Interview mit Esa Holopainen von Silver Lake (Teil 2/2)

Mit seinem Soloprojekt SILVER LAKE hat Esa Holopainen (Amorphis) ein vielseitiges Rock-Album geschaffen. In zweiten Teil unseres Interviews erkärt er, nach welchen Kriterien er die Gastsänger ausgewählt hat, wie die Pandemie die Aufnahmen beeinflusst hat und wie es um neues Material seiner Hauptband steht.

©Juuso Soinio

Im ersten Teil unseres Interviews berichtete der sympathische Finne, wie es zu dem Projekt kam, warum es für das Soloalbum eines Gitarristen so wenig gitarrenlastig ausgefallen ist und welche Musik er zuhause auflegt.

Lass uns nun über deine Gastsänger sprechen. Als du die anderen sieben Songs geschrieben hast – hattest du da schon im Kopf, für wen du den jeweiligen Song schreibst, oder hast du das erst entschieden, als die Stücke fertig waren?
Das ganze wurde etwas klarer und fokussierter, als ich diese ersten drei Songs fertig hatte. Jeder dieser Songs hatte bestimmte Elemente, die ihn mit dem jeweiligen Sänger verbinden: Jonas beispielsweise ist sehr gut darin, zu eher akustik-lastigen Songs zu singen und in diese Welt einzutauchen – das hört man etwa auf dem Katatonia-Album mit den Akustik-Versionen [„Dethroned & Uncrowned“, 2013 – A. d. Red.]. Deshalb wollte ich ihm „Sentiment“ schicken – ich wusste, er kann mit diesem Song arbeiten. Dasselbe galt für Einer bei „Ray Of Light“ und Björn bei „Promising Sun“. Als ich also gemerkt habe, dass das sehr gut funktioniert hat, und die Jungs hier einen tollen Job gemacht haben, habe ich beschlossen, ein paar andere Freunde zu fragen, ob sie Interesse daran hätten, dass ich Songs für sie schreibe. Meine Idee war, die ganzen kleinen, großartigen Details und Nuancen, die ich an diesen Sängern so gerne mag, aufzugreifen und zu versuchen, darauf basierend Songs zu schreiben.

Bandfoto Amorphis

Tomi Joutsen live mit Amorphis (München, 2019); © Afra Gethöffer-Grütz

Als ein Gast wirkt auch Tomi Joutsen mit, dein Bandkollege von Amorphis …
Tomi war da natürlich eine sehr offensichtliche Wahl (lacht) – aber ich habe ihn nicht nur ausgewählt, weil er mein Bandkollege bei Amorphis ist. Ich mag einfach seine Arbeitseinstellung und wie gut er ist … außerdem wollte ich zumindest einen Song mit etwas aggressiveren Vocals. Da war das eine logische Entscheidung. Und natürlich hat es großen Spaß gemacht, einen Song für Tomi zu schreiben. Es war auch nicht unbedingt „einfach“, aber der kommt von allen Songs auf diesem Album dem Amorphis-Sound wohl am nächsten.

Aber ist die Wahl von Tomi für dieses Album nicht auch eine „verschwendete Gelegenheit“, nachdem du mit ihm Album um Album machst, während sich auf dem SILVER-LAKE-Debüt nur neun Möglichkeiten boten, mal mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten?
Es gibt so viele großartige Sänger da draußen. Aber an diesem Punkt war für mich absolut klar, dass ich Tomi auf dem Album haben möchte.

„Für mich ist sie die Pionierin schlechthin“

Mit Anneke Van Giersbergen ist auch eine Frau auf dem Album vertreten. Warum hast du dich für Sie entschieden?
Ja, ich wollte auf dem Album einen Song haben, der von einer Frau gesungen wird. Anneke ist eine Künstlerin, die ich sehr gut kenne, wir haben über die Jahre schon sehr oft zusammengearbeitet. Für mich ist sie die Pionierin schlechthin: Sie und The Gathering haben das alles begründet, was heute die „Female-fronted Metal Scene“ ist. Sie ist eine großartige, einzigartige Künstlerin – deswegen wollte ich sie unbedingt auf dem Album haben.

Und warum wolltest du nur einen Song Frauengesang? Zum Stil von SILVER LAKE hätte es ja durchaus auch gepasst, wenn mehr als eine Sängerin zu hören gewesen wäre?
Ich hatte tatsächlich auch Amalie Bruun von Myrkur angefragt, ich hätte ihr noch einen Song geschrieben. Aber sie war mitten in ihren eigenen Aufnahmen und konnte deswegen nicht mitwirken. Aber sie hat eine großartige Stimme, hoffentlich klappt das irgendwann noch mal.

Esa Holopainen live mit Amorphis (München, 2020); © Afra Gethöffer-Grütz

Einige der Sänger habe die Texte selbst geschrieben – hast du Vorgaben gemacht, worum es beispielsweise gehen soll, oder dass sie auf Englisch texten sollen?
Ich habe allen, die selbst Texte schreiben wollten, dabei absolute Freiheit gelassen – auch, was das Arrangement des Gesangs angeht – damit sie sich wohlfühlen und das bestmögliche Ergebnis abliefern können. Es gibt auch kein Textkonzept oder thematische Gemeinsamkeiten auf dem Album. Ich wollte einfach Texte, die etwas allgemeiner gehalten sind, damit ich nicht erklären muss, worum es geht … es ist ja klar, dass du da keine eindeutige Antwort bekommst. Aber bei den Texten, die ich selbst verfasst habe, geht es um Themen wie die finnische Mythologie, um die es ja auch bei Amorphis oft geht, aber auch um die Natur oder seelische Gesundheit. Das war mir wichtig … das Thema begegnet einem einfach zu oft. So viele Leute leiden unter psychischen Problemen – und ich glaube, dass es anderen nur helfen kann, wenn man das Thema anspricht und Erfahrungen teilt.

„Es war eine neue Erfahrung –
definitiv ein Sprung ins Ungewisse.“

Was für eine Erfahrung war es für dich generell, als Texter tätig zu werden – was du bei Amorphis ja nicht bist?
Es war eine neue Erfahrung – definitiv ein Sprung ins Ungewisse. Ich habe jetzt noch mehr Respekt vor den Textern. Ich wusste vorher schon, dass es nicht leicht ist, die Texte zu schreiben. Aber der noch viel schwerere Part ist es, die Texte dann auf die Musik zu arrangieren und Synonyme oder bestimmte Worte zu finden, um den Text und alle Melodien gut singbar zu machen. Das war viel Arbeit. Aber zum Glück hatte ich ja Nino, der mir da eine große Hilfe war.

Einar Solberg live mit Leprous (München, 2019); © Afra Gethöffer-Grütz

Ich nehme an, ein Großteil der Gastbeiträge wurde – nicht zuletzt der Pandemie geschuldet – über das Internet koordiniert und nicht in persönlichen Treffen im Studio. Bedauerst du das, denkst du, es wäre ein kreativerer, freudvollerer Prozess gewesen, das gemeinsam zu erarbeiten?
Absolut. Es hätte anders sicher mehr Spaß gemacht. Aber es hat überraschend gut funktioniert, die meisten Sänger aus der Ferne aufzunehmen … die beiden finnischen Künstler, die auf dem Album singen [Vesa-Matti Loiri und Tomi Joutsen – A. d. Red.], konnten wir natürlich selbst im Studio aufnehmen. Aber auch die andere Arbeitsweise hatte ihre Vorteile, glaube ich: Jeder Sänger hatte seine Zeit, um ungestört am jeweiligen Song zu arbeiten – ganz ohne Stress und jemanden, der ihm in den Nacken atmet und reinredet. Ich denke, es tötet die Improvisationsfreude, wenn du im Studio einen strengen Produzenten hast, der den Künstler an seine Grenzen pusht. Das habe ich zumindest bei mir selbst festgestellt: Ich habe den Großteil der Gitarren für SILVER LAKE zuhause aufgenommen, das war ziemlich entspannt: Man kann so viele Takes aufnehmen, wie man will, und wenn ich mich nicht inspiriert gefühlt habe, habe ich mir eben einen Kaffee geholt, oder am nächsten oder übernächsten Tag weitergemacht. Diese Arbeitsweise hat für mich gut funktioniert, ich konnte mir die nötige Zeit nehmen und musste mich wegen nichts stressen. Das war nicht dieser „Roter-Aufnahmeknopf-Druck“, den man im Studio hat.

Das sind natürlich die Vorzüge der modernen Technologie, mit der jeder quasi sein eigenes Studio zu Haust hat …
Ja, definitiv! Mit einer überschaubaren Menge gutes Equipment bekommt man großartige Ergebnisse. Du musst dafür nicht mehr ein riesiges, teures Studio besitzen, um in guter Qualität aufzunehmen.

„Wir sind gerade in der Mitte des Aufnahmeprozesses!“

Wo wir gerade vom Aufnehmen sprechen: Wie steht es da um AMORPHIS? Arbeitet ihr auch schon wieder an neuem Material – und wenn ja: In welche Richtung geht es diesmal?
Ja! Es wird brutaler Death Metal! Back to the Roots! (lacht) Nein. Aber wir sind gerade in der Mitte des Aufnahmeprozesses! Wir arbeiten wieder mit Jens Bogren als Produzent. Witzigerweise habe ich gerade vor diesem Interview mit ihm geschrieben, weil er ja in Schweden lebt, und ich soll in sein Studio kommen, um die Gitarren fertigzumachen. Ich habe meine Flüge schon gebucht, aber jetzt muss ich erst einen PCA-Test machen, um reisen zu können. Dann kommt er mit mir mit zurück nach Finnland, um mit Tomi den Gesang fertig aufzunehmen – für Jens war es jetzt eine große Überraschung, dass er jetzt in Schweden auch einen PCA-Test machen muss. Vielleicht muss ich dort dann sogar auch noch einen machen. Ich weiß es noch nicht. Es ist ein bisschen kompliziert momentan, was Reisen angeht. (lacht)

Bandfoto Amorphis

Esa Holopainen live mit Amorphis (München, 2019); © Afra Gethöffer-Grütz

Dabei könnte ich mir vorstellen, dass du eigentlich gerne viel mehr unterwegs wärst momentan. Was vermisst du am Touren am meisten, jetzt, wo es nicht möglich ist?
Im Moment vermisse ich einfach alles daran. Sogar die Sachen, von denen ich gedacht hätte, dass sie mir niemals fehlen würden … Zeit am Flughafen abzusitzen beispielsweise. Sogar das fehlt mir mittlerweile sehr. Aber natürlich am meisten die Shows und die Fans. Es ist einfach verrückt. Ich hoffe einfach, dass wir bald zu einer etwas normaleren Welt zurückkommen …

Wer tut das nicht! Und bis dahin? Hast du dir neben der Musik ein „Corona-Hobby“ zugelegt, um die frei gewordene Zeit zu füllen?
Tatsächlich, ja. Ich habe mir einen Pizzaofen gekauft und mache jetzt dauernd Pizza. Kein Witz! Es gibt da echt momentan einen richtigen Hype um diese Geräte! Die funktionieren mit Gas und schauen aus wie ein Grill, aber es ist ein Pizzaofen. Ich mache jetzt wirklich gerne Pizza. Und ich habe angefangen, Tennis zu spielen! (lacht)

Na immerhin, dann wird dir wenigstens nicht langweilig, bis es wieder Konzerte gibt …
… oder man sieht es andersherum: Mir ist schon so langweilig, dass ich … (lacht)

Vielen Dank für deine Zeit, ich hoffe, das Interview hat dir Spaß gemacht!
Absolut! Vielen Dank, mach’s gut!

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