Interview mit Juuso Raatikainen von Swallow The Sun

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Auf ihrem aktuellen Album „Moonflowers“ zeigen SWALLOW THE SUN sich in mehrfacher Hinsicht verletzlicher denn je. Von dem von Bandkopf Juha Raivio aus Blut und getrockneten Blüten kreierten Artwork über seine selbstkritischen Äußerungen zu dem Album bis hin zum Zusammenspiel der melancholischen Musik und Songtexte – mit protzigem Metal-Gehabe hat die finnische Death/Doom-Band offentlich nichts am Hut. In unserem Interview haben wir Drummer Juuso Raatikainen unter anderem nach seiner Sicht auf die Entwicklung der Band, das strapaziöse Touren während einer Pandemie und dem Stereoptyp des leidenden Künstlers befragt.

Swallow The Sun Logo

Die COVID-19-Pandemie dauert weiterhin an, Lockdowns sind mancherorts immer noch ein Thema. Dennoch habt ihr schon wieder Touren geplant, eine davon startete noch im November in den USA. Wie ist es, unter den derzeitigen Umständen auf Tour zu sein?
Es ist auf jeden Fall mental herausfordernder wegen der ständigen Ungewissheit. Wir hatten das Glück, dass wir eine erfolgreiche Tournee ohne Absagen oder Ausfälle absolvieren konnten. „Moonflowers“ wurde gerade veröffentlicht und es sieht so aus, als ob der Frühling wieder einmal dem Untergang geweiht ist. Diese erfolgreiche Nordamerika-Tournee war also definitiv nötig.

Auf eurer USA-Tour begleiten euch Abigail Williams und Wilderun – ein stilistisch ziemlich breit gefächertes Billing. Wie kam es dazu und wie hat das Publikum diese eher ungewöhnliche Konstellation bislang aufgenommen?
Tournee-Besetzungen sind die Summe so vieler praktischer und finanzieller Absprachen, dass es schwierig ist, zu sagen, wie diese spezielle Besetzung zustande gekommen ist. Trotzdem gefällt mir persönlich die Vielfalt. Wer hat schon Geduld für drei Death/Doom-Bands hintereinander?

Wie groß ist deine Sorge, dass ihr die ausständigen Konzerte doch wieder absagen oder eine Tour gar auf halbem Weg abbrechen müsst?
Das war das Risiko, das wir eingegangen sind. Die Tour könnte im Grunde jederzeit enden. Der einfache Ausweg ist, gar nicht zu touren. Wir hatten den Mut, es zumindest zu versuchen, und wir hatten Glück. Wir hatten gerade ein neues Album herausgebracht und es ist keine Option, einfach aufzugeben.

Worauf freust du dich am meisten, wenn du am Ende einer Tour wieder nach Hause kommst?
Ein festes Bett. Es wird ganz schön holprig in einem Zugwagen.

Eure Musik spiegelt das weit verbreitete Bild des gequälten Künstlers wider. Große Kunst entstehe demnach vor allem aus großem Leid. Wie viel Wahrheit steckt deiner Meinung nach in diesem Stereotyp?
Ich glaube das zu 100 Prozent. Viele Künstler, die ihren Scheiß auf die Reihe gekriegt haben, haben ihren Touch komplett verloren und machen danach mittelmäßige Alben. Da muss ein gewisses Maß an Schmerz vorhanden sein. Zumindest im Heavy-Bereich gilt das mit Sicherheit.

Ihr seid bekannt für euren sehr schwermütigen Sound, den ihr nun schon viele Jahre lang behalten habt. Ist eure Musik für dich kathartisch oder könnte es sogar sein, dass du dich dadurch öfter in negativen Gefühlen verlierst?
Hm… Nun, jeder, der schwere, düstere Musik schreibt oder aufführt, muss einen Ausgleich finden. Es wird keine lange Karriere sein, wenn man nur über den Tod und die Sinnlosigkeit schreibt. Ich wette, wenn man sich zu sehr darin verliert, wird man irgendwann psychische Probleme bekommen.

Ihr scheint auf euren neueren Platten deutlich öfter clean zu singen. Wurde gutturaler Gesang euch auf Dauer zu eintönig?
Schreien hat seinen Platz und die Leute werden erwachsen. Normalerweise bedeutet das eine größere Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten. Schreien ist definitiv monoton und SWALLOW THE SUN ist eine ziemlich dynamische Band. Es gibt große Kontraste in der Musik und die zeigen sich auch im Gesang. Juhas Songwriting war auf den letzten Alben recht melodisch, aber wer weiß, was in der Zukunft passiert.

Generell ist eure Musik mit der Zeit etwas sanfter geworden. Siehst du das als Ergebnis eines Reifeprozesses?
Ja. Eine natürliche Sache, würde ich sagen.

Was geht dir durch den Kopf, wenn du an die Frühwerke eurer Band wie „The Morning Never Came“ zurückdenkst?
Damals war ich ein recht junger Fan der Band. Ich spiele diese Songs gerne, ganz klar! Sie erwecken eine gewisse Nostalgie.

Swallow The Sun Bandfoto

Über euer neues Album „Moonflowers“ schrieb Songwriter Juha Raivio in einem Statement, dass er das Album dafür hasst, was es ihn fühlen lässt. Was hat gerade dieses Album so Schmerzhaftes an sich?
Ich kenne nicht viele Musiker, die ihre Produkte direkt nach dem Prozess mögen. Aber in Juhas Fall sind viele unangenehme Gefühle im Spiel und es ist nur natürlich, sie zu vermeiden. Wenn ein Album voller negativer persönlicher Themen ist, wie z.B. der Umgang mit Verlust und Trauer, kann es eine Herausforderung sein, darauf zurückzukommen.

Er schrieb auch, dass es für ihn ein Spiegel einer tiefen Selbstenttäuschung sei, dass er gehofft hatte, mehr in sich zu haben. Warum diese Unzufriedenheit mit „Moonflowers“?
Ich weiß nicht, was er damit genau meinte. Vielleicht die Unfähigkeit, von diesen Themen loszulassen.

Derart offene Worte liest man selten in Ankündigungen zu neuen Alben – auch nicht im Metal, der sich ansonsten immer mit seiner Aufrichtigkeit brüstet. Wie groß ist der Druck auf eine Band wie euch, sich ständig selbst anpreisen zu müssen?
Die sozialen Medien haben es so weit gebracht, dass es erwartet wird. Unsere Band ist da eher faul und möchte sich auf die Musik konzentrieren. Größere Bands haben Mitarbeiter, die sich darum kümmern, das macht es einfacher. Alles in allem ist es scheiße, aber es muss getan werden.

Swallow The Sun - Moonflowers CoverZu dem Artwork der Platte habt ihr erwähnt, dass es von Raivio selbst aus seinem eigenen Blut kreiert wurde. Das muss eine ganze Menge Blut gewesen sein – war das nicht sehr unangenehm oder sogar etwas gefährlich?
(Lacht) Wer weiß? Der menschliche Körper hat zum Glück eine ganze Menge davon. Es ist jedenfalls eine gute Geschichte.

Er hat auch von ihm gesammelte und getrocknete Blüten dafür verwendet. Hat er die Blüten eigens für das Bild gesammelt oder ist das ein Hobby für ihn?
Ich glaube nicht, dass es ein Hobby ist. Das Blut und die Blumen aus dem Garten unterstreichen den persönlichen Charakter des Albums, denke ich. Auch Schönheit und Verzweiflung, die sich wie ein roter Faden durch den Katalog von SWALLOW THE SUN ziehen.

Auf dem Album sind immer wieder Streicher zu hören, sie kristallisieren sich außerdem deutlicher heraus als auf „When A Shadow Is Forced Into The Light“. War es euch ein Anliegen, sie diesmal etwas mehr in den Fokus zu stellen?
Ja. Echte Streicher bringen eine etwas melodramatischere und organischere Stimmung in das Album. „When A Shadow Is Forced Into The Light“ war ziemlich ätherisch und weich mit all den Keyboard-Schichten. Tatsächlich liegt dem Paket der neuen Platte eine Streicherversion des gesamten Albums bei. Eine Gruppe namens Trio NOX war in den Albumprozess involviert und ihr Beitrag war es wert, auch als eigenständige Version veröffentlicht zu werden.

Denkst du, dass Streicher nun ein fester Bestandteil eurer Musik geworden sind?
Ich denke, programmierte bzw. am Keyboard simulierte Streicher waren von Anfang an dabei, aber echte Streicher sind definitiv ein Upgrade.

Gibt es etwas, das ihr als Band bisher noch nicht in eure Musik einbezogen habt, das du gerne einmal ausprobieren würdest (z.B. ein neues Instrument oder ein Stilelement aus einem anderen Genre)?
Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Band ein komplettes Orchesteralbum macht. Auch einige ältere finnische Folkinstrumente würden sicher gut dazu passen.

Zum Abschluss würde ich mit dir gerne noch unser traditionelles Metal1.info-Brainstorming durchgehen. Was fällt dir zu den folgenden Schlagworten ein?
Verletzlichkeit: Menschlichkeit
Bands auf Cameo: Gier
Dein musikalisches „guilty pleasure“: ABBA
Schreibblockade: Ausrede
Etwas, das dich immer aufmuntert: Bier
Dein Vorsatz für das nächste Jahr: Mehr Zucker, weniger Sport

Vielen Dank für das Interview! Möchtest du noch ein paar letzte Worte hinzufügen?
Hört euch „Moonflowers“ an! Wenn es euch gefällt, kauft es!

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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