Interview mit Thom Kinberger von Our Survival Depends On Us

Mit „Scouts On The Borderline Between The Physical And Spiritual World“ legen die Salzburger von OUR SURVIVAL DEPENDS ON US über das deutsche Liebhaber-Label Ván Records kurz vor Jahresende nochmal ein musikalisches Highlight vor. Gitarrist und Sänger Thom Kinberger über Spiritualität, Musik als Aufarbeitung persönlicher Erlebnisse und darüber, was Doom Metal vom Gospel lernen kann.OSDOU-Logo

Euer neuestes Werk hat lange auf sich warten lassen. Diese Wartezeit war es wert – aber woran lag es, dass seit „Painful Stories Told With A Passion For Life“ so viel Zeitvergangen ist?
Stimmt, das waren fast 5 Jahre, aber zuerst musst du etwas erleben, damit du über etwas schreiben kannst. Und wir haben in dieser Zeit viel Gutes und Schlechtes erlebt. Neben sehr emotionellen Erfahrungen, haben wir uns auch persönlich einigen Herausforderungen gestellt. Mucho hat wichtige Ausbildungen absolviert, unter anderem hat er jetzt das Kapitänspatent für die Donau. Ich war für mehrere Monate in Wien und Brüssel, um dort Dinge zu lernen, die unser Leben in der Zivilgesellschaft maßgeblich beeinflussen. Barth hat die Neudegg Alm aufgebaut und einen Ort der Begegnung etabliert. Hajot war mehrere Monate alleine in Island. Wir haben alle viel gesehen. Da gab es also viel aufzuarbeiten.
Musikalisch haben wir bei unserem letzten Album schon den Ansatz verfolgt, dass jede Nummer für sich einzigartig sein soll. Wir haben das innerhalb eines Musikstils umgesetzt. Dieses Mal wollten wir die Songs so ausarbeiten, dass auch der Stil und das Arrangement der Komposition entsprechen. Das dauert natürlich länger. Aber kreative Bandarbeit endet ja nicht mit der Musik. Wir haben in dieser Zeit auch drei Videoclips, ein Konzertvideo und eine Recording-Dokumentation produziert.

Eure Musik ist extrem vielseitig und außer über die Atmosphäre schwer zu greifen – wie würdest du euren Stil bezeichnen und wie eure Musik jemandem beschreiben, der OUR SURVIVAL DEPENDS ON US noch nicht kennt?
Ja, das ist wohl eine große Herausforderung. Wir haben es mit „Intense Spiritual Music“ versucht, aber wirklich vorstellen kann man sich darunter auch nichts. Wir haben einen breiten musikalischen Background und schreiben solche Alben die wir selber gerne hören würden. Und genau wie es viele Arten von Emotionen gibt, brauchen wir verschieden Stilarten um die richtige Atmosphäre zu erzeugen. Mir schweben dann bei den einzelnen Liedern immer Naturbilder vor dem geistigen Auge. „The Bloody Path“ wirkt entrückt, nicht greifbar, als läge man am Grund eines tiefen Sees. Dafür haben wir mit verschobenen Gitarreneffekten experimentiert um dieses Gefühl zu erzeugen.  „The Mountains Of My Home“ ist klar und rein wie die Gebirgsluft, reduziert und nüchtern. Hier gibt es nur ein Piano, wenig Tempoverschiebung und eine definierte Stimme die hoch über der Musik thront. Vielleicht ist das ein Zugang den Stil zu definieren. Am Ende kann man von Post Rock, Ambient bis Sludge Metal alles finden.

OSDOU-Photo

Die Songs sind extrem unterschiedlich, aber passen doch alle perfekt ins Bild. Habt ihr einen Songwriter oder mehrere, schreibt ihr in Einzelarbeit oder als Team, daheim oder im Proberaum?
Die meisten Songs entstehen im Proberaum in langen Sessions, wir feilen endlos an den Arrangements und werfen oft fertige Lieder weg, wenn die Atmosphäre nicht stimmt. Wir sind detailverrückt und reduzieren die Noten und Instrumente oft drastisch, damit das stärkste Element seinen Platz hat. Jeder in der Band kann hier seine Stärken ausspielen und manchmal entstehen Lieder auch in anderen Konstellationen. Für eine Pianonummer braucht es keine fünf Musiker, eine akustische Singer/Songwriter Nummer wie „A Sacred Heart“ hat eine klassische Struktur, die fertig auf der Akustik Gitarre komponiert wurde. Aber für die Atmosphäre und die Arrangements sind alle verantwortlich, wir haben immer eine klare Vorstellung, welche Stimmung ein Song transportieren soll. Das ist ein wunderbarer Schaffensprozess, den wir genießen und viel  Zeit dafür aufwenden.
Wir sehen OUR SURVIVAL DEPENDS ON US aber auch als Andockstelle für andere Künstler und geben diesen dann viel Freiraum. Bei den female Vocals auf „Sons And Daughters“ hatte ich eine klare Vorstellung, die Clara Tinsobin, eine professionelle Sängerin von der Universität Mozarteum, wunderbar umgesetzt hatte. Nach der ersten Aufnahmesession fuhr sie jedoch ein zweites Mal alleine ins Studio und nahm die kompletten Vocals noch einmal auf, weil sie erst da ihren persönlichen Zugang gefunden hatte. Und was soll ich sagen, hör´ es dir an, es ist magisch geworden, unfassbar! Man muss den Künstlern, mit denen man zusammenarbeitet, vertrauen und ihnen den Platz zur kreativen Entfaltung schaffen, dann kommt etwas Großes heraus.

Eure musikalische Vielfalt legt die Frage nahe: Welche Bands würdest du als prägend für euren Musikstil beschreiben?
Da gibt es ganz viele und die Inspiration kommt nicht immer von der Musik selber. Oft ist es die Herangehensweise an die Kunst, die uns prägt. Eine Persönlichkeit wie Hilmar Örn Hilmarsson ist zweifelsohne ein großartiger Arrangeur und Soundtrack Komponist. Seine Kollaborationen mit Steindor Andersen und Sigur Ros sind fantastisch. Aber außergewöhnlich ist seine Leidenschaft und Beharrlichkeit als spiritueller Mensch und Kulturschaffender. Er ist eine Institution in Island und bildet eine Schnittstelle zwischen Kunst, Religion und Politik. Überhaupt haben wir den größten Respekt für Menschen, die untrennbar zu ihrem Schaffen existieren. David Eugene Edwards von Wovenhand kanalisiert seine Spiritualität über seine Musik. So eine Arbeitsweise lässt keine Kompromisse zu.

Wie setzt ihr diese Vielfalt live um? Arrangiert ihr die Songs neu oder setzt ihr auf Samples?
Musik funktioniert auf ganz unterschiedliche Weise. Das Medium und der Rahmen müssen dabei berücksichtigt werden. Die Sessions im Proberaum, der Tonträger, der Videoclip und eben auch die Liveshow haben ihre eigenen Mechanismen. Wir spielen die Songs so wie sie live am besten ihren Weg in die Herzen der Zuhörer finden. Natürlich werden Verschiedenes anders umgesetzt, wir improvisieren aber auch dort, wo es sich richtig anfühlt. Das Ziel ist nicht die 1:1 Umsetzung des Tonträgers, deshalb nutzen wir keine Klicktracks oder Trigger Module. Live geht es uns um Blut und Schweiß, für uns ist das ein archaisches Ritual, das wir sehr ernst nehmen. Wir freuen uns dann immer wenn sich die Menschen darauf einlassen und gemeinsam mit uns eine Reise antreten.

Our Survival Depends On Us 2015

Das Album startet mit „Let My People Go“, angelehnt an das Spiritual „Go Down Moses“. Welchen Bezug habt ihr zu dieser Musik, oder woher rührt euer Interesse für derartige Einflüsse? Generell meint man ja, in eurem Gesang bisweilen Anleihen an Spiritual und Gospel zu finden, auch die Atmosphäre der Songs ist mitunter sehr spirituell…
Richtig, ein Merkmal bei Gospel ist das Mantrische, die Schlüsselbotschaft die sich immer wieder wiederholt. Diesen Kunstgriff nützen auch Gebete und Chants, um neben dem Inhalt in der Wiederholung einen Trance-Zustand zu ermöglichen. Von daher lag es nahe einen echten Gospel für uns zu adaptieren. „Go Down Moses“ ist eines der bekanntesten Traditionals und Mucho wollte schon sehr lange diese Idee umsetzen. Wir haben uns dann entschieden eine klassische Doom-Metal-Nummer darum herum zu arrangieren. Inhaltlich geht es jedoch nicht um den Auszug aus Ägypten, sondern um den Kampf mit Dämonen, die Besitz vom Körper ergreifen. Wir haben das im Videoclip auch visuell mit einer wunderbar düsteren Tanz Performance dargestellt. Der Song ist sehr körperlich und hat einen bösen Punch, sehr psychedelisch in seiner Reflexion.

„The Mountains Of My Home“ dürfte textlich hingegen eher heimatverbunden sein. Wie stark hat euch eure Herkunft geprägt?
Mit dem Begriff Heimat kann ich persönlich sehr wenig anfangen. Ich habe viel von der Welt gesehen und glaube nicht an die Idee der Nation oder an politische Grenzen. Kulturell verhält es sich nicht viel anders, denn mein Kulturbegriff ist sicher keiner, den viele im Land teilen. Heimat ist für uns ein Gefühl der Harmonie, deshalb benutzen wir gerne den Begriff „Homefire“. Ein Platz um den sich Freunde und geliebte Menschen versammeln. Und dieses Feuer kann überall brennen.

Bist du der typische Salzburger, der jede freie Minute mit dem Radel in die Berge fährt, oder welchen Bezug hast du zu Natur und Heimat?
Natürlich prägt einen der tägliche Blick auf den Untersberg, die Inspiration findet uns als Künstler sicher leichter in den Bergen. Barth hat mit der Neudegg Alm einen Ort der fast schon kitschig schön sein kann, aber auch beängstigend und gewalttätig. Genau wie unsere Musik, oder vielleicht sogar unsere Persönlichkeit. Wir hatten während der Aufnahme Sessions brütend heiße Sommertage, auf die ein wütendes Gewitter folgte. Das beeinflusst unsere Musik und wir konnten dieses Naturschauspiel sogar auf dem Album verewigen. In „Children Of The Dawn“  ist das Donnerwetter zu hören, unser Drummer war so geistesgegenwärtig, das Aufnahmegerät zu aktivieren. Die Pause in dem Song gibt es also nur, weil zufällig der Blitz unmittelbar neben der großen Feuerstelle eingeschlagen hat. Hier hat die Natur mitarrangiert, ein Glücksfall!

Worum geht es in den Texten ganz allgemein? Hat das Album ein umfassendes Konzept?
So wie es der Titel zusammenfast. Wir sehen uns als Kundschafter zwischen den Welten, den Körperlichen und den Spirituellen. Das bezieht sich nicht nur auf die Texte, sondern auch auf die Musik.

OSDOU-CoverAuch das Cover schaut sehr mystisch aus – „nur“ Kunst, oder Kunst mit Hintersinn?
Das Artwork ist während des Produktionsprozesses mit den beteiligten Künstlern gewachsen. Wir hatten wohl ein grobes Konzept, aber erst durch die grafische Arbeit von Eva Moser, die das Siegel und andere Motive kreiert hat und vor allem durch die Fotosessions mit den Musikern und den Damen, die übrigens auch im Video mit dabei sind, hat sich alles zudem entwickelt, was am Ende als Ganzes zu bewundern ist. Stefan Rochhart, unser Fotograf, ist eine verrückter, leidenschaftlicher Künstler, der einen schon mal zwei Stunden für die richtige Lichtreflektion einer Vogelfeder stillsitzen lässt. Hubert Sommerauer, ein bekannter Salzburger Maler der Werke von Georg Trakl und H. Cl Artmann illustriert hat, hat die Ikone am Bookletcover geschaffen. Sie zeigt sehr bildhaft die Auflösung tradierter Werte und alter Weltbilder. Das war uns wichtig, weil wir auch in der Vergangenheit viel mit der verstörenden christlichen Mythologie und deren Symbolen gearbeitet haben. Ván Records haben uns zudem die Möglichkeit geboten alles so umzusetzen, wie wir uns das vorgestellt haben. Mit der grenzgenialen „Lavish-Edition“ haben sie in Sachen Ästhetik und Wertarbeit sogar noch einen draufgesetzt!

Die österreichische Metalszene scheint derzeit wieder etwas im kommen zu sein. Würdest du diese These unterschreiben?
Ja, wir beobachten das auch. Die gesamte Musiklandschaft vollzieht einen Wandel. Ich lege zwar keinen speziellen Wert auf die Herkunft einer Band, aber interessant ist das schon. Vielleicht sind Musiker aus Regionen, die keinerlei kommerziellen Erfolg versprechen, noch etwas unabhängiger und draufgängerischer als solche, die große Infrastruktur und Institutionen haben.

Was hältst du von der österreichischen Musiklandschaft, welche Bands hältst du für empfehlenswert, welche Newcomer für vielversprechend?
Da gibt es viele großartige Bands. Selbstentleibung, Harakiri for the Sky, Les Lekin, Grey Czar, Ghouls Come Knockin, Steaming Sattelites und unzählige mehr. Wir freuen uns immer, wenn wir gemeinsam mit Freunden und talentierten Kollegen unterwegs sein können. Wir sind natürlich stark verwurzelt in der Szene nach so vielen Jahren. Es war uns auch eine Freude, dass Helmuth von Belphegor ein Gastsolo beigesteuert hat, noch dazu beim Gospel inspirierten „Let My People Go“!

Our Survival Depends On Us TourIm März gehent es mit Secrets Of The Moon und Dodheimsgard auf Tour – wie seid ihr zu dieser Chance gekommen, euch einem angemessenen Publikum zu präsentieren? Was erwartet ihr euch von der Tour?
Wir haben den größten Respekt vor SOTM und ihrer Kreativität. Sie haben ja bereits vor Jahren bei uns in den Bergen gespielt und der Kontakt ist seitdem nicht mehr abgebrochen. In diesem Tourpackage finden sich lauter Bands, die kompromisslos und eigensinnig ihren Weg gehen, da passen wir perfekt dazu. Für uns ist es die erste größere Tour und das Album ist brandneu. Wir haben damit die Gelegenheit mit vielen Menschen direkt zu kommunizieren, das wird eine ganz besondere Zeit.

Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming. Was fällt dir zu diesen Begriffen zuerst ein:
Mgla: Mgla haben gerade bei uns in Salzburg gespielt, die Show war ausverkauft. Eine weitere Band, die beweist, dass sich die Szene öffnet und neue aufregende Musik sucht.
Angela Merkel: Bei Politikern auf dieser Ebene geht es nicht mehr um Ideologie oder Fachkompetenz. Hier nimmt die Person eine Stellvertreter Funktion ein. In diesem Fall vielleicht sogar für ganz Europa. Merkel ist ein ungewöhnlicher Fall von christlicher Soziallehre und neoliberalem Bürgertum.
Black Metal: Eine widerspenstige Subkultur, die es schafft sich immer wieder neu zu definieren.
Fussball: davon verstehe ich zu wenig.
Flüchtlingskrise: Asyl ist ein Menschenrecht. Politische Antworten fehlen leider und scheitern am nationalstaatlichen Denken der Machthaber. Am Ende haben alle Beteiligten viel zu verlieren und ich rede nicht von Wohlstand und Sicherheit.
Red Bull: Beeindruckende Geschichte, ich bevorzuge Bier.

Besten Dank für deine Zeit, die letzten Worte gehören dir:
Danke dir, Moritz, für die Zeit und die Aufmerksamkeit, „Keep your homefire burning“, alles Gute!