Person eines steht: ein Mensch.

Fast jedes FAUN-Bandmitglied hat mittlerweile ein bis zwei nischigere Nebenprojekte, in die sicher einen Haufen Herzblut sowie Arbeits- und Probezeit fließen. Euer Zeitmanagement ist beachtlich. Wie bekommt ihr das alles unter einen Hut, und welchen Stellenwert hat FAUN bei euren Planungen?
FAUN steht immer und bei jedem von uns an erster Stelle. Danach richten wir dann eben auch all unsere Nebenprojekte aus! Da wir FAUNe aber mittlerweile eh über ganz Deutschland verteilt leben, müssen wir zum Beispiel Proben sowieso langfristig und gut planen, Konzerte werden meistens ja auch relativ langfristig gebucht. Wenn das dann getan ist, bleibt eh nicht viel Zeit für anderes. Aber auch abgesehen davon wird FAUN bei uns allen nie zu kurz kommen!

Besten Dank für Zeit und Antworten. Zum Abschluss ein Brainstorming: Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein?
Die Bremer Stadtmusikanten: Versengold
Mode: Ein seltsames, menschliches Konstrukt und jeder sollte seine ganz persönliche finden und sich nicht vorschreiben lassen!
Toxische Männlichkeit: Sehe ich langsam, aber sicher im Strudel positiver Weiblichkeit untergehen.
Weihnachtsbaum: Es gibt tolle nachhaltige Alternativen, holt euch einen, der nach der Weihnachtszeit wieder gepflanzt wird!
Lieblingsinstrument: Gitarre

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Ich wünsche allen ganz viel Spaß beim Hören von „Märchen & Mythen“ und hoffe, ihr könnt euch in eine ganz eigene Welt fallen lassen, aus der ihr so schnell nicht mehr gehen möchtet. Ich bin sehr gespannt, wie euch die einzelnen Songs gefallen und verrate euch hier an dieser Stelle noch meine persönlichen Favoriten: „Die Weisse Dame“, „Falada“, „Holla & Thalia“. (Anm. d. Red.: „Falada“ und „Thalia“ sind nur auf der Deluxe-Edition des Albums zu finden)

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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