Interview mit Mat Maurer von Mortal Sin

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Eben erst haben MORTAL SIN ihre Clubtour zum 40. Geburtstag ihres Debüt-Albums „Mayhemic Destruction“ vollendet. Dabei hätte die Karriere der Australier auch ganz anders laufen können: Als Band der ersten Thrash-Welle waren MORTAL SIN Ende der 1980er-Jahre ganz vorn mit dabei und unter anderem mit METALLICA und TESTAMENT auf Tour. Mit Sänger Mat Maurer sprachen wir darüber, warum es trotzdem nicht zur großen Karriere gereicht hat, wie die Band nun reaktiviert wurde und was von der mittlerweile dritten Reunion zu erwarten ist.

Ihr habt MORTAL SIN im Jahr 1985 gegründet, drei oder vier Jahre, nachdem Thrash Metal in den USA und in Deutschland langsam aufkam. Wie erinnerst du dich an diese frühen Jahre? Wie habt ihr ohne Internet Thrash Metal zum ersten Mal entdeckt?
Wir haben damals viel Tape-Trading gemacht und auch Metal Forces und Kerrang!-Magazine gelesen. Wir hatten in Sydney einen richtig großartigen Plattenladen namens Utopia Records – den gibt’s heute immer noch – und wir sind jede Woche dorthin gegangen und haben Alben von all den großartigen Thrash-Bands gekauft.

Euer Debütalbum „Mayhemic Destruction“ kam 1987 raus und wurde hervorragend aufgenommen. Es wurde von Phonogram promotet, und 1989 habt ihr als Support für METALLICA eröffnet. Danach habt ihr 1989 „Face Of Despair“ nachgelegt und seid mit TESTAMENT auf Tour gegangen. Trotzdem kam der große Durchbruch nie. Wenn du zurückblickst: Woran hat es gelegen?
Das ist die Millionen-Dollar-Frage … Vielleicht, weil wir aus Australien kamen – so weit weg von der europäischen und der amerikanischen Szene? Wir waren ein kleiner Fisch in einem großen Ozean – die Plattenfirma hat alle Entscheidungen getroffen, und wir hatten das Gefühl, wir wurden benachteiligt. Ich wollte, dass wir direkt nach „Mayhemic Destruction“ in Europa touren, aber die Plattenfirma hat entschieden, dass wir bis zum nächsten Album warten. Bis wir dann schließlich nach Europa gekommen sind, waren noch drei Jahre vergangen, und wir waren hinter der zweiten Thrash-Welle zurückgefallen – TESTAMENT, DEATH ANGEL usw.

„Das war eine schwierige Zeit, selbst für die größten Bands.
Nur die Stärksten haben überlebt“

Wie sehr schmerzt es, dass MORTAL SIN nie so groß geworden sind, wie manche Leute es damals vorhergesagt hatten?
Schau, es ist, wie es ist … Wir können die Leute nicht dazu zwingen, sich die Band anzuhören oder zu Konzerten zu kommen. Wir müssen einfach große Shows spielen, wo die Leute uns noch nie vorher gesehen haben, damit wir ihnen zeigen können, wie gut wir sind – das ist der einzige Weg, wie wir größer werden können. Die meisten Metalheads, die uns zum ersten Mal sehen, sagen normalerweise: „Wie zum Teufel kann es sein, dass ich noch nie von euch gehört habe?“, „Ihr seid verdammt gut“ und solche Sachen.

Die Band hat sich im Jahr 1992 aufgelöst, aber ihr habt 1996 und 2004 Comeback-Versuche gestartet, die jeweils zwischen vier und acht Jahren hielten. Mit den zwei Alben, die ihr in den 2000ern veröffentlicht habt, seid ihr allerdings nie wirklich aus dem Underground herausgekommen. War das auch einer der Gründe, warum du 2012 ausgestiegen bist, was mehr oder weniger den Anfang vom vorläufigen Ende von MORTAL SIN markierte?
Wenn du dich an die Szene Mitte der 1990er und Anfang der 2000er erinnerst: Das war eine schwierige Zeit, selbst für die größten Bands. Nur die Stärksten haben überlebt. Unser Comeback 2004 ging bis 2012 und wir haben in diesen Jahren wirklich viel erreicht. Das war wahrscheinlich das beste Line-up, das wir je hatten, und unsere Live-Shows waren verdammt gut. Wir haben in dieser Zeit zweimal in WACKEN gespielt und sind viermal durch Europa getourt. Wir haben in diesen Jahren als Independent-Act vermutlich mehr erreicht, als jemals mit einem Major-Label im Rücken. Es waren einfach ein paar dumme Aktionen, die 2012 zum Auseinanderbrechen der Band geführt haben.

Hast du danach komplett aufgehört, Musik zu machen und zu singen, oder hast du einfach nur aufgehört, etwas zu veröffentlichen?
Ja, habe komplett aufgehört, Shows zu spielen und zu singen. Meine Frau ist 2014 krank geworden und war an einen Rollstuhl gebunden. Also habe ich mich elf Jahre lang um sie gekümmert, bis sie im Januar 2025 gestorben ist. In der Zeit habe ich versucht, eine Social-Media-Präsenz aufzubauen, um das Vermächtnis der Band am Leben zu halten.

„Nach dem Tod meiner Frau brauchte ich
einen Ausweg aus der Depression und der Trauer“

Dreizehn Jahre nach dem Split, 2025, habt ihr euch entschieden, ein drittes Comeback zu wagen. Ihr feiert das 40. Jubiläum des Debütalbums – aber was hat die Reunion ausgelöst? Wessen Idee war das?
Die Idee kam von mir. Nach dem Tod meiner Frau brauchte ich einen Ausweg aus der Depression und der Trauer – beides fing langsam an, mich fest im Griff zu haben. Ich bin zu einem Konzert in der Nähe meines Zuhauses gegangen, bei dem Andy und Nathan auch waren, und ich habe sie gefragt, ob sie Interesse hätten, ein paar Shows zu unserem 40. Jubiläum zu spielen. Sie haben sofort zugesagt, also haben wir wieder angefangen, die Band von Grund auf neu aufzubauen.

Abgesehen vom Schlagzeuger spielt ihr wieder mit derselben Besetzung wie vor der letzten Trennung. Seid ihr über die Jahre in Kontakt geblieben, oder musstet ihr euch erst wieder zusammenfinden? Und waren alle sofort begeistert von der Idee, wieder loszulegen?
Nein, wir mussten uns erst wieder zusammenraufen. Aber alle waren begeistert, wieder zusammenzukommen – mit der Aussicht, wieder live zu spielen.

War von Anfang an klar, dass ihr mit diesem Line-up zurückkommen wolltet?
Nachdem Andy, Nathan und ich uns hingesetzt und über die Situation gesprochen hatten und darüber, wie wir weitermachen würden, schlug Andy vor, das ursprüngliche MORTAL-SIN-Mitglied Paul Carwana als zweiten Gitarristen zurückzuholen. Ich war nicht dagegen, fand aber, wir sollten erst mit Ryan sprechen, weil er in der letzten Besetzung war, und ich fand, wir brauchen da ein bisschen Kontinuität, zumal Luke Cook uns schon gesagt hatte, dass er dieses Mal nicht dabei sein würde und wir uns einen neuen Schlagzeuger suchen müssten.

„Ich habe viel Zeit in meiner Gesangskabine verbracht,
um wieder in Form zu kommen“

Wie seid ihr an die Reunion rangegangen? Wie startet man eine Band wie MORTAL SIN nach so einer langen Zeit wieder neu?
Wir haben das Glück, dass wir im australischen Thrash ein gewisses Vermächtnis haben, sodass wir wussten: Alles, was wir tun mussten, war, hart daran zu arbeiten, eine richtig starke Live-Show auf die Beine zu stellen. Insofern hatten wir ein Ziel, und haben uns drangemacht, uns die Songs wieder draufzuschaffen, die wir live spielen wollten. Da wir einen neuen Schlagzeuger hatten, haben wir entschieden, dass wir uns erst ein paar Monate nehmen, die Songs zu lernen. Als George meinte, dass er bereit ist, haben wir ein Probestudio gesucht, damit wir die Songs gemeinsam üben konnten. Ich habe den Jungs auch erklärt, dass ich sechs bis neun Monate brauchen würde, um meine Stimme wieder in eine Form zu bringen, die den Songs gerecht wird. Also habe ich viel Zeit in meiner Gesangskabine verbracht, um wieder in Form zu kommen. Erst nachdem wir das Gefühl hatten, dass wir gut genug sind, haben wir angefangen, über die Tour nachzudenken. Wir haben Chris von der Aussie-Band HIDDEN INTENT  kontaktiert, der hier in Australien auch als Promoter/Booking Agent arbeitet, und er meinte, er würde ein paar Shows für uns buchen, wenn seine Band auf der kompletten Tour den Support spielen dürfte. Wir haben auch ein paar Festivals gebucht, und dann hat eine kleine Agentur in Europa gefragt, ob wir zu den Festivals noch ein paar Clubshows buchen wollen – und das haben wir dann gemacht.

Die Jubiläumstour ist jetzt vorbei. Was ist euer Fazit? Seid ihr zufrieden damit, wie sie gelaufen ist, sowohl musikalisch als auch was das Interesse des Publikums angeht?
Ich denke, zweimal nach Europa zu kommen, ein paar großartige Festivals zu spielen – KEEP IT TRUE, ALCATRAZ, BRUTAL ASSAULT und das BARBEUK FESTIVAL – außerdem in Japan, China und Neuseeland zu spielen, zusammen mit über 20 Shows in Australien, das war ein unglaubliches Jahr für uns. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es das größte Jahr unserer Karriere war! Wir haben ein paar fantastische Kontakte geknüpft, ein paar großartige Bands getroffen und unsere Fans waren superglücklich, uns nach so vielen Jahren wiederzusehen.

So eine Clubtour wie diese ist anstrengend und herausfordernd, besonders für den Sänger. Ich habe euch gegen Ende der Tour gesehen und war von deiner Stimme beeindruckt – sie klang überhaupt nicht angeschlagen. Hast du irgendwelche speziellen Routinen entwickelt, um dich stimmlich in Form zu halten?
Wie ich vorhin schon geantwortet habe, habe ich meine Stimme über einen Zeitraum von neun Monaten langsam aufgebaut, weil ich nicht zu früh zu hart pushen wollte. Die Stimmbänder sind ein Muskel, also muss man sich darum kümmern, genau wie um andere Muskeln im Gym. Ziemlich viele Leute haben kommentiert, wie stark meine Stimme war, und das hat mich stolz gemacht auf die ganze Arbeit, die ich hineingesteckt habe, um sie in Form zu bringen.

„Live zu spielen ist ein unglaubliches Gefühl.
Das ist etwas, das nur ein Musiker erklären kann“

Was hast du am Touren vermisst – und was überhaupt nicht?
Live zu spielen ist ein unglaubliches Gefühl. Das ist etwas, das nur ein Musiker erklären kann. Diese eine Stunde oder so, in der man auf der Bühne steht, ist ein unfassbares Erlebnis, bei dem man sich mit Gleichgesinnten verbinden kann. Leute, die Thrash Metal lieben! Klar, das Reisen ist der härteste Teil, aber wir haben alle aufeinander aufgepasst, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war. Der Staub auf manchen Festivals war ein wenig problematisch; ein paar von uns sind von dem ganzen Staub krank geworden. Für das nächste Mal, wenn wir auf Festivals spielen, haben wir gelernt: beim Herumlaufen auf dem Festivalgelände besser Gesichtsmasken tragen!

Gibt es eine Story oder einen lustigen Moment von dieser Tour, den ihr mit uns teilen möchtet?
Ihr wisst ja, was man sagt: „Was auf Tour passiert, bleibt auf Tour!“ Aber im positiven Sinne: Ryan hat beim KEEP IT TRUE FESTIVAL das Mädchen seiner Träume kennengelernt! Andy hat sein iPad beim ALCATRAZ FESTIVAL liegen lassen und hat es erst diese Woche zurückbekommen. In Schweden haben wir Strafzettel wegen zu schnellen Fahrens bekommen und in Japan sind unsere Gitarren nicht rechtzeitig zu unserer ersten Show angekommen, weil der Flughafen in Shanghai den Case nicht ins Flugzeug gepackt hat – weil Nathan in seinem Gitarrencase eine Batterie vergessen hatte.

Wir werden alle nicht jünger. Habt ihr das auf dieser Tour gemerkt? Seid ihr das Touren anders angegangen als damals, als ihr jung wart?
Andy und ich sind die Ältesten in der Band, also wussten wir, dass wir uns mehr vorbereiten müssen als alle anderen. Die größte Herausforderung war wohl die Hitze – wir sind im australischen Winter losgeflogen und in Europa mitten in einer Hitzewelle gelandet. Die Umstellung war fordernd, aber wir sind gut klargekommen.

„Die Jungen haben uns frisch gehalten
und wir Älteren haben sie in der Spur gehalten“

Zwischen den Musikern in der Band liegt ein Altersunterschied von über 30 Jahren. Macht es das gemeinsame Reisen einfacher oder schwieriger, wenn alle in so unterschiedlichen Lebensphasen sind?
Nachdem wir über sechs Monate hinweg 42 Shows gespielt hatten, hatten wir das Gefühl, dass wir einen guten Zusammenhalt und eine gute Dynamik innerhalb der Band hatten. Die Jungen haben uns frisch gehalten und wir Älteren haben sie in der Spur gehalten. In der Band sind definitiv viele Spaßvögel, das steht fest. Wir hatten eine großartige Zeit.

Wie geht’s als Nächstes für MORTAL SIN weiter? Habt ihr konkrete Pläne, inklusive neuer Musik, oder wollt ihr eine reine Live-Band bleiben? Oder war das von Anfang an als temporäre Reunion gedacht, bei der MORTAL SIN nach der Tour wieder in den Winterschlaf geht?
Als wir angefangen haben, haben wir gesagt: Schauen wir erst mal, wie sich alles entwickelt, und dann reden wir darüber, was als Nächstes kommt. Wir haben gerade erst die letzten Shows gespielt, also werden wir in den letzten paar Wochen von 2026 alles besprechen und dann werden wir Pläne für 2027 bekannt geben.

Danke für deine Zeit und deine Antworten! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Dein Lieblingstier: meine Hunde Loki, ein Golden Retriever, und Finn, ein Berner Sennenhund
Welches Essen kannst du nach der Tour nicht mehr sehen? Brot und Baguettes mit Schinken und Käse (lacht)
Deine Lieblingsband: DREAM THEATER
METALLICA: Noch nie von denen gehört … (lacht)
MORTAL SIN in zehn Jahren: alt!

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Moritz Grütz

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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