Konzertbericht: Swallow The Sun w/ Oceans Of Slumber, Aeonian Sorrow

10.05.2019 Wien, Viper Room

Über zwanzig Jahre ist es her, dass die wegweisenden Peaceville Three das Genre Death/Doom ins Leben riefen. Seine besten Tage hat die Stilrichtung damit wohl schon hinter sich. Dennoch entdecken auch heute noch viele Bands diese langsame, schwere Form der Musik für sich – zum Beispiel die griechisch-finnischen Newcomer AEONIAN SORROW und die vormals eher im Prog-Bereich aktiven Texaner OCEANS OF SLUMBER, welche sich zuletzt auf „The Banished Heart“ von einer deutlich doomigeren Seite zeigten. Fügt man dann noch einen Publikumsliebling wie SWALLOW THE SUN hinzu, erhält man ein kohärentes Line-Up, das jeden Fan der Spielart ansprechen sollte.

Geduld wird den zahlreich erschienenen Fans heute nicht bloß hinsichtlich der weitgehend trägen Musik selbst abverlangt, sondern auch bezüglich des Zeitplans, denn AEONIAN SORROW starten erst kurz vor 20:00 Uhr mit einer halben Stunde Verspätung in ihr Set. Dafür revanchiert sich die fünfköpfige Band mit einem rundum starken, wenn auch nicht allzu spektakulären Gig. Sängerin Gogo Melone und Front-Growler Ville Rutanen tragen jeweils gekonnt ihren Teil zur genretypischen Beauty-And-The-Beast-Ästhetik bei, Gitarre und Bass klingen schön kräftig und trübsinnig und auch die schleppenden Drums fügen sich stimmig in den abgerundeten Gesamtsound ein. Auf den stetig wachsenden Zuspruch aus dem Publikum reagieren die sichtlich erfreuten Musiker mit vielen kurzen Danksagungen und drei über die Show verteilten Gruppenfotos. Ihren Support-Slot füllen AEONIAN SORROW somit tadellos aus, mag die Band auch noch kein sonderlich bahnbrechendes Songmaterial in petto haben.

  1. Forever Misery
  2. Shadows Mourn
  3. Under The Light
  4. Memory Of Love
  5. Insendia

Die stilistisch eklektischste Band des heuten Abends folgt sodann mit OCEANS OF SLUMBER. Trotz der geradlinigeren Doom-Ausrichtung ihrer letzten Platte, die dem Stil ihrer Tour-Kollegen entsprechend stark in der Setlist vertreten ist, dauert es nicht allzu lang, ehe die ersten Blast-Beats erschallen, welche die auch sonst überaus vielseitige Dynamik der Musik unterstreichen. Sowohl in Sachen Songwriting als auch Spieltechnik ist die amerikanische Truppe um Frontfrau Cammie Gilbert über jeden Zweifel erhaben – zumindest bei jenen, die das Sextett heute nicht zum ersten Mal sehen. Wer OCEANS OF SLUMBER hingegen zuvor noch nicht kannte, wird es heute nicht leicht haben, sich einen repräsentativen Eindruck von dem musikalischen Können der Band zu verschaffen.

Die Schuld ist in diesem Fall beim Sound zu suchen, welcher derart chaotisch klingt, dass jeder Anflug von Melodie völlig darin verloren geht. Gilberts gefühlsgeladener Gesang wird nahezu vollständig verschluckt und von der hervorragenden Instrumentalarbeit ist kaum mehr als ein dumpfes Dröhnen zu hören. Lediglich während der ruhigeren Passagen wie etwa auf dem bedrückenden Titeltrack von „The Banished Heart“ schaffen die kreativen Kompositionen den Sprung von den Boxen bis in die Ohren der Hörerschaft. Schlussendlich überzeugen OCEANS OF SLUMBER zwar einmal mehr mit ihrem konsequent todernsten Auftreten und ihrer ausgefeilten Performance, hinterlassen allerdings aufgrund der äußerst dürftigen Klangqualität den bitteren Nachgeschmack der Enttäuschung.

  1. Sunlight
  2. Howl Of The Rougarou
  3. The Decay Of Disregard
  4. The Banished Heart
  5. At Dawn
  6. No Color, No Light

Die Fans lassen sich indes weder von den Verzögerungen im Zeitplan noch von den soundtechnischen Problem verschrecken, sodass SWALLOW THE SUN beim Betreten der Bühne um 22:00 Uhr bereits von einer lauthals jubelnden Menge begrüßt werden. Die Band selbst gibt sich hingegen stoisch und spielt ihr Set mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, die dem melancholischen Naturell ihrer Musik angemessen Rechnung trägt. Auch sonst ist die Darbietung der finnischen Death/Doomer in jedweder Hinsicht stimmig: Als erste Gruppe des heutigen Konzerts warten SWALLOW THE SUN mit einer genau zum jeweils gespielten Track passenden, hochatmosphärischen Lightshow auf, der Ton ist ausgeglichen und differenziert und mit der abwechslungsreichen Songauswahl präsentiert sich das Sextett ebenso vielseitig wie OCEANS OF SLUMBER – auch ohne waghalsige Prog-Ausschweifungen.

Ein besonderes Highlight der Setlist stellt beispielsweise das sehnsüchtige „Cathedral Walls“ dar, welches bereits mit den ersten paar Noten im dicht gedrängten Publikum für Begeisterung sorgt. Dass sich SWALLOW THE SUN dafür entschieden haben, den Frauengesangspart als Sample laufen zu lassen, anstatt eine der talentierten Sängerinnen der beiden Vorbands für einen Gastauftritt auf die Bühne zu bitten, ist freilich eine verschenkte Gelegenheit. Von dieser kleinen Unstimmigkeit abgesehen leistet sich die Truppe jedoch keinerlei Fauxpas, sodass insbesondere Mikko Kotamäkis ausdrucksstarker Gesang, die schwermütigen Gitarrenmelodien und die sphärischen Keyboardflächen ihre volle Wirkung entfalten können – da bedarf es zwischen den Songs gar keiner großen Worte, um den Enthusiasmus der Zuschauer bis zuletzt hochzuhalten. Es stört somit keineswegs, dass sich die Band nach der drei Songs umfassenden Zugabe nur kurz bedankt und sich dann sogleich zurückzieht.

  1. When A Shadow Is Forced Into The Light
  2. Lost & Catatonic
  3. Firelights
  4. Cathedral Walls
  5. New Moon
  6. Upon The Water
  7. Stone Wings
  8. These Woods Breathe Evil
    ___
  9. Emerald Forest And The Blackbird
  10. Deadly Nightshade
  11. Swallow (Horror Pt. 1)

Dass SWALLOW THE SUN und ihre Tour-Gefährten heute als „Warm-Up“ für das am Folgetag stattfindende Vienna Metal Meeting beworben wurden, hat durchaus seine Berechtigung: Zum einen, da der Death/Doom im Line-Up des Festivals nicht allzu stark vertreten sein würde, zum anderen weil es jede der drei Bands ebenso verdient hätte, im Zuge der Veranstaltung selbst aufzutreten. Zwar fehlt es AEONIAN SORROW noch ein wenig an Alleinstellungsmerkmalen und OCEANS OF SLUMBER diesmal an der richtigen Abmischung ihrer Instrumente, doch letztlich haben die Auftritte beider Vorbands auch ihre Vorzüge und spätestens SWALLOW THE SUN liefern eine rundum zufriedenstellende Show ab – alles in allem also ein gelungener Auftakt zu einem vielversprechenden Festival.

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Fotos von: Stephan Rajchl

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