Interview mit Esa Holopainen von Silver Lake (Teil 1/2)

©Juuso Soinio

Mit seinem Soloprojekt SILVER LAKE hat Esa Holopainen (Amorphis) ein vielseitiges Rock-Album geschaffen. Im ersten Teil unseres Interviews berichtet der sympathische Finne, wie es zu dem Projekt kam, warum es für das Soloalbum eines Gitarristen so wenig gitarrenlastig ausgefallen ist und welche Musik er zuhause auflegt.

Das momentan alles bestimmende Thema ist natürlich Corona – wobei die Zahlen in Finnland rapide sinken. Wie habt ihr es geschafft, die dritte Welle so effizient zu brechen?
Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es die niedrige Bevölkerungszahl gesehen auf die Größe unseres Landes. Hier leben ja nur fünfeinhalb Millionen Menschen, das macht es natürlich einfacher, die Zahlen nach unten zu bringen – die Maßnahmen hier sind glaube ich die gleichen wie überall. Aber wenn man sich im Vergleich dazu Schweden anschaut, weiß ich nicht, was die falsch gemacht haben. Das ist wirklich furchtbar!

Wie ist die Situation für Musiker in Finnland: Bekommt ihr Staatshilfen, um die weggebrochenen Toureinnahmen zu kompensieren?
Nicht wirklich, nein. Das ist ein großes Problem hier in Finnland, dass sich unsere aktuelle Regierung überhaupt nicht um Kultur und Sport kümmert. Viele Leute hier leiden natürlich unter der Situation – das betrifft ja nicht nur Künstler, sondern das ganze „Ökosystem“ und alles, Restaurants und so weiter. Es heißt immer, dass sie die Ausfälle irgendwie kompensieren wollen, aber das sind nur leere Worte. Bislang ist jedenfalls nichts passiert. Wir haben etwas Unterstützung von einigen privaten Vereinigungen bekommen, aber das ist alles nicht der Rede wert, im Vergleich zu den Einbußen, die wir erlitten haben.

Lass uns zu einem angenehmeren Thema wechseln…
Ja, bitte (lacht)

… und zwar zu deinem neuen Soloprojekt SILVER LAKE. Gibt es einen bestimmten Ort, der dich zu diesem Namen inspiriert hat, oder woher rührt der Name?
Ich wollte einen Projektnamen, der auf irgendeine Art die Natur beschreibt – weil sie für mich und meine Musik ein wichtiger Quell der Inspiration ist. Als ich noch ein Kind war, habe ich die meisten Sommer an einem See verbracht, wo unsere Familie ihr Sommerhaus hatte. Mit diesem See und der Atmosphäre dort fühle ich mich bis heute verbunden – das ist ein Ort, an dem ich meine Batterien aufladen kann und meinen inneren Frieden finde. Das im Projektnamen einzufangen, war mir auf eine Art wichtig … aber das ist eigentlich auch das einzige, worauf der Name sich konkret bezieht.

Der volle Name des Projekts ist ja eigentlich SILVER LAKE BY ESA HOLOPAINEN.
Ja, genau.

… und das Album trägt auch diesen Titel …
Ja (lacht)

„Selbst die Jungs unserer Plattenfirma
waren davon anfangs verwirrt.“

… so richtig schmissig ist das aber nicht, oder? Warum hast du nicht beispielsweise einfach das Projekt Esa Holopainen genannt und das Album „Silver Lake“?
(lacht) Ich wollte die Musik nicht allein unter meinem Namen veröffentlichen, wegen all der großartigen Sänger und Musiker, die an dem Album mitgewirkt haben. Ich wollte einen richtigen Projektnamen, hinter dem sie alle genauso stehen können wie ich selbst. Ich bin dann dabei gelandet, das Werk als selbstbetiteltes Album zu veröffentlichen. Der Künstlername ist natürlich jetzt verdammt lang, ich weiß schon. (lacht) Aber das Album selbst ist einfach „selftitled“. Aber selbst die Jungs unserer Plattenfirma waren davon anfangs verwirrt, als ich versucht habe, ihnen das zu erklären. (lacht)

Das Projekt wurde erst im Frühjahr 2020 aus der Taufe gehoben, auf Initiative deines Produzenten Nino Laurenne vom Sonic Pump Studio. Wie viele Songs waren da schon fertig, und wie viele sind danach erst entstanden?
Ich hatte drei Songs auf dem Rechner. Das waren Ideen, die ich mir sehr gefallen haben und die ich nicht löschen wollte – von denen ich bis dahin aber auch nicht recht wusste, wie ich sie verwenden könnte. Für Amorphis waren sie einfach zu „anders“, aber ich mochte die Tracks und wollte sie einfach mal aufheben. Ich habe sie Nino mal vorgespielt und ihn nach seiner Meinung gefragt – ob er glaubt, dass das OK ist und ob wir darauf aufbauen sollten. Er mochte die Songs sehr gerne und meinte: Du musst einen Sänger dafür finden – oder verschiedene Sänger. Weil die Stücke eben klare Songstrukturen hatten, mit richtigen Vers- und Refrain-Parts. Also habe ich angefangen zu überlegen, wen ich kenne, wer der richtige wäre, wer zu den Songs passen würde. Dabei bin ich auf Einar [Solberg, Leprous – A. d. Red.], Björn [‚Speed‘ Strid, Soilwork] und Jonas [Renkse, Katatonia] gekommen. Ich habe jedem einen Track geschickt und gefragt, ob er interessiert wäre, auf meinem Soloalbum mitzuwirken, weil ich da einen Song hätte, der zu ihm passen könnte. Und so ging es dann los: Alle drei mochten den jeweiligen Song und es war eine musikalische Idee, zu der sie auch etwas beisteuern konnten. Herausgekommen sind „Ray Of Light“, Promising Sun und „Sentiment“.

Esa Holopainen von SILVER LAKE, 2021; © Juuso Soinio

Waren diese drei Songs Produkte aus einer Amorphis-Songwriting-Session, oder hast du hier gezielt versucht, mal etwas zum Spaß anderes zu schreiben?
Eigentlich genau das, ja. Wenn ich inspiriert bin, schreibe ich manchmal einfach aus Spaß Songs, ohne notwendigerweise gleich drüber nachzudenken, wo das hinführen soll. Wenn ich für Amorphis schreibe, bin ich immer in einer Art Amorphis-Modus, denke an die Band und meine Mitmusiker und daran, wie es am Ende klingen soll. Aber diese Songs habe ich einfach nur aus Freude am Komponieren geschrieben, ohne drüber nachzudenken, ob ich sie mal benutzen oder auch nur aufheben werde. „Ray Of Light“ beispielsweise, was wohl der poppigste Song des Albums ist, habe ich einfach nur mit dem Keyboard und etwas programmierten Drums geschrieben. Das hat Spaß gemacht, aber ich hatte damals nicht den Plan, das weiterzuverfolgen.

„Es ist natürlich klar, dass auch das SILVER-LAKE-Projekt
meine musikalische DNA enthält.“

Du schreibst mittlerweile seit rund 30 Jahren fast ausschließlich Amorphis-Songs – ist es dir da leichter oder schwerer gefallen, so ohne konkreten Anlass und Zweck Songs zu schreiben?
Ich war da wirklich in einem ganz anderen Modus – wenn ich für Amorphis schreibe, ist das eine sehr sichere Sache, weil die Sessions eine gewohnte Atmopshäre bieten – ich weiß, wie wir zusammenarbeiten und ich bin ja bei Amorphis auch nicht der einzige Songwriter. Man weiß einfach, wie die anderen Jungs an das Material herangehen, man kennt Tomi und den Bereich, in dem seine Stimme funktioniert, und wie er vermutlich seinen Gesang arrangieren wird …

Hier, wo ich vornehmlich alleine und für diese unterschiedlichen Sänger geschrieben habe, musste ich auf viele Details achten – etwa in welchem Notenschlüssel ich schreibe, welche Elemente die Songs enthalten sollen … das war wirklich eine ganz andere Art, zu komponieren. Als ich das SILVER-LAKE-Album geschrieben, aufgenommen und arrangiert habe, habe ich das wirklich zu keinem Zeitpunkt mit den Amorphis-Sessions verglichen, oder darüber nachgedacht, ob das auch zu Amorphis passen könnte oder eben nicht nach Amorphis klingt. Aber nachdem ich für beide Bands schreibe, ist es natürlich klar, dass auch das SILVER-LAKE-Projekt meine musikalische DNA enthält.

Bandfoto Amorphis

Esa Holopainen live mit Amorphis (München, 2019); © Afra Gethöffer-Grütz

Ja, trotzdem klingt das Material erfrischend anders – das gelingt nicht allen Musikern, die ein Soloprojekt starten …
Ja, das war nicht leicht, aber hat viel Spaß gemacht. Die verschiedenen Session-Musiker und Sänger, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben mich sehr inspiriert und beeinflusst. Das hat wirklich Freude gemacht … nach einer anstrengenden Aufgabe hat es sich jedenfalls nicht angefühlt.

Ein Soloprojekt bedeutet einerseits maximale Freiheit – dafür bekommt man nicht das Feedback einer Band. Hat dir das zwischendurch gefehlt?
Ein bisschen, ja. Deswegen wollte ich mit Nino zusammenarbeiten, meinem Produzenten. Er ist ein alter Freund von mir, ich mag die Art, wie er arbeitet. Wir haben schon für ein paar Amorphis-Alben zusammengearbeitet, die er produziert hat. Er ist sehr umgänglich, und ich brauche zumindest eine Person, die ich auch mal was fragen kann oder eine Einschätzung bekomme, ob das alles in eine gute Richtung geht. Und er war mir eine große Hilfe, was das Arrangement des Gesangs angeht.

Für das Soloalbum eines Gitarristen sind die Gitarren überraschend wenig präsent und sehr songdienlich eingesetzt – sogar bei Amorphis findet man beispielsweise mehr Soli. Hattest du gar nicht das Bedürfnis, auch als Gitarrist ein bisschen zu glänzen?
(lacht) Ach, nein … Ich wollte nicht einfach zum Selbstzweck noch Gitarrensoli dazu packen. Meine Herangehensweise an dieses Soloalbum mag aber etwas verschroben sein. (lacht) Es ist definitiv nicht mit der typischen Attitüde eines Metal-Gitarristen geschrieben. Aber ich sehe mich selbst auf diesem Album eher als Songwriter denn als Gitarrist, der seine Skills zeigen will. Am Ende zählt, dass es gute Musik ist, hinter der ich stehen kann … und Musik, die ich auch selbst hören möchte. Und das Gitarren-Shredding-Album eines Gitarristen würde ich mir nicht anhören, das mag ich einfach nicht. (lacht)

„Ich höre gar nicht so viel Metal, wenn ich daheim bin.
Ich bin da eigentlich ziemlich langweilig.“

Esa Holopainen live mit Amorphis (München, 2020); © Afra Gethöffer-Grütz

Das Album ist insgesamt eher rockig. Ist das deinem persönlichen Musikgeschmack geschuldet, hörst du eher Rock als Death Metal?
Ach, das variiert. Aber ich glaube, das SILVER-LAKE-Album mit seiner vielseitigen Musik vermittelt ein gutes Bild davon, was ich mag. Ich höre jede Art von Musik. Natürlich höre ich nicht so viel Death Metal, aber ich liebe beispielsweise alte Opeth und alles was sie machen; oder die letzten Alben von Soilwork sind auch großartig. Aber ich höre gar nicht so viel Metal, wenn ich daheim bin. Ich bin da eigentlich ziemlich langweilig, meistens höre ich einfach alte Jethro-Tull– oder Black-Sabbath-Alben. (lacht) Die ganzen Klassiker. Ich bin bin ein Klassik-Rock-Fan. (lacht)

Das ist immer wieder faszinierend: Unglaublich viele Black- und Death-Metal-Musiker erzählen auf solche Fragen dann, dass sie zwar Metal machen, aber eigentlich gar keinen Metal hören … wie kommt das?
(lacht) Versteh mich nicht falsch, ich höre schon auch Metal, aber Ich bin zu nostalgisch … „Symphonies Of Sickness“ von Carcass, oder „Altars Of Madness“ von Morbid Angel – das sind die Death-Metal-Alben, die ich liebe und die ich höre, wenn ich Death Metal höre. Aber eine Sache ist da sicher auch, dass es heute so viele Bands gibt – es ist schwer, da überhaupt gute neue Bands herauszufiltern und zu finden. Die gesamte Streaming-Generation hat sich verändert: Wenn ich versuche, etwas auf Spotify zu suchen, werden mir immer verschiedene Playlists vorgeschlagen, oder je ein Song von irgendwelchen sonderbaren Bands … es ist wirklich schwer geworden, neue Musik aufzutun.

Zu viel Auswahl …?
Ja, das kann man so sagen.

>> Weiterlesen:

Silver Lake (Teil 2/2)

 

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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