Interview mit Thomas Lindner von Schandmaul

„In einem Jahr kann viel passieren,“ wie Schandmaulsänger und -texter Thomas Lindner mit einem Lächeln auf den Lippen zu berichten weiß. Gut gelaunt widmete sich der Vollblutmusiker einer ausführlichen Befragung zu den einzelnen Songs von „Traumtänzer“ und spricht über Veränderungen innerhalb der Band sowie musikalische Weiterentwicklungen.


Audiointerview – Teil 1

Audiointerview – Teil 2

Schandmaul hat 2010 ein Jahr Pause eingelegt. Du selbst hast es Semesterferien genannt. Wie war das letzte Jahr für dich im Rückblick?
Es war einerseits ein erholsames und andererseits auch ein kreatives Jahr. Zusammengefasst war es eine wichtige Zeit für uns, in der es auch individuelle Veränderungen gegeben hat – im Hinblick auf Heirat und Nachwuchs. Neben der kreativen Arbeit an „Traumtänzer“ hatten wir darüber hinaus die Zeit und die Luft, die letzten 10 Jahre Rock’n’Roll zu reflektieren und zu resümieren.

Du hast gesagt, dass man während einer so langen Auszeit auch die Möglichkeit hat, die ganzen Mischkalkulationen aus jahrelangem Studio- und Touralltag im Kopf etwas zu ordnen. Bist du dabei auf besonders wichtige Erkenntnisse für dich selbst gestoßen?
Ich selbst bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass ich ein paar Mal kurz davor war, gegen die Wand zu fahren, weil ich mir zu viel aufgehalst habe. Ich habe immer an mehreren Projekten gleichzeitig gearbeitet und demnach auf vielen Hochzeiten getanzt. Nun weiß ich, wie ich meine Energie punktueller forcieren kann.

Wie oft habt ihr euch innerhalb des letzten Jahres gesehen und wie oft über Musik gesprochen? Habt ihr generell auch die Veränderungen in der deutschen Musiklandschaft verfolgt?
Natürlich haben wir uns zum Arrangieren und Proben getroffen. Außerdem gab es die Vorproduktion und schließlich die Produktion, die wir zusammen gemacht haben. Davor und danach hatten wir immer genügend Zeit, um uns auszutauschen. Wir haben uns aber auch zwischendurch ein bis zwei Wochen nicht gesehen, in denen wir nur telefoniert oder Mails versendet haben.

Das Wort Traumtänzer hat verschiedene Bedeutungen, nicht nur positive. So kann man darin auch einen Menschen sehen, der sich in seiner eigenen Welt fernab der Realität bewegt. Wie interpretiert ihr den Titel eures Albums?
Wenn man keine Träume mehr hat, ist man faktisch tot. Bei uns bot sich dieser Titel an, weil wir unseren Traum leben. Das ist sowohl die Aussage des Songs als auch des gesamten Albums. Träumt, lasst euch entführen und lebt diesen Traum! Das kann man auch tun, wenn man mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht.

„Traumtänzer“ wirkt wie die musikalische Weiterentwicklung des „Narrenkönigs“ mit verschiedenen Einflüssen der letzten Alben. Würdest du zustimmen, dass der „Traumtänzer“ im übertragenen Sinne musikalisch mit dem „Narrenkönig“ Hand in Hand gehen könnte?
Der „Traumtänzer“ ist von der Grundstimmung und von den Geschichten her mit Sicherheit fröhlicher und farbenfroher als die Vorgänger. Dadurch ist der Vergleich mit dem „Narrenkönig“ nicht verkehrt. Das hat sich allerdings so ergeben und wir haben das nicht bewusst gesteuert. Vom Sound her ist es für mich aber eher die Zusammenführung aus „Anderswelt“ und dem Livefeeling der „Sinnfonie“.

„Mit Leib und Seele“ war stimmungstechnisch eine Art trauriger Tiefpunkt, während „Anderswelt“ generell eher in einer Art Fantasiewelt angesiedelt war. Habt ihr mit „Traumtänzer“ den Folkaspekt ins Hier und Jetzt überführt?
Durch unsere gemeinsamen Erfahrungen sind wir im Laufe der Jahre selbstbewusster und mutiger geworden. Dadurch erlauben wir uns nun auch Sachen, die früher undenkbar gewesen wären, wie z.B. Ducky, Anna oder Birgit, die ein geniales Solo spielen, wo vielleicht nur der dritte Ton von hinten links leicht schräg klingt. Da haben wir gesagt: Na und? Deswegen ist das Solo immer noch genial. Außerdem haben wir festgestellt, dass diese Schippe Dreck hier und da einfach passt. Im Studio wird man dazu verführt, alles zu sezieren und klinisch tot zu produzieren. Darauf haben wir verzichtet. Deswegen sind wir jetzt folkiger denn je.

Passt dieser Reifeprozess auch zu den irischen Einflüssen, die an verschiedenen Stellen durchschimmern?
Wir haben uns noch nie vor irgendetwas gescheut. Die Lieder sprechen im Probenraum mit uns, wenn wir sie spielen. Wenn wir irische Einflüsse spüren, verwirklichen wir sie genau wie die spanischen mit Trompeten und Gitarren oder eine Polka aus dem Balkan. Das lassen wir alles zu. Wenn wir irgendwann afrikanische Buschtrommeln vor unserem geistigen Auge sehen, dann sind die auch dabei.

Wie würdest du den Spannungsbogen bei der Trackliste beschreiben bzw. mit welchen Stücken habt ihr versucht an bestimmten Stellen Akzente auf „Traumtänzer“ zu setzen?
Natürlich versucht man genau wie bei einem Liveprogramm eine Art Spannungsbogen zu erzeugen. Das fängt an mit 1, 2, 3, 4 – auf geht’s zum Galopp. Im Mittelteil folgt dann eine kurze Verschnaufpause, bevor man noch einmal aufdreht und hinten raus – wenn man bereits auf der Couch sitzt – kann man dort gleich bleiben. Wir versuchen allerdings nicht im Vorfeld, so einen Bogen zu spannen. Die Trackliste wird erst erstellt, wenn alles fertig gemischt und produziert ist. So verteilen wir dann z.B. unsere drei E-Gitarren-Soli über das gesamte Album.

Würdest du sagen, dass bei „Traumtänzer“ an bestimmten Stellen bestimmte Songs herausstechen, die zum nächsten Teil überleiten?
Würde ich nicht speziell sagen. Es gibt immer eine leichte Wellenform. Diese Welle endet mit einer Ballade, wird dann wieder langsam angefeuert und schließlich steht wieder eine Rocknummer auf dem Plan.

Gibt es Stücke, von denen du denkst, dass sie in 10 Jahren noch auf Konzerten gespielt werden?
Es gibt Vermutungen, aber Gewissheit werden wir erst im Laufe der Zeit haben. Ich denke aber, dass z.B. „Hexeneinmaleins“ einfach laufen wird und die Leute dazu Party feiern. Und das zieht sich quer durch „Traumtänzer“. Viele besuchen auch unsere Konzerte, um dort zu tanzen und sich zu bewegen. Natürlich werden wir die Balladen vom neuen Album ebenfalls spielen, aber das sind mehr die Verschnaufpausen, in denen man sich an die Freundin oder den Freund lehnt und die Gedanken schweifen lässt.

Mit „Geas Traum“ habt ihr nun auch euer erstes Musikvideo am Start. Es ist Teil einer umfangreicheren Zusammenarbeit mit dem Fantasyautor Wolfgang Hohlbein. Kannst du uns etwas über die Entstehung dieser Kooperation sagen und wie dein erster Kontakt zu Hohlbein war, sowohl literarisch als auch persönlich?
Literarisch liegt das etwa 15 Jahre zurück. Ich bin klassisch mit „Märchenmond“ eingestiegen und dann Fan geworden. Ich hab vor kurzem nachgezählt, wieviele Bücher ich von ihm im Regal habe. Es sind knappe 60 – das sind bei weitem nicht alle, aber viele. Ich war vor vielen Jahren auch auf einer Lesung von ihm in München, denn seine Bücher haben mich schon immer inspiriert. Mit unserem Nebenprojekt WETO haben wir bei den Titeln „Märchenmond“ und „Wolfsherz“ bereits literarische Werke von ihm vertont. Unser Schandmaulschlagzeuger und -manager Stefan kam wiederum über den Künstler, der das Artwork von „Anderswelt“ designt hat und gleichzeitig die Comics „Chronik der Unsterblichen“ für Wolfang Hohlbein zeichnet, in Kontakt mit seinem Manager. Dann hat Stefan kackfrech „Wolfsherz“ einfach rübergejagt und Wolfgang wurde sich dann erst über den Zusammenhang zwischen WETO und Schandmaul bewusst bzw. hat in seinem Regal gesehen, dass er bereits CDs von uns hat. Er war sehr begeistert von unserer Musik und bot uns an, ein unveröffentlichtes Manuskript zu vertonen. Das war vor ca. einem Jahr und kurze Zeit später lag hier das Original von „Infinity – der Turm“. Wir haben uns dann zusammen durch die Seiten gewühlt und heraus kam der Song „Geas Traum“.

Im Video wird eine Geschichte erzählt und ihr tragt für euch ungewohnte weiße Klamotten. Wie würdest du das Endergebnis bewerten? Inwiefern konntet ihr eigene Ideen verwirklichen und bis zu welchem Grad basieren die bewegten Bilder auf dem Konzept des Produzenten?
Wolfgang hat die literarische Vorlage mit ca. 600 Seiten geliefert. Von dieser habe ich wiederum ein paar Geheimnisse genommen und in meinem Text auf einer DIN A4-Seite verstreut. Man kapiert es nicht, wenn man das Buch nicht kennt. Ansonsten ist es eine Rock-Liebesnummer. Der Regisseur hat wiederum das Manuskript ebenso gelesen und sich seine visuellen Gedanken dazu gemacht. Das Ganze spielt in einer Endzeitwelt im Stile von Mad Max und von daher hat er sich die Kostüme sowie die Story des Videos einfallen lassen. Wer das Buch (Erscheinungstermin: Februar 2011, Anm. der Redaktion), das Video und den Song kennt, der hat das Gesamtpaket und versteht alles. Der Mittelalterfreak stellt sich natürlich die Frage, warum ich in dem Video mit einer Laserwumme rumrenne. Allerdings ist das nunmal die Story von dem Buch. Wenn wir die Bibel vertont hätten, würde ich wahrscheinlich einen Wackelstein in Händen halten.

Was habt ihr ganz allgemein aus der Videoproduktion und dem Drumherum gelernt? Könntet ihr euch auch vorstellen wie andere Mittelalterrockformationen relativ schlichte Videos in euren Bühnenoutfits zu machen?
Ich finde es platt, wenn in einem Video die Kapelle einfach nur in ihren gewohnten Kostümen irgendwo steht und vor sich hin spielt. So kennt man die Künstler von der Bühne und dann reicht mir persönlich auch ein Livemitschnitt auf CD oder DVD. Dafür muss ich kein Video produzieren. Ich fand es sehr spannend, eine Geschichte zu vertonen, und könnte mir vorstellen, das mit anderen Storylines noch einmal zu machen. Allerdings ist das natürlich eine Frage des Geldes. Mit „Geas Traum“ werden wir jetzt erst einmal testen, ob es möglich ist – abseits des Internets und for free – Sender für diese Form von Musikvideo zu begeistern. Danach werden wir entscheiden, ob es weitere Videos von uns gibt. Sag niemals nie.
Zum Videodreh an sich: Es ist sauanstrengend. Insgesamt dauerte der Dreh drei Tage und drei Nächte. Der Aufwand ist unfassbar, aber wir konnten Einblicke in ganz andere Branche gewinnen. Es ist unvorstellbar, wie lang beispielsweise diese Animationssequenzen dauern und welche Rechenleistung dafür erforderlich ist.

Neben Wolfgang Hohlbein sind andere Stücke auf „Traumtänzer“ inspiriert von verschiedenen Autoren. „Schwur“ basiert beispielsweise auf der Herr der Ringe-Reihe von J.R.R. Tolkien, während „Bis zum Morgengrauen“ von der Twilight-Saga inspiriert wurde. Ausgehend von den unterschiedlichen Autoren mit ihren unterschiedlichen Werken und individuellen Schreibstilen: Hat sich dies irgendwie auf die Songs und die Stimmung dahinter ausgewirkt?
Eigentlich gar nicht. Die Texte beruhen mehr auf den Interpretationen der jeweiligen Schreiber, die die Werke auch nicht immer unbedingt vor kurzem gelesen haben. Die musikalische Ausgestaltung folgte erst später. Wir haben zusammen experimentiert und unterschiedliche Ansätze verfolgt. Bei „Schwur“ gibt es z.B. die ersten Versionen, die mit dem endgültigen Lied nichts zu tun haben. Der Text ist letztlich nur der Ausgangspunkt, den wir sozusagen ankleiden. Am Ende entscheiden wir zusammen, welches das schönste Gewand ist und dieses gewinnt.
Ist auf „Traumtänzer“ auch ein Stück zu finden, welches in der Ursprungsversion der Studioversion relativ ähnlich ist?
Das kann man so nicht sagen. Es kommt einer von uns mit seiner Idee und präsentiert sie z.B. mit Gitarre am Lagerfeuer. Dann werden die Gewürze der fünf anderen Musiker beigemischt. So entstehen schließlich der Song und auch der Schandmaulsound.

Sind Literaturadaptionen für generell leichter zu bewerkstelligen als selbstgeschriebene Texte? Ausgehend davon, dass das Material bzw. die Thematik bei ersterem bereits vorhanden ist und ihr es für euch lediglich interpretiert.
Im Gegenteil, es ist schwieriger, weil man nicht frei ist in Gedanken. Man hat quasi eine Geschichte zu schreiben, die thematisch festgelegt ist und einen vor die Aufgabe stellt, einen Schinken mit 500 oder mehr Seiten möglichst auf einer DIN A4 Seite zusammenzufassen. Gleichzeitig sollte es noch so schön sein, dass man es als Lied anerkennt, wenn man die Vorlage nicht gelesen hat. Das ist ein tierischer Spagat, der allerdings auch Spaß macht. Natürlich ist es etwas anderes, wenn man einfach so frei von der Leber losschreibt.

Mit „Pakt“ habt ihr eine waschechte Polka auf dem Album. Woher kam die Idee?
Da sind wir wieder beim Thema: Das Lied sprach mit uns. Ich weiß noch, dass ich etwas an Annas Text geändert habe, weil es mir vom Metrum und von der Melodie, die ich im Kopf hatte, nicht passte. Derweil waren die anderen Bandmitglieder bereits am Probieren und landeten irgendwie im Trance/Fusion-Bereich. Es war mehr Jazz als irgendetwas anderes. Dann fingen wir zusammen an und merkten, dass es das nicht ist. Zum Spaß hat dann jemand – ich weiß nicht mehr wer – angefangen „herumzupolkan“. Da sprangen alle mit ein und auf einmal war die Nummer fertig. Das war eine Sache von 15 Minuten.

Mit „Hexeneinmaleins“ hattet ihr zum ersten Mal einen Song in der Rotation bei Rockantenne. Wieso habt ihr euch ausgerechnet für dieses Stück im Radio entschieden und es nicht z.B. für die Videoproduktion verwendet?
Durch die Zusammenarbeit mit Wolfgang Hohlbein bot sich „Geas Traum“ mit seiner Handlung für das Video einfach an. „Hexeneinmaleins“ ist wiederum unserer Meinung nach die clubtauglichste Nummer. Die ist von vorne bis hinten tanzbar. Nebenbei erwähnt war Rockantenne der einzige Sender, der es gespielt hat – und das auch nur nach viel Bitten und Betteln. Es ist generell schwierig für uns, radiokompatible Musik zu schreiben, weil die irgendwelche Vorstellungen haben, die kein Mensch begreift. Wir werden allerdings mit dem Titeltrack „Traumtänzer“ demnächst noch eine Nummer bei Rockantenne am Start haben. Natürlich sind wir auch stolz, wenn Leute uns darauf ansprechen, dass sie uns im Radio gehört haben. Das gab es nämlich noch nie.

Apropos neu: Matthias gab auf „Traumtänzer“ seit Debüt als Texter bei „Der Anker“. Für ihn war dies Neuland, während Birgit, Anna und du regelmäßig Textmaterial beisteuern. Wo siehst du die textlichen Unterschiede zwischen ihm und euch drei?
Sein Text ist sehr emotional. Aber ohne ihm zu nahe treten zu wollen – und das sieht er auch selbst so: Er hat mir mehr oder minder Gedankenfetzen gegeben, die ich dann zusammengepuzzlet habe bzw. wir haben zusammen daran gearbeitet. Darüber hinaus ist es sehr autobiografisch. Ich glaube aber nicht, dass Matthias jetzt der große Textdichter wird. Er wird vielleicht alle paar Jahre etwas beisteuern, was ihm auf der Seele brennt. Allerdings bin um jede weitere Facette froh, die wir bieten können.

Gab es auch schon Texte von Bandmitgliedern, die an dich herangetragen wurden und letztlich nicht umgesetzt worden sind, weil man gemerkt, dass es nicht passt oder so nicht machbar ist?
Bei Schandmaul konkret nicht. Da bleiben auch nur Ducky und Stefan übrig. Die geben uns Textern bestenfalls Ratschläge und Tipps, über was wir schreiben könnten. Bei WETO habe ich besonders in früheren Jahren öfters mit Ducky zusammengearbeitet. Grundsätzlich haben wir alle Talent dafür, aber nicht jeder hat Lust darauf. Wir haben jetzt 3,5 bei Schandmaul und da sind wir froh drum, denn es gibt keinen Stillstand, da die Muse immer bei einem von uns ist. Somit ist das perfekt.

Generell liegt es euch sehr am Herzen, dass eure Songs und Texte frei interpretierbar sind. Dennoch erzeugt ihr mit dem Instrumentarium eine gewisse Grundstimmung. Wie sind eure Erfahrungen im Hinblick darauf, welche Instrumente sich besonders für welche Gefühle eignen und z.B. besonders ausdrucksstark sind?
Das hat sich auch erst über die Jahre hinweg entwickelt. Wir haben beispielsweise festgestellt, dass eine Flöte und eine Geige in einer hüpfigen Folknummer mit einem lustigen Text ideal sind. Bei Stücken mit eher schweren E-Gitarren, die in der Nähe des Metalbereiches anzusiedeln sind, macht ein Dudelsack und eine Drehleier Sinn. Wenn ich mir z.B. den „Schwur“ mit einer Geige und einer Piepsflöte vorstelle, dann wäre er nicht so geworden wie jetzt mit Orchester und Dudelsäcken. Unsere bewährten Kombinationen setzen wir immer dann ein, wenn ein Song mit uns spricht. Wenn wir merken, dass er eher hart werden will, sagen wir gleich: Birgit, hol doch gleich deinen Sack raus. Bei folklastigen Tanznummern ist wiederum der Griff zur Flöte näherliegend.

Gab es auch schon einmal den Fall, dass ihr ein Stück nicht so hinbekommen habt, wie es „mit euch sprach“?
Ja, gab es schon. Aber dann haben wir uns eine Trompete ausgeliehen. Wir dürfen das, wir dürfen alles *grinst* Bei „Bis zum Morgengrauen“ und „Assassine“ haben wir jeweils am Ende einen Blechbläsersatz. Das haben wir noch nie gemacht, das ist neu. Wir erlauben uns allgemein alles, was uns Spaß macht. Wenn wir irgendwann ein Stück haben, das nach einem Klavier oder Spinett verlangt, dann kriegt es das.

Ihr hattet ein Jahr Zeit, die Musikwelt in Deutschland zu verfolgen. Glaubst du, dass ihr mit „Traumtänzer“ und dem Stil, der darauf zu hören ist, zu einem passenden Zeitpunkt erscheint im Hinblick auf die Musik, die gerade populär ist?
In den letzten 1,5 Jahren hat sich das, was Silbermond und Wir Sind Helden angefangen haben, noch weiter entwickelt: Es wird immer mehr deutsche Musik im Radio und Fernsehen gespielt. Deutsche Texte sind wieder angesagter. Das ist für uns perfekt, da dies auf unsere Musik zutrifft. Dass wir plötzlich im Radio laufen, glaub ich allerdings nicht. Das liegt aber nicht am Volk, sondern an den Sendern selbst, die gewisse Vorgaben und Vorstellungen haben, die keiner versteht. Wer nicht darunter fällt, fliegt in die Tonne.

Das Bild der Deutschen bzw. die Wahrnehmung im Ausland hat sich in den letzten Jahren verbessert, besonders im Zuge der Fußball Weltmeisterschaft 2006. Könnt ihr davon international profitieren?
Ich glaube nicht, dass uns das etwas bringt. Wir werden aber überall unsere Nischen finden. Ich glaube aber, dass das Selbstbewusstsein der Deutschen hierzulande u.a. durch die WM gewachsen ist. Man darf wieder deutsch sein und deutsche Musik hören und muss nicht immer auf angloamerikanische Alternativen ausweichen.

Meinst du, dass diese Entwicklung so weitergeht und könnte es auch wieder hin zu mehr englischsprachiger Musik gehen?
Es wird immer Trends geben. Unter dem Strich werden wir uns aber wohl eher Frankreich annähern, die offen für ausländische Musik sind, aber auch über einen gewissen Stamm an inländischen Künstlern verfügen. Ich denke, dass es nie wieder so weit zurückgehen wird wie nach dem Ende der Neuen Deutschen Welle.

Zurück zum „Traumtänzer“: Könnt ihr Platz 8 in den Albencharts toppen?
Ich glaube und hoffe schon.

Und rein von Rahmenbedingungen, wie z.B. dass ihr das Album im Januar veröffentlicht und nicht wie früher im März?
Es ist eigentlich ein guter Monat. Parallel mit uns werden die Beatsteaks ihre neue Platte veröffentlichen. Darüber hinaus wird sich der Graf noch einige Wochen da oben festfressen. Ich will keine Tipps abgeben, aber die 8 zu knacken, sollten wir schaffen.

Eure Tour zum neuen Album beginnt in Bern und endet in München. Wie sehr wird sich der Bühnenrost nach gut 18 Monaten auf eure Eingespieltheit auswirken?
Ich glaube nicht, dass sich der Bühnenrost so eingestellt hat. Gefühlt wird es für das Publikum eher wie bei jeder anderen Tour mit neuem Material sein. Am Anfang einer Tournee ist es immer hakelig. Das liegt nicht daran, dass man so lange nicht gespielt hat, sondern dass man mit dieser speziellen Show noch nicht vertraut ist. Die Schweizer sind ein sehr dankbares Publikum, welches sich drauf freut, dass wir unsere Tour dort beginnen – auch gerade weil sie darauf stehen, wenn es hier und da noch Schönheitsfehler gibt. Inzwischen ist es bei Schandmaul eine Tradition geworden, die Tourneen in der Schweiz zu beginnen, weil man sich gleich in gewisser Weise sicher fühlt. Im Laufe der Zeit werden wir uns dann eingrooven und irgendwann haben wir die perfekte Show…

…die in München ihren krönenden Abschluss findet?
Eher einen Zwischenstopp. Danach kommen Festivals und wir werden 2011 mit unserem neuen Programm sicherlich noch einmal auf Tour gehen.

Je mehr Alben man als Band produziert, desto schwieriger wird auch die Auswahl der Songs für die Live-Setliste. Nach welchen Kriterien geht ihr da vor?
Wenn wir ein Album herausbringen, spielen wir kein Best Of Schandmaul, sondern präsentieren die neuen Songs. D.h. wir werden ca. zwei Drittel von „Traumtänzer“ live spielen. Den Rest füllt man mit bewährten Livekrachern auf. Irgendwann bleiben diese Knaller aber auch außen vor und wir füllen im nächsten Tourblock mit anderen Stücken auf. Oder man probt einfach ein bisschen mehr und hat dann 35 Stücke auf der Schippe, von denen man aber nur jeweils 25 spielt und täglich rotiert.

Passt ihr sowas auch an Jahreszeiten an, z.B. mehr fröhliche Nummern auf Sommerfestivals und ein längerer Balladenblock im Herbst und Winter?
Das wechselt nicht sommer- und wintermäßig, sondern ergibt sich automatisch durch den Unterschied zwischen Hallenkonzerte, bei denen die Leute wegen uns kommen, und Festivals. Auf Festivals ist es meistens ein gekürztes Programm und die Gäste sind nicht zwingend wegen uns dort. Da ballern wir raus, was wir haben. In der Halle hingegen, wo einem das Publikum quasi gehört, hat man die Möglichkeit, über längere Passaden Balladen zu spielen, weil es die Anwesenden eben auch hören wollen. Konkret bedeutet das, dass der Balladenanteil bei einer Hallentournee größer ist.

Wie sehr seid ihr noch in der Lage, spontane Elemente in eure Bühnenshows einfließen zu lassen? Viele größere Gruppen sind durch ihre im Vorhinein durchgeplante Show mit Licht und Effekten kaum mehr in der Lage, davon abzuweichen. Wie ist das bei euch?
Jain. In Berlin ist uns einmal Stefan als Schlagzeuger nach der Hälfte des Konzertes ausgefallen. Dann haben wir noch acht bis zehn Nummern ohne Schlagzeug wild improvisiert. Das betraf nicht nur uns Musiker, sondern auch unsere Ton- und Lichttechniker. Das geht schon. Allerdings proben wir im Vorfeld einer Tour natürlich eine gewisse Show, die wir gerne so präsentieren wollen – mit Lichteffekten, etc. Spontane Änderungen würde ich Martin am Lichtpult nicht antun wollen. Wenn jedoch mal etwas anders als geplant läuft, stehen alle Gewehr bei Fuß. Andere Gruppen haben das Problem, dass sie teilweise mit Unterstützung vom Band spielen. Die haben ihre Stöpsel im Ohr und richten sich nach dem Metronom. Wenn da ein Takt nicht passt, kommt beispielsweise das Orchester an einer ganz anderen Stelle. So eingeschränkt sind wir nicht. Wenn ich z.B. den Text vergesse, dann hält der Rest kurz, bis er mir wieder einfällt. Wahrscheinlich merkt das nicht einmal die Hälfte im Publikum.

Wie sehr nehmt ihr Schandmaul in den neuen Medien wie Facebook und MySpace wahr?
Mir persönlich fehlt der intellektuelle Zugang dazu. Ich bin da überhaupt nicht Freund mit, aber es gibt Gott sei Dank andere in der Band, die das gerne übernehmen wie z.B. Ducky, der dort sehr aktiv ist. Natürlich pflegen wir die sozialen Medien wie MySpace, Facebook und was da noch so kreucht und fleucht, denn wir profitieren davon: Es reicht, wenn jemand einfach ein „gg“ oder „lol“ unter einen Beitrag setzt, weil es dadurch einen Multiplikatoreffekt gibt. Diese Multiplikatoren darf man nicht vernachlässigen, das wäre Unsinn.

Wie empfindet ihr die Wertschätzung für eure Musik – ausgehend davon, dass ihr inzwischen über zehn Jahre handgemachte Musik spielt, euch von klein nach groß gearbeitet habt und dennoch an der Mehrheit sozusagen spurlos vorbei geht?
Ich sags mal so: Die Fans von unserer Musik bzw. in unserem Genre stehen auf handgemachte Livemusik. Ein großer Teil des Lebens dieser Leute dreht sich um Musik – und auch um Außergewöhnliches im Vergleich zu Plastikpop. Sie ziehen sich anders an und werden dafür vielleicht belächelt, bewundert oder gar gefürchtet. Unter dem Strich haben wir ein fantastisches Publikum, wobei wir selbst es nicht so leicht haben wie diese Indie-Rock-Pop-„Wir sind grade in“-Bands, die mit Chucks auf die Bühne kommt und genauso rumläuft wie der Abiturient auf dem Schulhof. Die sind dann die coolen, während wir eher die Kasperle verkörpern. Hat früher weh getan, heute lache ich darüber.

Glaubst du also nicht, dass ihr Musik für jedermann macht?
Theoretisch ja. Praktisch kann ich aber begreifen, wenn jemand keine Flöte oder Geige hören mag, weil er E-Gitarre und Keyboard bevorzugt. Da sind wir jetzt im Bereich des persönlichen Geschmacks, darüber lässt sich nicht streiten. Allerdings beweist unser Konzertpublikum vom Normalo über den Metalhead bis zum Punk, dass unsere Musik für alle sein kann – auch für Lieschen Müller am Bügelbrett.

Kannst du uns bitte kurz deine ersten Gedanken zu den folgenden Begriffen sagen?

Schandmäulchen
Haben wir jetzt zwei, einen Buben und ein Mädchen.

20 Jahre Schandmaul
Ist bald soweit. Wir sind im 13. Jahr, wenn ich richtig rechne. Es geht schneller als man denkt und wird immer schneller hinten raus.

WETO
Sind wir mittendrin, macht riesig Spaß. Im August kommt das Album.

Wikileaks
Ich liebe Verschwörungstheorien genau wie Enthüllungsjournalismus. Und gerade der Hype, der um ihn gemacht wird, zeigt, dass nicht alles aus Wachs geschnitzt ist, was er behauptet. Ich denke, er ist schon einigen auf die Füße getreten und wird das weiter tun.

Herr der Ringe
DIE Fantasyworld und -saga, die danach kein Autor je wieder in dieser Form erschaffen hat.

Eine Tasse Bier
Gehen auch zwei?

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