Interview mit Marios Iliopoulos von Nightrage

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Mit „The Abyss“ beschließen die Melodic-Death-Metaller NIGHTRAGE ihre von „Dantes Inferno“ beeinflusste Trilogie und blicken in den titelgebenden Abgrund: Mit pessimistischer Sicht zeichnet die griechisch-schwedische Combo ein düsteres Zukunftsbild der sich selbst zerstörenden Menschheit. Mit Band-Mastermind Marios Iliopoulos haben wir über das düstere Konzept und darüber, was die Menschheit ändern muss, um den unausweichlichen Untergang zu verhindern, gesprochen. Außerdem geht es um das familiäre Bandgefüge, die Grundsätze der Band und dass traurige Verluste wie die von Children-Of-Bodom-Frontmann Alexi Laiho eine Lektion sein können.

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Hallo Marios, danke dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst. Wie geht es dir dieser Tage?
Danke für die Möglichkeit, über unser neues Album „Abyss Rising“ sprechen zu können. Mir geht es gut, ich gebe viele Interviews für das neue Album und promote es auf all unseren Social-Media-Kanälen. Wir sind total begeistert von den neuen Songs und können es nicht erwarten, sie mit all unseren Fans zu teilen.

Nightrage Abyss Rising Coverartwork„Abyss Rising“ beschließt eure von „Dantes Inferno“ inspirierte Trilogie. Was fasziniert euch an Dantes Reise durch die Hölle?
Unser Sänger Ronnie Nyman schreibt alle Texte und er schreibt immer gerne über sehr apokalyptische Themen, sehr dunkle Geschichten, die mit dem Untergang und der Katastrophe unserer eigenen Zivilisation zu tun haben. Dieses Konzept zieht sich durch die letzten drei Alben, es beginnt mit „The Venomous“, wird bei „Wolf To Man“ fortgesetzt bis zum neuen Album. Eine Menge Stoff also, die diese Geschichte einnimmt, um diese dunkle Trilogie zu beenden, haben wir drei Alben gebraucht. Außerdem passt diese Story perfekt zu unserer Musik, sowohl Texte als auch Musik sind uns sehr wichtig und wir wollen die Leute zum Nachdenken anregen. Wir sind natürlich keine Prediger, aber wir sorgen uns darum, was in der Welt passiert und wollen auf diese Weise unsere Bedenken zum Ausdruck bringen, dass wir als Menschen den falschen Lebensweg eingeschlagen haben und unbedingt die Einstellung unserer Gesellschaft ändern oder mit den Konsequenzen leben müssen.

Wie setzt „Abyss Rising“ die Story konkret fort, welche neuen Elemente behandelt das Album?
Auf den beiden Vorgängeralben sind wir unserer eigenen Auslöschung immer näher gekommen, auf „Abyss Rising“ befinden wir uns nun bereits in der Hölle, die wir für uns selbst geschaffen haben. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir sind erledigt. Vor allem der „Inferno“-Teil hat uns angesprochen. Wir mögen die Erzählung und die malerische Darstellung unserer allgemeinsten menschlichen Eigenschaften. Die „Hölle“ ist etwas, das wir auf dieser Erde erschaffen. Sie ist der dunkelste Teil von uns Menschen und lebt in jedem von uns. Wir alle tragen unsere eigene Hölle in uns. Und wenn diese Dunkelheit aus uns herausbricht und die Welt um uns herum verschmutzt, schaffen wir unsere Hölle genau hier auf der Erde.

Ich nehme an, der von Pfeilen durchbohrte und schwer verwundete Typ auf dem Coverartwork ist Dante. Was ist die Idee hinter dem Artwork und inwiefern repräsentiert es das Album?
Auf dem Cover ist Dante zu sehen, der verwundet dasitzt und sich über den Abgrund wundert, der aus den Tiefen der Hölle kommt, um uns zu holen. Das Konzept des Albums ist auch lose inspiriert von „Dantes Inferno“ und den verschiedenen Ebenen der Hölle, die er erlebt hat.

Ihr habt das Album als den letzten Teil eurer „konzeptionellen Trilogie über den unvermeidlichen Untergang der Menschheit“ bezeichnet. Das ist ziemlich pessimistisch, aber auch nicht unrealistisch. Warum ist es unvermeidlich und denkst du, dass die Menschheit ihre Chance genutzt und durch die Pandemie etwas gelernt hat?
Ja, ich weiß, dass es ein sehr düsteres Konzept ist, aber es scheint, dass wir als Menschheit immer wieder Fehler machen, anstatt uns für das Richtige zu entscheiden.
Ich hoffe wirklich, dass das, was wir in unserer finsteren Geschichte beschreiben, nicht eintritt, aber wie du weißt und wie die Geschichte uns in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, lernen wir Menschen im Endeffekt nie aus unseren Fehlern. Hoffentlich lernen wir unsere Lektionen jetzt durch Covid und sehen, wie verletzlich wir sind und wie schnell sich Dinge von einem auf den anderen Tag ändern können. Wir können alles verlieren. Ich will einfach daran glauben, dass wir intelligent genug sind, das zu verstehen und etwas dagegen zu unternehmen, unsere Mentalität ändern und besser für uns selbst und die Menschen um uns herum und schlussendlich für unsere gesamte Zivilisation sein können. Wir müssen einen Weg finden, diese Erde zu retten.

Was müsste geschehen, damit die Menschheit nicht weiter auf ihren eigenen Untergang zusteuert?
Ich hoffe, nicht noch mehr Schlechtes. Es scheint, dass wir immer wieder ignorant sind und diese verrottende Gleichgültigkeit bei allem, was wir tun, mit uns herumtragen. Die Menschen müssen ihre Einstellung ändern und anfangen, sich umeinander zu kümmern und Liebe statt Hass und Dunkelheit zu verbreiten. Wir müssen uns Gedanken um unsere Natur und die Generationen machen, die nach uns kommen. Welche Welt wollen wir ihnen übergeben? Ich hoffe, keine zerstörten Landschaften, wir alle sind dafür verantwortlich.

Wie hat Corona NIGHTRAGE bei der Produktion des Albums beeinflusst? Was musstet ihr diesmal anders machen?
Es kommt mir so vor, als wären wir nicht aufzuhalten. Wir haben das neue Album während der Pandemie aufgenommen und ich bin das Risiko eingegangen, zweimal nach Schweden zu reisen, um mit Dino das Schlagzeug aufzunehmen und dann das Album abzumischen und zu mastern. Das allein war schon ein großes Risiko, da ich gar nicht wusste, ob ich überhaupt wieder zurückfliegen können würde. Aber NIGHTRAGE hat für uns immer größte Priorität, wir tun unter allen Umständen immer das Beste, was wir können, für die Band. So haben wir das jetzt schon viele Jahre lang gemacht, NIGHTRAGE ist für uns eine Lebenseinstellung, ein Freund, der einem nie den Rücken zudreht, egal was passiert.

In eurem Line-up gab es schon oft viel Bewegung. Inwiefern beeinflusst das die Band, das Songwriting und schlussendlich die Musik auf dem Album, wenn sich das Besetzungskarussell wieder dreht?
Meiner Erfahrung nach haben Veränderungen im Line-up nie unsere Kreativität beeinträchtigt und waren auch kein Problem, was das Songwriting betrifft. Am Ende haben wir immer Qualität auf unseren Alben und haben unseren eigenen Stil fortgeführt. Ich hoffe, das wir nun für immer in diesem Line-up zusammenbleiben, da die Atmosphäre in der Band jetzt hervorragend ist. Ich liebe alle Jungs in der Band und wir haben ein schönes, familiäres Gefühl zusammen. Ich denke, es ist gut, dass diese ganzen Veränderungen so passiert sind, ansonsten könnte ich mich jetzt nicht mit diesen tollen Typen treffen und mit ihnen Musik machen.

Beim Hören von „Abyss Rising“ musste ich öfter an Children Of Bodom denken. Wie fühlst du dich, wenn ein junger Kollege wie Alexi Laiho überraschend mit nur 41 Jahren verstirbt? Was macht das mit dir, überdenkst du dabei auch den „typischen“ Lifestyle eines Musikers?
Das ist wirklich sehr traurig und ist für uns alle eine Lektion, uns von kurzfristigen Lösungen wie etwa Alkohol fernzuhalten. Es ist sehr bedauerlich, dass ein solches Talent verschwendet wird, wir wollen einfach hier sein und gute Musik machen. Man weiß natürlich nie, mit welchen Problemen und Dämonen Alexi zu kämpfen hatte und am Ende war es für ihn zu spät, sich selbst aus dem Abgrund zu retten, in den er gefallen ist. Man wird sich immer an sein Talent und seinen großartigen Metal-Spirit erinnern.

Children Of Bodom haben natürlich eine große Lücke in der Melodic-Death-Metal-Szene hinterlassen. Wie seht ihr diese Szene selbst und euren Platz darin?
Es gibt noch sehr viele großartige Bands in diesem Genre und wir sind glücklich, ein Teil davon zu sein und geben alles, um es noch besser zu machen. Auch, wenn viele der älteren Bands ihren Stil sehr verändert haben und jetzt etwas anderes spielen, sind noch tolle Bands unterwegs, die die Flagge weitertragen und starke Alben veröffentlichen.

Ihr seid dem Göteborg-Stil des Melodic Death Metal sehr treu. Wie habt ihr euch deiner Meinung weiterentwickelt oder musikalisch verbessert, seit ihr die Trilogie mit „The Venomous“ begonnen habt?
Ich finde, in unserem Songwriting gibt es viele Verbesserungen. Ich, Magnus und Ronnie bilden inzwischen schon fast eine heilige Songwriting-Dreifaltigkeit. Zwischen uns herrscht eine tolle Atmosphäre und es gibt großartige Schwingungen beim Schreiben der Lieder. Durch unsere tolle Chemie fällt es uns leicht, die Tracks zu erschaffen, wir vertrauen einander und akzeptieren die Ideen der anderen, ganz ohne dummen Egoismus.

Wenn ihr Songs schreibt, bewegt ihr euch dann innerhalb eines bestimmten Rahmens? Denkt ihr also: „Dieses Riff und dieser Refrain müssen nach NIGHTRAGE klingen, diese Melodie klingt nicht genug nach Göteborg“ usw.?
Nein, wir jammen einfach nur mit unseren Ideen und daraus entstehen dann die Songs, die du hörst. Wir haben keine Formel oder ein Szenario, wir nehmen einfach unsere Gitarren und fangen an zu spielen. Es ist ganz simpel, wir versuchen nicht, etwas Bestimmtes zu machen, sondern wollen einfach die bestmöglichen Songs schreiben und darauf legen wir unseren Fokus. Natürlich müssen diese ganzen Ideen aber einfach verdammt gut sein und den Geist des Metal atmen.

Ein Song wie „Falsifying Life“ hat eine extrem eingängige Melodie, die man sofort mitsummen kann, hat aber auch eine aggressive Seite. Ich würde sogar sagen, für einen Genre-Fan ist das Feeld-good-Musik. Was ist euch bei euren Songs am wichtigsten, was wollt ihr transportieren und beim Hörer bewirken?
Danke dir vielmals, freut mich, dass du den Song magst. Ich denke, eine unserer Stärken als Band ist, dass wir immer versuchen, die Balance zwischen schönen Melodien und Aggressivität zu wahren. Da wir rauen Gesang und schwere Gitarren haben, die einzige Möglichkeit, eine nette Melodie einzufügen, kommt also aus der Abteilung der Gitarrenmelodien. Wir schauen also immer, dass wir Killer-Melodien haben, die durch den Song führen und wenn wir damit mehr Leute für unsere Musik begeistern können, ist das umso besser. Wir wollen superharte und eingängige Lieder schreiben, die die Aufmerksamkeit der Hörer auf sich ziehen und auch die perfekte Balance zwischen Brutalität und feinen Melodien finden. Songs wie der, den du genannt hast, erreichen das hoffentlich und bleiben in den Ohren der Hörer, die dann hoffentlich mehr davon wollen.

Neben „Falsifying Life“ habt ihr vor der Veröffentlichung des Albums „Nauseating Oblivion“ und „Abyss Rising“ als Singles präsentiert. Wie entscheidet ihr, welche Singles veröffentlicht werden und denkt ihr, dass diese drei Songs das Album am besten vertreten?
Wir wollten ein gewisses Gleichgewicht, also haben wir mit einem energiegeladenen Song wie dem Titeltrack angefangen. Dann wollten wir mehr Hooks, also haben wir uns für „Falsifying Life“ entschieden. „Nauseating Oblivion“ hat beide Elemente der vorhergehenden Songs und dazu noch einen anderen Touch. Wir denken also, dass diese drei Songs sehr repräsentativ für den Sound des neuen Albums stehen und eine schöne Einführung in „Abyss Rising“ darstellen.

Euer Debütalbum „Sweet Vengeance“ feiert nächstes Jahr seinen 20. Geburtstag. Wie findest du das Album heute rückblickend? Hast du jemals an eine Neuaufnahme gedacht?
Das war der Anfang für die Band und ich ging nahezu durch die Hölle, um es aufzunehmen und ein Label zu finden, aber ich denke es war den ganzen Aufwand wert. Es macht mich glücklich, dass immer noch Leute auf uns zukommen und über dieses Album sprechen. Ich glaube nicht, dass wir es jemals neu aufnehmen würden, es ist besser, es so zu lassen, wie es ist und nichts daran zu verändern. Zumindest für mich ist es nämlich perfekt, wie es ist.

Kommen wir zum Abschluss zu unserem traditionellen Brainstorming. Was fällt dir zu folgenden Begriffen zuerst ein…
Aktuelles Lieblingsalbum:
Hypocrisy – Worship.
Bestes Film-/Serien-/Buch-Universum: “Flash Gordon”, “The Mandalorian”, “The DaVinci Code”.
Größter nichtmusikalischer Einfluss: Streunende Hunde.
Natur: Farben.
Reisen: Schweden, Athen, Volos.
Etwas, das jeden schlechten Tag besser macht: Musik und Freunde.
NIGHTRAGE in zehn Jahren: Immer noch aktiv, mehr Alben, irgendwo in Japan auftreten.

Danke nochmal für deine Zeit, Marios! Die letzten Worte gehören dir.
Danke für das tolle Interview. Ich möchte meine wärmsten Grüße an all unsere Fans da draußen senden, hört euch unser neues Album ab 18. Februar an und unterstützt NIGHTRAGE.

Stay metal and beware of the abyss.

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