Cover des Albums Pagan von Faun

Review Faun – Pagan

Nach vielen Jahren unter Major-Label-Auflagen haben FAUN nun den Neustart gewagt und veröffentlichen ihr neuestes Album “Pagan” unter eigener Flagge beim selbstgegründeten Label Pagan Folk Records. Dabei ist ihnen der Spagat gelungen, sowohl die Pagan-Folk-Liebhaber als auch die neu dazugekommenen Folk-Pop-Fans mit dem einen oder anderen Song vollends abzuholen, ohne sich dabei einen besonders unangenehmen Ausreißer nach unten zu erlauben.

Wer noch unsicher war, wie FAUN heute klingen, wenn man ihnen wieder freie Hand lässt, hatte in den letzten Monaten ausreichend Gelegenheit, schon mal vorzufühlen: Ganze sieben der 15 Tracks sind vorab als Single veröffentlicht worden. Das bunte Potpourri von Ballade über Nordic Folk bis Mitklatsch-Musik im Pagan-Gewand gibt einen sehr guten Eindruck davon wieder, was man von der zweiten Hälfte des Albums erwarten kann. Die seichter beziehungsweise poppiger geratenen Stücke wie “Liam”, “Zeit der Raben” oder “Halloween” bleiben dabei weitestgehend schlagerkitsch- (wenn auch nicht unbedingt schunkel-)frei und dürften auch für die Idealisten noch gut hörbar sein. Besonders “Halloween” in englischer Sprache versöhnt ein wenig mit “Walpurgisnacht” – eine sehr ähnliche Refrain-Melodie erinnert an die Mitsing-Hymne, bleibt aber stets im Folk-Gewand und glänzt mit Instrumentalpassagen, die kein Stillstehen zulassen. Ebenfalls ein gutes Händchen beweisen FAUN bei der Wahl ihrer Kollaborationspartner: Sowohl “Galdra” mit Lindy-Fay Hella von Wardruna als auch “Gwydion” mit Eluveitie öffnen den FAUN-Sound für angelehnte Stilrichtungen und sind starke Highlights auf “Pagan”, auch wenn ihnen ein stückweit an FAUN-Identität fehlt.
Einen einzelnen Meilenstein herauszupicken fällt bei den Songs allgemein schwer, denn der eine Über-Song ist nicht dabei, aber bei der hohen Qualität der einzelnen Kompositionen wird sicher jeder Hörer persönliche Favoriten finden. So begeistert uns besonders “Neun Welten”, dem der Instrumentaltrack “JØRD“ von Niel Mitra zugrunde liegt, sowie “Ran”, die beide einen hypnotischen Sog entwickeln. Und wer eine höhere BPM bevorzugt wird mit dem sehr tanzbaren “Baldur” absolut glücklich. Eine kleine unerwartete Perle erwartet den Zuhörer auf der Mitte des Albums: Mit “Lord Randal” haben FAUN einmal wieder eine alte Ballade vertont und halten sich mit etwas über zwei Minuten Lauflänge ungewöhnlich kurz – trotzdem hinterlassen ein drückendes Dröhnen als Gesangsbegleitung und der eindringliche Dialog zwischen Laura und Oliver S. Tyr als Mutter und Sohn einen bleibenden Eindruck.
Der insgesamt sehr volle und atmosphärische Sound des Albums kann sich hören lassen und trifft dabei den Nerv der Zeit, auch wenn sich sicherlich der eine oder andere Purist einen reduzierteren Soundteppich wünschen wird. Ebenfalls sehr gelungen ist die Mischung aus der weichen, dunkleren Stimme von Nicht-mehr-ganz-so-neu-zugang Adaya und der glasklaren, kraftvollen Stimme von Laura, die im Zusammenspiel wunderbar funktionieren. Mit “Innisfree” kommen aber auch die Liebhaber von Stephans sanfter Gesangsstimme auf ihre Kosten.

Mit “Pagan” ist FAUN vielleicht nicht der ganz große Befreiungsschlag gelungen – dazu bidern sich manche der Songs noch zu sehr an bekannte Sounds anderer Bands an und lassen stellenweise noch eine eigene, klare Fahrtrichtung vermissen. Dennoch ist das Album eine in sich runde Sache geworden, und sicherlich die insgesamt beste Studio-Veröffentlichung seit „Eden“. Abwechslungsreich und gespickt mit live-tauglichen Songs macht „Pagan“ besonders nach der langen Corona-Pause wieder so richtig Lust auf atmosphärische FAUN-Konzerte unter freiem Sternenhimmel.

Wertung: 8 / 10

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